Samstag, 30. Oktober 2021

als Weib wirklich ungeheures Talent

Das ist die englische Künstlerin Rebecca Salter. Sie kann RA hinter ihren Namen schreiben, weil sie ein Mitglied der Royal Academy ist. Und nicht nur das, seit zwei Jahren ist sie die Präsidentin der Royal Academy. Das hat es in den zweieinhalb Jahrhunderten der Geschichte der Institution noch nicht gegeben. Frauen, die Mitglieder der Royal Academy waren, die gab es vorher allerdings schon einmal.

Zum Beispiel sie hier. Mit siebenundzwanzig schon Mitglied der gerade gegründeten Royal Academy, fünf Jahre zuvor war sie schon Ehrenmitglied der Akademie von Bologna geworden. Sie ist die berühmteste Malerin ihrer Zeit. Sie ist nicht nur eine Malerin, die die Welt bewundert, sie hat auch eine schöne Singstimme. Eigentlich wollte sie Sängerin werden. Vielleicht. Auf dem ersten Selbstportrait, das sie mit zwölf Jahren malt, hält sie Notenblätter in der Hand. Sie wird von Männern bewundert, aber sie findet nicht den richtigen Mann. Sie schreibt an den jungen Goethe:

Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen, und war getröstet und sagte, es ist gut, dass er schreibt, sonst wär ich halb aus Wehmut gestorben. Mich vergnügt, zu wissen, dass Sie wohl sind, der Himmel erhalte Sie immer soGoethe, dem das Bild, das sie von ihm malt, überhaupt nicht gefiel, schreibt an Charlotte von Stein: Sie ist eine treffliche, zarte, kluge, gute Frau, meine beste Bekanntschaft hier in Rom. Und sagt an anderer Stelle: Sie hat ein unglaubliches und als Weib wirklich ungeheures Talent. Und 1789 schreibt er seiner Frau Christiane: Was mich in diesen letzten Wochen auf eine sonderbare Weise, wenn ich so sagen darf, gereinigt u. veredelt hat, ist der Angelika Freundschaft. O daß ich so viel Zeit in Rom verloren u. mich gequält habe, ohne diese zarte u. edle Seele, die so schüchtern u. zurückgezogen, wie eine himmlische Erscheinung ist, näher kennen zu lernen, […] vielleicht die kultivierteste Frau in Europa. Unter dem Titel Mir träumte vor ein paar Nächten, ich hätte Briefe von Ihnen empfangen hat der Libelle Verlag in Lengwil vor zwanzig Jahren ihre Briefe herausgebracht. In den Originalsprachen; englisch, deutsch und französisch.

Sie wissen schon, dass ich von Angelika Kauffmann rede, die heute vor zweihundertachtzig Jahren geboren wurde. Über die John Flaxman sagte: She was of her time and the time was made for her. Und der dänische Legationssecretär in London, Graf von Schönborn, schreibt in einem Brief an Klopstock: Ein Kupferstecher hier, der fast nichts als ihre Gemählde sticht, sagte mir einmahl, the whole world is angelicamad! Ihre Freunde verehrten sie als die zehnte Muse Roms, aber diese Muse ist auch geschäftstüchtig. Ihre Bilder werden nachgestochen, Szenen aus ihren Bildern wandern auf Porzellangeschirr, eine Kommerzialisierung ihrer Kunst durch Merchandise Artikel. Weil die Welt nun mal angelicamad ist. Angelika Kauffmann: Künstlerin, Powerfrau, Influencerin ist der Titel der neuesten Ausstellung.

Angelika Kauffmann war nicht die einzige Frau unter den vierunddreißig Gründungsmitgliedern der Royal Academy. Da war noch Mary Moser, die sich auf die Blumenmalerei spezialisiert hatte. Für länger als ein Jahrhundert werden diese beiden Frauen die einzigen weiblichen Mitglieder der Royal Academy sein. Vier Jahre nach der Gründung malt Johann Zoffany die Royal Academy bei der Arbeit, der König kauft ihm das Bild sofort ab. Nicht alle Gründungsmitglieder sind auf dem Bild, Thomas Gainsborough fehlt, ich weiß nicht weshalb. 

