Donnerstag, 24. Dezember 2020

Anna Feldhusen

Anna Feldhusen wurde heute (17.11.2011) vor 150 Jahren in Bremen geboren, man weiß leider nicht so viel über ihre Jugend. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie (ihr Vater J.P. Feldhusen war Börsenmakler). Ihre Familie war sehr dagegen, dass die Tochter Malerin wurde. Aber die Tochter war von diesem Wunsch nicht abzubringen. Das ist anders als bei Friedrich Ahlers-Hestermann, der kam aus einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie, aber seine Familie ließ ihn letztendlich Kunst studieren, auch wenn man ihn gerne als Hamburger Kaufmann gesehen sähe. Anna Feldhusen sieht auf diesem Photo sehr vornehm aus.

Das Photo oben, das im Besitz der Overbeck Stiftung ist, könnte eine Frau in einer Kirche zeigen, die eine Bibel oder ein Gesangbuch hält. Aber sie hält einen Skizzenblock. Das wird sie sich bei der Photographie ausbedungen haben, Maler werden gerne mit dem gemalt oder photographiert, was auf ihr Handwerk hindeutet. Es war eine kleine Frechheit von Gilbert Stuart, seinen berühmten Malerkollegen Sir Joshua Reynolds nicht mit Pinsel und Palette, sondern mit seiner goldenen Schnupftabakdose zu malen. Auch wenn Anna Feldhusens Familie ihren Berufswunsch nicht billigt, es führt zu keinem Bruch mit den Eltern. Sie wird lange in deren Haus in der Ellhornstraße 15a wohnen bleiben.

Ex Libris Anna Feldhusen steht hier unter einer Landschaft, die uns Worpswede sagt. Aber da steht auch noch Allein, ich will, und das ist ein Programm für das Leben. Alles, was man über sie sagen kann, ist symbolisch hier dargestellt. Das Ex Libris ist eine Radierung, und die Druckgraphik wird den größten Teil ihres Werkes ausmachen. Sie war nicht nur in Worpswede, sie wirkte auch in der Künstlerkolonie Dachau, zu der sie in den Wintermonaten gerne zurückkehrte. Ihre Münchener Wohnung hat sie, wie ihr Bremer Atelier, immer behalten. In den Sommermonaten war sie in der Künstlerkolonie Dötlingen zu finden. In München hatte sie drei Jahre bei Lina Kempter, Max Dasio und Oskar Graf an der gerade gegründeten Damenakademie des Künstlerinnenvereins studiert, bevor sie Schülerin von Hans am Ende in Worpswede wurde.

Obgleich dieses Selbstportrait aus dem Jahre 1899 eine gewisse Meisterschaft verrät, erkannte Anna Feldhusen, dass ihre Stärke in Radierung und Aquatinta liegen würde. Das Selbstportrait ist ein Bild, das eine starke Frau zeigt: Allein, ich will. Wir sind in der Zeit, wo in der Literatur starke Frauen auftauchen. Wie die New Woman bei George Bernard Shaw, oder schon viel früher die Sara Videbeck in Carl Jonas Love Almqvists Roman Die Woche mit Sara. In einem Bild Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren, ist ein symbolischer Akt. Doch für das Selbstverständnis der Malweiber, wie die Künstlerinnen despektierlich genannt werden, braucht es etwas mehr. Zum Beispiel den Zusammenhalt der Künstlerinnen in Netzwerken, und es braucht eine eine ökonomische Basis.

Anna Feldhusen trat 1902 dem Bremer Malerinnenverein bei, 1922 dem Bremer Künstlerbund und 1929 der GEDOK. Und sie macht etwas ganz erstaunliches: sie beantragt einen Gewerbeschein als Kunstmalerin. Den sie auch erhält. Und sie signiert ihre Bilder mit Bremische Malerin und Graphikerin. Sie wird Kalender, Zeitschriften und Lesebücher illustrieren. Viele Schulbücher enthalten ihre Worpsweder Landschaften, Birken und Moor und ihre Bremer Stadtansichten. Und auch im Bremer Gesangbuch von 1917 (in dem auch Zeichnungen von Vogeler sind) sind ihre Zeichnungen zu finden.

Sie zählt nicht zu den großen Namen der Worpsweder Malerinnen, in vielen Büchern über Worpswede wird ihr Name nicht genannt. Da wird immer Paula Becker-Modersohn genannt, manchmal auch ➱Hermine Overbeck. Man hat sie sehr spät wiederentdeckt. 1992 taucht sie in einer Ausstellung auf, die Hermine Overbeck-Rohte und den Bremer Malerinnen um 1900 gewidmet ist. Das war eine Ausstellung in der ➱Kito in Vegesack. 2003 findet sie sich in einer kleinen Ausstellung, die Bremer "Malweiber" um 1900: zwischen Tradition und Moderne heißt. Vielleicht gibt es ja noch einmal, in Dötlingen oder Worpswede, eine richtige Ausstellung für sie.





Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mademoiselle chante le blues


Wenn Ihnen der Titel nichts sagt, dann müssen Sie mal eben dies hier anklicken. Das ist natürlich Patricia Kaas, die da singt. Sie hat heute Geburtstag. Da möchte ich doch ganz herzlich gratulieren. Seit Jahren will ich einen Post zu Patricia Kaas schreiben, bin aber irgendwie nie dazu gekommen. Dabei hatte ich mir schon die CDs herausgelegt. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo die sind. Wenn ich mal einen langen Patricia Kaas Post schreibe, dann finde ich die wieder. Heute wird das nur ein kleiner Geburtstagsgruß. Wir hören mal eben in ihr ➱If You Go Away hinein. Was natürlich nichts anderes als ➱Jacques Brels Ne me quitte pas ist.

Patricia Kaas ist mit ➱Et s'il fallait le faire beim Grand Prix d'Eurovision aufgetreten, aber das hätte sie lieber lassen sollen. Es gab immerhin einen achten Platz. Ihre erste Platte ➱Jalouse war ein Flop, heute ist sie ein Star. Nicht nur in Saarbrücken, wo sie als Teenie in jedem Club sang. Sie ist kein Star wie Taylor Swift, kein Star, der aus der Retorte kommt. Und sie ist auch nicht wie Taylor Swift eine Göttin der Rechtsradikalen, ➱Camille Paglia hat die ein widerliches Nazi-Barbie genannt. Gérard Depardieu hat Patricia Kaas entdeckt, mit ➱Alain Delon telephoniert sie gerne. Der Film war immer nahe, sie hat das Titellied zu ➱Les Misérables gesungen, und ➱Bertrand Tavernier gebrauchte ihr Lied ➱Il me dit que je suis belle für einen seiner Filme.

Es hat bis zum Jahre 2001 gedauert, bis ➱Claude Lelouch sie überredete, einmal als Schauspielerin in einem richtigen Kinofilm mitzuspielen. Wenige Jahre zuvor hatte er dem Industriellen Bernard Tapie die Hauptrolle in dem Film ➱Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung (ein Film, den ich schon in den Posts ➱Claude Lelouch, ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt habe) gegeben. Das Experiment ging auf, das Experiment mit Patricia Kaas auch. Sie können Sie ➱hier hören und sehen. Und Dieter Wunderlich weiß auf seiner Seite noch mehr über ➱And Now ... Ladies & Gentlemen.

