Montag, 11. Juli 2022

die Berufsreise

 
Als Peter Nicolaisen sein Buch über Thomas Jefferson schrieb, sagte er mir, ich müsste unbedingt mal die Lebenserinnerungen der Baronin Riedesel lesen. Ich hatte noch nie von der Baronin Riedesel gehört, ich ging in die Universitätsbibliothek und wühlte mich durch die Karteikarten des Katalogs. Es gab da seit dem 16. Jahrhundert viel über die Familie Riedesel. Aber ich fand das Buch, das ich suchte: Die Berufsreise nach America: Briefe 1776-1783. Erschienen bei Haude & Spener in Berlin 1965. Es war ein Nachdruck der zweiten Auflage von 1801, die damals auch bei Haude & Spener, dem ältesten Berliner Verlag, erschienen war. Es ist die Geschichte der Ehefrau des Generals Friedrich Adolf Riedesel, der von seinem Landesherrn, dem Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel, an die Engländer ausgeliehen worden war und in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ziehen musste. Der gute Herzog Ferdinand, wie Wilhelm Raabe ihn nennt, war hier schon in den Posts Münchhausen und Minden. Ich hatte das Buch gelesen, bevor Peter Nicolaisen sein Buch vollendet hatte. Er fragte mich, ob ich das Korrekturlesen übernehmen würde, bevor er es an Rowohlt schickte, was für mich eine Selbstverständlichkeit war.

Friederike Riedesel, von ihrer Familie manchmal auch Fritze genannt, folgt ihrem Mann nach Kanada und begleitet ihn dann auf dem unglücksseligen Feldzug des Generals Burgoyne, der in der Schlacht von Saratoga mit dem Verlust der ganzen englischen Armee endet. Sie geht mit ihm in die Gefangenschaft und wird da die Nachbarin von Thomas Jefferson, der ihnen sogar beim Hausbau hilft. Zuerst lebten sie in dem Haus von Jeffersons Nachbarn Filippo Mazzei, der in Virginia Wein anbaute: The house where we lived and the whole property belonged to an Italian, who let us live there during his absence, since he intended to be absent for a while. We looked forward longingly to his and his wife’s and daughter’s departure because the house was small, and, moreover, the scarcity of provisions annoyed them. Jefferson kümmert sich wie ein Gentleman um die Gefangenen, die in seine Obhut gestellt sind. Und er verkauft General Riedesel auch noch sein Klavier: Sold my pianoforte to Gen. Riedesel. He is to give me £ 100. Wenn die Familie Riedesel wieder frei ist, bedankt sich der General bei Jefferson: I should conceive it an instance of ingratitude, to leave Virginia without repeating to you my heartiest thanks for every mark of Friendship which you have so kindly testified to me from the first moments of our acquaintance ... I beg you will be assured that I shall ever retain a grateful rememberance [sic] of your assistance and hospitality and deem myself singularly happy, after this unnatural war has ended, to render you any Service in my power as a token of my personal regard for you and your Family. Und er fügt dem Brief hinzu: Madame de Riedesel, who never can forget the esteem and friendship she has so justly consecrated to Mrs. Jefferson, desires me to insert her sincerest compliments both to her and your Excellency. Permit me to add my respects, and to assure you, sir, of the most perfect personal esteem with which I have the honor to be, Sir, Your Excellency’s most obedient and Humble Servant, Riedesel.

Die Berufsreise ist für Riedesel und seine Frau, die ihm in Amerika mehrere Kinder geschenkt hat, mit der Freilassung (und dem Austausch gegen den amerikanischen General William Thompson) noch nicht zu Ende. Sie bleiben noch für zwei Jahre bei den englischen Truppen in Kanada, wo sie angeblich zum ersten Mal in Kanada einen Tannenbaum zu Weihnachten aufgestellt haben. Aber 1783 sind sie wieder in Braunschweig zurück: Die Freude der Wiederfindenden und Wiedergefundenen, und das Trauern derjenigen, die die Jhrigen verlohren hatten und vermißten; alles dieses läßt sich nicht beschreiben, sondern nur fühlen. Den folgenden Tag gingen wir beide nach Braunschweig. Es war an einem Sonntag, wie ich mich noch erinnere, im Herbst des Jahres 1783, als wir dort ankamen; wir speisten bei Hofe, und den Abend sahe ich auf der Cour die meisten meiner dortigen Freunde nach dieser langen Trennung wieder, welches eine große Freude, aber zugleich eine Gemüthsbewegung in mir erregte, die mich bis ins Jnnerste erschütterte.