Und die beiden Frauen suchen wir auch vergeblich. Sie sind zwar da, aber nur als Portraits an der Wand. Denn schließlich sind zwei nackte Männer, die den Künstlern Modell stehen sollen, im Raum. Da können Frauen nicht dabei sein, das verstösst gegen das decorum. Das wird noch für über hundert Jahre Frauen vom Besuch von Kunstschulen ausschließen. Es sind wenig nackte Männer im Werk von Angelika Kauffmann zu sehen. Und wenn sie nackt sind, dann sehen sie so aus. Das decorum ist etwas, das dem Neoklassizismus eigen ist, wozu reisen die Gentlemen jetzt alle nach Rom? Das Bild Zoffanys beschreibt kein reales Ereignis, er hat sich das alles so ausgedacht. Aber witzig bleibt das doch mit den Damen an der Wand.

Angelika Kauffmann hat von 1772 bis in die 1790er Jahre immer wieder in der Royal Academy ihre Bilder ausgestellt. Es gab hier vor zehn Jahren schon einmal einen Post Angelika Kauffmann, den stelle ich heute in leichter Bearbeitung noch einmal ein. Dies Portrait von Johann Joachim Winckelmann hat sie mit zweiundzwanzig Jahren gemalt, es machte sie, immer wieder nachgestochen, in ganz Europa bekannt. Sie malt den homme des lettres im deshabillé, ohne Perücke, nur mit einem Morgenmantel bekleidet. Die Oberschicht gibt sich in der Mode des 18. Jahrhunderts gerne lässig, schließlich lebt man im Zeitalter der Empfindsamkeit, da stört ein steifer Kragen.

Das Bild hier ist mit Liebe gezeichnet. Die Malerin Angelika Kauffmann ist gerade Ehrenmitglied der Accademia Clementina di Bologna geworden und hat eine Woche später das Diplom der Accademia del Disegno erhalten. Sie ist zweiundzwanzig. Sie hat gerade in Rom diesen hübschen amerikanischen Quäker namens Benjamin West getroffen. Er sieht mit den Klamotten ein bisschen aus wie William Shakespeare. Kunsthistoriker nennen das einen Van Dyke suit, was er da trägt. Ähnliche Kleidung findet in dieser Zeit auch auf den Bildern der beiden führenden Portraisten in Italien, Pompeo Batoni und Anton Raphael Mengs (dem Lehrer von Benjamin West). Dieser Van Dyke suit findet sich natürlich auch bei Gainsboroughs The Blue Boy und in der Verfilmung von Little Lord Fauntleroy. Er wird später von Dandies immer mal wieder aus der Mottenkiste der Mode gezogen werden, Oscar Wilde hatte auch mal so etwas getragen.

Der junge Amerikaner Benjamin West hat gerade eine schwere Erkrankung überstanden, ein rheumatisches Fieber, das seine Beine lähmte. Aber der berühmteste italienische Chirurg Dr Angelo Nannoni konnte ihm helfen. An Nannoni war West durch die Empfehlung von dem Diplomaten und Kunstsammler Sir Horace Mann geraten. Noch hat die amerikanische Revolution nicht stattgefunden, noch ist West ein Engländer, und die Engländer in Italien helfen einander. Italien ist voller Engländer, Kunstsammlern und Gentlemen auf ihrer Grand Tour. Wenn Benjamin West Italien im nächsten Jahr verlässt, wird er nach London gehen und für den Rest seines Lebens in England bleiben und noch Präsident der Royal Academy werden. Zuvor hat er natürlich noch Angelika Kauffmann portraitiert.

Er wird später sagen, dass er ihr den ersten Unterricht in the principles of composition, the importance of outline, and likewise the proper combinations and mixtures of colours gegeben habe. Aber das kann nicht so ganz stimmen, Angelika Kauffmann stand zwar erst am Anfang ihrer Karriere und war mit ihrem Vater nach Italien gekommen, um sich zu vervollkommnen, aber malen konnte sie schon. Obgleich sie sich damals eben noch nicht sicher war, ob sie wirklich eine Malerin werden sollte. Sie hatte diese schöne Stimme und liebäugelte noch mit einer Karriere als Opernsängerin.