Sie ist Französin, aber sie ist auch ein bisschen ➱deutsch, weil ihr Mutter eine Deutsche ist: Meine Mutter war Deutsche, mein Vater Franzose. Ich bin also halb und halb. Ich scherze immer und sage: Ich habe die besseren Hälften von beiden. Ich wurde auch zu einem deutschen Charakter erzogen. Ich sage nur: Disziplin. Ich bin gerne in Deutschland, liebe das deutsche Essen, wie es meine Mutter gekocht hat. Wenn ich in Deutschland bin, gehe ich auch nie in Haute-Cuisine-Restaurants. Da will ich immer Hausmannskost: Kartoffelsalat, Knödel und Rotkraut. Das ist für mich ein Stück Heimat. Das ist wie Weihnachten. Das hat in meiner Kindheit auch immer anders gerochen als heute. Die Franzosen wussten stets, wo ich herkomme, aus einem Winkel zwischen zwei Ländern, wo eben jeder zwei Gesichter hat. 

Französisch hat sie erst in der Schule gelernt, jetzt kann sie es, wie ➱La langue que je parle zeigt. Ich vermute, dass die Patricia Kaas CDs irgendwo in dem CD Turm stecken, wo all die ➱Jazz Singers sind. Ich habe nicht wirklich gesucht. Weil ich eine alte TDK Cassette habe, sozusagen Best Of, ein Geschenk einer Studentin, das ich in meinem ➱Postfach in der Uni fand. Habe ich in meiner Schreibtischschublade, die finde ich immer.


Sommerurlaub

Frankreich, jedes Jahr dasselbe, er musste nach Lyon. Dort saß sein wichtigster Geschäftspartner. Er hasste diese Reisen, er konnte kein Französisch. Früher war seine Frau manchmal mitgefahren, die konnte etwas Französisch, aber von der war jetzt geschieden. Er überlegte sich, ob er die schöne Buchhändlerin von gegenüber überreden könnte, ihn nach Frankreich zu begleiten. Die hatte einen alten roten R4 mit dem Sticker eines französischen Campingplatzes auf der Heckscheibe. Die konnte bestimmt Französisch. Sie konnte nicht nur Französisch, sie hatte mal drei Semester Romanistik studiert. Dann aber gemerkt, dass man auch Altfranzösisch belegen und eine Klausur bestehen musste, da hatte sie das Studium aufgegeben. Das Studentenleben hatte ihr sowieso nicht gefallen. Sie zog sich gerne hübsch an, das tat an der Uni niemand mehr.


Er dachte das ganze Wochenende darüber nach, wie er ihr die Sache mit Lyon schmackhaft machen konnte, übte dann auch das, was er sagen wollte. Dann fing er sie am Montag ab, als sie gerade die Tür der Buchhandlung aufschloss. Er hätte da einen Vorschlag zu machen, wegen einer Reise nach Lyon. Je vous écoute, sagte sie. Er werde natürlich alle Kosten tragen. Und wenn sie in Lyon mit dem Geschäftlichen fertig wären, dann könnten sie sich den Rest von Frankreich anschauen. Hoffentlich nahm sie das nicht zu wörtlich. Die Fahrt nach Lyon konnte er von der Steuer absetzen, das wusste er schon. Er fuhr auch einen R4, aber ein neueres Modell. Grasgrün, mit dem Namen seiner Firma auf der großen Heckklappe. Ein Radio hatte der Wagen nicht, aber er hatte eine Halterung unter das Armaturenbrett geschraubt, da konnte man ein Kofferradio hineinschieben. Er packte das große gelbe Zelt in den Wagen. Das hatte er vor Jahren gekauft, als er einen Campingurlaub mit seiner Frau machte. Der Urlaub war eine Katastrophe, genauer gesagt, war er der Anfang vom Ende.

Die schöne Buchhändlerin dachte über seinen ungewöhnlichen Vorschlag nach. Warum eigentlich nicht nach Frankreich? Ihr Reisepass war noch gültig, und sie hatte noch Resturlaub vom letzten Jahr zu bekommen. Der Buchhändler hätte sicher nichts dagegen, der war gerade damit beschäftigt, die blonde Volontärin einzuarbeiten. In der Woche, in der sie in Frankreich war, würde er ihr wohl beibringen, wie man den Libri Katalog benutzt. Und wie zufällig dabei ihren Körper berühren. In Lyon war sie schon einmal gewesen, damals nach dem Abitur als Au Pair. Sie hatte keine guten Erinnerungen an diese Zeit. Das hatte auch mit ungewollten körperlichen Berührungen zu tun. Sie dachte die Woche über den Plan nach, hörte auch viele französische Chansons. Juliette Gréco oder Barbaras Lied À Göttingen, à Göttingen. Sie hatte die Schallplatten gekauft, als sie noch an der Uni war. Jeder hörte die damals. Am Ende der Woche entschied sie sich für das Abenteuer. Und am Montagmorgen war sie in seinem Büro und sagte: Oui Monsieur, allons en France.

Sie verabredeten sich auf den nächsten Sonntag. Sie war pünktlich. Warf ihre Reisetasche auf den Rücksitz, sagte Bon Jour, Monsieur und ließ sich ins Auto gleiten. Er hatte den Zündschlüssel noch nicht im Schloss, da hatte sie schon ihre erste Zigarette im Mund. Er wollte sagen, dass in diesem Auto nicht geraucht würde, aber das hatte jetzt wohl keinen Sinn mehr. Sie hatte schon den Aschenbecher aus dem Armaturenbrett gefingert. Ihre Schachtel Ziggis würde für Deutschland reichen, in Frankreich würde sie sich Gauloises oder Gitanes kaufen. Als sie nach Luxemburg kamen, mussten sie ihre Pässe vorzeigen. Der Zollbeamte bat sie, ihre schwarze Sonnenbrille abzusetzen, während er ihren Pass in der Hand hielt. Und fügte ein Madame hinzu. Er hätte ja auch Mademoiselle sagen können, dachte sie sich, wahrscheinlich hielt er sie für die Ehefrau. Solange sie noch in Deutschland waren, hatte das Radio gut funktioniert. In Frankreich wurde es schwächer und schwächer. Sie hätte jetzt gerne wieder französische Chansons gehört. Sie sang gerne, zu Hause unter der Dusche oder in ihrem R4, aber mit ihm hier am Steuer würde das wohl nichts.

In Lyon lief alles wie gewünscht, der französische Geschäftsfreund war von ihr begeistert. Die geschäftlichen Verhandlungen waren dank ihrer Französischkenntnisse schnell zu Ende, der Geschäftsfreund lud die beiden zum Abendessen ein. Sie zog sich noch um und ließ einen Blusenknopf mehr offen, damit der Franzose, der sie schon tagsüber mit den Augen ausgezogen hatte, noch etwas zu sehen bekam. Sie hatte überlegt, ob sie den BH weglassen sollte, aber man sollte die Franzosen nicht zu sehr verwöhnen. Sie wäre nach dem Essen noch gerne zum Tanzen gegangen, aus einer Nebenstraße klang Musik von einem Tanzvergnügen zu ihnen herüber, aber ihr Begleiter wollte nicht. Er konnte auch nicht tanzen.

In Lyon wollte sie nicht bleiben, sie wollte jetzt den Rest von Frankreich sehen, das hatte er versprochen. Et maintenant, toute la France, sagte sie. Von da an duzten sie sich, nahmen in den kleinen Hotels jetzt auch kein Doppelzimmer mehr.  Es war ein wenig seltsam, wieder einen Mann neben sich im Bett zu haben. Manchmal schliefen sie miteinander. Er war rührend ungeschickt im Bett, aber sie machte diese Geräusche, die Männer gerne hören. Sie fuhren erst einmal ohne Ziel durch das heiße Frankreich, es waren noch keine Sommerferien, die Straßen waren noch nicht überfüllt. Sie wechselten sich beim Fahren ab, er ließ sie ans Steuer, weil sie auch einen R4 hatte und mit der Stockschaltung von Renault zurechtkam. Sie fuhr ruhiger als er, und sie konnte lesen, was auf französischen Ortsschildern und Verkehrszeichen stand.

