Samstag, 28. Oktober 2023

la reine Catherine

Einige Leser haben mich gefragt, warum hier am 22. Oktober nichts zum achtzigsten Geburtstag von ✺Catherine Deneuve stand. Kein Joyeux anniversaire! oder so etwas. Wenn ich ehrlich sein soll: ich hatte das vergessen. Habe dann aber durch die Filme ✺Madame empfiiehlt sich (Originaltitel: Elle s'en va) und ✺Leben im Schloss (La Vie de Chateau) gemerkt, dass da viel Deneuve bei arte war. Ich fand das sehr schön, dass arte La Vie de Chateau zeigte, weil ich den Film liebe. Und auswendig kenne. Und das französische Drehbuch besitze. Ich war genau zwei Jahre im Netz, da gab es hier schon den Post La Vie de Chateau. 

Ich fand es auch sehr schön, dass arte mit dem Road Movie Madame empfiiehlt sich eine ganz andere Catherine Deneuve zeigte. In dem Film war sie siebzig, konnte aber noch für sechzig durchgehen. Sie ist ein wenig pulpeuse geworden, aber das steht ihr. In La Vie de Chateau war sie dreiundzwanzig. War ich damals auch. Damals hatte sie beschlossen, für den Rest des Lebens blond sein zu wollen. In Wirklichkeit war sie brünett. Ich habe Jean-Paul Rappeneaus La Vie de Chateau zweimal im Kino gesehen (und habe ihn heute auf DVD), nicht wegen der jungen blonden Frau, sondern wegen der aberwitzigen Inszenierung und Choreographie der Bewegung. Damals gab es noch Filme, die zu recht in Filmkunsttheatern gezeigt wurden. Weil die Filmkunst waren. Heute ist alles Netflix.

Ich habe das mit dem achtzigsten Geburtstag vergessen, weil Catherine Deneuve nicht meine Lieblingsschauspielerin ist.Vor zehn Jahren gab es hier in dem Post Catherine Deneuve Glückwünsche zum Geburtstag. Der Post endete mit den Sätzen: Das Geburtstagskind wird in diesem Blog bisher nicht genügend gewürdigt. Irgendwann mache ich das mal wieder gut. Bis dahin könnten Sie hier natürlich Waltz into Darkness lesen. Und natürlich Joyeux anniversaire! Die forderten einen Leser berechtigterweise zu einem Kommentar auf: Wir hatten das doch schon: IRGENDWANN & DEMNÄCHST... ;) Was ich mit: Irgendwann kommentierte. Ich mache zu viele Versprechungen. Es ist immer dasselbe.

Sie ist so schön, dass ein Film, in dem sie spielt, auch ohne Geschichte auskommt, hat François Truffaut gesagt. Und deshalb reißt die Deneuve in dem Truffaut Film ✺Waltz into Darkness, den Jeanne Moreau finanziert hatte, alles 'raus, die Schwächen und Unglaubwürdigkeiten der Handlung. Der Film hatte vor zwölf Jahren hier schon den ganz langen Post Waltz into Darkness. In dem viel über Catherine Deneuve steht. Und auch viel über französische Mode. Mit der war sie ja immer verbunden; sie war Werbeträgerin für Chanel, produzierte ein ✺Werbevideo für Chanel 5 nach dem anderen. Sie trug die Mode von Yves Saint Laurent (mit dem sie befreundet war) und warb für ✺L'Oréal. 1986 brachte sie ihr eigenes Parfüm auf den Markt. In den letzten Jahren war sie auf allen Modeschauen der Pariser Firma zu sehen.

Am Ende des Posts über die Verfilmung des Romans von Cornell Woolrich steht: Als Truffaut an seinen Cornell Woolrich Verfilmungen arbeitet, hat er seine Hitchcock Phase. Denn gleichzeitig mit den Filmen entsteht sein großartiges Interview-Buch 'Le cinéma selon Hitchcock' (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?). Dort sagt er einmal: it might be said that the texture of your films is made up of three elements: fear, sex and death, und das beschreibt eigentlich auch sehr schön die Textur seiner eigenen Filme in dieser Zeit. Truffauts Hitchcock Verehrung geht so weit, dass er für diesen Film unbedingt diese kühle Blonde braucht, ohne die ein Hitchcock Film nicht funktioniert. 

Diese 'icy sexuality', dieses 'paradox between the inner fire and the cool surface'. Und wer könnte das besser spielen als Catherine Deneuve, die so kalt ist wie der Schnee in der letzten Szene des Filmes? Mit oder ohne weiße Unterwäsche. Der Tod beschäftigte Truffaut immer, zwei Jahre nach den Dreharbeiten schreibt er in einem Brief: Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j'ai aimés, et j'ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n' empêche pas la tristesse d'être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie. Die Françoise Dorleac, die er hier erwähnt, ist Deneuves Schwester gewesen, die so schrecklich ums Leben kam. 

Die hatte es noch erlebt, dass Catherine mit dem Film ✺Belle de Jour weltberühmt wurde. Das ist der Film, in dem die kühle Arztgattin, die eine Kopie von Hitchcocks Tippi Hedren ist, in einem Bordell arbeitet. Nackt in einem Sarg liegt und von Michel Piccoli mit schmutzigem schwarzen Schlamm beworfen wird. Ich fand das immer die beste Szene des Films. Ich mochte den Film nie. Truffaut drehte bessere Filme, die Deneuve in Waltz into Darkness ist lebendiger als die Denueve in ✺Belle de Jour. Truffaut, der mit der Deneuve (wie mit beinahe all seinen Hauptdarstellerinnen) bei den Dreharbeiten eine Affäre hatte, hat einmal angedeutet, dass die Deneuve nur durch ihre Schönheit wirkt, nicht durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Aber mit dem ✺Schlamm im Gesicht war sie sehr überzeugend. 

