Sonntag, 27. September 2026

The Missfits

Nein, das ist kein Tippfehler, das soll wirklich so heißen. Den Film The Misfits gab es hier schon einmal, heute müssen wir mal eben über Helma Langanke reden. Helma Langanke ist kein Alter Ego, aber ich mag sie sehr. Privat trink ich auch Alkohol, aber eigentlich nur Rotwein im Winter und Weißen im Sommer. Bier nur bei Fahrradtouren und Weißweinschorle nur, wenn es sonst nix Leckeres gibt. Rosé sehr selten. Trinken ist ne Wissenschaft. Älter werden ist natürlich ein Thema, auch privat. Meistens vergesse ich es, weil ich so viel zu tun habe oder weil andere Dinge wichtiger sind. Aber dann, ganz plötzlich, kommt mir ein Spiegel in die Quere und ich denke: Huch! Ach ja, klar, du bist ja älter als vor 10 Jahren. Und natürlich beim Extrem-Creming unter der Dusche, wenn ich die Problemzonen so sehe, dann fällts mir auch wieder ein. Aber sonst? Isses eigentlich gut so. Ich finde, ich werde netter, je älter ich werde, und wenn das so weiter geht, bin ich mit 70 total gut drauf! Punkte in Flensburg und schlechte, teure Fotos, die man von mir und meinem Bus auf der Bahn geschossen hat, sind auch im richtigen Leben mein Problem. Ich bin einfach zu schnell für die Autobahnen. Aber drink and drive is nicht!!! So stellt sich uns eine Schauspielerin vor, die in der Kabarettnummer →Lappen weg – Frauen ohne Regeln die Studienrätin Helma Langanke (im Photo oben links) spielt. 

Vier Frauen ohne Führerschein im Ruhrgebiet, Fahren ohne Führerschein – Leben ohne Führer – Lieben ohne Schein stand noch auf dem →Programm. Sie wissen natürlich, dass Helma Langanke in Wirklichkeit →Gerburg Jahnke ist. Ihr Schwester Jutta (unten rechts) spielt die Polizistin Ellen Weiss. Lappen weg war für Gerburg Jahnke nach zwanzig Jahren ✺Missfits ein Neuanfang. Sie ist noch immer im Geschäft, wenn man einmal ganz schlimm Feminismus hatte, geht das nie wieder weg.

Als sie die Helma Langanke spielte, schrieb sie in ihr →Tagebuch: 20 jahre lang war ich eine missfits – oder läßt man das s am ende weg in der einzahl? was in dieser zeit passiert ist, hat mich geprägt und erwachsen werden lassen. gut so! davor habe ich einen fast üblichen bildungsweg eingeschlagen: geboren in osterfeld. ja, das ist ein stadtteil von oberhausen und außerdem ist es osterfeld. vater untertage, großvater auch, aber ich war ein mädchen. später gymnasium – erst eins und nach dem rausschmiß halt ein anderes. dann das studium.ich hatte die absicht, kunstlehrein zu werden, war an der akademie in düsseldorf und münster und habe außerdem germanistik studiert. tagsüber aktzeichnen, abends trinken, rauchen, reden – ein wunderbares studium. schon als studentin habe ich angefangen, in verschiedenen schulen zu unterrichten und bald war zumindest klar, was ich nicht wollte: lehrerin werden! also folgte dem ersten staatsexamen kein zweites. Da sind wir aber dankbar, dass sie das geworden ist, was sie ist.

Ich war von Anfang ihrer Karriere an ein Fan von ihr, weil der WDR dankenswerterweise alles von den Missfits übertrug; ich habe sogar ihre Bücher im Regal stehen. Und ich bin YouTube dankbar, dass man Gerburg Jahnke und Stephanie Überall immer wieder sehen kann. Falls Sie die beiden nicht kennen sollten, schauen Sie ✺hier doch einmal hinein. Nicht jedem haben ihre Programme gefallen, in der Taz stand 1993 ein humorloser Verriss von der Seereise der Missfits. Das wird Gerburg Jahnke nicht mehr interessieren, sie ist gerade ausgezeichnet worden. Nicht mit irgendeinem Kleinkunstpreis, die hat sie schon alle. Diesmal war es vor drei ✺Tagen das Bundesverdienstkreuz, den ihr der Bundespräsident überreichte. Ich finde, das hat sie verdient. Die schrille gelbe Hose hat sie sich nicht für diesen Anlass gekauft, die hatte sie schon vor →Jahren. Für Interessenten von Damenmode: die Hose ist wahrscheinlich von Essentiel Antwerp.
 