Sie könnten die Rhône hinunterfahren bis nach Marseille, schlug er vor, Schlösser besichtigen und so etwas. Ich will ans Meer, sagte sie und summte Charles Trenets La Mer vor sich hin. Cannes oder Nizza? fragte er. Wir sind keine Snobs, sagte sie, wir fahren nach Cap d'Agde. Den Tip hatte sie von einer Freundin bekommen, da sollte ein schöner Strand sei. Es war ein Strand für Nudisten. Darüber würde sie mit ihrer Freundin noch mal ernsthaft reden müssen. Sie wäre gerne geblieben, aber er wollte das auf keinen Fall. Er wollte nicht, dass andere Männer sie nackt sähen. Sie hatte keine Scheu, sich nackt zu zeigen. Ich habe schönere Titten als Deine Frau, sagte sie. Er hätte jetzt ja sagen oder irgendein Kompliment machen sollen, aber er war wenig gewandt in diesen Dingen, ihm fehlte der beau discours zum parlez-moi d'amour.

Sie landeten schließlich in Hendaye, das war schon beinahe in Spanien. Der Strand gefiel ihr, der Campingplatz war auch nicht schlecht. Er holte das Zelt aus dem Auto und begann es aufzubauen. Dabei sollte man Männern nie helfen, dachte sie. Sie packte ihre Sachen für den Strand in ihr Handtuch. Während er noch die Luftmatratzen aufblies, war sie schon unterwegs zum Strand. Sie breitete ihr Handtuch aus und zog ihren Bikini an. Nur das Höschen, sie verzichtete auf das Oberteil. Die Französinnen ihres Alters hier am Strand trugen auch nur einen Slip. Die hübsche beurette dahinten war ganz nackt. Es gab wenig Mücken am Strand. Das war vor Jahren auf Moen in Dänemark anders gewesen. Schöner weißer Sand, aber nur Mücken. Unglaublich. Er war immer noch nicht am Strand angekommen. Sie überlegte sich, was schlimmer wäre, Männer oder Mücken.

Am vierten Tag kamen nachmittags Böen und dunkle Wolken von Spanien her. Sie brachten Regen mit sich, viel Regen. In der Nacht schliefen sie kaum, sie wussten nicht, ob das Zelt dem Sturm und den Wassermassen gewachsen war. Am nächsten Morgen reisten sie ab. Er meinte, dass man bei diesem Wetter jetzt schön Schlösser besichtigen könnte. Immer wieder die Sache mit den Schlössern, das ist doch typisch für Leute mit Mittlerer Reife, dachte sie. Sie sagte entschieden, dass die Schlösser gestrichen seien, es ginge jetzt vers l'Allemagne. Sie übernachteten jetzt wieder in kleinen Hotels, nahmen aber wieder chambres doubles. Das erste Hotel hatte glücklicherweise eine funktionierende Dusche. Die Duschen auf dem Campingplatz von Hendaye waren meistens defekt. Sie musste erst einmal das Salz von ihrer Haut kriegen. Sie betrachtete sich vor dem beschlagenen Spiegel. Wenn sie das Bikinihöschen weggelassen hätte, wäre sie jetzt am ganzen Körper gebräunt. Aber sie war mit sich zufrieden, wenn die ganz Woche in Frankreich auch zu nichts gut gewesen war, hatte sie doch eine schöne Sommerbräune. Nicht bronzebraun, aber zu Hause würden auch noch Sonnentage kommen.

Die Rückfahrt nach Deutschland war nicht schön. Das Wetter blieb nass und windig. Das feuchte Zelt hinten im Wagen begann, muffig zu riechen. So nah sie sich in dem Zelt gewesen waren, würden sie sich nie wieder sein. Sie entfremdeten sich immer mehr. Er hasste es, wenn sie überall den Ton angab. Das fing mit dem Essen an. In Hendaye hatten sie mittags gegessen, was die Imbissbude anbot, jetzt bestellte sie in den Restaurants und Hotels immer das Essen. Sie konnte die Speisekarte lesen, er nicht. Einmal bestellte sie eine Bouilabaisse für zwei in der Terrine, aber was angeblich ein provenzalisches Nationalgericht war, war für ihn nichts als eine eklige braune Fischsuppe. Sie trank immer Weißwein, er hätte gerne ein Bier gehabt. Was er bekam, war eine Flasche Kronenbourg. Das ist doch kein Bier, sagte er. Es war ihm klar, dass er auf sie hätte hören und den Wein hätte trinken sollen, der auf dem Tisch stand. Sie hatte ja immer recht, immer musste sie den Ton angeben. Schöne Frauen sind keine Garantie für ein schönes Zusammenleben, dachte er sich.

Am letzten Tag wollte er früh los, damit sie noch am Abend zuhause wären. Sie war noch nicht fertig, sie musste unbedingt in diesem Augenblick Ansichtskarten schreiben, die sollten noch hier in Frankreich zur Post. Ansichtskarten müssen sein, egal, wie der Urlaub war. Er fing an, sie zu hassen. Sie waren kaum im R4, da begannen sie an, sich zu streiten, sie gifteten sich an wie ein altes Ehepaar. Wie schnell so etwas geht, dachte sie. Die Männer blieben nie lange bei ihr: Avec le temps, va, tout s'en va on oublie le visage et l'on oublie la voix. Für den Rest der Fahrt schwiegen sie. Das Radio auch. Aber kurz vor der deutschen Grenze waren alle Sender wieder da. Und ohne dass sie einen Sender gesucht hatte, konnte sie plötzlich französische Chansons hören.

Das wäre schön gewesen, hätte das Radio die ganze Woche funktioniert, la vie en rose. Sie kannte nicht alle Interpreten, die von Paname, chagrin d'amour und solitude sangen, aber Juliette Gréco erkannte sie sofort, als die von den souvenirs et les regrets aussi sang. Souvenirs nein, regrets auf jeden Fall, dachte sie. Sie zündete sich gerade eine Gitane an, als Edith Piaf mit ihrer unverkennbaren Stimme, die nach Zigaretten und Alkohol klang, zu singen begann: Non, rien de rien, non, je ne regrette rien. Sie drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, zog vorsichtig das Radio aus der Halterung daneben, kurbelte die Seitenscheibe herunter und warf es aus dem Auto. Dieses je ne regrette rien, das war zuviel des Guten.

Sie zündete sich eine neue Gitane an.

Sonntag, 25. Oktober 2020

Viveca Lindfors

 

Sie hatte Erfolge im Theater von Stockholm, als sie ganz jung war. Mit fünfundzwanzig ging sie nach Hollywoood, aber im Gegensatz zu Greta Garbo und Ingrid Bergman ist die Schwedin Viveca Lindfors (die heute vor fünfundzwanzig Jahren starb) nicht so richtig berühmt geworden. Sie kehrte immer wieder zum Theater zurück; für ihre Bemühungen, Strindberg auf die Bühnen des Broadway zu bringen, verlieh ihr der schwedische König 1972 den Wasaorden. 1976 hatte sie mit ihrer Soloshow I Am Woman, mit der sie auf Tour ging, großen Erfolg. Die Los Angeles Times schrieb: She retains a magical, casually battered and untended beauty. When she smiles, the world lights up. There is strength, but also tenderness in the sculptured, kittenish face. Grit, hauteur and dignity are all part of the svelte persona. This is a woman telling us she’s been through it all and, my dear, she’s still here. Zwei Jahre später gab ihr Robert Altman eine Rolle in A Wedding, den Film habe ich hier leider nur in einer schlechten Qualität.