Es ist ein erstaunliches Leben, über das Friederike Riedesel (die am 11. Juli 1746 geboren wurde) schreibt. Wenn Sie ihre Briefe lesen wollen, brauchen sie nicht in die Universitätsbliothek zu gehen, Sie können sie hier lesen. Den Aufenthalt in Virginia und die Bekanntschaft mit Jefferson erwähnt sie mit keinem Wort, ich weiß nicht so recht weshalb. Die amerikanische Historikerin Friedrike Baer vermutet: Interestingly, Madame never mentioned the Jeffersons in her memoirs, possibly because in 1779 Thomas Jefferson was not as prominent as he would become later. Das kann durchaus so sein. Wäre Jefferson ein General, würde sich die Riedesel anders verhalten. Aber er ist nur Oberst der Miliz, und Gouverneur von Virginia ist er auch noch nicht. Unsere Freifrau aus Wolfenbüttel ist da ein klein wenig borniert gegenüber den Engländern, die jetzt Amerikaner sein wollen. Und nach ihrer Ansicht hat Gentleman Johnny Burgoyne seine Armee auch nur verloren, weil er nicht auf ihren Mann gehört hat: Wenn also General Bourgoyne den Rath des General Riedesel befolgt hätte, so wäre diese Armee für England gerettet worden, die anderswo hatte gebraucht werden können, und wäre derselben viel nachher erlittenes Ungemach dadurch erspart worden.

Samstag, 2. Juli 2022

Circe

Der Professor hatte einen Termin beim Kultusminister. Das würde ein schöner ruhiger Vormittag werden. Dachten wir. Aber dann stand er plötzlich bei uns in der Tür. Ihr kommt mit, sagte er. Alle drei. Ich weiß nicht, wofür er diese drei Mann Eskorte brauchte, aber wir fuhren mit ihm zum Kultusministerium. Als wir da waren, hatte er es sich anders überlegt: Ihr bleibt im Wagen, sagte er und marschierte ins Ministerium. Und da saßen wir nun in dem alten Mercedes, den wir alle kannten, weil wir alle schon einmal Chauffeur für den Professor gespielt hatten. Draußen war es schweinekalt, ein eisiger Wind fegte über die Ostsee. Wir froren, und das Warten war furchtbar langweilig. Bis Paul anfing, ein Gedicht aufzusagen. Er begann langsam, irgendwie kämpfte er noch mit dem Text, aber dann kam sein Vortrag ins Rollen:

Sie kenn' doch Circe? Sie kenn' doch Circe?
Den ersten Zauberer, den es gab mit Schürze
Sie lebte auf 'ner Insel, ferne von Urlaubern
Ganz alleine, denn da konnt'se besser zaubern
Ja, is' wahr, man zaubert besser oft allein
Fällt was aus'm Ärmel, steckt man's wieder rein

Sie kenn' doch Kirke? Sie kenn' doch Kirke?
Den erste Zaub'rer, der gebaut war wie 'ne Birke?
Sie war zwar griechisch, doch sie lebte fern von Griechen
Denn sie konnte nun die Griechen mal nicht riechen
Von dieser Sorte gibt's auch heut' ein ganzes Corps
Das zieht gut und gern Ascona vor

War schlechtes Wetter - vom Himmel tropft es
Circe zauberte sich grad'n Ding, da klopft es
"Nanu?", denkt sie - "Nanu?" denkt sie auf Griechisch
"Das wer'n doch nicht die Platos sein, das wär' ja viechisch!
Immer wenn's mir gemütlich mach' allein
Renn' die Platos mir die Bude ein!"

Sie drückt den Drücker - is' gar nicht Plato
Es is'n Kerl, den sie noch nie gesehen bis dato
Sieht blendend aus, könnte fast der Theo Heuss sein
"Ach du lieber Schreck, das wird doch nicht der Zeus sein?
Der kommt immer so verkleidet
Was eim alles gleich verleidet
Manchmal kommt er gar als Schwan
Wer soll das ahn'!"

