Sonntag, 29. Mai 2022

Die Prinzessin von Sibirien

Diesen Herrn werden Sie wahrscheinlich nicht kennen, aber dafür haben Sie ja mich. Er heißt Nikolai Alexandrowitsch Bestuschew, er ist ein Korvettenkapitän der russischen kaiserlichen Flotte. Ich bin auf ihn durch ein Weihnachtsgeschenk von Friedhard gekommen, das Sibiriens vergessene Klaviere heißt, geschrieben von der Engländerin Sophy Roberts. Es liest sich wahrscheinlich im englischen Original besser als in der Übersetzung. Ich wünschte mir, dass jemand wie Adam Gopnik das Buch geschrieben hätte, auf diesem Niveau ist Roberts trotz mehrerer Hochschulabschlüsse nicht, sie geht auch etwas flusig mit den Fakten um. In einer Rezension las ich, das Buch sei in einer erfrischenden Sprache geschrieben, so etwas ist immer verdächtig. Nikolai Bestuschew kommt in dem Buch vor, obgleich alles über ihn etwas genauer und vollständiger sein könnte. Sie fragen sich jetzt natürlich, was hat ein russischer Korvettenkapitän mit Klavieren in Sibirien zu tun?

Als er noch die schöne Marineuniform trug und der Direktor des Marinemusums war, hatte der Adlige nichts mit Klavieren zu tun, aber Jahre später wird er aus Freundschaft zur Prinzessin Maria Wolkonskaja ihr Klavier in Sibirien 
reparieren. Maria Wolkonskaja kennen Sie schon, weil Sie hier schon einen Post hat (sie kommt auch in dem Post der heilige Doktor vor). Als Bestuschew das Klavier repariert, ist er als einer der Dekabristen degradiert und nach Sibirien verbannt. Er kann das Klavier nur reparieren, weil er so etwas Ähnliches wie ein Universalgenie ist. In der Verbannung wird er Uhren bauen, einen Chronometer entwerfen, ein Gerät zur Registrierung von Erdbeben erfinden, ein Rettungsboot namens Bestuzhevka konzipieren und das Zielfernrohr verbessern. Diese Erfindung wird im Krimkrieg zum Einsatz kommen. Nebenbei schreibt er auch noch Erzählungen. Und malt alle Dekabristen, die crème de la crème des russischen Adels, die der Zar Nikolaus nach Sibirien geschickt hat. 

Das hier ist Bestuschews Vater Alexander, ein gebildeter Gentleman. Artillerieoffizier unter Katharina der Großen, jetzt retitiert, Schriftsteller und Zentrum eines liberalen intellektuellen Zirkels. Er wird es nicht mehr erleben, dass seine Söhne als Dekabristen verurteilt werden. Die Prinzessin Maria Wolkonskaja ist nicht als Verurteilte in Sibirien, die Freundin Puschkins ist ihrem Gatten in die Verbannung gefolgt, ihre Schwester hatte ihr aus Moskau ein Klavier geschickt. Nach siebentauend Kilometern mit Kutsche und Schlitten klang das Klavier nicht mehr so gut. 

Wir wissen, dasss Nikolai Bestuschew Englisch konnte, das können wir in den Memoiren des ehemaligen Rittmeisters Iwan Dmitrijewitsch Jakuschkin (Bild) lesen: Wir hatten sehr wenige Bücher. Murawiew hatte eine französische Bibel und Sallust in französischer Übersetzung mitgenommen; ich hatte nur Montaigne mitnehmen können, aber zum Glück hatte Bestushew zwei Bände alter englischer Journale, einen Band von Rambler und einen Band von Gärtner. Mit Hilfe Bestushews lernten Murawiew und ich Englisch. Die Bibliothek unseres Offiziers bestand nur aus zwei Büchern, die er uns beide zu lesen gab; aber er konnte sich nicht entschließen, uns Bücher aus Rotschensalm zu verschaffen; statt dessen erhielten wir, völlig unerwartet, ein Heft, in das mit lateinischer Schrift der letzte Teil von 'Childe Harold' eingetragen war. Zwei in Rotschensalm lebende Damen, Frau Tschebischewa und ihre Schwester hatten das Heft gebracht. Wir waren sehr gerührt durch diese Freundlichkeit und schätzten die Gabe hoch. Nur Frauen - von wahrem Gefühl beseelte Frauen - konnten sich so in unsere Lage hineinversetzen und ihre Teilnahme auf eine so zarte Weise äußern. Bestuschew hatte nicht nur das Journal Rambler von Samuel Johnson bei sich, er übersetzte auch Teile von Lord ByronSir Walter Scott und Thomas Moore ins Russische. Einen Teil von Jakuschins Memoiren kann man hier in Aus der Dekabristen-Zeit: Erinnerungen hoher russ. Offiziere (Jakuschkin, Obolenski, Wolkonski) von der Militär-Revolution des Jahres 1825 lesen.

Das hier ist nicht das Klavier, das Bestuschew repariert und gestimmt hat. Es ist eins von drei Klavieren, die die Prinzessin bessessen hat. Dieses pyramidale Klavier, wahrscheinlich 1782 in Wien gebaut, ist vielleicht durch einen Musiklehrer ins Haus gekommen. Das Klavier, das ihr der Bruder geschenkt hatte, war ein Lichtenthal Flügel aus dem Jahre 1831, das erste Klavier (das Nikolai Bestuschew reparierte) sah ganz anders aus. Das seltene pyramidale Klavier und das wahrschenlich ebenson seltene Klavier von dem St Petersburger Klavierbauer Hermann Lichtenthal stehen heute im Museum in Irkutsk.

Es wird lange dauern, bis das Ehepaar Wolkonski in dem Haus wohnt, das heute ein Museum ist. Da muss erst der Zar Nikolaus sterben, und sein Nachfolger etwas Milde walten lassen. Vier Jahre, nachdem sie in Sibirien angekommen sind, malt Nikolai Bestuschew dieses Aquarell. Wir sehen kein elegantes Wohnzimmer, wir blicken in eine Zelle. Und das hier ist das erste Klavier, das nach Siberien kam. Bestuschew repariert und stimmt es. Und malt es auch gleich für uns. 

Marias Vater, der General Nikolai Nikolajewitsch Rajewski, war ein Held des Großen Vaterländischen Krieges. Der Zar hatte ihm die Ehre zuteil werden lassen, dass er an seiner Seite in Paris einreiten durfte. Marias Ehemann ist auch ein Held des Großen Vaterländischen Krieges. Er war der Flügeladjutant von Kutusow, er verfolgt Napoleon bis an die Beresina, er erhält nach der Völkerschlacht von Leipzig den Orden des Heiligen Georg, er ist im Gefolge von Zar Alexander beim Wiener Kongress dabei. Wenn ein Mann mit solcher Biographie sich gegen den neuen Zaren wendet, dann zeigt das die Krise des autokratischen Zarentums auf. Und Wolkonski ist nicht allein, es sind viele, seien sie General wie Wolkonski, Oberst wie Trubetzkoi oder Rittmeister wie Jakuschkin. Sie alle waren im Krieg gegen Napoleon, sie alle haben in Frankreich neue Ideen aufgegriffen. Sie wollen ein liberales Rußland. Und die Abschaffung der Leibeigenschaft.  