Die beiden sollen damals schwer ineinander verliebt gewesen sein. Hat Charles Willson Peale gesagt (der eines Tages seine Tochter Angelica Kauffman Peale nennen wird), doch der hat West erst vier Jahre nach dem Zusammentreffen der beiden kennengelernt. Hat Benjamin West dem jüngeren Peale diese Geschichte erzählt? Wie immer es sei, aus der Romanze wird nichts, schließlich hat West noch seine Verlobte Betsy Shewell drüben in Amerika. Irgendwie scheinen es die Zeitgenossen, vor allem die zeitgenössischen Maler, darauf angelegt zu haben, die junge Schweizerin (hier ein Portrait von Nathaniel Dance) als ein Flittchen auf Männerjagd darzustellen.

She was ridiculously fond of displaying her person and being admired, for which purpose she one evening took her station in one of the most conspicuuous boxes of the theatre accompanied by Nathaniel Dance and another artist, both of whom as well as many others were desperately enamoured of her, while she was standing between her two beaux, and finding an arm of each most longingly embracing her waist, she contrived, whilst her arms were folded before her on the front of the box over which she was leaning, to squeeze the hand of both, so that each lover concluded himself beyond all doubt the man of her choice, schreibt John Thomas Smith, der zu der Zeit in Italien ist und später bei West studiert. Aber Smith (in den sie angeblich auch einmal verliebt gewesen sein soll) hat eine schnelle und böse Zunge, er ist zwar ein Kleinmeister der Verleumdung, aber nicht unbedingt der zuverlässigste Zeitzeuge.

Und dann ist da noch die Geschichte mit der angeblichen Verlobung mit Nathaniel Dance, die sie gelöst haben soll, als sie Joshua Reynolds kennenlernte (den sie hier auch in einem Van Dyke suit malt). Das sagt Joseph Farington, allerdings beginnt er sein berühmtes Diary erst im Jahre 1793, alles was die Klatschbase der Kunst da sagt, ist aus zweiter, meist dritter Hand. In einem Brief des schottischen Abbé Peter Grant, der mit vielen der englischen Romreisenden bekannt ist, heißt es 1765: Mr Dance if you remember him made strong love to her the whole of last winter, and was really so far gone in his tender passion that he was truly to be pitied, but all his address was not able to make the smallest impression upon her heart her whole raptures not having any other object than that of excelling in her profession. Das klingt nicht gerade nach bevorstehender Verlobung in London.

Vergessen wir bei all dem nicht: dies ist das Zeitalter der emphatischen Liebesschwüre, The Man of Feeling ist nicht nur ein Romantitel, es ist ein Programm für eine ganze Epoche, das age of sensibility. Natürlich kann man Selbstmord aus Liebe begehen, Goethes Werther wird dafür berühmt, die meisten behelfen sich aber mit sentimentalen Klagen. Und nachträglich bösem Klatsch. Gentlemen sind das nicht, das sind Künstler. Was Arnold Böcklin über seine Malerkollegen sagte, gilt sicher auch für die vielen liebeskranken Herren im London des 18. Jahrhunderts: Sie sind Streber, Affairisten, Jongleure: der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehen, der dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden. Keiner denkt daran, ruhig ohne rechts und links zu blicken, das, was in ihm ist, auszubilden. Der Höhepunkt der Verleumdungsaktion ist vielleicht dieses Bild von Nathaniel Hone, das Joshua Reynolds als eine Art Jahrmarktsmagier zeigt. Es ist der Gegenstand eines großen Kunstskandals. Angelika Kauffmann soll eine der tanzenden Nackten auf dem Bild oben links in der Ecke sein. Sie beklagt sich bei der Royal Academy, Hone muss die nackten Damen übermalen.

Es ist schwer für eine selbständige Frau, in dieser Zeit einen geraden Weg zu gehen, ruhig ohne rechts und links zu blicken. So pointiert übertrieben das Buch The obstacle race: the fortunes of women painters and their work von Germaine Greer häufig ist, in vielem kann man ihr bei dem Kapitel über Angelika Kauffmann nur zustimmen. Der größte Fehler ihres Lebens ist ihre heimliche Hochzeit mit dem schwedischen Grafen Frederick de Horn gewesen, einem Heiratsschwindler, der es nur auf ihr Geld abgesehen hat.  Germaine Greer sagt darüber: it simply increased her notoriety and with it her vulnerability. Von nun an werden sich die Gerüchte und Verleumdungen jagen. Jean-Paul Marat wird behaupten, dass er sie verführt habe - es ist ja nur gerecht, dass er in einer Badewanne von einer Frau erstochen wird. Das wäre doch mal ein schönes Thema für die Malerin gewesen, das hätte sie nicht Jacques-Louis David überlassen sollen!

