Samstag, 27. Juni 2020

Die Rote


Der nachträglich laminierte Pappband des Buches fällt schon ein wenig auseinander, das Buch ist sechzig Jahre alt und schon mehrfach gelesen. Vorne steht Leseexemplar drauf, und auf der Rückseite findet sich der Satz Die Herren Rezensenten und die Redaktionen werden gebeten, Besprechungen keinesfalls vor dem 10. September 1960 zu veröffentlichen. Dass auch Frauen Bücher rezensieren könnten, das konnte man sich beim Walter Verlag (bei dem auch Arno Schmidts Edgar Allan Poe Übersetzung erschien) nicht vorstellen. Die Herren Rezensenten hießen Robert Neumann (der in der Zeit die Rezension Mein Feind Alfred Andersch schrieb) und Marcel Reich-Ranicki, der seinem Hass auf den Autor auch noch nach einem halben Jahrhundert freien Lauf ließ: Das Urteil über die 'Rote', die ich vor genau fünfzig Jahren ausführlich (leider!) besprochen habe, lautet auch bei mir (damals und heute) 'grauenhaft und kitschig'. Dass der Roman 'ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur' sei, ist Mumpitz und Humbug. Vielleicht hätte man beim Verlag nicht nur an die Herren Rezensenten denken sollen, sondern den Roman Die Rote von Alfred Andersch auch mal einer Frau zum Lesen geben sollen.

Ich war wenige Monate im Internet, als ich Marcel Reich-Ranicki zum erstenmal beleidigte, ich wiederholte das mit Vergnügen in dem Post Martin Walser, und ich könnte es ad infinitum wiederholen: der Mann mit dem prolligen Auftreten war nie ein seriöser Literaturkritiker. Er war auch nie ein Literaturwissenschaftler, dazu fehlte ihm das Rüstzeug; was er lautstark und häufig voller Haß abgab, waren Geschmacksurteile. Ich zitiere noch einmal etwas, was ich einem Kommentator des Walser Posts antwortete: Meine Abneigung gegen Herrn Reich-Ranicki beruht darauf, dass er nicht seriös ist und niemals seriös war. Er versteht, für einen Literaturkritiker erstaunlich, nichts von Literaturwissenschaft. Wahrscheinlich ist er sogar noch stolz darauf. Er ist ein Relikt der 50er Jahre, als man in Deutschland jemanden wie Benno von Wiese für einen bedeutenden Professor hielt. Die griechische Philosophie hatte eine nützliche Unterscheidung zwischen den Begriffen 'doxa' und 'episteme'. 'Doxa' ist die subjektive Meinung, dafür braucht es nicht viel. Der Gegenbegriff ist eine von Wissen und Kenntnis begründete Meinung. RR ist über den Bereich der 'doxa' nie hinausgekommen.

Im Internet hat ein gewisser Boris vom Berg (?) eine Seite, auf der er Bücher rezensiert. Dort findet sich auch eine Besprechung von Die Rote, die mit dem Zitat von Reich-Ranicki und den Sätzen endet: Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen! Fazit: miserabel. Aber nicht jedermann lässt sich diesen Unsinn bieten, und so findet sich dort auch ein schöner Kommentar: Schäbige Rezension: 3/4 ist Inhaltsangabe, davon die Hälfte fast wörtliches Zitat, einmal visuell durch die Erzählung geflogen, nichts verstanden. Jede Diffamierung unbegründet, am Ende wird für die Wirkung schnell noch die Nähe der eigenen Meinung zum ewigen Literaturpapst als Qualitätsnachweis mitgenommen: Dämlich und ohne jede glaubwürdige Aussage. Abstoßend selbstverliebt und enttäuschend … bullshit. Für so etwas ist man denn schon wieder dankbar.

Es hat 1960 auch andere Stimmen als die von Reich-Ranicki zu dem Roman von Andersch (hier in Mailand, wo auch der Roman beginnt) gegeben. So konnte man in der Hannoverschen Rundschau lesen: Ein außerordentliches Buch, eine Dichtung von Rang, brillant erzählt und erfüllt von der Erfahrung, der Erlebniskraft und dem Wissen eines Mannes, der mehr als einmal Gelegenheit gehabt hat, dieser unserer Zeit ins Notizbuch zu schauen. […]. Eine Geschichte von nahezu klassischer Einfachheit der Motive. Schauplatz ist das winterliche Venedig und es gehört zu den literarischen Ereignissen dieser Saison, von Alfred Andersch in die seltsame Atmosphäre der hier sonnenlosen, trüben, fast greisenhaften Stadt geführt zu werden. […]. Übrigens spricht es doch sehr für die Reife des heutigen literarischen Publikums, daß so ein anspruchsvoller Roman zum Bestseller werden kann.

Alfred Andersch hat in diesem Blog schon den Post Alfred Andersch, er taucht auch noch häufiger auf, zuletzt in dem Post Dümmer=Sex, weil er es war, der den Roman Seelandschaft mit Pocahontas seines Freundes Arno Schmidt veröffentlicht hat. Der Roman Die Rote wird in zwei Posts erwähnt, die beide mit dem Film zu tun haben: Steve Cochran und Ruth Leuwerik. In dem Post Steve Cochran geht es um Michelangelo Antonionis Film ✺Il Grido.

Fabio Crepaz, eine der Hauptfiguren von Die Rote, fühlt sich nach einem Kinobesuch von der Figur des Aldo (gespielt von Steve Cochran) existentiell berührt, er denkt sich - während er uns den Film nacherzählt - in Aldo hinein: Fabio rauchte eine Zigarette und dachte über den Mann nach, den er gestern nachmittag in dem Kino in der Calle Larga gesehen hatte, er hatte den Sonntag nachmittag benutzt, um sich Antonionis neuen Film anzusehen, Fabio liebte gute Filme leidenschaftlich, das Schauspiel faszinierte ihn stets von neuem, aber gestern hatte er mehr gesehen als einen Film, er hatte einen Mann beobachtet, den er nicht aus seinen Gedanken brachte, weil er ihn an etwas erinnert hatte, was ihm, Fabio, fehlte. Dieser Mann hatte sich vor seinen Augen in einem Gelände bewegt, das in Fabios Leben eine weiße Fläche geblieben war. Antonioni hatte ihn gezeigt wie ein Gelehrter, der ein seltsames Insekt vorführt; er wies ihn auf einer Fläche aus weißer Leinwand vor, weiter nichts; er überließ es Fabio, seine Schlüsse selbst zu ziehen.

Dass Literatur in den Film wandert, das kennen wir (Sie könnten jetzt mal eben den Post The Go-Between lesen), aber dass ein Film in die Literatur wandert und dort eine wichtige Rolle hat, das ist selten. Reich-Ranicki hat Antonionis Film Il Grido nicht gekannt, er kann ja alles besprechen, auch das, was er nicht kennt. Wahrscheinlich wäre Il Grido für ihn auch Mumpitz und Humbug. Für Andersch ist es das nicht, das kleine Kapitel Das Meer, in dem Fabio Crepaz den Film nacherzählt, hat eine strukturelle Bedeutung für den Roman.

Und dieses Bild von Giorgione (Der Sturm) auch: Für ihn war es die Darstellung der ewigen Trennung zwischen Mann und Frau. Auf dem einen Ufer saß die Frau, nackt und innig in ihren kleinen Fruchtbarkeits-Ritus verzaubert, hell beleuchtet, eine klare biologische Formel, während auf dem anderen Ufer der Mann stand, dunkel, schön, lässig, genießerisch, verliebt, er hatte schon ein Kind gezeugt, und das Glied spannte sich schon wieder im Lederbeutel der Tracht des Jahres 1500; jung und getrieben, geistig und rätselhaft, hatte er sich noch einmal umgewendet, aber das Wasser – 'er könnte leicht hinübergehen' – lag unüberschreitbar dunkel und tief zwischen ihm und der Mutter mit ihrem Kind indes der Wolkenhimmel aller Jahrhunderte von einem großen Blitz durchzuckt wurde.