Sie werden ihre Ideale mit nach Sibirien nehmen. Man kann mit Bestimmtheit sagen, hat Nikolai Basargin geschrieben, dass unser langwährender Aufenthalt in den verschiedensten Orten Sibiriens fuer die geistige Entwicklung der Einwohner gewissen Nutzen gebracht hat und die gesellschaftlichen Beziehungen um einige neue und wertvolle Gedanken bereicherte. Bedenkt man dazu noch den Einfluss, den die Entdeckung der Goldfelder, die Erfolge in Industrie und Handel ausuebten, was eine grosse Anzahl kluger Menschen nach Sibirien lockte, so scheint es nicht verwunderlich, dass sich in den letzten zwanzig Jahren in diesem Lande so vieles zum Besseren gewendet hat. Das hat vielleicht auch Nikolai Bestuschew geglaubt, der sich hier mit einem Bild seines Bruders in der Hand, portraitiert hat. Er ist mit seinem Bruder Michail Bestuschew, in Sibirien geblieben. Seinen anderen Bruder, den damals sehr berühmten Schriftsteller Alexander Alexandrowitsch Bestuschew hatte die Familie aus der Gefangenschaft freikaufen können, unter der Bedingung, dass er sofort wieder in die Armee eintrat. Er fiel 1837 für sein Vaterland bei Sotschi. Alle Brüder Bestuchew finden Sie hier auf dieser sehr informativenBilderseite.

Das Ehepaar Wolkonski hätte in Tolstois Roman Die Dekabristen sicher eine wichtige Rolle gespielt, aber der Roman blieb ein Fragment. Tolstoi hatte es sich beim Schreiben anders überlegt und schrieb Krieg und Frieden. In dem Roman gibt es zwei Familien, die Bolkonski  und Drubetzkoj heißen, das ist wohl kein Zufall. Die Häuser der Fürsten Wolkonski und Ttubetzkoi sind heute Museen der Dekabristen.  Die Erinnerungen von Maria Wolkonskaja (hier von Bestuschew portraitiert) stehen im Original im Internet, leider nicht in deutscher Übersetzung. Man findet das Buch aber noch leicht antiquarisch für kleines Geld. Das Nachwort der Übersetzerin Lieselotte Remané können Sie hier lesen. Das Buch von Christine Sutherland Die Prinzessin von Sibirien: Maria Wolkonskaja und ihre Zeit ist auch noch leicht zu finden.

Ich habe mit einem Korvettenkapitän, der in Sibirien das Klavier einer Prinzessin repariert, angefangen. Und dann kam, wie das häufig bei mir so ist, eins zum anderen. Sophy Robert hat das Klavier der Wolkonskaja zum Anlass genommen, um über die Klaviere in Sibirien zu schreiben. Man kann aber auch sagen, dass durch die Prinzessin nicht nur ein Klavier nach Sibiren kommt, das Klavier ist ein Symbol für die Kultur, die jetzt nach Sibirien kommt. Die Prinzessin soll auf ihrem Klavier irgendwann Stille Nacht, Heilighe Nacht gespielt haben. Das erzählen die Fremdenführer in Irkutsk gerne, aber ich weiß nicht, ob das wahr ist.

Mittwoch, 9. März 2022

all you need

Ein Freund von mir, der Amerika gut kennt, bekommt von seinen amerikanischen Freunden immer Cartoons und Photos zur politischen Lage aus den USA geschickt. Er hatte mich mal gefragt, ob er die an mich weiterleiten soll oder ob mich das langweilte. Es langweilt mich überhaupt nicht. Das Photo in dem Post Menetekel habe ich auch auf diese Weise bekommen. Man kann viel aus solchen Cartoons und Photos lernen. Dies Photo hier hat etwas mit einer Diskussion zu tun, die in Amerika seit Jahren geführt wird. Und für die Leute wie ✺Rush Limbaugh (der Feministinnen feminazis nannte) und Glenn Beck (I don't hate women; they're very convenient to have around ,,, they just shouldn't be voting. You cannot figure women out. You don't know the psychosis that is 'chickdom.' Guys, you can figure out: food, sex... That's it! We're simple. Women are psychos) stehen. Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker, Trump Freunde. Die immer wieder die Frage stellten, warum Frauen überhaupt zum College gehen sollten. Die amerikanische Frau auf diesem Photo stellt sich diese Frage offensichtlich auch. Ich stelle das Photo am Weltfrauentag einmal ein, es lädt zum Nachdenken ein. Von meinem Volker habe ich den schönen Satz If you think education is expensive, try ignorance, den habe ich schon einmal in einem Post über eine deutsche Kultusministerin zitiert. Man kann ihn immer wieder gebrauchen.

Freitag, 18. Februar 2022

Attentat

 Sie werden wahrscheinlich Gisi Gruber nicht kennen, die den schönen Roman Margit Libenyi: Der Roman einer großen Liebe geschrieben hat. Und wahrscheinlich werden Sie auch nicht wissen, wer Margit Libenyi war. Den 1951 erschienenen Roman kann man heute noch antiquarisch finden, er hat mich (Hardcover, 288 Seiten) drei Euro gekostet. Margit Libenyi ist ein Liebesroman, die Geschichte einer jungen Frau, die aus einem Dorf in Ungarn nach Wien kommt und ins Showgeschäft will. Und die einen aristokratischen Geliebten findet, der ihr die Tanzausbildung bezahlt. Wenn heute hübsche Frauen aus Ungarn kommen, dann gehen sie nicht nach Wien, dann gehen sie in die Pornoindustrie, nennen sich Anita Dark, Anita Blond oder Nikky Anderson. Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem Roman von Gisi Gruber sind wir in einem anderen Jahrhundert. Da sind wir in der Welt von Joseph Roth und dem Roman Radetzkymarsch (für den es hier schon den Post Radetzkymarsch gibt), wo der junge Leutnant Trotta seinem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben rettet.


Und um diesen Kaiser geht es. Denn der Geliebte der Margit Libenyi ist niemand anderer als Franz Joseph, der sich 1853 mit Sissi verloben wird. Die ist erst fünfzehn Jahre alt, sie wird später an ihre Tochter schreiben: Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung. Als fünfzehnjähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht mehr lösen kann. Wir wissen, dass der Kaiser Franz Joseph, als er sich von seiner Gattin entfremdet hatte und sie auf Korfu in ihrem Achilleion lebt, zahlreiche Geliebte gehabt hat. Man kennt deren Namen, aber den Namen Margit Libenyi kennen Historiker nicht. 

Am 18. Februar 1853 gibt es in Wien ein Attentat. Ein ungarischer Schneidergeselle aus Csákvár namens János Libenyi hat versucht, den österreichischen Kaiser zu ermorden. Wir sehen ihn hier mit einem Messer in der Hand. Er wird an seiner Tat von dem Adjutanten des Kaisers, Graf O’Donnell von Tyrconell, und dem Rentier Josef Ettenreich gehindert. Der Schneidergeselle, der keine Begründung für seine Tat angibt, wird acht Tage später gehängt. War er ein ungarischer Freiheitskämpfer? In einem Verhörprotokoll steht: Ich mußte sehen, daß meine Landsleute aufgehängt und erschossen und scharenweise auf die Festung verurteilt worden sind, und daß alle Freiheit im Lande verschwunden ist. Diesen Zustand konnte ich nicht ertragen. Aber das ist nicht seine Sprache, wer immer das geschrieben hat. Fünfzigtausend Menschen werden im Schneetreiben zu der Hinrichtung kommen. Irgendwann taucht nach seinem Tod das Gerücht auf, dass er der Bruder von Margit Libenyi gewesen sei, dass er die Ehre der Familie habe wiederherstellen wollen, indem er ihren Liebhaber, den jungen Kaiser, tötet.
 
Monate vor dem Attentat war Kaiser Franz Joseph während eines Praterbesuchs ein Mädchen aufgefallen, das vor einer Schaubude stand und die neugierigen Blicke des jungen Monarchen heftig erwiderte. Um ihn noch mehr für sich zu interessieren, brachte es ihm eine temperamentvolle Csardas-Einlage dar. Der Kaiser erfuhr, daß es eine Nichte der Budenbesitzerin, einer gewissen Frau Danzinger, war, Margit Libényi hieße und aus dem ungarischen Dorf Czakvar stamme. Im Laufe einer folgenden Bekanntschaft soll ihr Kaiser Franz Joseph auch eine Ausbildung als Tänzerin bezahlt haben. Margit Libenyi nennt sich danach Mizzi Langer, wird Mitglied des kaiserlichen Hofopernballetts und singt in der Oper. Angeblich. Und taucht 1951 in dem Roman von Gisi Gruber auf. Franz Joseph wird das Attentat übrigens ohne größere Verletzungen überstehen. Für die glückliche Rettung Seiner Majestät wird am Nachmittag in der St Stephanskirche das Te Deum abgehalten. An der Stelle des Attentats wird die Wiener Votivkirche gebaut werden.