Wir stellen uns die englische Gesellschaft des 18. Jahrhunderts immer gerne so vor wie auf dem Bild von Mr und Mrs Andrews von Gainsborough. Wir sollten sie uns vielleicht besser so vorstellen, wie sie uns auf den Bildern von William Hogarth entgegentritt: ordinär, lüstern, hinterlistig und verschlagen. Der Lebensweg von Lady Emma Hamilton wäre ein Beispiel dafür. Es ist für Angelika Kauffmann nur von Vorteil, wenn sie nach ihrer Heirat mit dem Maler Antonio Zucchi London verlässt und nach Rom zieht. Der so schwer liebeskranke Nathaniel Dance, der für sein Portrait von James Cook bekannt wird, heiratet eine reiche Witwe, wird Baronet und kauft sich ein großes Landhaus. Und gibt das Malen auf. Er schenkt Gilbert Stuart seine ganzen Malutensilien.

Die Londoner Jahre, die unglückliche Heirat mit dem schwedischen Heiratsschwindler, die ständigen Verleumdungen (wie zum Beispiel die Karikatur The Paintress of Macaronis), haben ihre Spuren hinterlassen. Die Malerin wird sich nicht mehr wirklich weiterentwickeln. Sie wird nicht einsam und verlassen sein wie diese von Theseus verlassene Ariadne. Sie wird mit Goethe befreundet sein, der ihr schreibt Es ist wahr, ich bin mit meinem Geiste so nahe bei Ihnen wie mein eigener Schatten, aber in ihrer Kunst lebt sie von ihrem alten Ruhm. Ihre Begräbnis wird von Antonio Canova zu einem prunkvollen Staatsbegräbnis gestaltet, und man hat sie bis heute nicht vergessen.

Die erste große Angelika Kauffmann Retrospektive fand 1998 in Düsseldorf statt, und da mir mein Freund Götz damals den Katalog aus seiner Heimatstadt mitgebracht hat, bin ich natürlich bestens informiert. Der sehr gute Katalog, den man noch antiquarisch finden kann, wurde von Bettina Baumgärtel herausgegeben, die zuvor mit der Dissertation Angelika Kauffmann (1741-1807): Bedingungen weiblicher Kreativität in der Malerei des 18. Jahrhunderts hervorgetreten war. Ich lese bei Katalogen zuerst immer die Fußnoten, zugegeben eine déformation professionnelle, und so ist mir ein kurioser kleiner Fehler nicht entgangen: Benjamin West war mit keiner Miss Sewel verlobt. Die Frau, die West zwei Jahre nach der Begegnung mit den jungen Angelika heiratete, hieß Elizabeth Shewell.

Seit der Düsseldorfer Ausstellung 1998 hat es in den letzten Jahrzehnten immer wieder Ausstellungen für sie gegeben. Im Angelika Kauffmann Museum Schwarzenberg gibt es eine Dauerausstellung für sie. Dies Selbstbildnis zeigt sie im weißen Kleid der Unschuld hingerissen zwischen den Allegorien der Musik und der Malerei. Sie wird den Weg gehen, den ihr die energische Blonde zeigt. Mit einer Handbewegung nimmt sie Abschied von der Allegorie der Musik, die ihre Entscheidung zu verstehen scheint. Der irische Maler James Barry, der den Tod des General Wolfe so ganz anders gemalt hat als Benjamin West, hat über diese Szene gesagt: Some may say that this is great, since it was executed by a female; but I say that whoever produced such a picture, in whatever age or whatever country, it is great, it is noble, it is sublime! How I envy plaintive Music the squeezes she now receives, the impression seems deeply imprinted on her her - all is feeling, energy and grace! Er musste so etwas sagen, wir sind nun mal im age of sensibility. Das Bild mit der hin und hergerissenen Angelika zwischen den beiden Allegorien ist ihr berühmtestes Bild geworden. Wir wissen nicht, was aus ihr geworden wäre, wäre sie eine Opernsängerin geworden.