Sonntag, 20. September 2026

Blondes makes the best victims

Die Vögel (Originaltitel The Birds) ist ein US-amerikanischer Horrorfilm von Alfred Hitchcock nach der gleichnamigen Kurzgeschichte der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Er kam am 28. März 1963 in die US-amerikanischen und am 20. September 1963 in die deutschen Kinos. Der Film markiert nach Der unsichtbare Dritte (1959) und Psycho (1960) einen weiteren Höhepunkt in Hitchcocks Spätwerk. 

Steht so bei der Wikipedia. Als ich jung war, hielt ich Daphne du Maurier für eine Französin. Ich hatte mir im Pariser Gare du Nord in der Nacht eine Paperbackausgabe von L'auberge de la Jamaique gekauft und wartete auf den Nordexpress. Der fuhr um zehn in Paris ab und war morgens um acht in Bremen. Ich kannte die Strecke, meine Freundin arbeitete als au pair in Paris. Dass die Autorin eine Engländerin war, habe ich erst Jahre später gemerkt. Was ich gekauft hatte, war die französische Übersetzung von Jamaica Inn. Ein Roman, den Alfred Hitchcock verfilmt hat. Und um Hitchcock geht es heute, denn vor dreiundsechzig Jahren erlebte der Film Die Vögel seine deutsche Erstaufführung. Habe ich damals nicht gesehen, ich war beim Bund. War im Manöver, September bedeutete immer Manöver. Ich war auch nie wirklich ein Hitchcock Fan. Ich favorisierte französische Filme. Ich weiß nicht, ob mein Französisch in den zehn Stunden im Nordexpress durch die Lektüre von L'auberge de la Jamaique besser geworden ist, aber ich lernte auf jeden Fall eine Vielzahl von Synonymen des Wortes Nebel kennen. Die Paperbackausgabe habe ich immer noch.

Daphne du Maurier, die mit dem ziemlich unfähigen General Sir Frederic Browning verheiratet war (der hier schon in den Posts Militärisches Schuhwerk und Barett vorkommt), hat nicht nur Jamaica Inn geschrieben. Sie hat auch die Kurzgeschichte →The Birds geschrieben, die Hitchcock für seinen Film benutzt hat. Die habe ich für Sie im Origialtext. Zu dem Film →Die Vögel gibt es heute ein kleines Haiku von Uli Becker aus seinem Band Frollein Butterfly, in dem er uns 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei serviert, von denen ich mal eben (aus meinem nummerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock
.

Und ich spendiere noch einen Post, der hier schon mal im Blog stand. Wenn man schon beinahe dreieinhalbtausend Posts geschrieben hat, dann darf man auch mal einen alten Post wieder hervorholen. Zumal der wirklich gut ist:

Das hat sie nun davon, dass sie blond ist. Da liegt sie auf dem Boden, ein hilfloses Opfer. Attackiert von Vögeln, eine Variation der Geschichte von Leda und dem Schwan. Man hatte der naiven Blondine versprochen, dass in dieser Szene nur Attrappen von Vögeln zum Einsatz kommen, aber der Regisseur lässt auf dem Dachboden →echte Vögel auf die Blondine los (the mechanical birds aren’t working, so we’re going to have to use live ones). Der Regisseur hat seine Freude daran, Blondinen zu quälen.

Blondes make the best victims. They’re like virgin snow that shows up the bloody footprints, hat er gesagt. Der Regisseur heißt natürlich Alfred Hitchcock, und wir reden hier von dem Film ✺The Birds, der vor dreiundsechzig Jahren in den USA anlief. Die Schauspielerin Tippi Hedren durfte noch ein zweites Mal bei Hitchcock in dem Film Marnie mitspielen. In dem Film gibt es eine ✺Vergewaltigungszene in der Hochzeitsnacht. Nicht durch Vögel, diesmal durch Sean Connery. 

A man taking his frigid, unattainable bride by force was Hitchcock's fantasy about me, hat Tippi Hedren dazu gesagt. Was sie bei den Dreharbeiten von The Birds ertragen musste, wurde bei Marnie noch schlimmer: He stared at me and simply said, as if it were the most natural thing in the world, that from this time on, he expected me to make myself sexually available and accessible to him – however and whenever and wherever he wanted. That was the moment, after almost three years of trying to cope, when I finally had enough – that was the limit, that was the end.