Da sprach der Wanderer: "Ich bin ja'n And'rer
Ihr Zeus ist momentan grad' Goldfisch bei Kassandra
Andra moi ennepe!" ruft er und lüpft die Wade
"Sie kennen mich doch sicher aus der Iliade!
Ich bin Odysseus und ich habe mich verirrt
Is' hier die Villa, wo gestripteast wird?"

"Ich mach' Sie aufmerksam", sprach da die Circe
"Sie glauben fälschlich, in der Circe liegt die Würze
Wenn sie Homer gelesen hätten, seh'n Sie Kleinchen
Dann wüssten Sie, ich mach' aus allen Männern Schweinchen
Na, nu sind'se scho'mal da, nu komm'se rein
Und wie das Schicksal spielt, ich habe grad' kein Schwein!"

Da rief der Fremdling: "Halb elf, au weia!
Ich muss nachhaus' zu meinem Weib Penelopeia
Vor ihrer Türe japsen einundzwanzig Freier
Stand im Stern, sie nimmt sie alle in die Heia!"
Aber Circe sprach: "Nu sei nicht doof, mein Kind
Jeder Ochse weiß doch, dass die spinnt!"

Er blieb zum Lunch und zum Diner
Trank vorm Zubettgeh'n brav noch seinen Zaubertee
Und frisch gestärkt, ganz ohne Sorgen
Erschien zum Frühstück er und grunzte: "Guten Morgen!"
Dann kam der Sommer, der Winter gar
Im Ganzen blieb das Kerlchen, glaub' ich, siebzehn Jahr'
Und wurde faul, und schlief oft ein
Zu der Zeit war er schon ein ziemlich altes Schwein

Da rief er plötzlich: "Halb zwölf, au weia!
Ich muss nach Haus' zu meinem Weib Penelopeia!"
Da sprach die Callas - ooch, ich mein' natürlich Circe:
"Geh Onasseus, nicht mehr lange warten wird'se!"
Happy End? Nee, Talent! Doch füg' ich bei:
Schwein muss man haben bei der Zauberei

Toi-toi toi toi!
Toi-toi toi toi!
Brion, brion!

Ich weiß jetzt nicht mehr, ob der Paul genau diesen Text vorgetragen hat. Dies hier ist der Text, den Hanne Wieder gesungen hat. Friedrich Hollaender hatte das Chanson für sie geschrieben. Unser Professor kam wenig später zum Auto zurück. Unverrichteter Dinge, mit stinkiger Laune. Und dabei war der Kultusminister sein Parteifreund. Wenn es für ihn auch ein verlorener Vormittag war, für mich blieb die Erinnerung an dieses freche Gedicht von Circe und Odysseus. 

Wenn Sie mehr über Circe wissen wollen, dann kann ich den Bestseller Ich bin Circe von Madeline Miller empfehlen. Er wird bei Amazon mit dem Zusatz Eine rebellische Neuerzählung des Mythos um die griechische Göttin Circe versehen, die Romanheldin heißt je nach Erscheinungsland des Buches Crice, Circé oder Kirke. Auch wenn Sie die Geschichte schon aus der Oyssee, von Gustav Schwab oder von Robert Ranke Graves kennen, man kann ihr immer noch Neues abgewinnen. Lassen Sie sich von Madeline Miller becircen.

Freuds Prinzessin

Eine Dame auf der Couch eines Psychiaters. Sie sagt ihm gerade: Ich hatte Mörder gerne, sie kamen mir interessant vor. War mein Großvater nicht selbst einer, als er den Journalisten Victor Noir tötete? Und mein Urgroßonkel, Napoleon, was für ein monumentaler Mörder! Sie heißt Marie Bonaparte und ist eine Prinzessin. Der Psychiater heißt Sigmund Freud, die Prinzessin hat ihm die Flucht aus Österreich ermöglicht. Dies ist natürlich eine Filmszene, Sie können den Film, in dem Catherine Deneuve die Prinzessin Bonaparte spielt, hier sehen. 