Gisi (Gisela) Grubers Roman über die ungarische Tänzerin Margit Libenyi war zuerst 1946 als Novelle unter dem Titel Ein Mädchen geht in die Stadt in dem Sammelband Rendezvous in Schönbrunn: Sieben Altwiener Novellen erschienen. Gruber griff nur etwas auf, was in Wien seit 1853 erzählt und in neuen Varianten immer wieder aufgetischt worden ist. In schriftlicher Form zuerst 1924 in Der Wiener Pitaval des Oberpolizeirats a.D. Ubald Tartaruga (Edmund Otto Ehrenfreund), der die Geschichte aus dem Budapester Neuen Politischen Volksblatt hat. Wir können die Geschichte noch achtzig Jahre später bei Gabriele Praschl-Bichler in einem stilistisch unausstehlichen Buch mit dem Titel Kaiser Franz Joseph ganz privat lesen: Der Ruf der Ungarin als Kaiserliebchen war bis in ihr Heimatdorf gedrungen und soll dort viel für Aufruhr unter der Bevölkerung veursacht haben. Die Bitten ihres Bruders, János Libényi, sie möge sich vom Kaiser lossagen, blieben unbeantwortet, und so faßte der 'Entehrte' den Entschluß, die Schuld der Schwester durch ein Attentat auf den Kaiser zu sühnen. Wir finden die Geschichte ebenso bei Anni Stern-Braunberg in Sissi, das Ungarmädel: Tatsachen, Irrtümer, Vermutungen, bei Sigrid-Maria Größing in Franz Joseph und seine Familie: Ein Kaiser blickt zurück und bei Walter Brendel in Das Liebesleben der Habsburger. Da schreibt einer vom anderen die Geschichte ab, und schmückt sie aus: deine schimmernden schwarzen Haare sind wie Rabenflügel, und deine weißen Zähne wie Perlen ... So schmale Hände und Füße hat keine in Wien, und keine schreitet so schön und stolz. Komm' nach Wien, Margit, kleine Pußtablume, man wird dich dort in Gold aufwiegen. Komm' zu mir, und ich will dich in knisternde Seide kleiden, du mußt nie mehr zu Fuß gehen, du wirst im Wagen fahren und schöner sein als die Schönste.

Dann lesen wir doch lieber den Roman von Gisi Gruber als so etwas. Gruber schreibt nicht nur unter ihrem Namen diese Herzschmerz Schmonzetten, sie schreibt auch noch unter den Pseudonymen Barbara Maria Alsegger und Jules Charpentier. Als Barbara Maria Alsegger hat sie 1942 großen Erfolg mit ihrem Roman Mein vielgeliebter Mann. Der allerdings nichts als ein Plagiat von Dinah Nelkens Roman Ich an Dich war. Gruber alias Alsegger wurde 1948 zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Mehr Erfolg hatte Gisi Gruber mit ihren Krimis, die sie unter dem Pseudonym Jules Charpentier schrieb, von denen einer sogar verfilmt wurde.

Das Bild von Johann Joseph Reiner, unter dem wir lesen können: Franz Josef I., Kaiser v. Österreich, wurde am 18. Febr. 1853, durch Meuchlers Hand am Hinterhaupte verwundet. Durch die göttliche Vorsehung wurde es aber dem Obersten Grafen O’Donell, Flügeladjutant S.M. und Jos. Ettenreich, Bürger v. Wien ermöglicht, das geheiligte Haupt des Kaisers vom gewissen Tode zu erretten. Gott dankend, widmet dieses Bild, Ferdinand Braunsteiner, gehört zur Geschichte Österreichs. Es war hier im Blog schon in dem Post Bilder vom Tage zu sehen, dort gibt es auch eine andere Fassung des originalen Votivbildes. Aber Margit Libenyi: Der Roman einer großen Liebe wird da nicht erwähnt. Und wir müssen uns leider damit abfinden, dass es die kleine Pußtablume, deren Ehre der Attentäter wieder herstellen will, überhaupt nicht gegeben hat: Trotzdem schwindet bei näherem Besehen die Glaubwürdigkeit der Familienehren-Version: Es gibt keine Schwester Margit Libényi, in ganz Csákvár kommt auch bei anderen Familien namens Libényi der Vorname Margit nicht vor.

Sonntag, 30. Januar 2022

Dorothy Malone (once again)

Die amerikanische Schauspielerin Dorothy Malone wurde am 30. Januar 1924 geboren. Sie hatte am 30. Januar 2013 schon einen Post in diesem Blog, den stelle ich heute noch einmal in leicht überarbeiteter Form ein. Es ist nicht ganz dasselbe, es steht schon etwas mehr drin. Ich schreibe zur Zeit an mehreren Dingen, aber ich verheddere mich, nix ist fertig. Ich schreibe über die bunten Duchamp Hemden, wie ich das in style mixed angedeutet habe, aber ich beginne nicht 1989 im Jahre der Firmengründung von Duchamp, sondern 1870. Weil da zum ersten Mal die bunten Streifen, die sogenannten regatta stripes, auf den Hemden der englischen Gentlemen auftauchen. Das kann wieder lang werden. 

Das Cover von den Cahiers du Cinéma aus dem März 1958 täuscht darüber hinweg, dass überhaupt nichts über Dorothy Malone in dem Heft steht. Außer: Dorothy Malone et Rock Hudson sont, aux côtés de Robert Stack, les vedettes du film Universal en Cinéma-Scope 'La ronde de l’aube', tiré du célèbre roman de William Faulkner,  'Pylône' (édité en français par Gallimard). Avec le metteur en scène Douglas Sirk et le producteur Albert Zugsmith se trouve ainsi reconstituée l'équipe qui fit le succès de 'Ecrit sur du vent', pour lequel on avait décerné un Oscar à Dorothy Malone. Ein wenig mehr weiß man in Frankreich schon über Douglas Sirk und Dorothy Malone. François Truffaut wird über Written in the Wind schreiben, und Godard wird uns 1959 in den Cahiers du Cinéma versichern, dass wir es bei Sirk mit einem auteur zu tun haben. Die Auteur-Theorie ist damals eine große und wichtige Sache der Filmkritik.

Der Hamburger Hans Detlef Sierck, der sich nach seiner Emigration in die USA Douglas Sirk nannte, hatte ein Händchen dafür, Filmschauspielerinnen zu entdecken, sie zu förden, und sie plakativ ins Bild zu setzen. Ohne ihn hätte Zarah Leander nicht diesen Erfolg gehabt, den sie mit Zu neuen Ufern und La Habanera hatte. Barbara Stanwyck und Jane Wyman werden in seinen Filmen ihre besten Rollen haben. Und Dorothy Malone wird so gut wie nie zuvor in seinen Filmen sein. An agent kept calling me that there is a director from Europe who wants you and only you. He was every woman’s dream of a director. He was very Prussian, wore a scarf, and maybe he even had a walking stick. If he liked you, he was so much fun. I found him utterly charming. But it must have been terrible if he didn’t like you, hat sie über ihn gesagt.

Am Beginn ihrer Karriere war Dorothy Malone eine von vielen Schönheiten, die Hollywood auf der Leinwand präsentierte. Obgleich sie in The Big Sleep in ihrer ersten Sprechrolle schon Lauren Bacall die Show stahl. Aber dann legte sie das Image des All American Girl, des netten Mädchens von nebenan, ab. So wie sie in The Big Sleep die Brille abnimmt und in Handumdrehen von der kleinen Brillenschlange im Buchladen zum Vamp mutiert. Jetzt spielt sie verruchte Frauen, also soweit Hollywood verruchte Frauen erlaubt. Die haben in den fünfziger Jahren nicht mehr einen solchen Höhepunkt, wie sie ihn im Film Noir hatten, als es nur noch good-bad girls und femmes fatales zu geben schien. Rita Hayworth in Gilda wird unvergessen bleiben.