Literarische Texte zitieren andere literarische Texte, das wissen wir, spätestens seit der Holländer Herman Meyer sein Buch Das Zitat in der Erzählkunst geschrieben hat, Literatur kommt von Literatur. Andersch geht mit seinem Zitieren noch ein wenig weiter, Intertextualität ist ein Stilmittel dieses Romans. Andersch erzählt viele Geschichten, die er kunstvoll verknüpft und stilistisch mit innerem Monolog und wechselnden Erzählperspektiven immer wieder variiert. Antonionis Film und Giorgiones Gemäldes haben mit Fabio Crepaz zu tun. Der war Kommunist (wie Andersch in jungen Jahren), war im Spanischen Bürgerkrieg, dann bei den italienischen Partisanen mit Zweiten Weltkrieg. Jetzt will er mit der Partei nichts mehr zu tun haben, jetzt ist er nur noch Geiger in der Oper von Venedig in diesem großen und vielschichtigen Roman über Italien. Ein Werk so denkwürdig wie selten - das Geschenk eines europäischen Schriftstellers an Italien, urteilte La Fiera Letteraria. Von Mumpitz und Humbug war in der Zeitschrift aus Rom nicht die Rede.

Wir sind für vier Tage im Winter in Venedig, wohin es die aus ihrer Ehe geflohene rothaarige Franziska verschlagen hat. Und wo sie in einen Kriminalroman gerät, in dem ein ehemaliger Beamter der Gestapo und ein ehemaliger britischer Geheimagent eine Rolle spielen. Ich bin in einen Kriminalroman geraten, das gibt es doch gar nicht, Kolportage gibt es doch gar nicht, es gibt keine 'gangs', keinen Untergrund, keine Verfolgungen, das sind doch Erfindungen von Chandler, von Spillane, denkt Franziska. Das ähnelt dem Satz einer Romanfigur in Graham Greenes The Ministry of FearThe thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux.

Der Roman ist sicher auch ein Kolportageroman, aber das ist für Andersch ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte von Fabio und Franziska zu erzählen. Der Kritiker Kurt Lothar Tank hatte das scharfsinnig erkannt, als er damals schrieb: Das klingt nach Klischee und Kriminalroman, und das ist auch Klischee und Kriminalroman. Aber zugleich ist es, ähnlich wie bei Graham Greene, die einzig mögliche Doppelkulisse, in der es glücken kann, 'der Wahrheit' habhaft zu werden. Dass die Szenen zuweilen reißerisch sind, sagt auch Heinz Piontek, aber erfügt hinzu: So raffiniert wie hier hat Andersch wohl niemals wieder eine Geschichte eingefädelt, die Effekte sind genau kalkuliert. Wahrscheinlich ist es diese Ebene des Romans, die ihm einen großen Erfolg bei den Lesern bescherte.

Aber die beiden anderen Geschichten, die von Fabio Crepaz und der Romanheldin Franziska (die Antonionis Film auch im Kino gesehen hat), sind viel interessanter. Wann haben wir im deutschen Roman der Nachkriegszeit schon einmal eine solche Frauenfigur? Intelligent und gebildet, sicher und unsicher zugleich. Und Sex ausstrahlend, sodass die Männer ihr und ihren wehenden roten Haaren bewundernd und obszön nachstarren. Leser werden heute Ruth Leuwerik vor Augen haben, die in Käutners Verfilmung die Franziska spielt. Sie hat mit der Romanfigur wenig gemein, sehr, sehr wenig.

Andersch, der an dem Film ✺Die Rote mitzuarbeiten versucht hatte, schreibt an seinen Freund, den italienischen Komponisten Luigi Nono, nachdem der Film von den Kritikern verrissen worden war: Eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Alles Kitsch, Kitsch, Kitsch! Käutner und die Dame Leuwerick haben alles kaputt gemacht. Ich hätte mich nie auf eine Zusammenarbeit mit diesen Leuten einlassen dürfen… Ein Jahr verloren! Das einzig Positive war die Kameraarbeit des Italieners Otello Martelli, dem es in den Außenaufnahmen gelingt, den genius loci Venedigs, der auch den Roman beherrscht, einzufangen. Er war nicht irgendjemand, er hatte Meisterwerke ✺Bitterer Reis und La Strada photographiert. Aber gegen die Leuwerik und einen vollgekoksten Käutner kommt auch der beste Kameramann nicht an.

Man mag sich nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn Michelangelo Antonioni den vom Neorealismus und Existentialismus geprägten Roman von Andersch verfilmt hätte. Allerdings ist sein Film ✺L'avventura (aus dem dieses Bild stammt) in Cannes ausgebuht und ausgepfiffen worden. Manche Regisseure sind ihrer Zeit voraus. Manche Romanautoren auch. Mit den Mitteln des Stilisten und bewußten Erzählers gestaltete Alfred Andersch hier einen der bedeutenden, von intensiver Wirklichkeit vibrierenden Roman der zeitgenössischen europäischen Literatur, steht hinten auf dem Cover von meinem Leseexemplar, der Verlag deutet den Herren Rezensenten schon an, was sie schreiben sollen.

Die einunddreißigjährige Franziska Lukas verläßt in Mailand, wo sie sich mit ihrem Mann auf Geschäftsreise befindet, plötzlich ihren Mann und setzt sich in den Zug nach Venedig: »Bahnsteig sieben«, sagte er höflich. Eine Ausländerin. Irgendwohin. Sie sind verrückt oder Huren oder beides. Eine Ausländerin, die irgendwohin fahren will und Geld genug hat, um ein Rapido-Billet nach Venedig zu bezahlen. Ein Viertel meines Monatsgehalts. Eine verrückte Hure. Wie ihre Haare flattern. Eine Rothaarige. Keine Italienerin läßt ihre Haare so flattern. Er sah ihr nach, bewundernd und obszön. Sie will nicht zurück nach Dortmund zu ihrem Geliebten, der der Chef ihres Mannes ist, sie gibt diese verlogene Dreiecksbeziehung auf. Sie gibt auch die materielle Sicherheit im Deutschland des Wirtschaftswunders auf. Sie ist sich nicht sicher, ob sie schwanger ist. Ihr Mann rät ihr am Telephon zur Abtreibung, aber sie kann sich nicht entscheiden. Sie ist eine starke Frau, aber sie ist auch unsicher. Sie hat so gut wie kein Geld bei sich, sie will bei einem Juwelier einen Brillantring verkaufen, der einmal sehr teuer war.

Der Erzähler läßt uns an den Gedanken des Juweliers teilhaben: Das ist eine, die sich auskennt. Eine Erfahrene, man sieht es ihr an. Aber nicht so erfahren, um sich wirklich wehren zu können, auch das sieht man ihr an. Eine Rote, wenn ihr Haar nicht gefärbt ist, eine sehr schöne Rote aus Deutschland, die Roten sollen gut sein im Bett, sie ist eine Feine, eine squisita, und sie kann sich nicht wehren. Ihr Haar ist nicht gefärbt und ihre Brillanten waren lupenrein. 'Sie sind in Schwierigkeiten', Signora, sagte er freundlich, 'ich will Ihnen entgegenkommen. Achtzehntausend, weil ich Ihnen glaube, dass der Ring von Carstens ist.' […] Sie sagte nichts, sie nickte nur, fast unmerklich, und er verstand sofort, ich habe das Geschäft gemacht. Was der Juwelier denkt, was Franziska denkt, was der Beamte am Schalter denkt, ist im Roman durchgehend in Kursivschrift gesetzt, das erleichtert das Lesen.