Im Jahre 1907 hat Marie Bonaparte einen Prinzen geheiratet. Der kommt aus einem Land, das gerade den Staatsbankrott erklärt hat. Der Bankrott wird mit den Worten von den lieben, nie zahlenden Griechen in Fontanes Stechlin erwähnt. Der Prinz hat kein Geld, aber einen Titel. Das Geld hat sie. Nicht aus der Familie ihres Urgroßonkels Napoleon, das Geld kommt vom Opa mütterlicherseits, der die Spielbank von Monte Carlo gegründet hat. Die Prinzessin ist nicht nur Freuds Patientin, sie ist auch seine Schülerin und wird selbst Psychoanalytikerin werden. Und sie interessiert sich für Mörder. Unter dem Einfluss des Soziologen Gustav Le Bon besucht sie Mordprozesse und schreibt Bücher wie  Der Fall Lefebvre: Zur Psychoanalyse einer Mörderin.

Sie schreibt aber noch über jemand anderen, über einen Schriftsteller, in dessen Welt Mord und Wahnsinn eine Rolle spielen: And much of Madness and more of Sin And Horror the soul of the plot. Sie veröffentlicht 1933 eine  psychoanalytische Studie über Edgar Allan Poe (hier die deutsche Übersetzung des Buches). Ihr Freund Sigmund Freud schreibt einige nette Zeilen für das Vorwort: Meine Freundin und Schülerin Marie Bonaparte hat in diesem Buch das Licht der Psychoanalyse auf das Leben und das Werk eines großen krankhaft gearteten Dichters fallen lassen. Dank ihrer Deutungsarbeit versteht man jetzt, wieviel von den Charakteren seines Werkes durch die Eigenart des Mannes bedingt ist, erfährt aber auch, daß diese selbst der Niederschlag starker Gefühlsbindungen und schmerzlicher Erlebnisse seiner frühen Jugend war. Solche Untersuchungen sollen nicht das Genie des Dichters erklären, aber sie zeigen, welche Motive es geweckt haben und welcher Stoff ihm vom Schicksal aufgetragen wurde. Es hat einen besonderen Reiz, die Gesetze des menschlichen Seelenlebens an hervorragenden Individuen zu studieren.

Man hätte Marie Bonaparte vielleicht vergessen, wenn sie nicht 2004 von Catherine Deneuve gespielt worden wäre. Ihr Leben reicht nicht nur für einen in Wien gedrehten dreistündigen Fernsehfilm, es reicht für mehrere Romane. Nachdem Freud 1938 mit der Couch aus seinem Wiener Behandlungszimmer nach London gekommen war, versuchte die Prinzessin, griechische oder französische Visa für seine Schwestern in Wien zu bekommen, es ist ihr nicht gelungen. Freuds vier Schwestern wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet.

Diesen apulischen Glockenkrater aus dem vierten Jahrhundert hatte die Prinzessin, die heute vor einhundertvierzig Jahren geboren wurde, Sigmund Freud geschenkt. Sie wusste, dass er Antiken liebte, noch mehr als seine ZigarrenIch arbeite in einem großen, ruhigen Parterreraum mit Bergaussicht an der Vervollständigung meiner Traumarbeit. Meine von Dir so wenig anerkannten alten und dreckigen Götter beteiligen sich als Manuskriptbeschwerer an der Arbeit, schreibt Freud 1889 an seinen Freund Wilhelm Fließ. Das Geschenk der Prinzessin war ein Prunkstück seiner Sammlung, von der er dank der Prinzessin einen großen Teil hatte nach London mitnehmen können. Die Sammlung ist heute zum größten Teil im Freud Museum in London zu sehen. Die berühmte Couch auch. Der apulische Glockenkrater nahm nach Freuds Tod seine Asche auf, das hatte sich seine Familie so gewünscht. Vor acht Jahren wurde er von Dieben bei einem Einbruch im Krematorium von Golders Green schwer beschädigt. Wussten die Einbrecher, was sie taten?