In ihrer →Autobiographie aus der dieses Zitat stammt, hat Hedren noch mehr über Hitchcock zu sagen, der wie ein Vorläufer von →Harvey Weinstein daherkommt. Hitchcock hat der Tochter von Tippi Hedren (die später unter dem Namen Melanie Griffith Schauspielerin wurde) nach den Dreharbeiten von The Birds eine Puppe geschenkt, die eine perfekte Nachbildung ihrer Mutter war. Und auch ein grünes Kleid hatte, wie Tippi Hedren es in dem Film trug. Die Puppe lag in einem kleinen Sarg. Kann man perverser sein?

Hitchcock und Blondinen, ein unerschöpfliches Thema. Auf François Truffauts Frage In other words, what intrigues you is the paradox between the inner fire and the cool surface in dem berühmten ✺Interview sagt Hitchcock: Definitely, I think the most interesting women, sexually, are the English women. I feel that the English women, the Swedes, the north­ern Germans, and Scandinavians are a great deal more exciting than the Latin, the Italian, and the French women. Sex should not he ad­vertised. An English girl, looking like a school­ teacher, is apt to get into a cab with you and, to your surprise, she’ll probably pull a man’s pants open. Wir kennen eine Variante dieser Szene aus →To Catch a Thief.

Dass Hitchcock seine blonde Hauptdarstellerin aus The Birds sexuell belästigt und bedrängt hat, war allgemein bekannt. Dass er ihre Karriere ruinierte, auch. Sie war nicht die erste, sie könnten jetzt mal eben den Post Vera Miles lesen. Ich hätte da auch noch ein schönes Zitat von dem Regisseur, der seine Schauspieler als cattle bezeichnete: I always believe in following the advice of the playwright Sardou. He said, 'Torture the women!' The trouble today is that we don't torture women enough. 

Dies hier sind nicht Hitchcock und Tippi Hedren, dies ist eine Szene aus dem Theaterstück →Hitchcock Blonde. Die kühle Blonde aus The Birds hat sich lange mit Vorwürfen zurückgehalten, aber in ihrer Autobiographie →Tippi: A Memoir nahm sie kein Blatt vor den Mund: I couldn’t tell anyone. It was the early 1960s. Sexual harassment and stalking were terms that didn’t exist… Besides, he was Alfred Hitchcock… and I was a lucky little blonde he’d rescued from relative obscurity.

Von Vögeln und Sean Connery attackiert zu werden ist das eine, nackt in der →Dusche erstochen zu werden, das andere. Ernst Callenbach schrieb 1960 im →Film Quarterly über ✺Psycho: It imperceptibly shifts to a level of macabre pathology, unbearable suspense, and particularly gory death. In it, indeed, Hitchcock's necrophiliac voyeurism comes to some kind of horrifying climax. Phallic-shaped knives swish past navels, blood drips into bathtubs, eyes stare in death along the floor, huge gashes appear in a man's amazed face, and so forth. Vielleicht soll man das mit dem necrophiliac voyeurism mal fett setzen. 

Und wenn Sie fragen, was diese junge Dame hier soll: das ist →Marli Renfro, das Körperdouble von Janet Leigh in der ✺Duschszene. Ursprünglich wurde Renfro nur für zwei oder drei Tage gebucht. Am Ende wurden es anderthalb Wochen. Sieben Drehtage, fast ein Drittel der Zeit, die Leigh am Set von "Psycho" verbrachte. Für eine einzige, dreiminütige Szene. Bei den Dreharbeiten wussten nur wenige, wer die rothaarige junge Frau mit den türkisfarbenen Augen war, die Tag für Tag splitternackt über das Studiogelände spazierte. Die überzeugte Nudistin zog die Blicke auf sich, wenn sie sich völlig unbekleidet mit Hitchcock unterhielt, der stets einen dunklen Anzug trug. Oder wenn sie vor der versammelten Presse Dehnübungen veranstaltete, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Das Pech für Tippi Hedren war, dass die kein Körperdouble hatte. Das wollte Hitchcock auch nicht haben, er wollte die Vögel auf sie loslassen, Blondes make the best victims. ✺Marli Renfro ist heute achtundachtzig. Ihr →Name taucht im Film Psycho nicht auf, nicht mal kleingedruckt im Abspann. Das einzige Mal, dass man ihren Namen auf der Leinwand sehen kann, ist 1962 in Coppolas erstem  Film ✺Tonight for Sure. Es hat viele Jahre gedauert, bis Hitchcock zugab, dass die nackte Frau in der vielleicht berühmtesten Filmszene der Welt nicht Janet Leigh war. Und es hat noch länger gedauert, bis Renfros Name bekannt wurde. In dem ✺Dokumentarfilm über die Duschszene von Alexandre O. Philippe aus dem Jahr 2017 ist sie allerdings dabei. 