Zehn Jahre nach The Big Sleep entdeckte Douglas Sirk Dorothy Malone und gab ihr eine gewagte Rolle als frustrierte Nymphomanin in Written on the Wind. Was ihr sogleich einen Oscar einbrachte. Lauren Bacall nicht, obgleich die die Hauptrolle spielte. Das war das zweite Mal, dass Dorothy Malone der Bacall die Show stahl. Ich weiß nicht, ob die beiden jemals Freundinnen geworden sind. Unsere Sympathien (und die der Motion Picture Academy) sind natürlich auf der Seite von Dorothy.

Ich liebe sie wie selten einen Menschen im Kino, hat Rainer Werner Fassbinder gesagt. Denn wir lieben die verruchte Dorothy Malone und können deshalb die edle Lauren Bacall nicht ausstehen. Oder, wie Fassbinder es formulierte: Statt dass sie (Lauren Bacall) mit ihm (Robert Stack) saufen ginge, was begriffe von seinem Schmerz, wird sie immer edler und reiner und immer mehr zum Kotzen, und immer deutlicher sieht man, wie sehr sie eigentlich zu Rock Hudson passen würde, der auch zum kotzen ist und auch edel. Irgendwie hat Fassbinder diesen Film instinktiv begriffen - was natürlich niemanden wundert, weil Douglas Sirk für ihn ein großes Vorbild ist. Written on the Wind ist ein Melodrama in den kitschigsten Farben, die Technicolor zu bieten hatte. 

Wenn Lauren Bacall mit Robert Stack gelebt hätte, statt neben, von ihm und für ihn zu leben, dann hätte er auch glauben können, dass das Kind, das sie kriegt, auch wirklich das seine ist. Er hätte nicht zu stöhnen brauchen. So aber ist sein Kind im Grunde wirklich eher eins von Rock Hudson, obwohl der es nie mit Lauren getrieben hat. Dorothy macht etwas Böses, sie hetzt ihren Bruder auf gegen Lauren und Rock. Trotzdem liebe ich sie wie selten einen Menschen im Kino, ich bin als Zuschauer mit Douglas Sirk auf den Spuren der Verzweiflung der Menschen. In 'Written on the Wind' ist das Gute, das 'Normale', das 'Schöne' immer sehr eklig, das Böse, das Schwache, das Haltlose öffnet das Verständnis. In diesem Haus, das Sirk sich hat für die Hedleys bauen lassen, da müssen die Gefühle die seltsamsten Blüten treiben.

Das Licht bei Sirk ist immer so unnaturalistisch wie möglich. Schatten, wo keine sein dürften, helfen, Empfindungen plausibel zu machen, die man sich gern fremd halten möchte. Genauso die Einstellungen in 'Written on the Wind', fast nur schräge, meist von unten, so ausgesucht, dass das Fremde an der Geschichte nicht im Kopf des Zuschauers passiert, sondern auf der Leinwand. Douglas Sirks Filme befreien den Kopf. Er hat auch noch gesagt: Sirk hat gesagt, man kann nicht Filme über etwas machen, man kann nur Filme mit etwas machen, mit Menschen, mit Licht, mit Blumen, mit Spiegeln, mit Blut, eben mit all diesen wahnsinnigen Sachen, für die es sich lohnt. Sirk hat außerdem gesagt, das Licht und die Einstellung, das ist die Philosophie des Regisseurs.

Written on the Wind ist, wie so vieles bei Douglas Sirk, Kitsch. Er drehe women's weepies haben seine Kritiker gesagt. Wim Wenders hat ihn den Dante der Soap Operas genannt. Es ist ein im höchsten Maße artifizieller Kitsch - wahrscheinlich war es das, was Fassbinder so anzog. Er hat auch nette Dinge über The Tarnished Angels (deutsch: Duell in den Wolken) gesagt. Ein Film über das Scheitern, wie Written on the Wind - von einem passionate interest in failure hatte er in seinem Interview gesprochen, das Jon Halliday als Sirk on Sirk veröffentlicht hat. Sirk ist der Regisseur, der uns in opulenten Melodramen immer wieder zeigt, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Und natürlich befreien seine Filme den Kopf.

Bosley Crowther von der New York Times konnte dem Film nichts abgewinnen, er schrieb über ihn, er sei badly, cheaply written by George Zuckerman and is abominably played by a hand-picked cast. The sentiments are inflated — blown out of all proportions to the values involved. And the acting, under Douglas Sirk's direction, is elaborate and absurd. Doch in einer neueren Rezension in derselben Zeitung schreibt sein Kollege Dave Kehr: 'The Tarnished Angels' is among Sirk’s most self-conscious and artistically ambitious creations.... This is bravura filmmaking in the service of a haunting vision. Yet there are moments of almost microscopic subtlety: the camera movement that expresses the moral reversal of the Hudson and Stack characters, one growing larger than the other; the infinite tenderness with which Hudson strokes Ms. Malone’s hair, helplessly trying to comfort her after a shock.

Es gibt wenige Filme, die die Kritiker derart entzweien. Ich lasse jetzt mal Pauline Kaels Satz 'The Tarnished Angels' is the kind of bad movie that you know is bad—and yet you’re held by the mixture of polished style and quasi-melodramatics achieved by the director, Douglas Sirk beiseite. William Faulkner, dessen Roman Pylon hier zwanzig Jahre später verfilmt wurde, mochte das Drehbuch nicht (er hatte auch das Angebot, das Drehbuch selbst zu schreiben, abgelehnt). Doch er mochte das Endergebnis: Thought it was pretty good, quite honest. Fügte dem aber hinzu: But I'll have to admit I didn't recognize anything I put into it. Und trotz dieser netten Ironie war er der Meinung, dass dies die gelungenste Verfilmung eines seiner Romane sei.

Frederick Karl wußte in seiner Faulkner Biographie über den Film nur zu sagen: the film was undercut from the start by the miscasting of Dorothy Malone in the role of Laverne. Malone was a fine actress, but the quality of Laverne could perhaps only be caught by someone with an outlaw dimension like Joan Crawford or Barbara Stanwyck. Wahrscheinlich ist Frederick Karl in den vierziger Jahren zum letzten Mal im Kino gewesen, das Beste an seiner 1.100-seitigen Faulkner Biographie ist, dass sie sich als Türstopper eignet. Wenn Sie eine gute Faulkner Biographie lesen wollen, dann lesen Sie Joseph Blotner Faulkner: A BiographyPeter Nicolaisen William Faulkner in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten oder Stephen B. Oates William Faulkner. Sein Leben, sein Werk.

The Tarnished Angels soll (wie der Roman Pylon) in den dreißiger Jahren spielen, doch die dreißiger Jahre sehen hier sehr wie die fünfziger Jahre aus. Auch wenn der Film nicht in den grauenhaften Technicolor Farben gedreht worden ist, über die Frieda Grafe sagte: Die Farben nehmen einen an der Hand. Sie sind der verbindende rote Faden zwischen den Personen. Durch sie dringt etwas in die Menschen ein, das erst nach und nach sich zu Gefühlen konkretisiert. Den Film in Schwarzweiß zu drehen war keine künstlerische Entscheidung von Sirk, Universal hatte kein Vertrauen auf einen kommerziellen Erfolg und spendierte dem Regisseur nur das billigere Schwarzweißfilmmaterial.