ce n'est jamais fini

In dem Post Print on Demand hatte ich darüber geschrieben, wie ích mir bei einem Print on Demand Verlag ein kleines Buch gebastelt habe. Das Dutzend Exemplare von souvenirs et regrets war schnell an Freunde verschenkt. Es gab Kritik und Anregungen, viele der Beschenkten kannten die Frau, von der diese drei Schnappschüsse die Rückseite zierten. Ich nahm alle Kritik zur Kenntnis, aber ich befolgte erst einmal Montaignes Satz j'adjouste, mais je ne corrige pas. Kaum war das Ganze gedruckt, da überlegte ich mir, ob man das nicht noch besser machen könnte. Man hört ja nie auf zu schreiben, ich auf jeden Fall nicht. Es ist zu verlockend, etwas zu ergänzen. Das Desktop Publishing verführt dazu. Ich hatte die vier Geschichten von der schönen Buchhändlerin in den zusammengeschnipselten Roman eingefügt, und da sollten noch kleine Deails hinein, um der Heldin noch ein klein wenig mehr Eigenleben zu geben. Kleine Sätze wie: Sie hatte damals nicht nur den R4 behalten, sie hatte auch noch ein halbes Dutzend von seinen großen hellblauen Hemden. Als er ihr einmal nachts sagte, sie könne nicht immer nachts nackt in seiner Wohnung herumlaufen, hatte sie eins der Hemden angezogen. 'Das ist nun noch nackter als vorher', sagte er. Das fand sie auch, deshalb klaute sie ihm die Hemden und trug sie zuhause. Immer nackt.

Der Lektüre von Anna Karenina verdankte ich den Satz il ne faut jamais rien outrer, den ich meiner Buchhändlerin in den Mund legte. Immer, wenn ich mich ein wenig langweilte und nicht gerade das ebay das Angebot von italienischen Hemden durchforschte, holte ich das Manuskript aus der Ablage und schrieb ein bisschen darin herum. Der Text sollte nicht länger werden als achtzig bis neunzig Seiten, wenn etwas dazu kam, flog an anderer Stelle etwas heraus. Nun habe ich das überarbeitete Manuskript, was soll ich damit machen? Wieder liegenlassen? Wieder umschreiben? Ich stelle heute zum Pfingstfest einmal das neue Vorwort in den Blog und wünsche Ihnen ein frohes Pfingstfest. Was dann mit dem Text wird, wird man sehen, da lasse ich erstmal Doris Day Que sera, sera singen.

          deuxième édition

Ich hatte diese kleine Liebesgeschichte geschrieben, eine Geschichte, wie sie in meinem Blog Silvae im Internet immer wieder auftaucht, abgesehen davon, dass die Geschichte diesmal autobiographisch war. Ich suchte noch ein ganz bestimmtes Chanson, das ich dem Ganzen voranstellen wollte. Zeilen aus französischen Chansons waren schon durch den ganzen Text gelaufen, also Dinge wie Et maintenant que vais-je faire?Ne me quittez pasDis, quand reviendras-tu?Parlez-moi d'amour. Der Text wurde beim Schreiben immer länger, aber der Titel des gesuchten Chansons war mir immer noch nicht eingefallen. Ich wusste, worum es im dem Lied ging, das würde perfekt meinen Text abrunden. Alles, worüber ich schrieb, stand in diesem Chanson.

Auch wenn ich, wie Urs Widmer das so schön gesagt hat, ein Erinnerungselephant bin, der Kopf blieb leer. Ich machte mir keine Sorgen, ich schrieb nicht unter Zeitdruck. Irgendwann kommt alles wieder. Dann sah ich bei arte den wunderbaren Film Un dimanche à la campagne von Bertrand Tavernier. Den besitze ich zwar auf einer DVD, und die Romanvorlage Monsieur Ladmiral Va Bientot Mourir von Pierre Bost habe ich auch gelesen, aber ich schaute mir den Film noch einmal an. Weil ich den anrührenden Schluss sehen wollte, wo der alte Monsieur Ladmiral eine neue Leinwand auf die Staffelei stellt, und die Kamera durch die Balkontür in den Park hinausfährt. Und wir wissen, er wird jetzt dieses Bild malen, das er immer malen wollte. Oder sterben. Als die bezaubernde Sabine Azéma zum erstenmal im Film erschien, fragte ich mich, warum die eigentlich nie in einem Film von François Truffaut war. Und in dem Augenblick machte es in meinem Gehirn klick, und eine Stimme, die nur ich hören konnte, sagte: Baisers volés.