Da sind eine Menge Klischees und Platitüden in den Sätzen, aber der Autor streut das so mit leichter Hand dahin, er hat noch viel mit seiner Romanfigur mit den roten flatternden Haaren vor. Von der Handlung des Kolportageromans ganz abgesehen. Auf einer interessanten Internetseite bringt ein Interpret Franziskas Suche nach Freiheit mit der Zeile Freedom's just another word for nothing left to lose von Janis Joplin in Verbindung. Und damit sind wir wieder beim Existentialismus. Sartre, den Andersch nach dem Krieg häufig las, hat gesagt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Mit dieser Freiheit muss Franziska jetzt leben. Sie wird in Italien bleiben und ihr Kind bekommen, selbst wenn sie weiß, dass ihre neue Heimat auch nur eine neue Fiktion ist: ich habe mich immer nur für diese Häuser interessiert, ich wollte hinter das Geheimnis solcher Häuser kommen, ganz Italien besteht aus solchen Häusern, in denen die Leute abends im Dunkeln sitzen und Geheimnisse bewahren, arme, bittere, leuchtende Geheimnisse, wahrscheinlich ist das Ganze eine literarische Idee, ausgelöst von neorealistischen Filmen, ein bißchen Faszination von der Poesie südlichen Proletariats, das italienische Proletariat ist literarisch en vogue, aber vermutlich bedankt es sich dafür, vermutlich wünscht es, auf die Poesie zu verzichten, wahrscheinlich findet es nicht einmal Geschmack an jenen Filmen, die zwar sein Leben zu verändern wünschen, aber zugleich dem optischen Zauber dieses Lebens verfallen sind.

Die negativen Kritiken, wie zum Beispiel die von Herrn Reich-Ranicki, hatten beim Autor Spuren hinterlassen. Er hat den Roman, den er am 29.12.1957 in Venedig begann und am 20.12.1959 in Berzona beendete, umgeschrieben. Das letzte Kapitel Das Geheimnis alter Häuser wurde ganz gestrichen, der 1972 neu erschienene Roman hat jetzt ein offenes Ende. Ich selbst halte das für einen Fehler, mir genügt mein Leseexemplar, das mich vor Jahrzehnten eine Mark gekostet hat. Es ist nach sechzig Jahren immer noch ein großartiger Roman.


Lesen Sie auch: Alfred AnderschSteve Cochran und Ruth Leuwerik. Sie können übrigens heute im Radio bei DLF Kultur Der Tod des James Dean von Alfred Andersch hören.

Dienstag, 9. Juni 2020

Maureen O'Hara


Turner Classic Movies (TCM) sendet heute den ganzen Tag Filme von Maureen O'Hara. Zur besten Sendezeit, abends um acht gibt es John Fords The Quiet Man. Obgleich sie schon vorher berühmt war, ist Maureen O'Hara mit diesem Film richtig berühmt geworden. TCM hat natürlich einen Anlass für dieses Filmfest: Maureen O'Hara wird heute neunzig. Und deshalb gehen unsere herzlichen Glückwünsche heute nach Glengariff in Irland. An der temperamentvollen rothaarigen Schönheit aus Irland, die mit Charles Laughton nach Hollywood kam, war alles echt. Na ja, außer dem Namen. Den hatte Charles Laughton, neben dem sie in Jamaica Inn spielte, für sie erfunden. Eigentlich hieß sie Maureen FitzSimmons. Sie hätte auch Sängerin werden können, das konnte sie auch (ihre Mutter war in Dublin als Sängerin berühmt). Sie ist auch in Musicals aufgetreten.

Sie hat beim Abbey Theatre in Dublin angefangen, zuerst als Mädchen für alles hinter der Bühne, aber mit vierzehn stand sie schon auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Sie hätte gerne Fußball gespielt, aber ihr Vater, dem der halbe Fußballclub Shamrock Rovers gehörte, war dagegen, eine Frauenfußballmannschaft zu gründen.

Es gab nie Skandale in ihrem Leben. Den einzigen Skandal erfand ein Magazin namens Confidential: Maureen O'Hara hätte in Grauman's Chinese Theatre in Reihe 35 mit ihrem Latin Lover herumgeknutscht. O'Hara, die zu dem Zeitpunkt des Knutschens bei Dreharbeiten in Spanien war, verklagte die Klatschpostille. Confidential erlebte das zweite Jahr seiner Publikation nicht mehr. Es gibt auch keine Nackphotos von ihr, wenn wir dies publicity still als Lady Godiva mal ausnehmen. Sie hat nie einen Oscar bekommen (war aber in den John Ford Filmen How green was my valley und The Quiet Man, die Oscars bekamen), aber viele berühmte Schauspieler haben auch nie einen gekriegt: Erroll Flynn, Cary Grant, Kirk Douglas, Kim Novak und Rita Hayworth. Um nur einige zu nennen. Und auch berühmte Regisseure wie Hitchcock, Orson Welles oder Howard Hawks haben die Academy Award nie erhalten.

Zu John Ford hatte sie eine Hassliebe, mit John Wayne hat sie gerne zusammen gespielt. In ihrem ersten gemeinsamen Film Rio Grande spielt sie die Gattin des Colonels Kirby Yorke. Wir sind in dem Film kurz nach dem Bürgerkrieg, und wenn der General Sheridan (der im Shenandoah Valley die Taktik der verbrannten Erde erprobt hatte) zu Colonel Yorke sagt I wonder what History will say about Shenandoah? antwortet Yorke I can tell you what my wife said about it. Colonel Yorke hatte befehlsgemäß die Plantage seiner Frau, einer Südstaatenlady, abgebrannt, Sergeant Quincannon hatte das Feuer gelegt. Wir können an dem Blick von Maureen O'Hara ablesen, dass sie Quincannon nicht so schnell verzeihen wird. Die Sache mit der niedergebrannten Plantage (die im Film immer wieder thematisiert wird) ist für Ford auch etwas Persönliches, denn General Phil Sheridan hatte das Haus von Vorfahren seiner Frau anzünden lassen. Rio Grande zeigt einen milden Ehekrieg, aber der Film gehört nicht zum Besten, was Ford gedreht hat. Obgleich er viele gute Szenen enthält, und auch herzzerreissenden Kitsch, wenn der Soldatenchor I'll take you home againKathleen singt. Die Photographie ist erstklassig, die immanente Ideologie ist zweifelhaft. Was den Film herausreisst sind Maureen O'Hara und John Wayne. Die spielen das entfremdete Paar, als seien sie seit zwanzig Jahren miteinander verheiratet.

Ford hat Rio Grande nur gedreht, weil das Studio eigentlich seinen nächsten Film The Quiet Man nicht wollte. Einen Western kann man verkaufen, aber Brautwerbung in einem irischen Dorf? Der deutsche Verleihtitel Die Katze mit den roten Haaren signalisiert ja schon eine gewisse Verzweiflung der Werbeabteilung. Eigentlich ist dies nichts anderes als The Taming of the Shrew auf Irisch in Farbe, damit die roten Haare von Maureen O'Hara schön herauskommen. The Queen of Technicolor hat man O'Hara genannt, und die New York Times schrieb 1954 Framed in Technicolor, Miss O'Hara somehow seems more significant than a setting sun.

Es ist ein Irland der Kerrygold Werbung, dieses fiktive Innisfree, in dem der aus Amerika in seine Heimatdorf zurückgekehrte Sean Thornton um Mary Kate Galaher wirbt. John Ford, der seine irischen Wurzeln in jeden Film hineinbringt, erfindet für sich sein eigenes Irland, so wie er seinen eigenen Westen erfunden hat. Und wahrscheinlich ist John Fords Westen auch nur sein Phantasie-Irland, das ins Monument Valley transportiert wurde. Obgleich das Gras da nicht so grün ist. Frauen haben es schwer in der Männerwelt von Sean Aloysius O'Fearna (das ist John Fords Geburtsname auf Gaelisch), sie haben eigentlich keine Hauptrollen in der Machowelt des Iren, der in Amerika geboren wurde.