Dieser Schwarzweißfilm bemüht sich nicht, sich an der Photographie der FSA Photographen der dreißiger Jahre zu orientieren, ist niemals körnig, dunkel, schmutzig. Dies ist nicht the real thing. Dies ist wie ein Filmtitel von Sirk: Imitation of Life. Eine high key Ausleuchtung im fifties style, wie Universal es gerne haben möchte. Nichts mehr mit Film Noir. Es ist der Stil der Zeit. Wäre Cat on a Hot Tin Roof in Schwarzweiß gedreht, würde er genauso aussehen. Dazu zerstört das neue Cinemascope Format jede Möglichkeit - die John Ford bei der Verfilmung von Steinbecks The Grapes of Wrath noch hatte - der Simulation eines Films der dreißiger Jahre. Jedes Bild ist bis in die Ecken durchkomponiert, hat er das an der Universität Hamburg bei Panofsky gelernt? Another influence on me was Erwin Panofsky, later the great art historian, under whom I studied. I was one of the select in his seminar, and for him I wrote a large essay on the relations between medieval German painting and the miracle plays. I owe Panofsky a lot.

Douglas Sirk dreht Written in the Wind ein Jahr später noch einmal. Dieselben Darsteller (Dorothy Malone, Rock Hudson, Robert Stack), aber ein besseres Buch (in 'Written on the Wind', the whole story is artificial), und natürlich wieder ein Melodrama. Andrew Sarris (ein Kritiker, dem man mehr Vertrauen schenken kann als Bosley Crowther) hat das sehr schön formuliert: Even in most dubious projects, Sirk never shrinks away from the ridiculous, but by a full-bodied formal development, his art transcends the ridiculous, as form comments on content. Und 'Written on the Wind' and 'Tarnished Angels' become more impressive with each passing year. Die deutsche Filmkritikerin Frieda Grafe hat die Wirkung der Sirkschen Melodramen plakativ mit Entweder heult man, oder man kotzt beschrieben.

Jetzt pumpt er Faulkners Pylon voll mit Melodrama und Sentimentalität. Seit er in den dreißiger Jahren das Buch gelesen hatte, wollte er es verfilmen. Und das Melodrama ist für ihn die einzige Möglichkeit, das amerikanische Publikum einzufangen: As a theater man, I had to deal with high art. I would play farces and comedy to make money, and classics for the elite. But we were trying to escape the elitaire. So slowly in my mind formed the idea of melodrama, a form I found to perfection in American pictures. They were naive, they were that something completely different. They were completely artless. This tied in with my studies of the Elizabethan period, where you had both l'art pour I'art and you had Shakespeare. He was a melodramatist, infusing all those silly melodramas with style, with signs and meanings. There is a tremendous similarity between this and the Hollywood system — which then I knew from only far away. Shakespeare had to be a commercial producer.

Dorothy Malone, die in gewissem Sinne William Faulkner ihre Karriere verdankt - er hatte das Drehbuch zu Chandlers The Big Sleep geschrieben - bedankt sich jetzt bei Faulkner. Gibt ihm durch ihre schauspielerische Leistung ein wenig Dank zurück. Spielt die LaVerne Shuman mit der abgebrühten toughness der Great Depression, und gleichzeitig ist sie so zart und zerbrechlich. So gut wie in den Filmen von Douglas Sirk ist sie nie wieder gewesen (obgleich man sie in dem Western Warlock, der Fernsehserie Peyton Place und bei ihrem Kurzauftritt in Basic Instinct gerne gesehen hat): Then there is Ms. Malone, who won a supporting actress Oscar for her work in 'Written on the Wind' but gives the true performance of her career here as an angelic figure dressed in white and lighted with searing brightness by Sirk. Her large, pale eyes convey reserves of sadness and experience that the Hudson character will never know (Dave Kehr).

Dorothy Malone hatte noch Erfolg in der Serie Peyton Place, wo sie die Rolle spielte, die Lana Turner in der Kinoversion von Peyton Place hatte. Die Rolle von Miss Ellie Ewing in Dallas lehnte sie ab. Als Malone neben Sharon Stone in Basic Instrinct erschien, lagen ihre großen Erfolge schon Jahrzehnte zurück, aber ganz vergessen war sie nie. Sie ist am 19. Januar 2018, zehn Tage vor ihrem vierundneunzigsten Geburtstag, gestorben. Aber sie lebt weiter in ihren Filmen. Die große Douglas Sirk Collection mit sieben DVDs kostet bei Amazon 35,81 €, der Kauf lohnt sich auf jeden Fall. Wenn Sie Dorothy Malone singen hören wollen, klicken Sie hier. Und ganz, ganz viele Bilder von Dorothy Malone finden Sie hier und hier. Den Film The Tarnished Angels gibt es hier natürlich auch.

Sonntag, 26. Dezember 2021

Tante Aline

Die Bremer Kunsthalle zeigte in diesem Sommer eine erstaunliche Ausstellung, die den Titel Mit den Augen riechen: Geruchsbilder seit der Renaissance hatte. In der Ausstellung war auch dieses Bild einer Gemüseverkäuferin zu sehen, solche Bilder sieht man selten. Ich wusste sofort, von wem das Bild war, weil ich von der Malerin schon mal ein anderes Bild gesehen hatte, das auch eine Verkäuferin zeigte. Es zierte den Katalog einer Ausstellung in Lilienthal 2016, die Hanseatische Malerinnen um 1900: Wie sie die Welt sahen hieß. Auf dieses Bild einer Fischverkäuferin aus dem Jahre 1887 komme ich gleich.

Die Malerin heißt Aline von Kapff, sie kam aus einer sehr reichen Bremer Familie. Den Reichtum zeigt dieses Haus in Schwachhausen, das 1863 als Sommerhaus im englischen Tudorstil erbaut worden war; ein Stadthaus, das Heinrich Müller entworfen hatte, besaß man natürlich auch. Damals war Schwachhausen noch überwiegend ländlich, wovon Bürgerpark und Stadtwald vielleicht die Reste sind.

Nach dem Tode ihrer Eltern wird Aline von Kapff in die Villa in Schwachhausen ziehen, in der Villa daneben wird eines Tages der Senator Bierman wohnen. In das elterliche Haus in der Wachtstraße (das ist das große Haus links neben der Weserbrücke) wird die Familie von Paula Becker-Modersohn einziehen. Mit ihr wird die Malerin und Kunstmäzenin von Kapff befreundet sein. Das Haus in der Wachtstraße ist deshalb so gewaltig, weil darin auch noch die Weinhandlung der Familie untergebracht ist. Denn mit dem Weinimport ist die Familie seit 1692 reich geworden. Und mit dem Wein ist die Firma Ludwig von Kapff heute immer noch im Geschäft, auch wenn es jetzt eher ein Onlinegeschäft ist. Aber eine Filiale in Schwachhausen hat man natürlich. Obgleich der Bremer da nicht kauft, der kauft sich seinen Rotwein bei Reidemeister & Ulrichs oder im Ratskeller. Da darf man dann auch mal mit dem Auto von hinten ans Ratshaus heranfahren, um den Wein einzuladen. Das ist sonst streng verboten, aber der Ratskellerwein macht es möglich.

Alle Bremer Weinhändler hatten Dependancen in Bordeaux, ob das die von Kapff waren, Louis Eduard Ichon, Conrad Wilhelmi oder Albert Diedrich Finke, der der Schwiegervater des Dichters Klaus Groth war. Von ihren repräsentativen Bauten in Bremen ist nichts übriggeblieben. Das Haus der von Kapff neben der Weserbrücke wurde 1944 durch Bomben zerstört, die Villa in Schwachhausen wurde in den 1960er Jahren abgerissen. Wie der Finkenhof in der Weserstraße oder das Haus von Wilhelmi am Domshof. Ein Haus eines Weinhändlers aber steht immer noch, das ist das Palais des Hamburger Weinhändlers Daniel Christoph Meyer in Bordeaux. An dem eindrucksvollen klassizistischen Bau ist eine kleine Tafel angebracht: Ici vecut le poete allemand Hölderlin en 1802.