Zehn Jahre nach ihrer Affäre sind sie bei den Dreharbeiten von Die letzte Metro (✺Le Dernier Métro) wieder zusammen, es wird Deneuves berühmtester Film werden. Ein Kassenschlager in Frankreich, zehn von dreizehn möglichen Césars, eine Oscar Nominierung. Für Truffaut war der Film der zweite Teil einer Trilogie über Film, Theater und Musik. Der erste Teil war Die amerikanische Nacht (La Nuit américaine) mit Jacqueline Bisset gewesen. Zu dem dritten Teil L’Agence Magic über eine Pariser Musikertruppe, die es nach Afrika verschlagen hatte, ist Truffaut nicht mehr gekommen. Seinen Drehbuchautoren hatte er geschrieben Je compte sur vous deux pour m’aider à faire un beau film: petits personnages, grands sentiments et surtout des caractères qui vont jusqu’au bout d’eux-mêmes.

Catherine Deneuve hatte sich in jungen Jahren für den Playboy ausgezogen, Thomas Gottschalk hält hier in einer Wetten dass Sendung das Heft in der Hand. Sie hat mit der Sexualität gespielt, in dem Film ✺Begierde ist sie eine lesbische Vampirin. Susan Sarandon hat 1995 in einem Interview zu dem Film gesagt: Man muss nicht betrunken sein, um mit Catherine Deneuve schlafen zu wollen – egal, welche sexuelle Orientierung man vorher hatte. 

Von allen Posts, in denen die Deneuve in diesem Blog erwähnt wird (und das sind viele) hat The Vampyre die meisten Leser gefunden. Lesbische Vampire, wahnsinnige Mörderinnen (in Polanskis Ekel) und Freizeitnutten, so etwas kommt immer an. Sie ist im Alter viel besser, wenn sie Odette Swann in der Verfilmung von Prousts ✺Le Temps retrouvé spielt. Oder wenn sie Freuds Prinzessin ist.

Sie hat in mehr als hundert Filmen gespielt, es waren nicht alles gute Filme. An viele wird man sich nicht erinnern. Manchmal genügte es, dass sie da war. Wie in Un Flic von Jean-Pierre Melville, der über seinen Film sagte: Dans 'Un flic', il y a une femme qui dit en tout et pour tout: 'Ca va?'. Et une heure et demie plus tard décroche un téléphone et dit: 'Oui'. Et c'est Catherine Deneuve qui a accepté de la faire. Elle a compris qu'étant la seule femme du film tout à coup sa présence devient importante.

Ein Leben auf der Leinwand, so heißt auch die ✺Dokumentation von arte. Ich habe nicht all ihre Filme gesehen, weil ich die blonde kühle Frau nicht so recht mochte. Ich fand ihre Schwester Françoise Dorleac (die hier in dem Post Jean Desailly vorkommt) witziger. Die sprühte vor Leben, hatte nicht vor, reserviert und cool zu sein. Wie alle Menschen, die zurückhaltend sind, fällt es mir schwer, mich zu öffnen. Auch wenn das im Gegensatz zu meinem Beruf steht. Ich gehe nur selten aus mir raus. Viele glauben deshalb, ich sei kühl. Das kann sein. Ich bin eben zurückhaltend, vor allem bei Menschen, die ich nicht kenne, hat Deneuve gesagt. Es ist auch ein Teil von ihrem Image, von ihrem Mythos, an dem sie hart gearbeitet hat. 

Jean-Paul Rappeneau, der die Drehbücher für Zazie dans le métro, Privatleben (mit Brigitte Bardot) und Abenteuer in Rio (mit Françoise Dorleac) schrieb, war durch den Erfolg von La Vie de Chateau verführt, die Deneuve noch einmal in einer Komödie einzusetzten. Die hieß 1975 Die schönen Wilden (✺Le sauvage), man hatte der Deneuve Yves Montand an die Seite gestellt. Sie durfte in dem Film ein klein wenig nackt sein, aber ein wirklich guter Film war das nicht. Ging bei der Verleihung von Preisen auch leer aus. Truffaut hatte schon recht mit der Vermutung, dass die Deneuve mehr durch ihre Schönheit wirkt, als durch ihre schauspielerischen Qualitäten.

Die Dokumentation Deneuve, la reine Catherine vom letzten Jahr sagte in ihrem Ankündigungstext: On la dit froide, secrète et mystérieuse. Elle a la réputation de ne rien laisser percer de ses pensées intimes, de sa vie privée, de ses joies comme de ses tourments. Elle est parvenue à protéger sa famille, ses amours, ses choix de la curiosité des magazines et de son public. Da ist es wieder froide, secrète et mystérieuse. Irgendwie ist das zu häufig strapaziert worden. Meine herzlichen Glückwünsche kommen etwas spät, aber das Joyeux anniversaire! ist nichtsdestoweniger herzlich. Und wenn ich vor zehn Jahren schrieb: Das Geburtstagskind wird in diesem Blog bisher nicht genügend gewürdigt. Irgendwann mache ich das mal wieder gut, dann habe ich das jetzt hingekriegt.