Sie war ein wildes Ding gewesen: she seemed to enjoy her image as a promiscuous temptress, schrieb eine Zeitung nach ihrem Tod. 1975 sagte Viveca Lindfors in einem Interview: I was wild. I was ahead of my time in feeling sexual liberation. I married my first husband because the gossips said no man would ever want to marry anyone as promiscuous as I was. Nach einem Jahr war sie von ihrem ersten Mann wieder geschieden, aber mit dem Regisseur George Tabori war sie achtzehn Jahre glücklich verheiratet.

Fünfzig Jahre auf der Bühne und vor der Kamera, mehr als hundert Filme, aber nicht annähernd so berühmt wie Garbo oder Bergman. Es war sicher ein klein wenig doof von ihr, dass sie dem Magazin Life 1949 sagte, wie unglücklich sie in Hollywood sei. The Sad Short Story of Viveca Lindfors titelte das Magazin daraufhin, das las man bei den Warner Bros nicht gerne. Aber es blieb keine Short Story, Hollywood und Viveca wurde ein Roman. Das Studio warf die Schwedin, die noch große Schwierigkeiten mit der englischen Sprache hatte, nicht raus, sondern ließ sie in Night Unto Night neben Ronald Reagan spielen.

Ihr Agent hatte ihr geraten, diese Rolle nicht anzunehmen: My agent said, ‘I’m not sure he’s good enough,’ Ronnie was not a big star. He didn’t carry enough weight. To think that the guy became President is really kind of funny. Den Film Night Unto Night habe ich hier für sie. Für die Politik von Ronald Reagan hatte sie nichts übrig, sie war für die Democratic Party und unterstützte Jimmy Carter in seinem Wahlkampf. Im Alter war sie wieder nach Schweden gezogen.

Die Premiere zu ihrem letzten Film Last Summer in the Hamptons hat sie nicht mehr erlebt. Es ist ihr Schwanengesang geworden, eine Paraderolle für eine alt gewordene Schauspielerin. Sie brauchte eigentlich nur sich selbst zu spielen. Als Victoria Foyt, die eine junge aufstrebende Schauspielerin spielt, sie fragt, warum sie Schauspielerin geworden ist, beginnt Viveca Lindfors zu weinen und sagt: ... it's because I know ... It's because I know that's what I'm born to do. Viveca Lindfors hat mehr als hundert Filme gedreht, an die meisten erinnert man sich nicht. Aber diesen wird man nicht vergessen.


Noch mehr Schweden und Schwedinnen in diesem Blog: Die Mädchen, Ingmar Bergman, Transformationen, Skandal, Schwedinnen, Schweigen, Désirée, Elvira Madigan, Liebestod, Nationalstolz, Monica Zetterlund, Bibi Anderson, Sexuelle Revolution, Landstreicher, Mireille Darc, Vera Miles, Ann-Margret, Mein Dänemark, Talsperren, Nikolaus, Jugendkultur, Anders Zorn, Charles Frederick Worth, Michael Ancher, Zeitlos, John Peter Russell, Lieutenant Lindhövel, Findorff, Seeschlacht, Kieler Frieden, Giuseppe Verdi, Briefwechsel, Sjöwall Wahlöö, Maj Sjöwall, Henning Mankell

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Juliette Gréco ✝

Ich hatte in Hamburg einen Verwandten, der ein großer Liebhaber von la douce France war. Er war im Krieg als Offizier in Frankreich gewesen, es war die schönste Zeit seines Lebens. Er bastelte sich in den fünfziger Jahren als höherer Beamter seine Urlaubstage und Überstunden immer so zusammen, dass er jedes Jahr vier Wochen Frankreich im Stück hatte. Ich habe ihn schon in dem Post Picasso erwähnt. Er besaß eine große Sammlung von Platten mit französischen Chansons, aber das war beinahe nur George Brassens. Er wollte mir einmal ein paar Brassens Platten schenken, aber ich lehnte dankend ab.

Ich mag Brassens überhaupt nicht, ich war auf einem ganz anderen Trip. Ich sammelte alles von Juliette Gréco, Cora Vaucaire (die als erste Les feuilles mortes sang) und Barbara. Und ich besaß einen Band von Préverts Paroles, den ich peu à peu auswendig lernte. Bevor ich mir die Paroles kaufte, hatte ich den von Kurt Kusenberg besorgten Band Gedichte und Chansons benutzt, da gab es die Chansons zweisprachig. Das war praktisch, denn mein Französisch war noch nicht so gut, ich war in der Lateinklasse des Gymasiums gewesen. Aber dann gab es eine Reform der Oberstufe, ich konnte zwischen Russisch, Spanisch und Französisch wählen. Ich nahm Französisch und bekam glücklicherweise einen hervorragenden Lehrer.

1962 in Berlin kratzte ich mein ganzes Taschengeld zusammen, um mir eine Karte für das Konzert von der Muse des Existentialismus zu kaufen. Sie hatte Deutschland bisher gemieden; was man verstehen kann, wenn Mutter und Schwester ins das KZ Ravensbrück verschleppt wurden. Unglücklicherweise saß ich (Komödie Kurfürstendamm Reihe 12 Parkett links, Sitz Nr. 141) hinter Deutschlands schönstem Mann, dem Filmschauspieler Paul Hubschmid. Der war ein Sitzriese, und ich versuchte das ganze Konzert lang, an seinem linken oder rechten Ohr vorbei einen Blick auf das sich katzenartig bewegende Geschöpf im schwarzen Kleid zu werfen, das von einer kleinen Combo begleitet da vorne sang. Wenn ich an diesen Abend zurückdenke, dann ist es schon ein wenig komisch, dass ich nicht an Juliette, sondern an die ondulierten Haare von Paul Hubschmid denke.

Juliette Gréco sang an dem Abend viel von Jacques Prévert. Mein Französisch wurde damals von Woche zu Woche besser, weil ich wie viele meiner Klasse, diese Exi Phase hatte. Schwarze Rollis und alte Tweedjacketts tragen und nur noch französische Filme gucken war de rigeur. Und nebenbei begann ich, Proust zu lesen. Ich weiß, dass ich Sie jetzt langweile, ich habe das schon mehrfach hier im Blog gesagt, das steht schon in den Post Jacques Prévert und souvenirs et regrets. Aber es ist ja alles wahr. Und es sitzt immer noch im Herzen. Die Bücher und Platten sind immer noch da. Die Eintrittskarte für das Juliette Gréco Konzert liegt noch immer im Schreibtisch, ich bewahre sie wie eine Reliquie auf. Nur die Frauen, denen man damals Liebesgedichte von Jacques Prévert in die Briefe schrieb, sind entschwunden. Aber Préverts Gedichte und Juliettes Chansons bringen alles zurück, les souvenirs et les regrets aussi.