Das war es, ich hatte das Chanson gefunden. Am Anfang von Truffauts Film Baisers Volés wird es von Charles Trenet gesungen, der den Text auch geschrieben hat. Seine erste Aufnahme zu dem Lied, das Léo Chauliac komponiert hatte, stammt aus dem Jahre 1942. Chauliac begleitete Trenet damals bei seinen Auftritten am Klavier, und gemeinsam schrieben sie Trenets größten Erfolg La mer. Aus Trenets Chanson Que reste-t-il de nos amours brauchte ich nur den Refrain:

Que reste-t-il de nos amours
Que reste-t-il de ces beaux jours
Une photo, vieille photo
De ma jeunesse
Que reste-t-il des billets doux
Des mois d' avril, des rendez-vous
Un souvenir qui me poursuit
Sans cesse
Bonheur fané, cheveux au vent
Baisers volés, rêves mouvants
Que reste-t-il de tout cela
Dites-le-moi


Trenet genügten zwölf Zeilen, um nostalgisch das Liebesleid zu beschreiben. Ich brauchte für meine Liebesgeschichte über diese Frau, die ich Ingrid genannt hatte, viel mehr. Bevor die Geschichte in einem kleinen Print on Demand Verlag gedruckt wurde, schickte ich sie erst einmal an einige Testleser, das hatte ich immer so gemacht, old men forget. Als ich meine Autobiographie zu schreiben begann, hatte ich beschlossen, Freunde und Bekannte von Anfang an zu beteiligen. Und vielleicht auch ein wenig auszubeuten. Aber nur ein klein wenig. Hätte ich all das gesammelt, was sie mir schrieben (und häufig waren ihre Erinnerungen viel genauer und schöner als meine), hätte ich ein zweites Buch fertig. Mein Text hatte bei vielen einen mäeutischen Effekt, wie Peter das nannte. Viele meiner Testleser begannen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und darüber zu schreiben, memory hold-the-door

Raymond Chandler hat das Wort cannibalizing dafür gebraucht, dass er aus älteren Geschichten neue Geschichten oder Romane machte. Und dieses cannibalizing wurde auch zu meiner Methode, ich bediente mich reichhaltig an dem, was ich in meiner erst einmal zur Seite gelegten Autobiographie Bremensien und in meinem Blog Silvae über die belle inconnue geschrieben hatten. Die Erzählungen über die schöne Buchhändlerin, eine Figur, die ich erfunden hatte, wanderten auch in den Text. Dort schrieb ich ein anderes Leben für sie. Irgendwie haben sie vielleicht etwas mit der Ingrid zu tun, ich habe das Gefühl, sie glaubt das.

Und dann kamen noch Briefe von ihr in den Text, da ich gerade beim Aufräumen all ihre Briefe in einer Kommodenschublade wiedergefunden hatte. Schöne Briefe, immer mit blauer Tinte auf grauem Papier geschrieben, sie hatte offenbar keine Schwierigkeiten mit dem Füllfederhalter. Ich komme damit nie zurecht, ich besitze mehrere Pelikan Füller, aber sie hassen mich, ob sie eine Goldfeder haben oder nicht. Ich tippte jetzt einzelne Briefstellen in das Ganze, die schöne Frau sollte ja auch zu Wort kommen. Einmal hat sie Goethe ins Französische übersetzt: Seul celui qui connaît la nostalgie, sait ce que j'endure. Solitaire et sevrée de toute joie. Je regarde le firmament De l'autre côté. Ah ! qui m'aime et me connaît, Est dans l'immensité. Sie schreibt einen ironischen Satz dazu, aber ich weiß, dass sie das mit der Einsamkeit und der Sehnsucht todernst meint.

Auch wenn Sie damals irgendwo in Frankreich war, wir sind uns nah. Sie schreibt immer wieder, mit Anreden wie Mon tendre ami und Mon Amour. Der kürzeste Brief, den ich von ihr bekomme, enthält nur zwei Sätze und den Teil eines Gedichts: Es ist so schwer, Dir zu sagen, daß ich Dich liebe. Ich habe es noch nie getan. Liebe muss rein in eine Liebesgeschichte, den Sex lassen wir mal aus. Dafür habe ich mein Kunstgeschöpf, die schöne Buchhändlerin. Die darf nackt unter der Dusche L'amour est un oiseau rebelle Que nul ne peut apprivoiser singen. Und andere Sachen machen, die Geschichten mit ihr sind noch nicht zuende, ich schreibe gerade wieder an einer. Man schreibt immer  an irgendwas. Warum nicht über Frauen?