Mittwoch, 13. September 2023

The Art of Staying Young and Unhurt

Ich wusste nicht, wer Lena Swanberg war, aber der Titel der CD The Art of Staying Young and Unhurt gefiel mir, ich nahm die CD mit. Inzwischen weiß ich, dass dies ihr ✺Debütalbum war. Drei Jahre davor hatte sie das Monica Zetterlund Stipendium bekommen, das bedeutet in Schweden schon etwas. Ich mag skandinavische Sängerinnen. Nina van Pallandt hat hier schon einen Post. Und Viktoria Tolstoy wird in den Posts Cantate und Lush Life erwähnt. Die große schwedische Jazzsängerin Monica Zetterlund hat hier natürlich einen Post, in dem die UrUrEnkelin von Leo Tolstoi auch erwähnt wird. Swanbergs erste Platte erschien 2012, es dauerte beinahe zehn Jahre bis sie eine zweite CD ✺Sing me the news herausbrachte.

Swanberg, die klassische Musik an der königlichen Akademie in Stockholm studierte hatte, war in der Zwischenzeit nicht untätig gewiesen. Sie war Mitglied in Ann-Sofi Söderqvists Big Band ASJO und Söderqvist stellte sie 2016 bei der Jazz Baltica ganz groß heraus. Hier auf dem Photo ist sie 2018 bei der Jazz Baltica in Travemünde zu sehen. Da sang sie in dem Orchester von ✺Hildegunn Øiseth, das war Frauenpower pur. Bei der ✺Jazz Baltica 2019 war sie auch dabei. Lena Swanberg arbeitet auch mit ✺Daniel Bingert zusammen, da singt sie jetzt Bossa Nova. Davon können Sie ✺hier eine Stunde hören. Mit CDs sieht es auf dem Markt dürftig aus, aber man kann die Sängerin bei Amazon Music hören, wenn man das abonniert hat. Oder bei Facebook. Ich habe hier noch eine eine Stunde mit ihr aus dem ✺Jazzklub Fasching in Stockholm. Oder aus dem ✺Konzerthaus Stockholm.

Aber ich habe nach einigem Suchen noch mehr gefunden als ✺Dream On, das auf ihrer ersten CD ist. Zum Beispiel diese Single mit dem wunderschönen Cover, die ✺I nådens år heißt. Da singt sie Schwedisch, nicht Englisch, ich finde, in ihren schwedischen Liedern ist sie besser, authentischer. Ich habe das Lied I nådens år auf dieser Seite gefunden, auf der man mehr als zwanzig Songs von ihr hören kann, manche ganz, von manchen ein Häppchen. Und wenn Sie sehen wollen wie Lena Swanberg Viola spielt, dann klicken Sie das ✺hier an.


Ich habe bei ebay das letzte Exemplar von The Art of Staying Young and Unhurt gekauft und es der Frau geschickt, die heute Geburtstag hat. Die kennen Sie, die taucht immer wieder in meinem Blog auf. Zuletzt in dem Post Literaturstadt Bremen. Sie hatte mit Happy Birthday hier schon mal einen Geburtstagspost; und in Jacqueline Bisset, wird sie erwähnt, weil sie am selben Tag Geburtstag hat wie Jacqueline. Auf die Geburtstagskarte habe ich geschrieben: Nimm den Titel der CD mal als guten Vorsatz: stay young and unhurt.


Sonntag, 23. Juli 2023

Irina Liebmann

Die Schriftstellerin Irina Liebmann wird heute achtzig Jahre alt, dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Dass ich ihre Bücher kenne, verdanke ich dem Zufall. Ich fand Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise an einem schönen Sommertag in dem Grabbelkasten, der vor dem Antiquariat stand. Sowas gab es ja früher, auch massenhaft Grabbelkästen vor den Plattenläden. Ist alles weg, die Antiquariate und die Plattenläden. Läuft jetzt alles über ebay. Wir haben da etwas verloren. Ich hatte noch nie etwas von Irina Liebmann gehört, aber ich begann auf der Straße zu lesen. Und merkte, dass ich hier etwas ganz Besonderes in der Hand hatte. Ein sentimental journey durch Deutschland, Ost und West, wechselnd zwischen Prosa und prose poem. Von der Wasserwelt in Lebus bis zum Rhein, hoch poetisch und hoch komisch. Ein Buch, das uns unsere hässliche Wirklichkeit vergessen lassen kann - obgleich die immer auch im Buch ist.

Irina Liebmann hat als Journalistin begonnen und ist Schriftstellerin geworden. Viele Schriftsteller haben als Journalisten begonnen, Fontane und Hemingway, Rudyard Kipling, Joseph Roth und Kurt Tucholsky. Man kann die Liste beliebig verlängern. Der Journalismus kann eine gute Schreibschule sein, aus der man seinen eigenen Stil entwickelt. Und den eigenen Stil hat Irina Liebmann gefunden, eine nichtfiktionale Prosa, die immer von Poesie durchzogen ist. Da hat sie manches mit dem non-fiction novel Stil von Joan Didion gemein.