Aber Maureen O'Hara kämpft sich in die Männerwelt von John Fords Filmen hinein, sie ist keine Nebenfigur in diesen Filmen. Wahrscheinlich lässt Ford es zu, weil sie eine echte Irin ist. Und weil sie tough ist. Dass die Chemie zwischen ihr und John Wayne stimmt und das Ganze dann auch noch funkensprühend herüberkommt, das ist natürlich ein schöner Nebeneffekt. Maureen O'Hara ist bei The Quiet Man noch aus einem anderen Grunde unentbehrlich. Ihr Vater hatte sie gezwungen, einen Beruf zu lernen, bevor sie endgültig zum Theater ging. Damit sie etwas Vernünftiges hatte, wenn das mal mit dem Thespiskarren nichts mehr wäre. Sie hat Buchhaltung gelernt. Und Steno, John Ford kann ihr jetzt das Skript diktieren. A man's kind of woman, hat Ford über O'Hara gesagt. Wahrscheinlich wäre sie die einzige Frau, mit der John Ford Whiskey trinken würde, aber den hatte er während der Dreharbeiten verboten.

Mit The Quiet Man hat sich John Ford seinen Traum erfüllt, sein Phantasie-Irland wird Realität (Amerika kann es an jedem St. Patrick's Day im Fernsehen sehen), kitschig, in furchtbar falschen Farben. Der Film ist entgegen den Erwartungen des Studios auch noch erfolgreich. Und bekommt Oscars und Oscar Nominierungen. Der einzige, der so gut wie nichts bekommt, ist der Autor der Story. Dem hatte Ford die Rechte schon Jahrzehnte zuvor (er wusste immer, dass er diesen Film machen wollte) für 10 Dollar (und einer Option von 2.500 Dollar bei der Realisierung des Filmes) abgekauft. Das irische Dorf, in dem der größte Teil des Filmes gedreht wurde, wird zu einem Touristenparadies. Dafür sind sie John Ford heute noch dankbar. Es gibt sogar einen Quiet Man Movie Club. Die haben es natürlich nicht versäumt, heute auf ihrer Homepage Maureen O'Hara zu gratulieren. Wir schließen uns da gerne an.













Sonntag, 7. Juni 2020

Daliah Lavi


In dem wunderbar bescheuerten James Bond Film Casino Royale spielte auch der junge Woody Allen (als Jimmy Bond) mit. Hier versucht er gerade einen Blick auf Daliah Lavis Busen zu werfen. Selbst wenn Sie den Film nicht kennen sollten, können Sie aus diesem Bild schon folgern, dass dieser Film mit den augenblicklichen James Bond Produktionen wenig zu tun hat. Casino Royale (den Clip sollten Sie unbedingt anklicken) war eine Parodie (mit Starbesetzung) auf die James Bond Filme. Vielleicht hätte die Monty Python Gruppe das noch eine Spur besser gemacht, aber die war damals noch nicht gegründet. Dass Daliah Lavi da mitspielen durfte, zeigt, dass sie damals auf dem Höhepunkt ihrer internationalen Karriere war.

Als sie in den siebziger Jahren ihre Karriere als Sängerin begann, hatte sie schon zehn Jahre als Schauspielerin hinter sich. Nichts wirklich Großartiges, aber das machte in den sechziger und siebziger Jahren nichts, Hauptsache man sah gut aus. Man (Frau) musste auch viel schwarzes Kohl um die Augen haben, denn wie schon Edward Gorey dichtete: The Wanton, though she knows its dangers / must needs smear Kohl about her eyes / and wake the interest of strangers / with long-drawn, hoarse, erotic sighs.

Und für das Plattencover machte sich damals ein möglichst fremdländischer Name immer gut. Exotische Schönheiten auf dem Plattencover waren jetzt das Äquivalent zu dem Bild der Nackten Zigeunerin im Wohnzimmer. An einen Namen wie Caterina Valente hatten wir uns in Deutschland ja schon gewöhnt, jetzt kamen Siw Malmkvist (Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling), Gitte Haenning (Ich will ’nen Cowboy als Mann), Nana Mouskouri (Weiße Rosen aus Athen), Rita Pavone (Wenn ich ein Junge wär), Mireille Mathieu (Akropolis adieu), Mina (Heißer Sand), Dalida (Am Tag als der Regen kam), Barbara (Göttingen) und Esther und Abi Ofarim (Morning of my Life). Und Françoise Hardy sang Peter und Lou (was die deutsche Version von Tous les garçons et les filles war), damals überlegte ich mir, ob ich meine Françoise Hardy Platten verschenken sollte. Aber ich habe sie behalten, man sollte zu seiner Vergangenheit stehen.

Es war die goldene Zeit des deutschen Schlagers, es war auch eine goldene Zeit für die Interpreten, vor allem, wenn sie goldene Schallplatten bekamen. Radikal neu war die Sangeskunst gegenüber der vorhergehenden Dekade nicht, also gegenüber den Caprifischern oder Wasser ist zum Waschen da von den Peheiros. Wenn man die deutschen Schlager kritisch untersuchen würde (was natürlich mehr oder weniger gut schon gemacht worden ist), könnte man wahrscheinlich viel über die deutsche Seele erfahren. Man dürfte an eine solche Untersuchung natürlich keine Spaßbremse wie Theodor W. Adorno heranlassen, dann bekommt man nur Sätze wie Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben.

Wer hat mein Lied so zerstört? Ich wollte singen was ich niemals sagen kann, hat sie einmal gesungen. In dem Jahr hatte sie mit Oh wann kommst du? und Willst du mit mir geh´n - noch zwei weitere Hits. Aber in dem Jahr kam auch Janis Joplin mit Me and Bobby McGee in die Charts. Die Generation, die man die 68er nennen würde, wird keine Daliah Lavi Platten mehr kaufen, da verhallte ihr Willst du mit mir geh´n ungehört. Esther Ofarim und Barbara konnte man kaufen, denn die gab es als Platten von der Zeitschrift Twen. Die hatte seit 1961 ein ambitioniertes Programm. Klicken Sie mal dies hier an: ein Kulturprogramm der counter culture.

Daliah Lavi, die erfolgreichste Schlagersängerin im Deutschland der siebziger Jahre, wird heute siebzig. Dazu senden wir herzliche Glückwünsche nach Amerika, denn da lebt sie heute. In einer Stadt namens Asheville in North Carolina; einer Stadt, die Eric Weiner in seinem Buch The Geography of Bliss als one of the happiest places in the United States bezeichnet hat. Es ist eine Stadt, in der Mitt Romney wenig Wähler haben wird. Bei den nächsten Wahlen wird Daliah Lavi natürlich Obama wählen.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Emily Dickinson


Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson wurde am 10. Dezember 1830 in Amherst geboren, einem Provinznest in Massachusetts, aus dem sie kaum hinausgekommen ist. In Amherst ist sie auch zur Schule gegangen: Viny and I both go to school this term. We have a very fine school. There are 63 scholars. I have four studies. They are Mental Philosophy, Geology, Latin, and Botany. How large they sound, don’t they? I don’t believe you have such big studies, schreibt die Fünfzehnjährige. Ihr Großvater und der berühmte Noah Webster, der auch in Amherst wohnte, hatten das Amherst College gegründet.