Der Amerikaner Peter Swanson hat am Trinity College und der University of Massachusetts in Amherst studiert und vom Emerson College einen Master of Fine Arts bekommen. Obgleich der akademische Grad für Poetry war, schreibt er wenig Gedichte, er schreibt Romane. Er musste beinahe zehn Jahre warten, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand. Jetzt ist er ein Autor von Kriminalromanen, die in dreißig Sprachen übersetzt sind. Und er hat eine Vielzahl von Gedichten über Hitchcock Filme geschrieben, für jeden Film eins. Die sind aus unerklärlichen Gründen aus dem Internet und von seiner Homepage verschwunden, North by Northwest können Sie →hier noch lesen. Aber ich habe mir sein Gedicht Psycho aufbewahrt, in dem auch The Birds vorkommen, das stelle ich mal hierhin: 

Psycho

Undressed she looks fresh-plucked, her flesh 
As white as boiled hens. How easily 
She exists within her nakedness, 
How unaware she is of what I see.

She changes to a dressing gown, 
So shiny that a giant crow would snatch 
Her up to line his nest. I make no sound. 
My mind is quiet too, not even a scratch.

The bad thoughts will gather soon, I suppose. 
My mind won’t shake her birdy skin 
But with those private traps, those animal parts.

We all look so much realer in our clothes. 
That’s my hobby, see. It’s stuffing things. 
I don’t really know all that much about birds.

Kühle Blondinen: Tippi Hedren, Kim Novak (in ✺Vertigo), Eva Marie Saint (in ✺North by Northwest) und Grace Kelly. Unser kleiner Dicker träumt mit seinem necrophiliac voyeurism von ihnen. Zuhause bei seiner Gattin Alma Reville sieht die Welt nicht nach coolen Blondinen aus, die dem Mann an die Wäsche gehen.

Also diese Sorte Blondinen, über die der Filmkritiker Roger Ebert sagte: they reflected the same qualities over and over again: They were blonde. They were icy and remote. They were imprisoned in costumes that subtly combined fashion with fetishism. Tippi Hedren war übrigens nicht die erste Blondine, die unter Hitchcock zu leiden hatte.

Ich könnte da noch Madeleine Carroll aus der Verfilmung von John Buchans Klassiker The 39 Steps (von dem North by Northwest ja nur ein Remake war) anbieten, die während der gesamten Dreharbeiten von Hitchcock als the Birmingham tart bezeichnet wurde. The very beautiful woman who just walks around, avoiding the furniture, wearing fluffy negligees, and looking very seductive may be an attractive ornament, but she does not help the film at all. 

I hate it when actresses try to be ladies and in doing so become cold and lifeless, and nothing gives me more pleasure than to knock the lady-likeness out of chorus girls. I don't ask much of an actress and I have no wish for her to be able to play a whole list of character roles, but she must be a real human person. That is why I deliberately deprived Madeleine Carroll of her dignity and glamour in "The Thirty-Nine Steps," and I did exactly the same thing in "Secret Agent." In this last film, the first shot you saw of her was with her face covered with cold cream! Was Hitchcock an dieser Stelle zu sagen vergisst ist, dass er durch die beiden Filme mit der Birmingham tart weltberühmt wurde.

In Bielefeld, der Stadt, die es gar nicht gibt, gibt es heute etwas ganz Besonderes. Denn heute hat da im Theater das Musical ✺The Birds of Alfred Hitchcock von William Ward Murta, das den Machtmissbrauch im Filmgeschäft thematisiert, Premiere. Ich weiß jetzt nicht, ob sie Tippi Hedren zur Premiere eingeladen haben. Aber die hat mit ihren sechsundneunzig Jahren vielleicht auch keine Lust, nach Bielefeld zu reisen. 

Und in diesem Blog könnten Sie zu Frauenschicksalen in Hollywood noch lesen: Vera Miles, Happy Birthday, Vera Miles, Veronica Lake, Nymphos, Dorothy Malone, Gilda, Operation Mincemeat, Bond Girls, Exotik und Jacques Tourneur.