Irina Liebmann ist mit zwei Muttersprachen aufgewachsen, Deutsch und Russisch. Später hat sie noch Chinesisch gelernt. Sie wurde in Moskau geboren, weil ihr Vater Rudolf Herrnstadt nach Russland emigriert war. Er wurde nach dem Krieg Chefredakteur der Zeitung Neues Deutschland, fiel aber bald beim System in Ungnade. Forderte den Rücktritt Ulbrichts, und wurde für den Aufstand von 17. Juni 1953 mitverantwortlich gemacht. Die Revolution frisst immer ihre eigenen Kinder. Liebmann hat ein Buch über ihren Vater geschrieben, über einen Mann, der Jude, Spion und Kommunist war. Mein Vater ist verleumdet und verschwiegen worden, jeder hat ihn für seine eigenen Angelegenheiten benutzt wie einen Steinbruch – das war so, solange die Mauer stand, und nach dem Mauerfall ging es genauso weiter. Heute ein großes, freundliches Portrait eines Kandidaten des Politbüros der SED zu veröffentlichen, so was ist doch nicht so easy! hat sie in einem Interview gesagt. 

Sie musste dieses Buch Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt schreiben, so wie Barbara Honigmann über ihren Vater das Buch Georg schreiben musste. Irina Liebmann hat für die Lebensgeschichte ihres Vaters 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Gleichzeitig erschien das Buch in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Barbara Honigmann, deren Mutter einmal die Ehefrau von Kim Philby war, hat für das Buch über ihren Vater 2020 den Literaturpreis der Stadt Bremen erhalten. Vielleicht sollte man diese beiden jüdisch-deutschen Erinnerungen parallel lesen.

Hier im Café Der Hackesche Hof hat das Magazin Cicero die Autorin interviewt, vielleicht folgen Sie dem Link und lesen das Interview. Wir sind hier im Zentrum des literarischen Kosmos von Irina Liebmann. Was ist das Café Slavia gegen den / Hackeschen Hof? / Was ist die Moldau / Gegen die Spree? Und mit dem Café beginnt auch das Das Lied vom Hackeschen Markt, das erste von drei politischen Poemen. Ich habe eine kleine Leseprobe von dem Band. Hier ist die alte Mitte Berlins, die auch einmal die jüdische Mitte Berlins gewesen ist. Liebmanns Roman Die große Hamburger Straße wurde im Jahr 2020 mit dem Uwe Johnson Literaturpreis ausgezeichnet. Der Roman war der dritte Band in der Berlin Trilogie der In Berlin (1994) und Die freien Frauen (2004) vorangegangen waren. Ich habe hier auf ✺YouTube ein sehr interessantes 80-minütiges Gespräch mit der Autorin zu ihrem Roman.

Der schriftstellerischen Erfassung des Herzens der Großstadt vorangegangen war ein Photoband der Autorin, der Stille Mitte von Berlin heißt, eine photografische Recherche auf Orwo Color rund um den Hackeschen Markt. Es war ein Projekt, das als Gedächtnisstütze gemeint war. Es wurde ein Photoessay, der zeigt, dass Straßen Geschichten erzählen und Geschichte erfahrbar machen: Nur in der Gegend zwischen nördlicher Friedrichstraße und Alexanderplatz stand damals noch ein echtes Stück von der alten Innenstadt. Es war keine Touristengegend wie heute - eher eine Rumpelkammer mit Möbelstücken der Weltstadt Berlin. Ein ganzes großes Wohnzimmer verwitterte da und verstaubte. Für uns war es der Alltag. Wir liebten die Gegend. Wir wussten, dass es ein sehr altes Stück von Berlin war und dass hier immer die arme Seite der Stadt gewesen war. Über die Häuser selber, ihre Erbauer, ihre Bewohner, wussten wir kaum etwas. Einige allerdings waren mit Gedenktafeln versehen oder sprachen für sich selber: das katholische Krankenhaus, die protestantische Sophienkirche und der älteste jüdische Friedhof Berlins. Zu dem Friedhof hatte ein Altersheim gehört, ein Denkmal erinnerte daran, dass sich hier eine Sammelstelle zum Transport jüdischer Berliner in die Vernichtungslager befunden hatte. Alles stand so da, wie es stehen geblieben war, 1945, 1950. Aber überall ragten Reste von etwas aus den Wänden - jedes Teil wie das Ende einer Wurzel, deren Pflanze man nicht kennen konnte.

Wenn ich auf der Straße vor einem Grabbelkasten zu lesen anfange, dann ist das ein Zeichen für ein gutes Buch. Und Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise ist ein gutes, ein sehr gutes Buch. Ich ging in den Laden und legte der netten Blondine drei Euro auf den Kassentisch. Man kann die Bücher von Irina Liebmann antiquarisch preiswert bekommen. Auch Die große Hamburger Straße, für die ich noch viel Geld bezahlt habe, als das Buch erschien, ist im Preis gesunken. Wenn ich damals die Autorin nicht kannte, heißt das nicht, das sie unbekannt ist. Sie hat viele Literaturpreise bekommen. Sie könnten hier die Laudatio von Dagmar Leupold zum Literaturpreis Von Autoren für Autoren in Lübeck lesen, die sich auch auf der schönen Homepage von Irina Liebmann findet. Was in meinem Geburtstagsgruß für die Autorin steht, ist auch eine Leseempfehlung für Sie. Ein Buch möchte ich noch empfehlen, es heißt Drei Schritte nach Russland. Es ist eine liebevolle Erinnerung an ihre russische Mutter Valentina, die schöne schlanke Frau mit der Wespentaille und der Lauren Bacall Frisur. Es ist auch ein Versuch, sich in dem heutigen Russland zurechtzufinden. Ich zitiere mal die erste Seite:

Die Russen. Siebzig Jahre lang eingeschlossen, abgesperrt, vergessen. Von uns jedenfalls vergessen, ich weiß es genau, es war mir nicht angenehm, daß wir im Osten manchmal über sie sprachen, als ob es sie gar nicht mehr gibt: "Bei denen". 
"Bei denen ist es natürlich noch schlechter". 
Es hatte so zu sein, daß es ihnen schlechter ging als uns, daran hatten wir uns gewöhnt. Wir haben nie wirklich nach ihnen gefragt. 
Wir blickten nach Westen, und jetzt? 
Was Westen war, hat seine Leuchtkraft verloren. 
Aber angenehm ist es im Westen noch. Ich sitze in einer großen Wohnung, seit acht Wochen ist Winter mit Schnee und Eis wie niemals zuvor, aber die Läden sind voll, die Heizung warm, nur die Zahlen auf meinem Bankkonto muß ich im Auge behalten, diese Zahlen sind der Kilometerzähler meines Lebens geworden, und nicht meines alleine, denn schon sitzen alle Regierungen Tag und Nacht zusammen und reden über nichts anderes als die Zahlen auf ihren eigenen Kilometerzählern, wir können abstürzen, rufen sie, abstürzen, ins Meer fallen, in ein Meer der wertlosen Scheine, die kein Konto wahrnehmen wird, keinen Meter wird es mehr anzeigen als zuvor, keine Zahl dafür in die Höhe treiben, wir fallen, wir fallen – und die da, die Russen? Die sehen zu. 
Sollen wir zu ihnen blicken? In ihre Richtung? 
Was ist denn dort? Was? 
Und was waren das für Jahre, die letzten zwanzig? Was war das für ein Glanz, dem wir nachliefen? War es überhaupt Licht?

Zum Weiterlesen müssten Sie das Buch kaufen. Lohnt sich unbedingt. 

Donnerstag, 20. Juli 2023

Jane Birkin ✝

Das ist die gerade verstorbene Jane Birkin in ihrem ersten Film. Ich kannte den Film, ohne ihn gesehen zu haben. Weil ich in Bremen das von Peter Zadek übersetzte Theaterstück Was ist an Tolen so sexy? gesehen hatte. Und dieses Theaterstück von Ann Jellicoe, das im Original The Knack hieß, war die Basis für Richard Lesters Film ✺The Knack. Jane Birkin hatte nur eine Nebenrolle in dem Film, die Hauptrolle hatte Rita Tushingham. Aber die machte nicht die Weltkarriere, die die schönen jungen Nebendarstellerinnen machten. 

Und damit meine ich Jacqueline Bisset, Charlotte Rampling und Jane Birkin. Und das Top of the Pops Girl Samantha Juste. Für alle vier war es ihre Filmrolle. Sie tauchen in den credits unter extras auf. Und man weiß kaum, wer wer ist. Zum einen sahen die androgynen jungen Frauen damals sowieso alle gleich aus, zum anderen sind sie hier bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, mit viel schwarzem Kajal um die Augen, Wen Jacqueline Bisset in dem Film spielte, das weiß ich nicht mehr, aber Jane Birkin ist die auf dem Moped. Und Charlotte Rampling ist die, die Wasserski läuft.

Jane Birkin war, das versichern uns die Nachrufe in den Feuilletons, eine Stilikone. So wie sie aussah, konnte sie anziehen, was sie wollte. Wir wissen, wer Audrey Hepburn eingekleidet hat, bei Jane Birkin wissen wir es nicht, obgleich sie immer auf den Seiten von Vogue und Paris Match war. Wahrscheinlich konnte sie am Boulevard Haussmann ins Printemps marschieren und sich bei den Sonderangeboten bedienen. Sie ist einmal mit Twiggy für Modephotos aufgetreten, aber sie hatte als Model nicht die Berühmtheit, die Jean Shrimpton hatte. Die Firma Hèrmes hat eine Tasche nach ihr benannt, die heute secondhand zwischen zehntausend und hunderttausend Euro kostet. 

Das bleibt von den berühmten Schönheiten: die nach Grace Kelly benannte Kelly Bag und die Birkin Bag. Jane Birkin hatte die Firma Hèrmes verklagen wollen, nachdem sie von der Tierschutzorganisation Peta erfahren hatte, wie die Haut der Krokodile auf die Birkin Bag kommt: Ich habe Hermès aufgefordert, die 'Birkin Croco' umzubenennen, bis bessere Praktiken, die internationalen Normen entsprechen, bei der Herstellung dieser Tasche umgesetzt werden können. Man hat sich außergerichtlich geeinigt. Hèrmes ist jetzt nett zu den Krokodilen. Bei Zalando gibt es übrigens eine ganz ähnliche Tasche für neunundsiebzig Euro. Hèrmes wird sowieso überschätzt, ich habe meiner Ex mal eine Hèrmes Aktentasche geschenkt, die sich in wenigen Jahren in ihre Bestandteile zerlegt hat.

Dies Bild stammt aus einem frühen Film von Jane Birkin.: Er hat viele Frauen, aber am Ende kriegt sie ihn, und sie gehen zum Bahnhof, um Eisenbahnen zu gucken. Sie guckt gerne den Eisenbahnen nach. Das ist jetzt eine etwas kryptische Beschreibung des Films Das wilde Schaf (✺Le mouton enragé). Vielleicht spielt Romy Schneider da die Hauptrolle, aber man guckt den Film nur wegen der Nebenrollen. Wegen Jane Birkin und Florinda Bolkan. Und natürlich wegen Jean-Louis Trintignant.