Dort (hier das College im Jahre 1821 auf einem Bild von Orra White Hitchcock) fühlte sie sich zu Hause. Als man sie mit siebzehn zum Mount Holyoke College schickt, bleibt sie nur das erste Jahr: Father has decided not to send me to Holyoke another year, so this is my last term. Can it be possible that I have been here almost a year? Man hat darin ein erstes Symptom ihrer Weltflucht sehen wollen, muss aber bedenken, dass zwei Drittel der Studentinnen nicht zum zweiten Jahr ins Mount Holyoke College kommen. Vielen Eltern ist damals ein Jahr College für die Tochter genug. Emilys Leben beschränkt sich fortan auf ihr Haus und den Garten, zum Ende ihres Lebens trug sie nur noch weiße Kleider und kam gar nicht mehr aus dem Haus. Nur noch, als man sie in einem weißen Sarg durch ihren Garten hinaustrug. Because I could not stop for Death He kindly stopped for me The Carriage held but just Ourselves And Immortality. Sie wollte nicht mit einer Kutsche fortgebracht werden, ihr Sarg sollte durch ihre Blumen im Garten getragen werden. The single Flower of the Earth That I, in passing by Unconscious was -- Great Nature's Face  Passed infinite by Me --.

Sie hat beinahe zweitausend Gedichte geschrieben, zu ihren Lebzeiten wurde so gut wie keins davon veröffentlicht. Sie dichtete über die kleinen Dinge, wie Vögel im GartenA bird came down the walk: He did not know I saw; He bit an angle-worm in halves And ate the fellow, raw. Eisenbahnen sind nicht unbedingt ihr Thema. Aber sie wusste, dass es die gab, 1851 war sie mit ihrer Schwester Lavinia in Boston zur Feier des Railroad Jubilee. Auf diesem Bild von William Sharp, das die Feierlichkeiten auf dem Boston Common zeigt, kann man allerdings keine Eisenbahn sehen. Emily Dickinson ist wahrscheinlich auch nicht zu sehen. Zwei Jahre später wird ihr Vater dafür sorgen, dass die Amherst-Belchertown Eisenbahnstrecke vollendet wird. The two great eras of the history of Amherst, are 1. The founding of the College. 2. The building of the railroad. We here "set up our Ebeneezer." HaHa!!! schreibt er voller Stolz an seinen Sohn.

Seinen Enthusiamus scheint die Tochter nicht ganz zu teilen. So schreibt sie über die Einweihungszeremonie der Strecke Amherst-Belchertown: The New London Day passed off grandly - so all the people said - it was pretty hot and dusty, but nobody cared for that. Father was as usual, Chief Marshall of the day, and went marching around the town with New London at his heels like some old Roman General, upon a Triumph Day . . . Carriages flew like sparks, hither, and thither and yon, and they all said t'was fine. I spose [sic] it was - I sat in Prof Tyler's woods and saw the train move off, and then ran home again for fear someone would see me, or ask me how I did. Und wir beachten bitte diese relativierenden  Einschiebsel: so all the people said; they all said; I spose it... Das alte Bahnhofsgebäude von Amherst  hat man inzwischen (wahrscheinlich wegen der Touristen) wieder aufgerüscht. Emily Dickinson, hat erstaunlicherweise sogar ein Gedicht geschrieben, das den Titel The Railway Train hat:

I like to see it lap the miles,
And lick the valleys up,
And stop to feed itself at tanks;
And then, prodigious, step

Around a pile of mountains,
And, supercilious, peer
In shanties by the sides of roads;
And then a quarry pare

To fit its sides, and crawl between,
Complaining all the while
In horrid, hooting stanza;
Then chase itself down hill

And neigh like Boanerges;
Then, punctual as a star,
Stop--docile and omnipotent--
At its own stable door. 


Niedlich. Lyrik für Kiddies. Die Märklin oder Trix HO Version der amerikanischen Eisenbahn. Warum fällt mir dabei nur das Gedicht von Ringelnatz über den Sauerampfer (Der arme Sauerampfer sah Eisenbahn um Eisenbahn, sah niemals einen Dampfer) ein? Zu dem Gedicht von Dickinson passt sehr schön das Bild von George Innes ganz oben, das ziemlich zeitgleich mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie in Amherst entstand. Wir wissen allerdings, dass Eisenbahnen in Wirklichkeit ganz anders aussehen, vielleicht so wie auf diesem Bild von William Turner, das Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway heißt.

Die amerikanischen Maler des 19. Jahrhunderts (wie George Innes hier im Detail und Jasper Cropsey in dem Bild unten) bemühen sich, die Eisenbahn (farbig tonal abgestuft) harmonisch in der Landschaft verschwinden zu lassen. Aber sie wird nicht verschwinden, selbst Emily Dickinson wird sie jeden Tag gehört haben. Auch Henry David Thoreau in seinem selbstgewählten Naturparadies Walden entgeht ihr nicht: The whistle of the locomotive penetrates my woods summer and winter, sounding like a scream of a hawk sailing over some farmer's yard. Andererseits sind die Schienen der Bahn seine Nabelschnur zur Zivilisation: The Fitchburg Railroad touches the pond about a hundred rods south of where I dwell. I usually go to the village along its causeway, and am, as it were, related to society by this link. Es ist eine seltsame Ambivalenz, mit der die Amerikaner the machine in the garden (wie Leo Marx es genannt hat) integrieren. Nicht jeder teilt die Meinung von Ralph Waldo Emerson, der von This invasion of Nature by Trade with its Money, its Credit, its Steam, its Railroad, threatens to upset the balance of man, and establish a new, universal Monarchy more tyrannical than Babylon or Rome spricht.

Unter den Rezensionen zu dem Reclam Band von Emily Dickinsons Gedichten (englisch-deutsch, mit einem sehr guten Nachwort von dem deutschen Dickinson Spezialisten Klaus Lubbers) bei Amazon las ich folgende Sätze (mit einer Kleinschreibung und seltsamen Interpunktion, die von Dickinson sein könnte): wenn man sie mag ist sie großartig. wenn nicht hat man gar keinen bezug. fragt sich, was schreibt die da eigentlich, macht keinen Sinn. Der Satz könnte von mir sein. Ich besitze zwar eine Sammlung von Dickinson Gedichten, doch das Buch steht nicht in der ersten Reihe, da wo Robert Lowell, Robert Frost, Ezra Pound, William Carlos Williams und Wallace Stevens stehen.

Could you believe me without? I had no portrait, now, but am small, like the wren; and my hair is bold, like the chestnut bur; and my eyes, like the sherry in the glass, that the guest leaves. Would this do just as well? schreibt sie in einem Brief an Thomas Wentworth Higginson. Viel mehr als ein immer wieder bearbeitetes Photo haben wir auch nicht an Bildern von ihr. Small like a wren verschwindet sie aus unserem Blickfeld. Wie die Eisenbahnen auf den Bildern der amerikanischen Hudson River School. Oder wie die Eisenbahn auf dem Bild des Russen Iwan Schischkin, wo man auch genau hinschauen muss, um sie zu sehen.

Aber so klein und unscheinbar Dickinson ist (oder sich macht), sie hat ein gewaltiges Werk hinterlassen. 597 Gedichte enthielt The complete poems of Emily Dickinson, das 1924 mit einer Einleitung ihrer Nichte Martha Dickinson Bianchi bei Little, Brown, and Company in Boston erschien. Sie finden es hier im Volltext. Doch das war noch nicht alles. Im Jahre 1950 erhielt die Houghton Library der Harvard Universität von den Nachkommen von Emily Dickinson das geschenkt, was heute ihre weltberühmte Dickinson Collection ist (die Rechte zur Veröffentlichung waren in diesem großzügigen Geschenk mit eingeschlossen).

Fünf Jahre später brachte Thomas H. Johnson eine dreibändige Variorum edition der 1.775 bekannten Gedichte heraus und gab 1958 zusammen mit Theodora Ward die Briefe von Dickinson heraus. Soviel Emily Dickinson war noch nie. Man musste vierzig Jahre warten, bis Ralph W. Franklin The Poems of Emily Dickinson: Variorum Edition vorlegte, eine Ausgabe die 1.799 Gedichte enthielt. Von dieser kritischen Ausgabe gibt eine preiswerte Version, The Poems of Emily Dickinson: Reading Edition, die reicht mir durchaus aus. Zumal sie eh in der zweiten Buchreihe steht.