Sonntag, 13. September 2026

Maler und Modell

Dies Buch habe ich wegen des Covers gekauft, das Bild fand ich toll. Hätte auf diesem Band voller Liebeslyrik der Gegenwart nur der Name der Herausgeberin gestanden, dann hätte ich es wohl nicht gekauft. Denn von Hiltrud Gnüg besaß ich schon ein Buch, nämlich Kult der Kälte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Es ist ein Buch, das ich nicht mag. In dem Post 18th century: Fashion habe ich darüber gesagt, dass es sprachlich nicht ansprechend und sachlich fehlerhaft ist. Aber gegen dieses wunderbare Buch hier kann man nichts sagen, man kann es nur zum Kauf empfehlen. 

Die Anthologie Nichts ist versprochen: Liebesgedichte der Gegenwart erschien mit diesem Cover 2010 bei Reclam und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Die Anthologie gliedert sich in acht Teile, nach Hinsichten, die sich aus dem Textmaterial selbst ergeben haben, nicht etwa nach Leithinsichten, die die Selektion der Gedichte vorab bestimmen. Die Motti drücken besser als etikettierende Begriffe den jeweiligen Aspekt aus; dennoch seien die Etiketten genannt: Liebe; Erotischer Moment; Partnerschaft und Emanzipation; Ehe; Liebe und Vergänglichkeit; Liebe und Gesellschaft; Schwierige Beziehungen; Träume. Die Erstausgabe war schon im Jahr des Mauerfalls erschienen, aber mit dem Buch waren Herausgeberin und Verlag offenbar nicht so glücklich. Die Ausgaben von 2010 und 2014 sind aktualisiert und wesentlich erweitert, es sind jetzt beinahe 300 Gedichte statt der 180 der Erstausgabe. Man kann das Buch antiquarisch noch preiswert finden, meine Hardcover Ausgabe hat 4,17 portofrei gekostet.

Das Design des Covers (hier die Erstausgabe von 1989) ist von der Grafikerin Eva Knoll, die für den Reclam Verlag eine Vielzahl von Büchern gestaltet hat. Sie hat hier ein Photo verwendet, das der Berliner Photograph Jochen Littkemann (der sich auf das Photographieren von Kunstwerken spezialisiert hat) von einem Bild in der Galerie Raab machte. Das Bild ist von dem Maler →Rainer Fetting, einem der sogenannten Jungen Wilden der Berliner Kunstszene der achtziger Jahre. Es hat den Titel Susanne mit Fernseher I. Leider ist das Bild nicht im Internet zu finden. Google dünnt das Netz aus, wahrscheinlich um Platz für den KI Müll zu schaffen. Wenn ich vor Jahren den Namen meines Blogs bei Google eingab, gab es hunderte von Bildern aus meinem Blog, jetzt sind es nur noch ein Dutzend. Und Googles KI sagte mir: Ihre Anfrage 'Susanne mit Fernseher I' konnte keinem eindeutig bekannten Kunstwerk, Buchtitel oder einer spezifischen Fernsehfolge zugeordnet werden.

Aber die Susanne auf dem Bild von ✺Rainer Fetting, die 1980 Modell und Muse für Fetting wurde, die hat es wirklich gegeben. Sie hieß Susanne Kuhnke und war ein Mitglied der Band →Malaria. Irgendetwas zwischen Neuer Deutscher Welle und Post Punk, der größte Hit der Band war damals ✺Kaltes klares Wasser. Die Sängerin dieses Underground Hits war Bettina Köster, die John Peel einmal the Queen of Noise genannt hat. Sie können Susanne Kuhnke in diesem Video am ✺Moog Synthesizer sehen. Die Heimat der →Band, die auch in London und New York auftrat, war der Berliner Punkrock Tempel →S.O.36, den der Maler →Martin Kippenberger mitbegründet hatte. Wenn Sie einen Eindruck von der Szene haben wollen, dann schauen Sie einmal in den Trailer von ✺B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989.

Der junge Maler war hin und weg von der Kunststudentin Susanne: Susanne lernte ich in Kippenbergers Musikhalle SO36 kennen und war völlig beeindruckt von ihr. Sie wohnte gleich um die Ecke in einer Fabriketage [...] und studierte Kunst bei Walter Stöhrer. Ich lud sie oft zum Essen und Trinken im 'Exil' ein, und irgendwann, ganz gut angetrunken, malten wir uns gegenseitig bei einer Session. [...] Susanne war auch am Synthesizer in der New Wave Gruppe der damals berühmten Frauenband 'Malaria'. 