Sie braucht keine großen Rollen, in vielen Filmen spielt sie nur die Nebenrolle, wie das magersüchtige Model in Blow-Up, aber sie ist immer ein eye candy. Für die anonymen Autoren des Wikipedia Artikels ist sie überhaupt keine Schauspielerin, da ist sie nur eine Sängerin von Je t’aime … moi non plus und Ähnlichem. Birkin spielte zudem in zahlreichen, oft seichten Kinofilmen, steht da im Text. Das Lied, das sie mit Serge Gainsbourg aufgenommen hatte, ist bei YouTube verschwunden. Es gibt allerdings im Netz noch die ✺Version, die Gainsbourg mit Brigitte Bardot aufgenommen hatte.

Jane Birkins Erfolg als Sängerin kam mit Serge Gainsbourg, mit dem sie viele Jahre zusammenlebte. Er ist der Svengali, der das Lolita Püppchen an seiner Seite berühmt macht. Mit ihm trat sie in einer Nebenrolle auch in diesem seltsamen Film ✺Le Roman d’un voleur de chevaux auf, in dem Gainsbourg zum erstenmal La Noyée sang. Über den Dokumentarfilm von Agnès Varda Jane B. par Agnès V. sagte Christiane Peitz in der  taz, er mache nur deutlich, dass Birkin eine schlechte Schauspielerin sei. Sie sei nur gut, wenn sie sich selbst spiele. Da ist wahrscheinlich etwas dran. Eine besonders gute Sängerin war sie auch nicht, sie war keine Juliette Gréco, keine Françoise Hardy. Aber sie machte immer weiter mit dem Singen, ihre letzte CD Oh! Pardon tu dormais… ist zwei Jahre alt. Sie wollte jetzt im Frühjahr in Deutschland auftreten, musste die Konzerte aber absagen, Kein anderer Song von Birkin wurde so berühmt wie Je t’aime … moi non plus, sie hat einmal gesagt: When I die, that'll be the tune they play, as I go out feet first.

Wenn sie sich selbst spielen kann und nicht zu singen braucht, dann kann sie wirklich gut sein. Wenn sie einen guten Regisseur hat. Wie zum Beispiel Bertrand Tavernier, der einmal als Regieassistent bei Jean-Pierre Melville angefangen hatte. Er sei ein schlechter Regieassistent gewesen, hat Tavernier gesagt, aber er wurde ein guter Regisseur. 

Tavernier war mit einer Engländerin verheiratet, die ihm die Drehbücher für seine besten Filme geschrieben hat, wie ✺Un dimanche à la campagne (Ein Sonntag auf dem Lande) oder Daddy Nostalgie (aus dem diese Photos stammen). Ich habe von diesem Film, in dem Jane Birkin neben Dirk Bogarde spielt, eine witzige ✺Kurzfassung mit der Musik von Nat King Coles These Foolish Things. Ich habe aber natürlich auch den Film ✺Daddy Nostalgie für Sie. Und ein langes Gespräch zwischen der Drehbuchautorin ✺Colo Tavernier und Jane Birkin. Wenn Sie noch fünfzig Minuten Zeit haben, dann hätte ich hier noch die arte Dokumentation ✺Jane Birkin - Muse, Sexsymbol, Ikone für Sie. Mehr gibt es heute nicht, ich war nie ein Jane Birkin Fan. Ich weiß auch nicht, ob man ihre Munkey Diaries lesen muss.

Freitag, 16. Juni 2023

Glenda Jackson ✝

In dem Post Glenda Jackson habe ich ihr 2011 zum fünfundsiebzigsten Geburtstag gratuliert. Sie kommt in diesem Blog auch in den Posts Plättbretter, John Schlesinger und Kate Beckinsale vor. Glenda Jackson ist gerade im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben. Mit Michael Caine hatte sie im letzten Jahr noch den Film The Great Escaper gedreht, fünfzig Jahre nachdem sie mit ihm in Joseph Loseys ✺The Romantic Englishwoman zu sehen war. Sie gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, die die sogenannte Triple Crown of Acting bekommen haben: zwei Oscars, drei Emmys und ein Tony Award. Die Königin hat ihr 1978 den CBE Orden verliehen, geadelt wurde sie nie. Die überzeugte Sozialistin, die jahrelang für die Labour Partei im Unterhaus saß, hätte das auch abgelehnt. Sie hatte es nicht so mit der Monarchie, obgleich sie einmal im Film als Elizabeth I eine Königin war. Die ✺Königin von Schottland war sie auch einmal. Sie hatte als Politikerin entschiedene Ansichten, das hat Tony Blair damals jeden Tag gemerkt. Sie war seine schätfste Kritikerin, auch wenn sie einmal junior minister in seinem Kabinett war.

Keir Starmer, der Vorsitzende der Labour Party, hat getwittert: I was very sad to hear of Glenda Jackson’s passing. She leaves a space in our cultural and political life that can never be filled. She played many roles, with great distinction, passion and commitment. From award winning actor to campaigner and activist to Labour MP and government minister, Glenda Jackson was always fighting for human rights and social justice. As a fellow north London MP, I know how much she was loved and respected by her constituents. Of course no tribute to Glenda could fail to mention her role as Cleopatra in that most famous and loved of all the Morecambe and Wise sketches. We will never see talent like what she has got again. 