Wenn man sich die Mühe macht, alle 1.789 Gedichte zu lesen (nein, ich mache das kein zweites Mal, eher lese ich Prousts A la recherche du temps perdu in ihrer Gänze noch einmal), wird man feststellen, dass die Qualität der Gedichte schwankt. Großartiges steht neben Plattem, das einen an Courths-Mahler denken lässt. Deutsche Kritiker fühlten sich seit dem 19. Jahrhundert an eine Wesensverwandtschaft von Dickinson mit Annette von Droste-Hülshoff erinnert. Kann ich wenig zu sagen, da ich von der Droste zuwenig gelesen habe. Aber bei ihrem Namen fällt mir immer das Gedicht Kann keine Trauer sein von Gottfried Benn ein. Das wiegt bestimmt hundert Gedichte von Dickinson und Droste-Hülshoff auf.

Kaum waren im 19. Jahrhundert die ersten Gedichte von Dickinson erschienen, da gab es die ersten Kritiker. Wie Andrew Lang, der in einer Attacke auf William Dean Howells (der gerade die Gedichte von Emily Dickinson verteidigt hatte) schrieb: I cannot go nearly so far as Mr. Howells, because, if poetry is to exist at all, it really must have form and grammar, and must rhyme when it professes to rhyme. The wisdom of the ages and the nature of man insist on so much. Es ist schwer, etwas dagegen zu sagen.

Natürlich, wir haben das schon geahnt, steht hinter Vielem in ihrer Lyrik ein unerfülltes Liebesleben. Der Briefpartner ihrer platonischen Liebe Thomas Wentworth Higginson, der auch der erste Herausgeber ihrer Gedichte war, schrieb an seine Mitherausgeberin Mabel Loomis Todd: One poem only I dread a little to print--that wonderful 'Wild Nights,'--lest the malignant read into it more than that virgin recluse ever dreamed of putting there. Has Miss Lavinia [Emilys Schwester] any shrinking about it? You will understand & pardon my solicitude. Yet what a loss to omit it! Indeed it is not to be omitted.

Wild nights - Wild nights!
Were I with thee
Wild nights should be
Our luxury!


Futile - the winds -
To a Heart in port -
Done with the Compass -
Done with the Chart!

Rowing in Eden -
Ah - the Sea!
Might I but moor - tonight -
In thee!


Wenn Sie in diesem Bild von Edward Hopper eine sexuelle Komponente (so ähnlich wie die Szene in Hitchcocks North by Northwest, wenn der Zug in den Tunnel fährt) sehen sollten, dann ist das natürlich beabsichtigt. Denn seien wir ehrlich, Wild nights - Wild nights! ist doch nackter Sex. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Wort luxury im Wörterbuch, das Dickinson benutzt, so etwas wie lust, voluptuousness in the gratification of appetite bedeutet. Die Bedeutung hat es heute nicht mehr (sie steht immer noch im Webster, allerdings mit dem Zusatz archaic), heute bedeutet luxury Louis Vuitton, Rolex und Ähnliches.

Das Gedicht A bird came down the walk gehört sicherlich nicht zu den größten Leistungen der Dichterin, viele ihrer rätselhaften Miniaturen aus der Welt der Natur auch nicht. Sie hat ihren Garten geliebt, inzwischen gibt es mit The Gardens of Emily Dickinson schon ein Buch über Emily Dickinson und ihren Garten. My flowers are near and foreign, and I have but to cross the floor to stand in the Spice Isles, schreibt Dickinson. Ihr Vater hat ihr am Ende des Gartens ein Gewächshaus gebaut, da kann sie Pflanzen aus Gegenden der Welt züchten, die sie nur in ihrer Phantasie erreicht.

My Business is Circumference, schreibt sie in einem berühmt gewordenen Brief an Thomas Wentworth Higginson, den sie wie ihren Mentor in Fragen der Poetik behandelt (obgleich er vielleicht nur ihr Schüler ist, er bewundert ihre Lyrik, aber versteht sie nicht). Manche Kritiker haben diesen Begriff als einen Schlüsselbegriff für ihre Lyrik gesehen. Doch was soll er bedeuten? Wenn es bei Raymond Chandler heißt Trouble is my business, dann ist uns das klar. Aber My Business is Circumference? Und dann gibt es da noch den Satz aus einem späteren Brief The Bible dealt with the Center, not with the Circumference. Passt der in eine schöne Theorie? Sie finden auf dieser Seite eine Vielzahl von Gedichtstellen, in denen sich das Wort circumference findet. Kann man eine Theorie daraus stricken? Dies präzisionistische Bild von Charles Sheeler enthält auf jeden Fall keine circumference. Es steht nur, wie all die Eisenbahnbilder amerikanischer Maler auf dieser Seite, zur Verfremdung hier.

Während um sie herum Amerika aufgebaut wird- sie kann jeden Tag den Lärm der Fabriken hören - und die Eisenbahn den Kontinent erschliesst (hier schön symbolisiert durch Thomas Hart Bentons Going West), legt sie ein Herbarium an und pflegt ihren Garten. Sie scheint Voltaires mais il faut cultiver notre jardin wörtlich genommen zu haben. Von dem strengen Calvinismus der Kirche ihrers Vater hat sie sich längst entfernt: Some keep the Sabbath going to church I keep it staying at home. Als ihr geliebter Hund (Dogs are better than human beings because they know but do not tell), ein Neufundländer mit dem Namen Carlo, nach sechzehn Jahren stirbt, hat sie keine Freunde mehr: You ask of my companions. Hills, sir, and the sundown, and a dog as large as myself that my father bought me. They are better than human beings, because they know but do not tell. Von nun an trägt sie nur noch weiße Kleider.

Hätte sie sich die Aufmerksamkeit gewünscht, die sie hundert Jahre nach ihrem Tod bekommen hat? Ich weiß es nicht. Heute wird sie von manchen Kritikern als Amerikas größte Dichterin gefeiert. There is a whole raft of poets contemporary with Emily Dickinson. None of them would have imagined that she would have become one of the defining names of American letters, hat John Updike (den der Kritiker Stanley Kauffman einmal a lesser, latter-day Emily Dickinson genannt hat) gesagt. Der größte Teil ihrer Gedichte ist während des Bürgerkriegs geschrieben, und dennoch spüren wir den kaum in ihren Gedichten. Sie weiß, dass es den gibt, ihr Vater ist ein abolitionist, ihr Bruder kauft sich mit einem substitute vom Kriegsdienst frei, aber greifbar wird der amerikanische Bruderkrieg in ihrem Werk nicht. Neuerdings sind Kritiker dabei, aus einer Vielzahl von Gedichten einen Kommentar zum Bürgerkrieg herauszulesen, gemessen an den Bürgerkriegsgedichten von Walt Whitman und Herman Melville ist das wohl marginal. Eine Battle Hymn of the Republic wie Julia Ward Howe schreibt sie definitiv nicht.

Ihr Werk (1.789 Gedichte mit 9.275 verschiedenen Wörtern) ist eine Fundgrube, aus der sich jeder bedient. So wenig man über ihr Leben wirklich weiß, so wenig man ihre Gedichte verstehen kann, umso höher hüpfen die Interpreten bei ihren interpretatorischen Höhenflügen (Sie finden hier einen kurzen Forschungsbericht). Wobei besonders die psychoanalytischen und feministischen Ansätze beim Leser Verwirrung stiften können. Ich liebe ja Sätze wie: From a feminist perspective, Dickinson's life was neither a flight, nor a cop-out, nor a sacrifice, nor a substitution, but a strategy, a creation, for enabling her to become the person she was. Die Emily Dickinson Exegese ist zu einem Jekami Spiel geworden. Man reißt beliebig Sätze wie Pardon My Sanity In A World Insane aus ihrem Werk. Carla Bruni hat Gedichte von Dickinson ins Mikrophon gehaucht, Amateure veröffentlichen Filmchen nach ihren Gedichten bei YouTube. Paul Celan hat manche Gedichte übersetzt. Wem der kleine Reclam Band mit Gedichten englisch-deutsch nicht ausreicht, der kann seit einigen Jahren auf eine größere Sammlung zurückgreifen. Gunhild Küblers Übersetzungen sind bei Hanser erschienen und sind jetzt bei Fischer als Taschenbuch erhältlich. Auf der sehr interessanten Seite von Walter A. Aue gibt es auch einige Übersetzungen. Und hier gibt es heute noch ein Dickinson Gedicht zum Schluss:

My life closed twice before its close;
It yet remains to see
If Immortality unveil
A third event to me,

So huge, so hopeless to conceive
As these that twice befell.
Parting is all we know of heaven,
And all we need of hell.