Aline von Kapff (hier auf einem Selbstportrait von 1890) hat ihren ersten Zeichenunterricht in Bremen von Amalie Murtfeldt erhalten, danach hat sie in München studiert, das hatte ihr Amalie Murtfeldt empfohlen. Von dieser Bremer Malerin, die eine Schülerin von Thomas Couture war, bietet Googles Bilderflut leider wenig an, aber sie war eine sehr gute Portraitistin. Zum Studium nach München war Aline von Kapff mit einer Anstandsdame gereist, das tat man damals so. Auch Ida Gerhardi kam mit einer Begleitung nach Paris, die gesellschaftliche Stellung verlangte das damals von jungen Damen. In Paris war der Belgier Alfred Stevens ihr Lehrer, ihre Bilder kann sie in Pariser Ausstellungen zeigen. Oder wie die Bremer Nachrichten nach ihrem Tod so schön schreiben, dass ihre Bilder wiederholt die strenge Schwelle des Salons der jährlichen großen Aussstellung überschritten.

Nach zahlreichen Bildungsreisen durch Europa und Nordafrika kehrt die Malerin nach Bremen zurück. Sie lässt die riesige Villa in Schwachhausen umbauen (und nebenan noch ein kleines Haus für ihre liebste und älteste Freundin bauen) und widmet sich ihrem neuen Leben. Das aus Mäzenatentum, sozialem Engagement und gesellschaftlichem Leben besteht. Unter anderem hat sie einen Gast, der 1902 seiner Mutter schreibt: dort bin ich Gast bei einer alten Dame und Kunstfreundin Frl. Aline von Kapff, die ein entzückendes kleines Palais mit schönem Park besitzt, – so daß es da gar nicht so übel zu wohnen ist. Der Gast heißt Rilke, aber das Fräulein von Kapff ist nicht unbedingt eine alte Dame (sie wird dreiundneunzig werden), sie ist damals noch keine sechzig. Diese Dame hier ist jetzt häufig Gast in Schwachhausen. Es ist Magdalena Pauli, die Gattin des Direktors der Bremer Kunsthalle, die mit Gleichgesinnten eine Vereinigung namens die Goldene Wolke ins Leben gerufen hatte. 

Ein halbes Jahrhundert später wird sie mit ihrem Buch Die goldene Wolke: Eine verklungene Bremer Melodie an die Vereinigung junger Bremer Kaufleute, Juristen und Schriftsteller erinnern, die um die Jahrhundertwende das geistige Niveau der Gesellschaft heben wollten. Rudolf Alexander Schröder (für sie damals noch Rudi), sein Cousin Alfred von Heymel und ihr Ehemann Gustav Pauli bilden die Kernzelle der Goldenen Wolke. Ständige Gäste werden Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Eberhard von Bodenhausen und Harry Graf Kessler sein. Dies ist das Bremer Äquivalent zu den Souls, der Gruppe um Duff Cooper und Lady Diana Manners oder der späteren Brideshead Generation. Und sicherlich ein höherer Beitrag zur Kultur als Bremens selbsternanntes Kunstgenie Arthur Fitger (der hier schon einmal auftauchte). Den erwähnt man in diesen Kreisen überhaupt nicht mehr, man hat sich eher den Worpswedern zugewandt.

Aline von Kapffs Nichte, Agnes von Kapff, in deren Elternhaus am Osterdeich die ersten Leseabende stattfanden, hatte ihrer Tante die intellektuelle Schickeria sozusagen ins Haus geschleppt. Die Abende bei ihrer Tante, unser aller Tante, Aline v. Kapff, der großen Gönnerin bremischen Zuschnitts, vereinten Kunst und Gesellschaft auf bezaubernde Art, schreibt Magda Pauli, die unter dem Pseudonym Marga Berck in ihrem Roman Sommer in Lesmona im Jahre 1951 die Welt der Bremer Geld- und Geistaristokratie noch einmal heraufbeschwören wird. Agnes von Kapff, hier im Alter von neunzehn Jahren von Gottfried Hofer (der auch Otto Gildemeister gemalt hatte) portraitiert, war eine Zierde dieser Gesellschaft. Sie war aber auch eine begeisterte Golfspielerin, die 1901 in Fanø als erste deutsche Frau die Internationale Golfmeisterschaft von Dänemark gewann.

Gesellschaftliches Leben und die Vielzahl der Tätigkeiten in karitativen Vereinen und Stiftungen halten Aline von Kapff vom Malen ab. Eigentlich malt sie überhaupt nicht mehr. So wird ihr Hauptwerk wahrscheinlich diese wunderbare junge Fischverkäuferin aus dem Jahr 1887 bleiben. Sie hatte es in ihrem Testament der Kunsthalle Bremen vermacht. 

Kunsthistoriker sehen in dem Bild eine Nähe zu der Bar in den Folies-Bergère von Manet, der übrigens auch gerne Stilleben mit toten Fischen malte. Das tat Aline von Kapff auch. Fische seien ihr Bestes, da sie aber langsam malte, hätten die Fische während der Arbeit angefangen zu faulen, und so habe sie ihrer feinen Nase wegen das Malen aufgeben müssen, kann man in der Autobiographie des Bremer Senators Nebelthau lesen. Das Bild mit der blonden Fischverkäuferin könnte man altmeisterlich nennen, sie bleibt in ihrer Malerei traditionell. Sie gab nicht nur die Fischmalerei auf, sie gab die Malerei überhaupt auf. Etwas, worauf Rudolf Alexander Schröder in seiner Würdigung zu ihrem neunzigsten Geburtstag anspielte, wenn er sagte, daß ihr das 'gelebte' Leben im Grunde eine wichtigere und nähere Herzensangelegenheit war als das 'gemalte'.

Aber die Malerin, die als junge Frau mit einem Hochrad durch Bremen geradelt war, konnte auch anders, wie dieses Bild zeigt, das sie auf einer ihren Italienreisen malt. Das schönste Portrait der erstaunlichen Frau verdanken wir dem Bremer Architekten Fritz Schumacher, in dessen Lebenserinnerungen wir lesen können: Aline von Kapff war eine Erscheinung von großer Anmut, die, je älter sie wurde, womöglich noch zunahm. Sie war auch viel auswärts, aber dann reiste sie nicht herum, sondern residierte in Paris oder München. Als sie nach Bremen in ihr schloßartiges Heim für dauernd zurückkehrte, brachte sie zur Belebung der Zungengymnastik ihrer lieben Landsleute einen jungen Tiroler Maler, den sie hatte studieren lassen, aus München mit. Das Erstaunen der Stadt überwand sie schnell, ließ ihren Maler halb Bremen porträtieren, das schönste Mädchen der Gesellschaft heiraten, und wurde selbst Mittelpunkt des rellen Lebens: kein 'Bazar' war ohne sie möglich, kein berühmter Mann hielt einen Vortrag, ohne bei ihr zu wohnen, und welchen Freundeskreis sie sich geschaffen hatte, konnte man an jedem Neujahrstag feststellen; der wurde nämlich mit einem Fest in ihrem Hause gefeiert, das wohl an hundert Personen, alte und junge, bei ihr vereinte. 

An diesem Fest hielt sie auch noch als Achtzigjährige fest, als sie längst in der Inflation ihr großes Vermögen verloren hatte und in ein kleines bescheidenes Haus gezogen war, das sie neben ihrem Schloß einstmals für eine alte Freundin hatte erbauen lassen. Die Schar der Gäste wurde durch diesen Wandel der Umgebung nicht berührt, man saß auf den Treppen und auf den Betten und amüsierte sich herrlich. Für alle diese Menschen war sie 'Tante Aline', aber für einige Auserwählte - und dazu gehörte unser Haus - war sie, obgleich keinerlei Verwandtschaft bestand, eine so gute mütterlich-warmherzige Tante, daß kein gemeinsames Blut es hätte steigern können. Im Lauf der Zeit wurde sie eine so bekannte Figur in Bremen, daß man am Bahnhof jeden beliebigen Kutscher fragen konnte: 'Ist Fräulein von Kapff hier schon vorbeigekommen?', und wenn es dann hieß: 'Nee, sei is noch to Huus', wußte man, wo man sie zu suchen hatte. 