Das Tweedjackett für uns Exis durfte nicht neu sein, es musste so aussehen, als ob man einen Irischen Wolfshund ausgekämmt hatte. Also dieser Look der Jazzkeller des Rive Gauche oder der Riverkasematten in Hamburg. Neben dunklem Rolli und Tweedjackett musste man natürlich noch einen Band Camus oder Sartre unter dem Arm tragen. Das fiel ins Auge, Rowohlt hatte für beide Autoren rote Buchumschläge gewählt. Und dann musste man für Juliette Gréco schwärmen, was ich selbstverständlich tat. Das habe ich hier schon einmal gesagt. Und non, je ne regrette rien. Juliette soll mal eine Affäre mit Camus gehabt haben, aber das ist nicht so sicher. Sicher ist aber, dass Sartre, der auch ein Chanson für sie schrieb, sie entdeckt hat und im Hotel La Louisiane untergebracht hat, wo die ganzen amerikanischen Jazzmusiker hockten. Sartre hat auch gesagt, sie habe in ihrer Stimme des millions de poèmes qui ne sont pas écrits et dont on écrira quelques-uns.

Juliette Gréco erfand den existenzialistischen Stil: langes, glattes Haar mit Stirnfransen, die 'Frisur einer Ertrunkenen', wie der Journalist Pierre Drouin es nannte, dazu dicke Pullis und Männerjacken mit hochgekrempelten Ärmeln. Gréco schrieb, ihre langen wilden Haare hätten sie in der Kriegszeit warm gehalten. Dasselbe sagte Simone de Beauvoir über ihren Turban. Existenzialisten trugen schlabbrige Hemden und Trenchcoats, einige pflegten einen frühen Punk-Stil. Einer lief mit einem 'völlig zerrissenen und zerlumpten Hemd herum', schrieb Drouin. Bald jedoch setzte sich der typische Exi-Look durch: der schwarze Rollkragenpulli.

Das schreibt Sarah Bakewell in ihrem wunderbaren Buch At The Existentialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails. Ich habe die Autorin schon in dem Post Montaigne en allemand vorgestellt, ihre brillante Einführung in den Existentialismus gibt es auch auf Deutsch, wie Sie dem Zitat oben entnehmen können. Sarah Bakewell recounts the story of existentialism with wit and intelligence, offering a fresh take on a discipline often deemed daft and pretentious, hat Andrew Hussey im Guardian gesagt.

Und hinzugefügt: It helps that she writes well, with a lightness of touch and a very Anglo-Saxon sense of humour. Das ist es, was Bakewell perfekt beherrscht: schwierige Dinge ganz einfach zu erklären. Und zu den wärmenden Haaren von Juliette Gréco sollte man noch anmerken, dass die bis zum Po gingen. Schreibt sie auf jeden Fall in ihrer Autobiographie. Gerade auf Deutsch erschienen ist Agnès Poiriers Buch Left Bank: Art, Passion and the Rebirth of Paris 1940–1950. Ein wenig oberflächlich und nicht auf dem Niveau von Bakewell, aber doch ein schönes Sittengemälde der Zeit. 

Die langen Haare von Juliette Gréco und Rita Renoir (der tragédienne du strip-tease), die schwarzen Rollis, das leicht versiffte Aussehen, das war das Äußerliche. Man konnte den Stil leicht nachahmen, es gab genügend Wochenschauaufnahmen und Photos von der Pariser Szene. Wir stellten uns eine Gesellschaft außerhalb der Gesellschaft vor, die in Bars und Nachtclubs lebte; in einem Paris, das in unserer Vorstellung der Dunkelheit des amerikanischen Film Noir und dem französischen Poetischen Realismus (man denke an Le jour se lève und ✺Le Quai des brumes) entsprungen war. So ganz falsch war das wohl nicht, denn es gibt mittlerweile ein Buch mit dem Titel Existentialism, Film Noir, and Hard-Boiled Fiction

Die Liebe zum französischen Chanson ist mir geblieben. Zwei Jahre nach dem Juliette Gréco Konzert in Berlin war ich wieder einmal in Frankreich. An einem sonnigen Oktobertag hörte ich in einem kleinen Kaff im französischen Zentralmassiv auf der Straße Françoise Hardys Tous les garçons et les filles. Ging ins Ohr, hatte ich noch nie gehört. Ich ging in den Laden, um die Platte zu kaufen. Drei herumlungernde Jugendliche in Lederjacken, die wie schlechte kleine Kopien von Johnny Halliday aussahen, guckten mich mit offenem Mund an. Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass eine deutsche Uniform hier nicht unbedingt zum Alltag gehört. Die Platte von Françoise Hardy habe ich immer noch. Es ist nicht Cora Vaucaire oder Juliette Gréco, aber irgendwie ist es auch schön. Und auch schon Geschichte. Filme von der Qualität der Nouvelle Vague gibt es nicht mehr und Carla Bruni ist kein Ersatz für Juliette Gréco, Lena kein Ersatz für Françoise Hardy. Das Erstaunliche an der Kultur der fünfziger und sechziger Jahre ist, dass das, was sie hervorgebracht hat, ungeheuer haltbar ist.

Als ich den Post Que reste-t-il de nos amours schrieb, musste ich natürlich Charles Trenet hören, den hat Juliette gekannt, sie hat seine Chansons auch gesungen. Auf dem Photo hier wird sie von Eddie Constantine und Charles Trenet geküsst. Die CDs von Trenet brauchte ich nicht lange im Regal zu suchen, das war nicht so eine Aufräumaktion wie die, die ich in Hyperlink beschrieben habe. Die französischen Chansons waren alle an ihrem Platz, da, wo sie sein sollten (zwei CDs von Brassens besitze ich übrigens auch). Was mich etwas irritierte, war eine Raubkopie, auf der Juliette Gréco Abendlied stand. Hatte ich mal geschenkt bekommen, ich weiß nicht mehr von wem. Hatte ich die jemals gehört? Ich legte sie in den CD Player und hörte sie für den Rest des Tages. Manches davon kannte ich von anderen Platten oder CDs, also zum Beispiel das Lied mit der Ameise. Aber da gab es etwas, das ich noch nie gehört hatte, das war das Lied Mon fils chante von Maurice Fanon und Gérard Jouannest auf deutsch gesungen:

Für die, die nicht der Wetterwind dreht
Weil sie noch nicht käuflich sind
Weil sie noch ohne Angst, mein Kind, sing!

Für die die noch nicht schweigen und 
die noch der Welt das zeigen was
Recht und was Unrecht ist, mein Kind, sing!

Für die, die noch nicht blind gemacht
Bouzouki in der Sommernacht
ist kein Ersatz für Freiheit, Kind, sing!

Für die, die man einst vor der Stadt
zur Kirschenzeit verrissen hat
daß man sie nicht vergißt, mein Kind, sing!

Sing für die Freiheit, Kind
Hinter den Mauern sind
Menschen, die brauchen Dein Lied
Sing für Gerechtigkeit 
Gegen Gleichgültigkeit
und gegen Haß, mein Kind

Für die, die schon die Ketten seh'n
und dennoch mutig weitergeh'n
Für eine kleine Hoffnung, Kind, sing!

Für die, die in Gefangenschaft
liegen in Nacht und Dunkelhaft
Die dennoch ungebeugt, mein Kind, sing!

Für die, die vielleicht niemals mehr
die rote Sonne über'm Meer 
hinter Piräus seh'n, mein Kind, sing!

Für die, die einem Hoffnungsstrahl folgen,
die für das Ideal Freiheit 
zugrundegeh'n, mein Kind, sing!