Es ist ein schöner Nachruf, und wenn Starmer ihre Rolle in ✺Antony & Cleopatra erwähnt, dann sollten wir uns dieses kleine Paradestück des englischen Humors einmal ansehen, wo Cleopatra sagt: All men are fools. And what makes them so is having beauty like what I have got. Es war nicht das einzige Mal, dass sie bei Morecambe und Wise war. Sie konnte sehr witzig sein: The important thing in acting is to be able to laugh and cry. If I have to laugh, I think of my sex life. If I have to cry, I think of my sex life.

Ich habe heute für Sie noch ihre vielleicht besten Filme ✺Sunday, Bloody Sunday und ✺A Touch of Class. Wenn Keir Starmer sagt she leaves a space in our cultural and political life that can never be filled, dann ist das das Mindeste, das man über sie sagen kann. Sir Michael Caine hat sich kürzer gefasst: Glenda was one of our greatest movie actresses. It was a privilege to work with her on 'The Great Escaper' recently, our second film together. It was as wonderful an experience this time as it was 50 years ago. I shall miss her.

Dienstag, 13. Juni 2023

A beleza que não é só minha


Olha que coisa mais linda, mais cheia de graça
É ela, menina, que vem e que passa
Num doce balanço a caminho do mar
Moça do corpo dourado, do Sol de Ipanema
O seu balançado é mais que um poema
É a coisa mais linda que eu já vi passar

Ah, por que estou tão sozinho?
Ah, por que tudo é tão triste?
Ah, a beleza que existe
A beleza que não é só minha
Que também passa sozinha

Ah, se ela soubesse 
que quando ela passa
O mundo inteirinho se enche de graça
E fica mais lindo por causa do amor
Por causa do amor
Por causa do amor 


Der brasilianische Dichter Vinícius de Moraes hat dies schöne Gedicht geschrieben, ein Gedicht von der Anmut und Schönheit einer jungen schlanken Frau, die am Strand entlanggeht. Die Männer schauen ihr nach, und sie wissen, dass sie niemals im Leben eine solch schöne Frau bekommen werden: A beleza que não é só minha. Wenn die Frau nur wüsste, dass wenn sie vorbeigeht, die ganze Welt mit Anmut erfüllt wird. Und schöner wird, durch die Liebe. Antônio Carlos Jobim hat das Gedicht vertont, und er hat es João Gilberto gegeben, damit der das Lied singt. Der arbeitete gerade mit Stan Getz zusammen, und Getz sagte so etwas wie: Eigentlich könnte Deine Frau mitmachen, sie könnte den Refrain singen. Auf englisch. Die Frau von João Gilberto konnte englisch, ihr Vater, der deutsche Einwanderer Fritz Weinert, hatte ihr das beigebracht. 

Die Frau von João Gilberto war schon einmal mit zwei ✺Liedern ihres Mannes aufgetreten. Aber eigentlich wollte sie nie Sängerin werden, sie hatte nur ihren Mann zum Studio begleitet. Sie war dreiundzwanzig, und wenn sie am Strand entlangging, schauten ihr die Männer nach. Weil sie linda, mais cheia de graça war. Sie sang den englischen Refrain zu dem Lied von Antônio Carlos Jobim. Sie trat dann einmal mit der englischen Fassung im ✺Fernsehen auf. Sie konnte nicht besonders gut singen, aber das Saxophon von Stan Getz reißt alles raus. Und Stan Getz begleitete sie auch in dem kleinen Film ✺Get Yourself a College Girl, in dem sie mit dem Lied auftrat. Das war 1964, da ließ ihr Mann sich von ihr scheiden. Und gleichzeitig erschien die Platte, die sie im Vorjahr mit ihrem Mann und Stan Getz aufgenommen hatte. Die Platte wurde ein ✺Welterfolg. Nur wegen ihr. Wir alle hatten das Lied, von dem sie den englischen Refrain sang, damals alle in unseren Köpfen und träumten von den schönen schlanken Frauen, die es nur am Strand von Ipanema gab. 

Astrud Gilberto, the Girl from Ipanema, die zu einer Ikone des Bossa Nova geworden war und deren Lied wir nicht aus unseren Köpfen bekommen, ist sechzig Jahre nach ihrem Welterfolg im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Sie ist in diesem Blog schon in den Posts Saudade, Brasilien und Monica Zetterlund erwähnt worden. Ich nehme an, dass Sie genau wie ich, jetzt all die Astrud Gilberto CDs auflegen, die Sie haben.

Und wenn Sie noch etwas Strand brauchen, den gibt es in diesem Blog reichlich: Strände, ythhlaf, Bikini, Cato Bontjes van Beek, Gudrun, Langeoog, Mein Dänemark, Le Tréport, Niels Bohr, Egmond aan Zee, Sommerurlaub, Kunstfigur, Ertrinken verboten, Sonnenbräune, Nidden, Eugène Boudin, Skagen, Catalina, Wellen, Friedel Anderson, Ruderverein, Richard Parkes Bonington.

Dienstag, 18. April 2023

Dido

Ich bin auf seltsamem Weg zu diesem Gemälde des schottischen Malers David Martin gekommen, Ich schaute in den Tageskalender der Wikipedia und fand, dass es der Todestag von Erasmus Darwin  war. Der Vater von Charles Darwin hat hier allerdings schon den Post Erasmus Darwin. Ich schaute trotzdem in seine Dichtungen hinein. Fand etwas über die Sklaverei, ein Thema, zu dem es in diesem Blog eine Vielzahl von Posts gibt. Ich liste die unten mal auf.

