Sonntag, 23. Juli 2023

Irina Liebmann

Die Schriftstellerin Irina Liebmann wird heute achtzig Jahre alt, dazu möchte ich ganz herzlich gratulieren. Dass ich ihre Bücher kenne, verdanke ich dem Zufall. Ich fand Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise an einem schönen Sommertag in dem Grabbelkasten, der vor dem Antiquariat stand. Sowas gab es ja früher, auch massenhaft Grabbelkästen vor den Plattenläden. Ist alles weg, die Antiquariate und die Plattenläden. Läuft jetzt alles über ebay. Wir haben da etwas verloren. Ich hatte noch nie etwas von Irina Liebmann gehört, aber ich begann auf der Straße zu lesen. Und merkte, dass ich hier etwas ganz Besonderes in der Hand hatte. Ein sentimental journey durch Deutschland, Ost und West, wechselnd zwischen Prosa und prose poem. Von der Wasserwelt in Lebus bis zum Rhein, hoch poetisch und hoch komisch. Ein Buch, das uns unsere hässliche Wirklichkeit vergessen lassen kann - obgleich die immer auch im Buch ist.

Irina Liebmann hat als Journalistin begonnen und ist Schriftstellerin geworden. Viele Schriftsteller haben als Journalisten begonnen, Fontane und Hemingway, Rudyard Kipling, Joseph Roth und Kurt Tucholsky. Man kann die Liste beliebig verlängern. Der Journalismus kann eine gute Schreibschule sein, aus der man seinen eigenen Stil entwickelt. Und den eigenen Stil hat Irina Liebmann gefunden, eine nichtfiktionale Prosa, die immer von Poesie durchzogen ist. Da hat sie manches mit dem non-fiction novel Stil von Joan Didion gemein.

Irina Liebmann ist mit zwei Muttersprachen aufgewachsen, Deutsch und Russisch. Später hat sie noch Chinesisch gelernt. Sie wurde in Moskau geboren, weil ihr Vater Rudolf Herrnstadt nach Russland emigriert war. Er wurde nach dem Krieg Chefredakteur der Zeitung Neues Deutschland, fiel aber bald beim System in Ungnade. Forderte den Rücktritt Ulbrichts, und wurde für den Aufstand von 17. Juni 1953 mitverantwortlich gemacht. Die Revolution frisst immer ihre eigenen Kinder. Liebmann hat ein Buch über ihren Vater geschrieben, über einen Mann, der Jude, Spion und Kommunist war. Mein Vater ist verleumdet und verschwiegen worden, jeder hat ihn für seine eigenen Angelegenheiten benutzt wie einen Steinbruch – das war so, solange die Mauer stand, und nach dem Mauerfall ging es genauso weiter. Heute ein großes, freundliches Portrait eines Kandidaten des Politbüros der SED zu veröffentlichen, so was ist doch nicht so easy! hat sie in einem Interview gesagt. 

Sie musste dieses Buch Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt schreiben, so wie Barbara Honigmann über ihren Vater das Buch Georg schreiben musste. Irina Liebmann hat für die Lebensgeschichte ihres Vaters 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Gleichzeitig erschien das Buch in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Barbara Honigmann, deren Mutter einmal die Ehefrau von Kim Philby war, hat für das Buch über ihren Vater 2020 den Literaturpreis der Stadt Bremen erhalten. Vielleicht sollte man diese beiden jüdisch-deutschen Erinnerungen parallel lesen.

Hier im Café Der Hackesche Hof hat das Magazin Cicero die Autorin interviewt, vielleicht folgen Sie dem Link und lesen das Interview. Wir sind hier im Zentrum des literarischen Kosmos von Irina Liebmann. Was ist das Café Slavia gegen den / Hackeschen Hof? / Was ist die Moldau / Gegen die Spree? Und mit dem Café beginnt auch das Das Lied vom Hackeschen Markt, das erste von drei politischen Poemen. Ich habe eine kleine Leseprobe von dem Band. Hier ist die alte Mitte Berlins, die auch einmal die jüdische Mitte Berlins gewesen ist. Liebmanns Roman Die große Hamburger Straße wurde im Jahr 2020 mit dem Uwe Johnson Literaturpreis ausgezeichnet. Der Roman war der dritte Band in der Berlin Trilogie der In Berlin (1994) und Die freien Frauen (2004) vorangegangen waren. Ich habe hier auf YouTube ein sehr interessantes 80-minütiges Gespräch mit der Autorin zu ihrem Roman.