Es ist immer etwas Gefährliches in den Susanne Bildern. Ist sie half crazy, wie es in Leonard Cohens ✺Suzanne heißt? Dieses Bild von der beinahe lebensgroßen Susanne heißt Susanne mit Axt (es gibt von dem Bild noch eine  →Variante). Da ist sie wieder, die Gefahr. Und auch bei dem Bild Susanne mit Fernseher ist die Gefahr da. Das ist nicht der Halbmond im Fernseher, aber die Smith & Wesson auf dem Teppich, die ist schon gefährlich. Fetting hat in einem Interview gesagt, dass er in den achtziger Jahren diese Vielzahl von Portraits gemalt habe, weil er mit Ihnen den Geist der Stadt und der Zeit einfangen wollte. 

Als Susanne bei einem Konzert von der Bühne gestürzt war und das Bein in Gips hatte, musste Fetting sie unbedingt malen: Als ihr Bein eines Tages in Gips war, weil sie bei einem Auftritt von der Bühne geflogen war, kam ich auf die Idee Susanne auf Wendeltreppe zu malen. Die Wendeltreppe ging ich jeden Tag zu meinem Atelier hoch. Das Bild sollte wohl auch auf Marcel Duchamps 'Akt eine Treppe herabsteigend' anspielen, das auch Gerhard Richter in seinem Stil gemalt hatte. Das Bild Wendeltreppe Gelb (Susanne) hat bei Ketterer beinahe 120.000 Euro gebracht. Es gibt mehrere Varianten des Bildes, auch eine, bei der Susanne →bekleidet ist. Ich habe das Bild 1994 in der Ausstellung Neue Wilde aus Berlin: Die Sammlung Martin Sanders im Kloster Cismar gesehen. Bin dran vorbeigegangen wie die junge Dame auf dem Photo hier, habe keine Minute lang geguckt. Aber das Bild mit dem Fernseher, das finde ich scharf, daran würde ich nicht vorbeigehen.

Ich mag ein gut gemaltes Bild, nicht alle Susanne Bilder von Rainer Fetting, die Anfang der 1980er Jahre beinahe fabrikmäßig produziert wurden, sind wirklich gut. Dies hier, das Susanne als Infantin zeigt, ganz bestimmt nicht. Da würde mir das Gleiche passieren, was schon in Cismar (der Dependance des Landesmuseum Schleswig) passierte. Ein kurzer Blick und weitergehen, es kommt immer was Besseres. Wo es sich lohnt, stehen zu bleiben und lange zu gucken. Vielleicht bei dem nächsten Bild.



Dies ist ein Bild von Susanne ohne Messer, Äxte und Pistolen. Aber mit High Heels. Es heißt Susanne Nacht, könnte aber auch Susanne Nackt heißen. Es gibt davon verschiedene Größen und verschiedene Farben, kostet aber beinahe immer 40.000 Euro. Darunter gehen Ölbilder von dem post-expressionistischen ehemaligen Jungen Wilden nicht mehr. Aber auch wenn manche großformatige Bilder hunderttausend Euros kosten, die Preise von Neo Rauch erreicht Fetting nicht. 

Mein Exemplar von Nichts ist versprochen habe ich gerade der Frau geschickt, die heute Geburtstag hat. Da kann sie das ganze Jahr Liebesgedichte lesen. Ich habe mir das Buch natürlich nachgekauft. Ich wollte die Susanne in Rot mit den High Heels unbedingt bei mir behalten. Und das Füllhorn voller guter Liebesgedichte natürlich auch. 

Ein Gedicht daraus soll es zum Abschluss dieses Posts auch geben. Es ist von Christoph Meckel und heißt Leibhaftig. Es findet sich in der Anthologie unter dem Etikett Erotischer Moment. Ich habe das Gedicht gewählt, weil ich mit einem Aktportrait geendet habe, dann sollte in der ersten Strophe schon mal das Wort nackt vorkommen:

Willst du nicht nackt herumlaufen 
in den Sommertagen? 
Helles Haus  alle Sperrangeln offen 
und ich umarme dich 
wenn du ins Zimmer kommst; 

willst du dich nicht anfassen lassen 
hundertmal mehr von mir, vom Himmel? 
Wenn es läutet gehst du im Bademantel 
zur offenen Tür 
unsre Gäste reden vom Geschäft
und halten uns für seltsame Vögel; 

willst du nicht schöner sein 
als alle Fotografien von dir 
schöner noch in der Sonne als in der Nacht
und du und ich 
leibhaftiger in der Freude 
lebendig, restlos!