Madder rhymes one has seldom seen— scornful disregard of poetic technique could hardly go farther— and yet there is about the book a fascination, a power, a vision that enthralls you, and draws you back to it again and again. Not to have published it would have been a serious loss to the world, schrieb eine Rezensentin, als Dickinsons Gedichte erschienen. Ich lasse das mal als Schlusswort so stehen.

Dafür, dass ich Emily Dickinson nicht mag, ist das doch eigentlich noch ein netter Dickinson Post geworden. Die Bilder (mit der Ausnahme des Turner) sind von den amerikanischen Malern George Innes, Orra White Hitchcock, William Sharp, George Innes (Detail), Jasper Francis Cropsey, John French Sloan, Charles Sheeler, Edward Hopper, Edward Hopper, Charles Reiffel, Edward Hopper, John French Sloan, Charles Sheeler, Thomas Hart Benton, Edward Hopper, Edward Hopper.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Veronica Lake


So hat sie das Studio inszeniert, so wollte das Publikum sie sehen. Ihre erste Hauptrolle hatte das peek-a-boo girl in Sullivan's Travels. Ihr damaliger Partner Joel McCrea hat später, als er die Rolle an ihrer Seite in I Married a Witch (hier der ganze Film) ausschlug, gesagt: Life's too short for two films with Veronica Lake. Sie war eins der vielen schönen Kunstprodukte der Traumfabrik, aber niemand mochte sie. Ihren Spitznamen The Bitch hat sie sich redlich verdient. Aber sie war ungeheuer cool in den film noir Produkten, die in den vierziger Jahre Mode waren. Von This Gun for Hire bis zu The Blue Dahlia. Obgleich sie natürlich nicht an Rita Hayworth in Gilda herankam. Leslie Halliwells Filmgoer's Companion notiert etwas gehässig: Petite American leading lady who now, with her limited acting ability and her 'peek a boo bang' (long blonde hair obscuring one eye), seems an appropriately artificial image for the Hollywood of the early forties.

Raymond Chandler, der das Drehbuch zu The Blue Dahlia schrieb, konnte Veronica Lake nicht leiden, Moronica Lake nannte er sie im Stillen. Die Studios von Hollywood liebten Chandler damals, weil sein Drehbuch zu Double Indemnity einen ungeheuer erfolgreichen Film produziert hatte. Doch die Dreharbeiten zu The Blue Dahlia schienen zu einer Katastrophe zu werden, Veronica Lake und Alan Ladd waren in den Liebesszenen nicht überzeugend. Der Regisseur wusste nicht, wohin ihn der Film führte, Chandler hatte das Skript noch nicht fertig. Obgleich ihm das Studio Extraprämien versprach, konnte er seinen writer's block nicht überwinden.

Da machte er dem englischen Produzenten John Houseman, dem er sich verpflichtet fühlte, weil der wie er auf einer Public School gewesen war ein Geständnis. Und ein erstaunliches Angebot. Er sei Alkoholiker, sei aber seit langem trocken. Nur der Alkohol gäbe ihm an energy and a self-assurance that he could not achieve in any other way. Er würde jetzt wieder mit dem Saufen anfangen, und das Studio möge für die folgenden Dinge sorgen: A. Two Cadillac limousines, to stand day and night outside the house with drivers available for: 1. Fetching the doctor. 2. Taking script pages to and from the studio. 3. Driving the maid to market. 4. Contingencies and emergencies. B. Six secretaries – in three relays of two – to be in constant attendance and readiness, available at all times for dictation, typing, and other possible emergencies. C. A direct line open at all times, to my office by day and the studio switchboard at night. Houseman dachte eine halbe Stunde darüber nach, dann gab er sein O.K. Chandlers Drehbuch für The Blue Dahlia erhielt eine Oscar Nominierung.

In den vierziger Jahren wollten alle Frauen in Amerika wie das peek-a-boo girl Veronica Lake aussehen. Der Look hielt sich offensichtlich noch länger. Für den englischen Dichter Ted Hughes war die Assoziation bei Sylvia Plath, die er später heiraten sollte, auch Veronica Lake. Er hat das in seinem Gedicht Fulbright Scholars beschrieben:

Where was it, in the Strand? A display
Of news items, in photographs.
For some reason I noticed it.
A picture of that year's intake
Of Fulbright Scholars. Just arriving -
Or arrived. Or some of them.
Were you among them? I studied it.
Not too minutely, wondering
Which of them I might meet.
I remember that thought. Not
Your face. No doubt I scanned particularly
The girls. Maybe I noticed you.
Maybe I weighed you up, feeling unlikely.
Noted your long hair, loose waves -
Your Veronica Lake bang. Not what it hid.
It would appear blond. And your grin.
Your exaggerated American
Grin for the cameras, the judges, the strangers, the frighteners.
Then I forgot. Yet I remember
The picture : the Fulbright Scholars.
With their luggage? It seems unlikely.
Could they have come as a team? That's as I remember.
From a stall near Charing Cross Station.
It was the first fresh peach I had ever tasted.
I could hardly believe how delicious.
At twenty-five I was dumbfounded afresh
By my ignorance of the simplest things.

Syvia Plath hat sich selbst wohl nicht als Veronica Lake gesehen. Vielleicht eher als Marilyn Monroe. In ihrem Tagebuch notiert sie im Oktober 1959 einen seltsamen Traum: Marilyn Monroe appeared to me last night in a dream as a kind of fairy godmother. An occasion of 'chatting' with audience much as the occasion with Eliot will turn out, I suppose. I spoke, almost in tears, of how much she and Arthur Miller meant to us, although they could, of course, not know us at all. She gave me an expert manicure. I had not washed my hair, and asked her about hairdressers, saying no matter where I went, they always imposed a horrid cut on me. She invited me to visit during the Christmas holidays, promising a new, flowering life.

Mit dem new, flowering life ist es für Syvia Plath nichts geworden, fünf Monate nach dem Tod von Marilyn Monroe hat sie Selbstmord begangen. So nett sie auf den Photos aussieht, sie hatte ein unglückliches Leben. Wie Veronica Lake. In den fünfziger Jahre, als die Firma ihres zweiten Ehemann André De Toth, in die Pleite ging, ging es auch mit Veronica Lake bergab. Die Schlagzeilen, die sie jetzt noch macht, haben nur noch mit Alkohol zu tun. Die Zeiten, da Onassis und Howard Hughes hinter ihr her waren, sind lange vorbei.

Wenn jetzt dieses Telegramm von Tommy Manville käme, sie würde annehmen. Es war damals eine kurze Botschaft: Will pay you 100- thousand dollars repeat 100-thousand dollars to marry me STOP Promise divorce within three repeat three days STOP Request immediate answer STOP Thank you. Tommy Manville. Ein Reporter findet sie eines Tages als Barmädchen in einem Hotel, die Story bringt ihr ein Comeback in kleinem Stil. Sie bekommt kleine Fernsehrollen und tritt in Off-Broadway Produktionen auf. Sie schreibt ihre Autobiographie (Veronica: The Autobiography of Veronica Lake), und mit dem Geld finanziert sie in England einen schrottigen Horrorfilm (Flesh Feast).