Der schriftstellerischen Erfassung des Herzens der Großstadt vorangegangen war ein Photoband der Autorin, der Stille Mitte von Berlin heißt, eine photografische Recherche auf Orwo Color rund um den Hackeschen Markt. Es war ein Projekt, das als Gedächtnisstütze gemeint war. Es wurde ein Photoessay, der zeigt, dass Straßen Geschichten erzählen und Geschichte erfahrbar machen: Nur in der Gegend zwischen nördlicher Friedrichstraße und Alexanderplatz stand damals noch ein echtes Stück von der alten Innenstadt. Es war keine Touristengegend wie heute - eher eine Rumpelkammer mit Möbelstücken der Weltstadt Berlin. Ein ganzes großes Wohnzimmer verwitterte da und verstaubte. Für uns war es der Alltag. Wir liebten die Gegend. Wir wussten, dass es ein sehr altes Stück von Berlin war und dass hier immer die arme Seite der Stadt gewesen war. Über die Häuser selber, ihre Erbauer, ihre Bewohner, wussten wir kaum etwas. Einige allerdings waren mit Gedenktafeln versehen oder sprachen für sich selber: das katholische Krankenhaus, die protestantische Sophienkirche und der älteste jüdische Friedhof Berlins. Zu dem Friedhof hatte ein Altersheim gehört, ein Denkmal erinnerte daran, dass sich hier eine Sammelstelle zum Transport jüdischer Berliner in die Vernichtungslager befunden hatte. Alles stand so da, wie es stehen geblieben war, 1945, 1950. Aber überall ragten Reste von etwas aus den Wänden - jedes Teil wie das Ende einer Wurzel, deren Pflanze man nicht kennen konnte.

Wenn ich auf der Straße vor einem Grabbelkasten zu lesen anfange, dann ist das ein Zeichen für ein gutes Buch. Und Letzten Sommer in Deutschland: Eine romantische Reise ist ein gutes, ein sehr gutes Buch. Ich ging in den Laden und legte der netten Blondine drei Euro auf den Kassentisch. Man kann die Bücher von Irina Liebmann antiquarisch preiswert bekommen. Auch Die große Hamburger Straße, für die ich noch viel Geld bezahlt habe, als das Buch erschien, ist im Preis gesunken. Wenn ich damals die Autorin nicht kannte, heißt das nicht, das sie unbekannt ist. Sie hat viele Literaturpreise bekommen. Sie könnten hier die Laudatio von Dagmar Leupold zum Literaturpreis Von Autoren für Autoren in Lübeck lesen, die sich auch auf der schönen Homepage von Irina Liebmann findet. Was in meinem Geburtstagsgruß für die Autorin steht, ist auch eine Leseempfehlung für Sie. Ein Buch möchte ich noch empfehlen, es heißt Drei Schritte nach Russland. Es ist eine liebevolle Erinnerung an ihre russische Mutter Valentina, die schöne schlanke Frau mit der Wespentaille und der Lauren Bacall Frisur. Es ist auch ein Versuch, sich in dem heutigen Russland zurechtzufinden. Ich zitiere mal die erste Seite:

Die Russen. Siebzig Jahre lang eingeschlossen, abgesperrt, vergessen. Von uns jedenfalls vergessen, ich weiß es genau, es war mir nicht angenehm, daß wir im Osten manchmal über sie sprachen, als ob es sie gar nicht mehr gibt: "Bei denen". 
"Bei denen ist es natürlich noch schlechter". 
Es hatte so zu sein, daß es ihnen schlechter ging als uns, daran hatten wir uns gewöhnt. Wir haben nie wirklich nach ihnen gefragt. 
Wir blickten nach Westen, und jetzt? 
Was Westen war, hat seine Leuchtkraft verloren. 
Aber angenehm ist es im Westen noch. Ich sitze in einer großen Wohnung, seit acht Wochen ist Winter mit Schnee und Eis wie niemals zuvor, aber die Läden sind voll, die Heizung warm, nur die Zahlen auf meinem Bankkonto muß ich im Auge behalten, diese Zahlen sind der Kilometerzähler meines Lebens geworden, und nicht meines alleine, denn schon sitzen alle Regierungen Tag und Nacht zusammen und reden über nichts anderes als die Zahlen auf ihren eigenen Kilometerzählern, wir können abstürzen, rufen sie, abstürzen, ins Meer fallen, in ein Meer der wertlosen Scheine, die kein Konto wahrnehmen wird, keinen Meter wird es mehr anzeigen als zuvor, keine Zahl dafür in die Höhe treiben, wir fallen, wir fallen – und die da, die Russen? Die sehen zu. 
Sollen wir zu ihnen blicken? In ihre Richtung? 
Was ist denn dort? Was? 
Und was waren das für Jahre, die letzten zwanzig? Was war das für ein Glanz, dem wir nachliefen? War es überhaupt Licht?

Zum Weiterlesen müssten Sie das Buch kaufen. Lohnt sich unbedingt. 

Donnerstag, 20. Juli 2023

Jane Birkin ✝

Das ist die gerade verstorbene Jane Birkin in ihrem ersten Film. Ich kannte den Film, ohne ihn gesehen zu haben. Weil ich in Bremen das von Peter Zadek übersetzte Theaterstück Was ist an Tolen so sexy? gesehen hatte. Und dieses Theaterstück von Ann Jellicoe, das im Original The Knack hieß, war die Basis für Richard Lesters Film ✺The Knack. Jane Birkin hatte nur eine Nebenrolle in dem Film, die Hauptrolle hatte Rita Tushingham. Aber die machte nicht die Weltkarriere, die die schönen jungen Nebendarstellerinnen machten. 

Und damit meine ich Jacqueline Bisset, Charlotte Rampling und Jane Birkin. Und das Top of the Pops Girl Samantha Juste. Für alle vier war es ihre Filmrolle. Sie tauchen in den credits unter extras auf. Und man weiß kaum, wer wer ist. Zum einen sahen die androgynen jungen Frauen damals sowieso alle gleich aus, zum anderen sind sie hier bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, mit viel schwarzem Kajal um die Augen, Wen Jacqueline Bisset in dem Film spielte, das weiß ich nicht mehr, aber Jane Birkin ist die auf dem Moped. Und Charlotte Rampling ist die, die Wasserski läuft.

Jane Birkin war, das versichern uns die Nachrufe in den Feuilletons, eine Stilikone. So wie sie aussah, konnte sie anziehen, was sie wollte. Wir wissen, wer Audrey Hepburn eingekleidet hat, bei Jane Birkin wissen wir es nicht, obgleich sie immer auf den Seiten von Vogue und Paris Match war. Wahrscheinlich konnte sie am Boulevard Haussmann ins Printemps marschieren und sich bei den Sonderangeboten bedienen. Sie ist einmal mit Twiggy für Modephotos aufgetreten, aber sie hatte als Model nicht die Berühmtheit, die Jean Shrimpton hatte. Die Firma Hèrmes hat eine Tasche nach ihr benannt, die heute secondhand zwischen zehntausend und hunderttausend Euro kostet. 

Das bleibt von den berühmten Schönheiten: die nach Grace Kelly benannte Kelly Bag und die Birkin Bag. Jane Birkin hatte die Firma Hèrmes verklagen wollen, nachdem sie von der Tierschutzorganisation Peta erfahren hatte, wie die Haut der Krokodile auf die Birkin Bag kommt: Ich habe Hermès aufgefordert, die 'Birkin Croco' umzubenennen, bis bessere Praktiken, die internationalen Normen entsprechen, bei der Herstellung dieser Tasche umgesetzt werden können. Man hat sich außergerichtlich geeinigt. Hèrmes ist jetzt nett zu den Krokodilen. Bei Zalando gibt es übrigens eine ganz ähnliche Tasche für neunundsiebzig Euro. Hèrmes wird sowieso überschätzt, ich habe meiner Ex mal eine Hèrmes Aktentasche geschenkt, die sich in wenigen Jahren in ihre Bestandteile zerlegt hat.