Bei YouTube hat jemand das mit den Worten kommentiert: Nie war ein Text aktueller als heute, da ist sicher etwas dran. Die Melodie ist von Gérard Jouannest, dem Mann, mit dem Juliette Gréco seit 1968 zusammenarbeitet. Er hatte zuvor Lieder für Jacques Brel geschrieben, wie zum Beispiel das berühmte Ne Me Quitte Pas. Aber Brel (der in meinem Ikea CD Regal auch gut vertreten ist) hatte aufgehört zu singen, seine einjährige Abschiedstournee ging 1967 zu Ende. Jouannest sollte 1968 Barbara auf einer Tournee begleiten, aber die Tournee fiel ins Wasser, da sprang er bei Juliette Gréco als Klavierbegleiter ein, weil deren Pianist ausgefallen war. Er blieb bei ihr, nicht nur als Klavierbegleiter, er schrieb ihr Chansons (Mon fils chanteVivreLes années d’autrefoisUn jour d’été und C’était un train de nuit) und heiratete sie.

Nach einem halben Tag Juliette aus dem CD Player konnte ich sie am Abend auch noch sehen. Denn arte hatte wegen des Todes von Michel Piccoli sein Programm geändert. Sendete zuerst Sautets Film Les choses de la vie und dann die Dokumentation Der erstaunliche Monsieur Piccoli. In dem Film gibt es eine kurze Sequenz vom INA mit einem Interview des frischgebackenen Ehepaars Gréco und Piccoli, die es geschafft hatten, der Presse zu entgehen.

In dem Film ist auch die Szene zu sehen, wo Piccoli in Belle de Jour die Deneuve mit schmutzigem schwarzen Schlamm bewirft, fand ich immer die beste Szene des Films. Ich mochte den Film nie. Truffaut dreht bessere Filme, die Deneuve ist in La Sirène du Mississipi lebendiger als in Belle de Jour. Truffaut, der mit der Deneuve (wie mit beinahe all seinen Hauptdarstellerinnen) eine Affäre hat, hat einmal angedeutet, dass die Deneuve nur durch ihre Schönheit wirkt, nicht durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Aber mit dem Schlamm im Gesicht ist sie sehr überzeugend. 

Juliette Gréco ist niemals mit Schlamm beworfen worden. Die Presse war immer gut zu ihr, auch wenn ihr Chanson ✺Déshabillez-moi 1967 ein kleiner Skandal war. Lediglich für ihre Schauspielkunst in dem Film ✺Quand tu liras cette lettre, in dem sie neben ihrem damaligen Ehemann Philippe Lemaire spielte, fand der junge François Truffaut (er war damals einundzwanzig) keine guten Worte: Philippe Lemaire is far from bad, but Juliette Gréco is far from good. She says banal things in a tragic voice and tragic things in an everyday voice. A courageous film? No. A film to see? No. Am I being unjust? No (everyone tells me). Filme sind nicht so ihre Sache. Die schwarze Lorelei, wo sie an der Seite von O.W. Fischer zu sehen ist (ich habe den Film schon in dem Post Lurley erwähnt), habe ich mir nur ihretwegen angeguckt. Ihre schwarzen Jeans waren das einzig Sehenswerte in diesem Film.

In dem Film Bonjour Tristesse, nach dem Roman von Françoise Sagan, kann man ihr nicht anmerken, dass sie gerade einen Selbstmordversuch hinter sich hat und Françoise Sagan ihr Leben verdankt. Sie schreibt darüber in ihrer Autobiographie: Alles was in Paris Rang und Namen hatte, war hier im Régine versammelt. Der Abend war bereits forgeschritten. Aber das einzige, was ich bisher zu hören bekommen hatte, waren Klatsch, Lügen und Bosheiten gewesen. Keiner der Gäste war verschont worden. Ich ging nach Hause, ich ekelte mich und schluckte Schlaftabletten, um diese plötzliche Aversion gegen Menschen, die so wenig zu mir passt, für immer loszuwerden. Aber warum? Eigentlich sind Selbstmordgedanken für mich etwas Fremdes. Um vier Uhr morgens fand Françoise Sagan mich im Badezimmer auf dem Boden liegend. Sie rief den Notarzt. Als ich die Augen öffnete, blickte ich in ein zauberhaftes Gesicht, das eine Schwesternhaube krönte. Und ich sagte: 'Sie sind aber schön'. Ich hatte mit dem Leben wieder Frieden geschlossen.

Der Tag, an dem ich dank Abendlied und der arte Dokumentation mein volles Juliette Gréco Nostalgieprogramm hatte, war übrigens auch der Geburtstag von Miles Davis. Mit dem Juliette Gréco mal so etwas wie eine Affäre hatte, als sie jung war. Der Trompeter hat darüber gesagt: Juliette und ich pflegten an der Seine spazieren zu gehen, Hand in Hand, küssten uns, schauten uns in die Augen, küssten uns wieder und drückten unsere Hände noch etwas fester. Es war wie Magie, als sei ich hypnotisiert worden, als sei ich in einer Art Trance. Ich hatte so etwas zuvor noch nie erlebt. Wenn Sie wollen, können Sie jetzt noch den Film Fahrstuhl zum Schafott mit der Musik von Miles Davis sehen. 

Juliette Gréco starb am 23. September 2020 in ihrem Haus in Ramatuelle. Sie ist dreiundneunzig Jahre alt geworden, das ist ein schönes Alter. Mit achtundachtzig hatte sie ihre Abschiedstournee durch Europa gemacht. Sie hat ihr Leben lang Schwarz getragen, lange bevor das durch Prada modern wurde. Das Schwarz sollte ihren Körper verhüllen: Ich war nicht schön, ich hatte immer ein Problem mit meinem Aussehen, fand mich dumm und hässlich. Jetzt finde ich mich ein bisschen weniger dumm. Körperlich habe ich ein bisschen versucht, etwas zu ändern, dann hab ich's gelassen – Schluss damit, ich habe mich akzeptiert. Wenn man sich selbst liebt, ist man sowieso erledigt. Man muss die anderen dazu bringen, einen zu lieben! Sie hätte anziehen können, was sie wollte, schwarze Rollis oder ein Chanel Kostüm wie hier, wir haben sie immer geliebt. Und wir können ihre Stimme immer wieder hören, wenn sie Ne me quitte pas singt. Und wir brauchen nur einen Klick, um sie 1970 oder 2004 auf der Bühne zu sehen. Wir müssen bei YouTube nur vorher die Suzuki Reklame oder die Katzenfutter Reklame ertragen.

Donnerstag, 24. September 2020

Lew Tolstoi

Ich habe Tolstoi als Leser sehr spät entdeckt. Vielleicht ist das auch gut so, man versteht Krieg und Frieden im Alter besser. Und vielleicht ist es auch gut, wenn man zuerst Theodor Fontanes Roman Vor dem Sturm gelesen hat. Der Roman war es, der mich zu Tolstoi brachte. Und das ständige Drängen von Friedrich Hübner, dem Mann, der alles über die russische Literatur weiß. Ich vertraue seinen Literaturempfehlungen eigentlich immer, weil er einer der gebildetsten Menschen ist, die ich kenne. Zum ersten Mal wurde Tolstoi in diesem Blog in einem Post erwähnt, der Maciejowice heißt. Da hatte ich noch nicht den Mut, über Krieg und Frieden zu schreiben. Aber vier Wochen später habe ich mir gedacht: warum eigentlich nicht? Schließlich hatte ich ein halbes Dutzend Verfilmungen gesehen und las den Roman gerade zum zweiten Mal. Ein Jahr später schrieb ich dann über Sergei Bondartschuks geniale Verfilmung.


Bondartschuks Verfilmung kann ich Ihnen heute hier in voller Länge anbieten. Und ich habe noch mehr an bewegten Bildern, nämlich einen Film über die letzten Tage von Lew Tolstoi, in dem Christopher Plummer den Schriftsteller spielt. In Bondatschuks Verfilmung von Waterloo war er noch Wellington, jetzt ist er Tolstoi, Helen Mirren spielte voller Verve seine Ehefrau. Es war sicher passend, Dame Helen für die Rolle von Sofja Tolstaja zu nehmen, kommen ihre Vorfahren doch aus der russischen Aristokratie.