Es gibt nicht so viel Literatur über die Bremer Malerin und Mäzenin, die zu einer kulturellen Institution ihrer Heimatstadt geworden war. Hannelore Cyrus hat in ihrem Buch 'Denn ich will aus mir machen das Feinste...': Malerinnen und Schriftstellerinnen im 19. Jahrhundert in Bremen ein Kapitel über Aline von Kapff. In dem Ausstellungskatalog des Focke Museums Kunst und Bürgerglanz in Bremen wird sie natürlich auch erwähnt. Ute Domdeys Artikel aus Frauen Geschichte(n), Biografien und FrauenOrte aus Bremen und Bremerhaven findet sich im Internet

Montag, 1. November 2021

Emily Ruete

Beim Blick in den Kalender las ich, dass am 30. August 1844 Emily Ruete geboren wurde. Emily Ruete, ich hätte ja gleich den Wikipedia Eintrag anklicken können, aber ich wollte mein Gedächtnis testen. Ich wusste, dass ich den Namen kannte, und dass eine abenteuerliche Geschichte daran hing. Und während ich meine Pfeife stopfte - dabei hat man immer die besten Ideen, das wußte schon Sherlock Holmes - sagte mein Gedächtnis plötzlich Gerhard Rohlfs (über den hatte ich ja schon einmal hier geschrieben). Und da war sie wieder, die Geschichte von der Prinzessin aus Sansibar, die einen Hamburger Kaufmann liebt und mit ihm nach Deutschland flieht. Weil sie von einem Christen schwanger ist, dafür wird man in dieser Welt noch gesteinigt. Könnte in dieser Welt heute wieder geschehen. M.M. Kaye, die mit The Far Pavillions (Palast der Winde) berühmt wurde, hatte die  Geschichte der Sultanstochter schon in den Roman Trade Wind (Insel im Sturm) eingearbeitet, sie schreit ja auch geradezu danach, als Kitschroman recycelt zu werden.

Emily Ruete ist als Sanyyida Salme, Tochter des Sultans von Oman und Sansibar, am 30. August 1844 in Sansibar geboren worden. Sie ist einem Sultanspalast aufgewachsen und hatte eine unbeschwerte Kindheit. Wie immer Sultanspaläste damals aussehen (das Photo weiter unten ist ja ganz eindrucksvoll). Als ihr Vater stirbt, erbt sie viel (unter anderem einige Gewürznelkenplantagen, damit macht man auf Sansibar damals viel Geld). Zu ihrem Halbbruder, dem neuen Sultan, hat sie ein sehr gutes Verhältnis. Über die kleine Palastrevolution, in die verstrickt ist,  wollen wir jetzt mal nicht reden. Der Hamburger Rudolph Heinrich Ruete vertritt (bevor er sich mit Ruete & Co. selbständig macht) die Firma Hansing & Co., die sind neben der Firma O'Swald die einzigen Deutschen auf Sansibar. Sie haben eine Faktorei, sind Reeder und betreiben Bankgeschäfte. Die O'Swalds hießen ursprünglich Oswalds, aber das ist dem Begründer der Dynastie nicht englisch genug, er nennt sich statt Wilhelm Oswald William O'Swald. Ich habe einmal vor Jahrzehnten in einem Hamburger Antiquariat ein Buch mit der Signatur eines O'Swald gekauft, weil mir diese Hamburgische Anglomanie so schön bescheuert vorkam. Ein Nachfolger von Ruete im Dienst von Hansing & Co namens Justus Strandes wird zu den Gründern von Deutsch-Ostafrika gehören.

Als Salme 1866 mit dem Hamburger Ruete flieht, ist Europa vom Orient begeistert. Ein Orientalismus, spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und Delacroix' Bildern, macht sich überall breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert Salambo (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Ingres malt Harems und selbst in Deutschland gibt es Orientmaler wie Gustav Bauernfeind (siehe oben), von Malern wie Makart ganz zu schweigen. Das wäre jetzt die richtige schwül schwülstige Atmosphäre für die geflohene Prinzessin, so einen richtig schönen Kitschroman aus tausendundeiner Nacht zu schreiben. So irgendwas in der Art von Der Tiger von Eschnapur. Der Bestsellerstatus w äre vorprogrammiert. Emily Ruete wird später noch ihre Lebenserinnerungen schreiben, aber Die Memoiren einer arabischen Prinzessin sind nicht das, was man erwarten könnte.

Die eigenwillige Sultanstochter (auf allen Photos eine schöne und elegante Frau), die aus Liebe zu dem jungen Hamburger Kaufmann zum Christentum übertritt, wird sie glücklich werden in dem kalten Hamburg? Es wäre schön, wenn es so wäre. Aber es kommt alles anders. Zuerst überlebt ihr Kind die strapaziöse Reise nicht. Und dann stirbt ihr Mann, dem sie noch drei Kinder geboren hat, im Jahre 1870. Er war von einer Pferdebahn in Uhlenhorst (die Ruetes wohnten damals in Uhlenhorst, Schöne Aussicht 29 ist immer noch eine feine Adresse in Hamburg) abgesprungen, gestolpert und unter die Bahn geraten. Starb eine Woche später, eins der ersten Opfer des öffentlichen Personennahverkehrs in Hamburg. Wenig später stirbt auch ihr Bruder, zu dem sie trotz der Flucht noch die besten Beziehungen hatte. Und da sitzt nun unsere arabische Prinzessin mit drei kleinen Kindern in Hamburg. In dieser Gesellschaft von bornierten Pfeffersäcken, die sie nicht akzeptiert. Vor allem nicht, wenn sie beginnt, geborene Prinzessin von Sansibar und Oman hinter ihren Namen zu setzen. Das mögen die stieseligen Hamburger ja gar nicht. Wenn man die Jugenderinnerungen von Ascan Klée Gobert (der Vater des Schauspielers Boy Gobert) liest, kann man einen schönen Eindruck von dieser Gesellschaft bekommen. Emily hat auch Verständigungsschwierigkeiten, das Hamburgische Missingsch versteht sie nicht, mit ihrem Mann konnte sie sich auf Kisuaheli unterhalten. Sie wird aber die deutsche Sprache eines Tages noch perfekt beherrschen.

Eigentlich möchte sie zurück nach Sansibar. Sie schreibt Briefe über Briefe (die eines Tages als Briefe nach der Heimat erscheinen werden) an die Verwandten, legt auch Photos der Kinder bei. Sie möchte auch an ihr Erbe kommen, das sie nach islamischem Recht eigentlich mit dem Übertritt zum Christentum verloren hat. Aber aus Verpflichtung zu ihrem Mann möchte sie auch, dass ihre Kinder eine gute deutsche Erziehung bekommen. Sie wird Hamburg 1872 verlassen, nach Dresden gehen, Rudolstadt, Berlin, Köln und wieder Berlin. Der deutsche Adel füttert die arabische Prinzessin durch. 1875 beginnt sie zu schreiben, 1886 erscheinen Die Memoiren einer arabischen Prinzessin, die ein beachtlicher Publikumserfolg werden. Da erfahren ihre Kinder auch zum ersten Mal, dass ihre Mutter eine Prinzessin ist.