Dies Bild stammt aus einem frühen Film von Jane Birkin.: Er hat viele Frauen, aber am Ende kriegt sie ihn, und sie gehen zum Bahnhof, um Eisenbahnen zu gucken. Sie guckt gerne den Eisenbahnen nach. Das ist jetzt eine etwas kryptische Beschreibung des Films Das wilde Schaf (✺Le mouton enragé). Vielleicht spielt Romy Schneider da die Hauptrolle, aber man guckt den Film nur wegen der Nebenrollen. Wegen Jane Birkin und Florinda Bolkan. Und natürlich wegen Jean-Louis Trintignant.

Sie braucht keine großen Rollen, in vielen Filmen spielt sie nur die Nebenrolle, wie das magersüchtige Model in Blow-Up, aber sie ist immer ein eye candy. Für die anonymen Autoren des Wikipedia Artikels ist sie überhaupt keine Schauspielerin, da ist sie nur eine Sängerin von Je t’aime … moi non plus und Ähnlichem. Birkin spielte zudem in zahlreichen, oft seichten Kinofilmen, steht da im Text. Das Lied, das sie mit Serge Gainsbourg aufgenommen hatte, ist bei YouTube verschwunden. Es gibt allerdings im Netz noch die ✺Version, die Gainsbourg mit Brigitte Bardot aufgenommen hatte.

Jane Birkins Erfolg als Sängerin kam mit Serge Gainsbourg, mit dem sie viele Jahre zusammenlebte. Er ist der Svengali, der das Lolita Püppchen an seiner Seite berühmt macht. Mit ihm trat sie in einer Nebenrolle auch in diesem seltsamen Film ✺Le Roman d’un voleur de chevaux auf, in dem Gainsbourg zum erstenmal La Noyée sang. Über den Dokumentarfilm von Agnès Varda Jane B. par Agnès V. sagte Christiane Peitz in der  taz, er mache nur deutlich, dass Birkin eine schlechte Schauspielerin sei. Sie sei nur gut, wenn sie sich selbst spiele. Da ist wahrscheinlich etwas dran. Eine besonders gute Sängerin war sie auch nicht, sie war keine Juliette Gréco, keine Françoise Hardy. Aber sie machte immer weiter mit dem Singen, ihre letzte CD Oh! Pardon tu dormais… ist zwei Jahre alt. Sie wollte jetzt im Frühjahr in Deutschland auftreten, musste die Konzerte aber absagen, Kein anderer Song von Birkin wurde so berühmt wie Je t’aime … moi non plus, sie hat einmal gesagt: When I die, that'll be the tune they play, as I go out feet first.

Wenn sie sich selbst spielen kann und nicht zu singen braucht, dann kann sie wirklich gut sein. Wenn sie einen guten Regisseur hat. Wie zum Beispiel Bertrand Tavernier, der einmal als Regieassistent bei Jean-Pierre Melville angefangen hatte. Er sei ein schlechter Regieassistent gewesen, hat Tavernier gesagt, aber er wurde ein guter Regisseur. 

Tavernier war mit einer Engländerin verheiratet, die ihm die Drehbücher für seine besten Filme geschrieben hat, wie ✺Un dimanche à la campagne (Ein Sonntag auf dem Lande) oder Daddy Nostalgie (aus dem diese Photos stammen). Ich habe von diesem Film, in dem Jane Birkin neben Dirk Bogarde spielt, eine witzige ✺Kurzfassung mit der Musik von Nat King Coles These Foolish Things. Ich habe aber natürlich auch den Film ✺Daddy Nostalgie für Sie. Und ein langes Gespräch zwischen der Drehbuchautorin ✺Colo Tavernier und Jane Birkin. Wenn Sie noch fünfzig Minuten Zeit haben, dann hätte ich hier noch die arte Dokumentation ✺Jane Birkin - Muse, Sexsymbol, Ikone für Sie. Mehr gibt es heute nicht, ich war nie ein Jane Birkin Fan. Ich weiß auch nicht, ob man ihre Munkey Diaries lesen muss.