Ein Freund sagte mir nach der Lektüre der ersten Version von souvenirs et regrets, es sei zwar glänzend geschrieben, aber es hätte eine sehr seltsame Form, und er vermisse die Seitenzahlen. Seitenzahlen hatte ich vergessen, ein Vorsatzblatt auch. Dafür entschuldige ich mich schon mal. Dies alles sind Schnipsel eines Lebensfilms, dessen Regisseur ich nicht war, ich füge nur die Filmschnipsel zusammen. Weil ich eben kein richtiger Romanautor bin, weil mir der epische Atem fehlt, das habe ich schon in romancier manqué gesagt, einem Post, der direkt in diesen Text gewandert ist. Aber vielleicht ist die schnipselige Struktur schon angebracht, sagt uns doch Montaigne: Wir sind alle aus Flicken zusammengesetzt und das so ungestalt und kunterbunt, dass jedes Stück jeden Augenblick ein eigenes Spiel treibt.

Jetzt bin ich am Überarbeiten, nur für mich und ein paar andere, die happy few. Und natürlich für sie, wieder zum Geburtstag. Oder zu Weihnachten. Ich bin noch nicht zufrieden mit dem Text, man ist nie zufrieden mit dem Text. Ich will auch unter hundert Seiten bleiben. Ich feile und poliere, aber schnipselig bleibt es immer noch. Noch kann ich Montaignes Satz J'ay faict ce que j'ay voulu: tout le monde me recognoist en mon livre, et mon livre en moy nicht unter das Ganze schreiben.

Aber ich habe ja noch Zeit, mich hetzt niemand, ihr Geburtstag ist noch in weiter Ferne, Weihnachten auch. Ich kann schreiben, streichen und umschreiben, soviel ich will. Das ist der Vorteil des Desktop Publishing. Wenn ich mit der Schreibmaschine schriebe, würde ich jetzt viel Tippex brauchen. Ich lasse meine Romanfigur Ingrid mit ihren Ballerinas über die schlammigen Feldwege in Zetel balancieren, in jenem nassen Frühjahr, als ich mich in sie verliebte und sie in der kleinen Kirche photographiert habe. Ich lasse sie in der Nacht am Meer Sternschnuppen zählen und auf das Meeresleuchten warten. Ich bin der Herr über den Text. Aber da ich, wie gesagt, kein richtiger Romanautor bin, erfinde ich kaum etwas, alles ist irgendwie wahr. Manchmal mache ich ein wenig von der poetic licence Gebrauch, die jedem Autor zusteht. Doch die schlammigen Feldwege hat es gegeben, die Sternschnuppen auch. Ich lasse allerdings vieles aus. Nicht alles im Leben ist schön, und die schöne Frau ist nicht immer lieb wie eine Katze (wie sie mal geschrieben hat). Es gibt in einem halben Jahrhundert mehr schlammige Feldwege als Sternschnuppen.

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dieses kleine Buch zu machen. Aber der Georg, der uns allen Cricket beigebracht hat (was Ingrid überhaupt nicht gefiel: Gott, ist das langweilig, wir hätten lieber zum Strand fahren sollen), und der jeden Tag alle Tippfehler aus meinem Blog herauskorrigiert, hat mir gesagt, ich würde soviel über Frauen schreiben, damit könnte ich schon einen eigenen Blog füllen. Habe ich sofort getan, der neue Blog, in dem Malerinnen, Schriftstellerinnen und Schauspielerinnen versammelt sind, heißt femmes, ist eigentlich sehr schön, wird aber kaum gelesen. Georg hatte das allerdings gar nicht so gemeint, wie mir später klar wurde; er hatte gemeint, dass es für alle diese Posts über die Frau, die ich Ingrid genannt hatte, eigentlich einen Blog geben müsste. 