Ich fragte mich: wann haben die Engländer die abgeschafft? Gut, die Antwort ist 1833, aber da gibt es vorher im Jahre 1772 ein interessantes Urteil in dem Prozess Somerset v Stewart; da spricht William Murray, der erste Earl of Mansfield, einen schwarzen Sklaven frei, den sein Besitzer nach Jamaica bringen will, um ihn dort zu verkaufen: The state of slavery is of such a nature that it is incapable of being introduced on any reasons, moral or political, but only by positive law, which preserves its force long after the reasons, occasions, and time itself from whence it was created, is erased from memory. It is so odious, that nothing can be suffered to support it, but positive law. Whatever inconveniences, therefore, may follow from the decision, I cannot say this case is allowed or approved by the law of England; and therefore the black must be discharged. Sie können hier alles zu dem denkwürdigen →Prozess lesen. Das Urteil wird etwas bewirken, wenige Jahre später beginnt in England eine Bewegung gegen die Sklaverei. Der englische Dichter William Cowper schreibt 1785 in seinem langen Gedicht The Task:

We have no slaves at home.—Then why abroad?
And they themselves once ferried o'er the wave
That parts us, are emancipate and loos'd.
Slaves cannot breathe in England; if their lungs
Receive our air, that moment they are free,
They touch our country and their shackles fall.
That's noble, and bespeaks a nation proud
And jealous of the blessing. Spread it then,
And let it circulate through ev'ry vein
Of all your empire. That where Britain's power
Is felt, mankind may feel her mercy too

Als ich auf die Wikipedia Seite von Lord Mansfield ging, des berühmtesten englischen Juristen des 18. Jahrhunderts, fand ich das Bild der beiden jungen Frauen. Eine weiße Adlige mit ihrer schwarzen Dienerin könnte man denken, aber weit gefehlt. Man wusste bis in die 1990er Jahre nicht, wer die hübsche Farbige war. Das Bild im Scone Palace der Murrays zeigte Lady Elizabeth Murray, das wusste man. Wer die junge Farbige war, wusste man nicht. Man weiß das inzwischen. Es ist Dido Elizabeth Belle, die Tochter Sir John Lindsays, der in Pensacola eine farbige Sklavin geheiratet hatte. Er ist Kapitän der Royal Navy (er wird noch Admiral werden) und ständig auf See, da kann er sich nicht um die Erziehung der Tochter kümmern. 

Er übergibt die kleine Dido Elizabeth seinem Onkel, der, wie es der Zufall will, niemand anderer als Lord Manfield ist. Dort wächst sie auf, zusammen mit Mansfields Nichte Elizabeth Murray. Die beiden jungen Frauen auf dem Bild sind also Cousinen. Und Dido Elizabeth Belle ist die erste farbige Adlige Englands. Thomas Hutchinson, der unbeliebtste englische Gouverneur in Amerika, besucht Lord Mansfield in Kenwood im Jahre 1779 und schreibt darüber: A Black came in after dinner and sat with the ladies and after coffee, walked with the company in the gardens, one of the young ladies having her arm within the other. She had a very high cap and her wool was much frizzled in her neck, but not enough to answer the large curls now in fashion. She is neither handsome nor genteel — pert enough. I knew her history before, but My Lord mentioned it again. Sir John Lindsay having taken her mother prisoner in a Spanish vessel, brought her to England where she was delivered of this girl, of which she was then with child, and which was taken care of by Lord Mansfield, and has been educated by his family. He calls her Dido, which I suppose is all the name she has. He knows he has been reproached for showing fondness for her —I dare say not criminal. Für einen Mann wie Hutchinson, über den Lord North sagte, er sei Schuld am Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges, ist das, was auf Kenwood Alttag geworden ist, degoutant. Es ist viel Gift in diesen Sätzen, Hutchinson macht seinem Ruf, der bestgehasste Mann von Massachussetts zu sein, alle Ehre. Der König wird dem ehemaligen Gouverneur keinen Adelstitel verleihen.

Die Geschichte der Dido Elizabeth ist inzwischen in einen Film gewandert, das konnte nicht ausbleiben, ich habe den ✺Film natürlich hier für Sie.

Und ich habe zu dem Bild von John Martin ein schönes Gedicht von Honorée Fanonne Jeffers gefunden, das eigentlich nichts anderes als eine poetische Bildbeschreibung ist:

Dido moves quickly— 
as from the Latin anime.

Breath or soul.
Beside her, the generations-free kin,

a biscuit figurine in pink. 
Dido standing in irony—

the lowest are taller here— 
Elizabeth should provide

an unkind contrast: pretty, blond, 
pale in uncovered places—

but no.
The painter worships the quickened other.

Dido, his coquette of deep-dish dimples, 
his careless, bright love.

Forget history. 
She's a teenager.

We know what that means. 
Cocky, stupid about reality.

No thought of babies— 
feathers in her arms.

She might wave them, clearing 
dead mothers from the air—

and surely, she's special—
her uncle dressed her with care,

hid her from triangles and seas 
outside this walled garden.

Let her be. 
Please.

No Dying Mythical Queen 
weaving a vivid, troubled skin—

but Dido, full of girlhood, 
and Elizabeth reaching

a hand. Behave, cousin, 
she begs.

Don't run away from me.


Auf der hervorragenden Seite der →Fashion History können Sie alles über das Gemälde von David Martin (und über die Damenmode des ausgehenden 18. Jahrhunderts) lesen.