Der Film mit Mirren und Plummer heißt The Last Station (der deutsche Verleihtitel ist Ein russischer Sommer), Fritz Göttler hat es in seiner Rezension in der Süddeutschen nicht unbedingt gefallen. Aber immerhin waren Mirren und Plummer 2010 für den Oscar nominiert worden. Da ich bei Verfilmungen bin, habe ich noch etwas Schönes für die Augen. Wie oft der Roman Anna Karenina verfilmt worden ist, weiß ich wirklich nicht. Wir kennen natürlich alle den Film mit ✺Greta Garbo oder ✺Vivien Leigh (es gab auch mal eine Fernsehversion mit Jacqueline Bisset und einen Film mit ✺Keira Knightley). Ich kann Ihnen heute die neueste russische Verfilmung aus dem Jahre 2017 mit der russischen Schönheit Elizaveta Boyarskaya als Anna Karenina (hier im Bild) anbieten.

Der Film ist nicht synchronisiert, Sie werden wahrscheinlich nichts verstehen, aber das macht nichts. Es sind wunderbar plüschige Bilder, zwei Stunden und zwölf Minuten lang. Hollywood Made in Russia. Der Regisseur Karen Schachnasarow, der glaubt, dass sein Film unbedingt für den Oscar nominiert werden müsse, ist nebenbei Präsident von Mosfilm. Er ist ein Fan von Staatspräsident Putin und hat öffentlich die Annexion der Krim gelobt, dort hat er auch einen großen Teil der Außenaufnahmen des neuen Films gedreht. Es ist erstaunlich, was man mit Tolstoi alles machen kann.

Bei der Vielzahl der Anna Karenina Verfilmungen ist die russische ✺Verfllmung von 1967 mit der bildschönen Tatjana Samoilowa (die zehn Jahre zuvor mit Wenn die Kraniche ziehen berühmt geworden war) leider ein wenig untergegangen. Der Film von Alexander Sarchi sollte 1968 in Cannes, wo man die Samoilowa als die die russische Audrey Hepburn bezeichnete, gezeigt werden, aber das Festival fiel wegen der Maiunruhen aus. Dies ist ein Farbfilm in zurückhaltenden Farben, der manchmal lieber ein Schwarzweißfilm sein möchte. In seiner Kameraführung, der Schnitttechnik und der Montage ist er die modernste Verfllmung des Romans. Aber das Publikum will wohl keine avantgardistische Kunst sehen, sondern lieber Keira Knightley Kitsch oder den Film von dem Putin Kumpel. Das ist sehr schade.

Der Film The Last Station hatte einen amerikanischen Regisseur und wurde zum größten Teil in Deutschland gedeht. Er basiert auf einem Roman von Jay Parini. Den Roman habe ich zwar nicht gelesen, aber ich weiß, wer Jay Parini ist. Ich habe ihn in dem Post kein Melville am 1. August zitiert, und ich habe sein Buch über Melville (The Passages of H.M.) und seine Biographien über John Steinbeck und Gore Vidal gelesen. Parini ist ein Meister der Biographie, und wahrscheinlich ist sein Roman The Last Station viel besser als der Film. Auf jeden Fall war der Roman vor dreißig Jahren ein Bestseller. Und Millionen von Lesern haben auf diese Weise Lew Tolstoi kennengelernt, vielleicht nicht die schlechteste Art und Weise, um sich Tolstoi zu nähern. Der Titel des Romans hat natürlich etwas mit der Eisenbahnstation zu tun, in der Tolstoi vor hundertzehn Jahren starb (lesen Sie mehr dazu in dem Tolstoi Post la belle inconnue).

Der erste Absatz des heutigen Posts stand hier schon am 9. September 2013 in dem Post Tolstoi, das war der 185. Geburtstag des russischen Grafen. Ich komme jetzt an seinem Geburtstag noch einmal auf ihn, weil er mir ständig wiederbegegnet ist, als ich über Isaak Lewitan schrieb. Ich hätte ihn erwähnen können, weil ich bei der Recherche auf diese interessante Seite gestoßen war. Es fiel mir vor zehn Jahren verhältnismäßig leicht, über Krieg und Frieden zu schreiben, weil ich den Roman damals zum ersten Mal gelesen hatte. Und ihn gleich ein zweites Mal in einer anderen Übersetzung las. Und ich bin gerade dabei, Teile des Romans noch einmal zu lesen. Was ich vor zehn Jahren noch nicht wusste, war die Tatsache, dass der Post über Krieg und Frieden beinahe zehntausend Leser gefunden hatte. Ich habe erst Jahre später gemerkt, dass ich viele dieser Leser wohl dem Wikipedia Artikel zu Krieg und Frieden verdanke, in dem es einen Link zu meinem Blog gibt.

Schon zu Lebzeiten Tolstois (hier ein Portrait seines Freundes Ilja Repin) sind seine Werke ins Deusche übersetzt worden. Einer der ersten Übersetzer war Raphael Loewenfeld. Sein 1901 erschienenes Buch Leo N. Tolstoi: Sein Leben, seine Werke, seine Weltanschauung können Sie hier lesen. 2010, hundert Jahre nach Tolstois Tod, kam die vielgelobte Neuübersetzung von Krieg und Frieden von Barbara Conrad auf den Markt, 2009 war eine neue Übersetzung von Anna Karenina von Rosemarie Tietze erschienen. Und Barbara Conrad übersetzte den Roman Auferstehung neu (Hanser 29016). Conrads Übersetzung von Krieg und Frieden kostet bei Hanser leider immer noch 58 Euro.

Man kann den Roman natürlich viel preiswerter bekommen, die alten Übersetzungen von Hermann Röhl (dessen Übersetzung aus dem Jahre 1915 bei Zeno zu lesen ist), Erich Boehme (1924), Werner Bergengruen (1953) oder Marianne Kegel (1956) sind noch auf dem Markt. Marianne Kegels Übersetzung kam 2002 durch Patmos Verlagsgruppe wieder auf den Markt, neu mit Literaturhinweisen, einem 20-seitigen Nachwort und Anmerkungen von Barbara Conrad versehen. Wenn man dieses Buch preiswert findet, scheint es mir ein idealer Text zu sein. In England erschien 2010 Tolstoy: A Russian Life von Rosamund Bartlett, 2014 erschien in der Reihe der Oxford Classics ihre Übersetzung von Anna Karenina. Und bei Suhrkamp gbt es immer noch Isaiah Berlins berühmten Essay Der Igel und der Fuchs (dazu habe ich hier eine Zusammenfassung).

Beinahe fünfzig Jahre war in der Reihe der rororo monographien der Band
Lev Tolstoj in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten von Janko Lavrin (in der Übersetzung von Rolf-Dietrich Keil) lieferbar gewesen, 2010 kam ein neuer Band in der Reihe von Ursula Keller und Natalja Sharandak (die auch Eine Ehe in Briefen: Lew Tolstoj, Sofja Tolstaja übersetzt und herausgeben hatten). Die beiden Autorinnen haben auch bei Suhrkamp das Buch Iwan Turgenjew und Pauline Viardot: Eine außergewöhnliche Liebe veröffentlicht. Ich habe das schon in dem Post Ernst Rowohlt gesagt, dass ich von den Bänden dieser Reihe beinahe zwei Regalmeter besitze, und dass ich Kurt Kusenberg (der auch Jacques Prévert übersetzt hat) ewig für diese Reihe dankbar bin. Vor zwei Jahren hat der C.H. Beck Verlag das Buch Für alle Tage: Ein Lebensbuch mit gesammelten Lebensweisheiten Tolstois auf den Markt gebracht (hier eine Leseprobe). Kostet soviel wie Krieg und Frieden. Wenn man 58 Euro für Tolstoi ausgibt, sollte man Krieg und Frieden kaufen, gesammelte Lebensweisheiten enthält der Roman auch genug. Man muss nur anfangen, den Roman zu lesen. Aufhören kann man dann sowieso nicht mehr.