Wie immer sie wirklich heißt. Die Photos von ihr im Netz habe ich am Computer verändert, und vielleicht ist das, was ich schreibe, auch nur eine Adobe Photoshop Fälschung. Ist es wahr, dass die Vergangenheit nur das photographische Negativ ist, das in der Gegenwart entwickelt wird? Ich habe schon vor Jahrzehnten in meinem kleinen Photolabor im Keller gelernt, dass man mit Photographien viel machen kann. Dass man mit Wörtern viel machen kann, lernte ich beim Schreiben von Liebesbriefen. Was ich jetzt schreibe, ist auch une photo, vieille photo de ma jeunesse. Und ihrer jeunesse auch.

In dem Augenblick, als ich merkte, dass der Georg etwas ganz anderes gemeint hatte als den Blog femmes, rief mich mein Freund Yogi aus den USA an und sagte mir, er hätte da eine tolle Idee. Man könnte aus den vielen kleinen Ingrid Posts im Internet einen kleinen Roman machen, er würde den auch verlegen. Er hätte auch schon Ideen, wie der Roman anfangen sollte. Ich sagte, ich würde es mir überlegen. Ich hasse es, wenn andere für mich Ideen haben, auch wenn es gute Ideen sind. Ich schlief unruhig in der Nacht, aber ich hatte keine Albträume. Am nächsten Morgen guckte ich mir an, was ich in den letzten zehn Jahren über die Frau geschrieben hatte. Dann stopfte ich mir eine Pfeife und fing mit dem cannibalizing an. Und dann stellte ich die Strophe aus dem Chanson von Charles Trenet vor das Ganze. Denn alles, was ich schreiben wollte, steht schon hier. Es ist doch immer dieselbe Geschichte.
 

Happy Birthday, Prunella Scales

Hier steht die englische Königin neben dem Direktor der königlichen Gemäldesammlung Sir Anthony Blunt. Sie diskutieren über die Echtheit eines Gemäldes. Blunt sagt gerade: Because something is not what it is said to be, Ma'am, does not mean it is a fake. It may just have been wrongly attributed. Sie wissen natürlich, dass das hier nicht die englische Königin ist, das ist die Schauspielerin Prunella Scales, die Queen Elizabeth in dem Theaterstück A Question of Attribution von Alan Bennett spielt. James Fox, den Sie schon in dem Post The Go-Between an der Seite von Dirk Bogarde sehen können, spielt den Kunsthistoriker Sir Anthony Blunt. Zu dem Theaterstück gab es hier schon vor Jahren den Post (Sir) Anthony Blunt, in dem man auch den wunderbaren Film A Question of Attribution anklicken konnte. Es geht in dem Film nicht nur um die Echtheit eines Tizian Gemäldes, es geht auch um Sir Anthony. Denn es ist langsam ans Licht gekommen, dass der Direktor der königlichen Gemäldesammlungen und des Courtauld Institutes in Wirklichkeit seit den dreißiger Jahren ein sowjetischer Spion ist. Der Verrat an England ist ein Theme, das bei Alan Bennett gut aufgeehoben ist, er behandelt es in An Englishman Abroad und anderen Theaterstücken.

Prunella Scales ist am 22. Juni neunzig Jahre alt geworden. Dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Sie hat viele Rollen in ihrem Leben gespielt, aber ewig in Erinnerung bleibt sie als die englische Königin in A Question of Attribution und als Sybil Fawlty. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an die schreiend komische Sitcom Fawlty Towers erinnern. Da ist sie die Ehefrau von Basil Fawlty, den wir besser als John Cleese kennen: I feel very grateful for Sybil. 'Fawlty Towers' was very hard to make, but it was very stimulating. Es hat zwölf Folgen gegeben, sie sind zu Klassikern des englischen Humors geworden: It's strange how 'Fawlty' has become a perennial. I keep meeting new generations of schoolboys who know the lines better than I did when I said them. The program has sensational sales in video. I'm mercifully on a small percentage, hat sie einmal gesagt. Und sie hat auch gesagt, dass die Drehbücher von John Cleese schon Klassiker seien: I shouldn't be surprised if John Cleese's scripts don't become set texts for examinations-they're classics. And I can't tell you how service in English hotels has improved since 'Fawlty Towers.' Was den Service in englischen Hotels betrifft, so hat es einen Chaoten wie Basil Fawlty wirklich gegeben. Cleese war mit der Monty Python Truppe in seinem Hotel untergebracht. Er sei der unflätigste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen ist, hat John Cleese gesagt. Und ihn in die Serie geschrieben.