Veronica Lake ist heute [7.7.2013] vor vierzig Jahren gestorben. Sie wurde nur dreiundfünzig Jahre alt. Noch in den Tagen vor ihrem Tod im Krankenhaus hatte sie Photos signiert und Autogramme verteilt. Sie lebt auf Photos und in Filmen weiter. Oder in der Inkarnation von Kim Basinger in L.A. Confidential. Deshalb haben wir uns diesen Film doch angeguckt. Nur deshalb. Weil da dieser hässliche Aussie zu Kim Basinger sagt: You look better than Veronica Lake.


Lesen Sie doch auch: Gilda (sehr zu empfehlen), Nymphos, Dorothy Malone, Exotik. Und geben Sie lieber nicht 'Hollywood' in das kleine Suchfeld oben links auf der Seite ein.

Bettina von Arnim


Bettina von Arnim wurde am 4. April 1785 geboren. Als ich das las, fiel dazu als erstes das Buch Dies Buch gehört dem König ein. Gibt es als schön gemachtes Insel Taschenbuch, herausgegeben von Ilse Staff (und hier im Volltext). Aber dies revolutionäre Buch ist kein Gedicht. Obgleich es häufig sehr poetisch ist. Das erste Gedicht von Bettina von Arnim, das mir einfiel, war natürlich das Gedicht Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!, und das soll heute mein Gedicht des Tages sein:

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet,
Vom Weg durchzogen, der hinüber leitet,
Das weiße Haus inmitten aufgestellt,
Was ist’s, worin sich hier der Sinn gefällt?

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Erstieg ich auch der Länder steilste Höhen,
Von wo ich könnt die Schiffe fahren sehen
Und Städte fern und nah von Bergen stolz umstellt,
Nichts ist’s, was mir den Blick gefesselt hält.

Auf diesem Hügel überseh ich meine Welt!
Und könnt ich Paradiese überschauen,
Ich sehnte mich zurück nach jenen Auen,
Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt,
Denn der allein umgrenzet meine Welt.

Das Gedicht steht in ihrem mehrbändigen Werk Goethes Briefwechsel mit einem Kinde in dem Abschnitt In Goethes Garten. Sie können in das Buch, das aus Originalbriefen, aber auch vielen erfundenen Schreiben besteht, hier hineinschauen. Es ist ein erstaunliches Werk, das dem Fürsten Pückler gewidmet ist (der kommt in diesem Blog immer wieder vor), der nicht nur ein großer Dandy ist und sich finanziell mir seinen Landschaftsparks ruiniert, nein, er fördert auch Dichter. Ganz oben ist ein Bild von Carl Blechen zu sehen. Dies hier ist vielleicht auch eins, man ist sich nicht so sicher. Auf jeden Fall hängt es im Fürst Pückler Museum, das passt doch. Und man kann von dem Hügel auch die Welt übersehen.

Bettina von Arnim bewunderte die Bilder von Carl Blechen, das tat damals nicht jeder. Die wenigen Bewunderer und Käufer seiner Bilder waren Bettina von Arnim, der Kunsthändler Louis Friedrich Sachse (mit dem Blechen einmal nach Paris reiste) und der Verlagsbuchhändler von Decker. Und dann war da noch der Bankier Brose, aus dessen Nachlass die Berliner Nationalgalerie ihre Blechens erworben hat. Bettina von Arnim hat den Plan, eins ihrer Bilder (eine kleinere Fassung dieses Bildes) in einer Lotterie zu verauktionieren (das Los kostet einen Louisdor). Mit dem Geld soll eine Italienreise für den schwerkranken Blechen finanziert werden. Auf keinen Fall soll ihn seine Frau begleiten. Als Begleiter hat sich Bettina den italienischen Arzt und Kunsthistoriker Giovanni Morelli (der hier einen Post hat) auserkoren.

In Italien, wo er seine schönsten Bilder malte, war Blechen glücklich. Jetzt steht er vor dem Wahnsinn. Es wird dunkler um ihn, am Ende bleibt nur die Irrenanstalt. Blechens Frau Henriette (eine gelernte Putzmacherin) kann es nicht ausstehen, dass sich die feine Dame Bettina von Arnim um ihren Mann kümmert. Die feine Dame verachtet wiederum die Schneidermamsell, 10 Jahre älter als er und macht Henriette für den desolaten Zustand des Malers verantwortlich. Wenn ich Ihnen den Namen Blechen nenne, so werden Sie sein Verdienst zu schätzen wissen und auch einen Teil seines Verhältnisses erraten, das ihn in diesen jammervollen Zustand brachte, schreibt sie an Moritz August von Bethmann-Hollweg. Zickenkrieg. Theodor Fontane, der eine Studie über Blechen schreiben wollte, wertet Henriette dagegen auf:

Aber das möchte ich mit annähernder Gewißheit sagen: Wenn es so gewesen ist, so ist nicht die Frau dafür verantwortlich zu machen. Im Gegenteil, nicht nur aus der Handlungsweise der Frau, wie sie sich in ihrem Testament und anderen Dingen ausspricht, sondern namentlich auch aus etwa dreißig mir vorliegenden Briefen und Briefchen der Frau geht hervor, daß es eine sehr gute, sehr verständige und, ich schreibe dies Wort mit allem Vorbedacht nieder, eine sehr edelmütige Frau gewesen ist, ganz schlicht, ganz einfach, ganz ohne 'Höhere Bildung', aber von allergesundestem Menschenverstand, und nicht bloß von richtigem, sondern auch von feinem Gefühl.

Das Bild oben (Nachmittag auf Capri) war einmal im Besitz von Bettina. Bettina fühlt mit, nicht mit Henriette, nur mit dem Maler Carl Blechen: Die Bilder, die er in seiner letzten Zeit gemalt, und worauf eine große Abspannung folgte, waren mit so gewaltiger Phantasie, die, im Zügel gehalten und der Natur treu sich anschmiegend, das Unmögliche auf die Leinwand zauberte. In jedem kleinen Gegenstand spiegelt sich die Aufregung des Gemüts, in dem die Natur wühlt, um ihm begreiflich zu werden. Dabei ist alles aufs innigste mit Fleiß und Demut vollendet und in der Harmonie wie in einem Netz gefangen. Unmöglich ist es, höheres Genie in irgendeinem Kunstwerk jetzt lebender Künstler zu entdecken. Allein, wie dem Fruchtbaum, je edler er ist, auch das Klima um so günstiger sein muß, um ihn vor Verderben zu schützen, so scheint es auch bei dem Menschen der Fall zu sein, dessen Intellektion so vom Genius aufgereizt ist, daß er mehr schafft, als er selber begreift. 

Ich irre nicht, wenn ich Blechens gestörte Organisation dem Mangel an Teilnahme und Begriff seiner Mitwelt zuschreibe. Noch erhitzt von den Steigerungen seines Innern bei so kühnen Visionen prallte er von allen Seiten an das mauerfeste Gefängnis der Philisterwelt, die ihn umgab. Kaltes Mißverstehen, blödsinniges Urteil, neidisches Verzerren seiner gigantischen Versuche machten ihn rasend, und kein Tröpfchen Tau des Einverständnisses sollte ihn erquicken. Entzweiung mit sich selber, Verwirrung seines Instinktes war die Folge! War es optischer Betrug, daß er die Welt so schaute, war er’s allein, dem die kühnen Massen, die er auf die Berge und Felsen pflanzte, so edel und groß erschienen? Und das Licht, das aus seinem Pinsel strömte, sollte das bloß Fiktion sein und keine Wahrheit? Diese Streitfragen haben ihn gewaltiger angegriffen wie wohl keinen anderen, denn sein Alles stand auf dem Spiel, denn er war ganz durchdrungen vom Geist seiner Kunst, es hatte kein anderer Nebenzweck Platz in seiner Seele. 


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