Samstag, 5. September 2020

la first lady del jazz italiano


Vor dem Plattenladen stand ein hölzerner Tapeziertisch, der Besitzer des Ladens hatte einige Kartons voller Platten da draufgestellt. Sonderangebote, die meisten Platten sollten eine Mark kosten. Die Langspielplatte, die ich in der Hand hielt, kostete fünf Mark, sie hieß Sounds of Love. War von einer Sängerin namens Tiziana Ghiglioni. Den Namen hatte ich noch nie gehört, aber zwei Namen auf der Platte sagten mir etwas: Kenny Drew und Niels-Henning Ørsted Pedersen. Die hatte ich mal vor Jahren in Kopenhagen gehört. Ich nahm die Platte und ging in den Laden.

Der Händler sagte gerade zu einer jungen Frau, dass er die Platte, die sie kaufen wollte, auch noch als Japanpressung statt dieser billigen Pressung aus Spanien hätte. Sei etwas teurer, aber viel besser. Kommt aber drauf an, was für 'nen Plattenspieler Du hast, sagte er. Sie verzichtete auf die Japanpressung, ich weiß auch nicht, ob man das wirklich hört. Ich hatte damals einen alten Elac Plattenspieler, noch nicht dieses Luxusteil, das ich heute habe. Ich legte Sounds of Love auf den Ladentisch und bereitete mich darauf vor, auch geduzt zu werden. Aber das ließ der Händler dann doch. Die hab' ich seit einem Jahr liegen, sagte er, will niemand haben. Ist ihre zweite Platte, die erste Platte gab es wohl nur in Italien. Ist eine Spitzenbesetzung, ich glaube die Frau wird noch mal berühmt. 

Sie ist noch berühmt geworden, auf jeden Fall in Italien. So viele Jazzsängerinnen gab es da um 1980 ja nicht. Joachim-Ernst Berend zählte sie in seinem Jazzbuch mit ihren italienischen Kolleginnen Maria Pia De Vito und Francesca Simone zu den wichtigsten europäischen Jazzsängerinnen. Ghiglionis erste LP hieß ✺Lonely Woman (1981), Sie könnten hier einmal in den Titel 'Round about Midnight hineinhören. Auf dem Cover der Platte steht unter ihrem Namen Jazz Singer, das musste man für das Publikum offenbar dazu schreiben. Auf dem Cover von Sounds of Love steht nur noch ganz groß ihr Name. Als die junge Sängerin hörte, wen der Produzent als Musiker für ihre zweite Platte für die Aufnahmen in Mailand verpflichtet hatte, hatte sie ziemliche Angst bekommen. Denn Kenny Drew, Niels-Henning Ørsted Pedersen und Barry Altschul waren weltbekannte Leute.

Das war eine neue Welt, in die sie da hineinsschwebte. Von nun an brauchte niemand mehr Jazz Singer als Erklärung unter ihen Namen zu schreiben. Arrigo Polillo, dessen Urteile in der Jazzszene etwas zählten, hatte Lonely Woman in den Himmel gehoben. Und da war sie nun. Für dieses Album hier mit dem schönen himmelblauen Cover ist sie 1991 zu der Firma zurückgekehrt, die Sounds of Love produziert hatte, hier wird sie von Mal Waldron begleitet. Der hatte einst Billie Holiday am Klavier begleitet, und der Dichter Frank O'Hara hat ihn in sein Gedicht The Day Lady Died hineingeschrieben.

Die Platte Sounds of Love gefiel mir damals sehr, ich habe sie mir inzwischen als CD nachgekauft, die klingt aber nicht so gut wie die LP. Es fehlen die Kratzer, an die man sich in den Jahren gewöhnt hat. Ich begann, nach anderen Platten von der Italienerin Ausschau zu halten. Das war noch vor den Tagen des Internets, wo man mit einem Klick alles finden kann. Das waren noch die Zeiten, wo die Händler an schönen Sommertagen Kartons mit preisreduzierten Platten vor den Laden stellten. Diese schönen Zeiten gibt es nicht mehr, egal, ob man geduzt wurde oder nicht. Dieses unverlangte Du in Plattenläden hatte ja etwas mit einer musikalischen Sympathie zu tun, das war nicht so schlimm wie bei dem prolligen Horst Lichter.

Tiziana Ghiglioni Platten und LPs kann man heute immer noch finden. Vieles nicht, aber manches ist beinahe vollständig bei YouTube. Zum Beispiel die Lieder des Liedermachers Luigi Tenco, da hat YouTube eine ganze Seite für Tiziana Ghiglioni canta Luigi Tenco. Tiziana Ghiglioni ist schwer einzuordnen, sie war von Platte zu Platte anders. Sie wechselte nicht nur den Stil, sie wechselte auch die Label. War bei Splasc(h) unter Vertrag, wechselte dann zu Philology, und dann wieder zurück zu Splasc(h). Man muss dazu sagen, dass diese beiden italienischen Jazz Label erst seit den 1980er Jahren im Geschäft sind. Sie sind mit Tiziana Ghiglioni gewachsen und die Sängerin mit ihnen.

Sie war zum Jazz gekommen, nachdem sie ein Konzert mit Archie Shepp gehört hatte. Danach ging sie in den Workshop des Pianisten und Komponisten Giorgio Gaslini. Der behielt sie gleich für seine Big Band als Sängerin. Sie hat noch Gesangsstunden bei der Opernsängerin Gabriella Ravazzi genommen, die auch schon mit Gaslini zusammengearbeitet hatte, von da an war sie eine gesuchte Jazzsängerin, die irgendwann auch ihr eigenes Sextett hatte.

In diesem Blog ist Tiziana Ghiglioni schon einmal aufgetaucht, in dem Post Que reste-t-il de nos amours kann man ihre Version des Chansons von Charles Trenet hören. Unheimlich schnell in gutem Französisch gesungen, eine Minute schneller als die Version von Chrissie Hynde aus dem letzten Jahr. Der Titel findet sich auf der CD Spellbound, alle Aufnahmen von dem Album Spellbound, bei dem sie einen großen Teil der Songs selbst geschrieben hat, kann man sich hier bei YouTube anhören.

Cover und Liner Notes von Spellbound sind von York von Prittwitz, einem Mann, der sich große Verdienste dabei erworben hat, den italienischen Jazz nach Deutschland zu bringen. Tiziana Ghiglioni hat viel bewirkt in der italienischen Jazzszene. Sie hätte bei Songs wie Embraceable You und all dem, das das Great American Songbook hergibt, stehen bleiben können, aber sie wollte immer wieder etwas Neues machen. Deshalb war das Konzert von Archie Shepp, der damals für Avantgarde und Free Jazz stand, für sie so entscheidend gewesen. Der Herausgeber der Zeitschrift Musica Jazz Pino Candini hat sie die First Lady des italienischen Jazz genannt, das hat sie unbedingt verdient.


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