Zu dem Zeitpunkt ist sie schon eine Schachfigur in Bismarcks Afrikapolitik geworden. Als Bismarck den Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (Bild) zum Generalkonsul von Sansibar ernennt (nachdem er zuvor mit ihm in Friedrichsruh Heringshäppchen gegessen hat), schlägt er ihm vor, dass er Frau Ruete auf einem deutschen Kriegsschiff nach Sansibar mitnimmt. Damit sie ihre Ansprüche in Sansibar geltend macht. Doch so wenig Fertigkeiten Rohlfs in der Kunst der Diplomatie hat, das scheint ihm doch ein wenig zuviel des Guten. Er wird Frau Ruete nicht auf dem Kriegsschiff mitnehmen und wird einen großen Teil der Reise auf einem englischen Postdampfer machen (auf Madeira hat er den deutschen Kreuzer verlassen).

Dadurch brüskiert er natürlich Berlin und die kaiserliche Marine. Er nimmt sich der Sache von Emily Ruete an, tritt dabei aber in alle Fettnäpfchen, die so herumstehen. Den deutschen Kreuzer Gneisenau vor der Küste Sansibars Artillerieübungen veranstalten zu lassen, ist vielleicht nicht der richtige Weg für diplomatische Verhandlungen. Obgleich das eigentlich im Sinne Bismarcks sein müsste, der in einer Notiz geschrieben hatte: Frau Ruete ist für uns lediglich ein Anlaß zu Forderungen dem Sultan gegenüber. Für ihr Schicksal und ihre beaux yeux können wir die Reichsinteressen nicht einsetzen. Nötigt uns der Sultan durch sein sonstiges Verhalten zu militärischer Gewalt, so ist die deutsche Bürgerin Ruete mit ihren Rechten ein nützliches Argument, um Gewalt zu rechtfertigen. In Berlin bereitet man schon eine militärische Invasion Sansibars vor und schickt einen Admiral mit Namen Knorr mit Kriegsschiffen vorbei. Als die Bürgerin Ruete mit einem Lloyd Dampfer in Sansibar ankommt, liegen da schon Ihrer Majestät Schiffe Stosch (Bild), GneisenauElisabeth und Prinz Adalbert im Hafen.

Ich lasse jetzt mal alle diplomatischen Winkelzüge beiseite, letztlich wird aus dem Sansibarabenteuer nichts. Bismarck kneift vor den Engländern. Emily Ruetes Sansibarbesuch verläuft ergebnislos, ihr Bruder weigert sich, sie zu empfangen. Und Gerhard Rohlfs ist schon nach einem halben Jahr abberufen worden, da ist er ganz froh drüber, das ist nicht seine Welt. Die deutschen Faktoreien wie Hansing hatten sich beklagt, dass er ihre kolonialistischen Interessen nicht genügend vertrat. Stattdessen wollte der Idealist Rohlfs dem Sultan den Sklavenhandel verbieten. Da wird er sofort von Bismarck abgewatscht, Philantropismus liege außerhalb Ihrer Aufgaben und desgleichen die Beteiligung an der Anti-Sklaverei Politik der Engländer. Gerhard Rohlfs geht auch nicht auf die nötige feindliche Distanz zu dem englischen Generalkonsul, da er Sir John Kirk (der Livingstone begleitet hatte) von früher kennt und als Forscherkollegen schätzt. Überall auf der Welt stehen sich Deutsche und Engländer feindlich gegenüber, hier in Sansibar dinieren der deutsche und englische Generalkonsul wie Freunde miteinander.

Genau wie Kirk (Bild) steht Rohlfs der Plänen von Dr. Peters in Ostafrika negativ entgegen und ist auch naiv genug, das nach Berlin zu schreiben. So kann er sich nicht wundern, wenn er von seinen Berliner Feinden im schönsten Amtsdeutsch beschrieben wird als: Nicht von Haus aus Beamter und von daher mit jenem allen amtlichen Organisationsstrukturen gemäßen Schematismus nicht vertraut, der auch seiner Aufgabe zugrunde lag, nicht dazu zu bewegen, sich den Gepflogenheiten seines - und ebenso des Auswärtigen - Amtes anzupassen, etwa die regelmäßige Berichterstattung strikt einzuhalten, kein geschulter Diplomat und damit innerhalb des exklusiven Diplomatischen Dienstes ein Fremdkörper. Klingt irgendwie sehr deutsch, dieses Todesurteil für idealistische Quereinsteiger, den Text könnte man bestimmt heute noch verwenden. Auch den Mediziner und weltberühmten Botaniker Sir John Kirk werden die Engländer im gleichen Jahr abberufen. Die Berliner Kongokonferenz hatte den Wettlauf um Afrika nur beschleunigt, jetzt werden in der Politik andere gesucht als Botaniker oder Afrikaforscher. Zwar steht das Verbot des Sklavenhandels in dem schönen Papier, auf das man sich einigt, aber niemand wird sich dafür interessieren, was König Leopold im Kongo macht.

Und obgleich sich Frau Ruete auch über ihn beklagt hat (sie beherrscht für die Durchsetzung ihrer Interessen ja alle Formen der Intrige, die Rohlfs fremd sind), wird Gerhard Rohlfs sich weiter für die Familie Ruete einsetzen. Besonders für ihren Sohn Rudolph (der noch ein deutscher Diplomat in Beirut wird), der für ihn eine Art Ersatzsohn ist. Er wird 1890, als Caprivis Sansibar Vertrag zwischen England und Deutschland perfekt ist, in der Kölnischen Zeitung einen langen Artikel schreiben, in dem er für ihre Ansprüche wirbt. Man sollte es kaum für möglich halten, daß einer deutschen Frau ein solches Unrecht geschehen konnte, schreibt er.

Und endet seinen Artikel mit den Worten: Aber noch ist es nicht zu spät, Deutschland hat die Verpflichtung, bei der Regelung der sansibarischen Geschäfte für die deutsche Frau Ruete einzutreten. Aus der Liebesgeschichte zweier junger Leute (Salme ist zweiundzwanzig, Johann Heinrich Ruete siebenundzwanzig Jahre alt, als sie sich treffen) ist Weltpolitik geworden. Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God's great Judgment Seat, hatte Kipling gedichtet. Emily Ruete, die 1924 in Jena starb, liegt heute neben ihrem Mann auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg begraben.

Emily Ruetes Autobiographie ist vor Jahren von der deutschen Ethnologieprofessorin Annegret Nippa herausgegeben worden, leider ist diese Ausgabe schon wieder vom Markt verschwunden. Die englische Ausgabe Memoirs of an Arabian Princess from Zanzibar ist dagegen leicht erhältlich (eine Ausgabe von 1907 kann man hier lesen). Die ultimative, kommentierte Ausgabe ihrer Schriften (in englischer Sprache) ist An Arabian Princess Between Two Worlds: Memoirs, Letters Home, Sequels to the Memoirs, Syrian Customs and Usages  herausgegeben von dem holländischen Orientalisten Emeri Johannes van Donzel. Ist allerdings mit 276,99 € etwas teuer. Man kann jedoch den größten Teil der hervorragenden Einleitung (die auch die beste Skizze ihres Lebens enthält) bei Google Books lesen.

Die Briefe von Gerhard Rohlfs an die Familie Ruete liegen im Gerhard Rohlfs Archiv des Vegesacker Heimatmuseums im Schönebecker Schloss. Allerdings hat sich da seit den Tagen, da der Studienrat Dr Alwin Belger in den dreißiger Jahren begonnen hatte, den gesamten Rohlfs Nachlass zu katalogisieren, editionsmäßig nicht so viel getan. Alwin Belger war der Lieblingslehrer meiner Mutter am Lyceum gewesen, er hatte im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger ein Bein verloren, und er ist in den letzten Kriegstagen zufällig durch eine englische Granate getötet worden. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Da hat Dr Belger gearbeitet, pflegte mein Opa zu sagen, wenn wir sonntags das Heimatmuseum betraten, und dieser kleine Raum mit all den Gerhard Rohlfs Reliquien ist in meiner Erinnerung immer mit Dr Belger verbunden gewesen, dessen Arbeiten über den berühmten Sohn unserer Stadt nie zu einem Abschluss gekommen sind. Ich finde es schön, dass die Erinnerung an Emily Ruete durch einen Gelehrten wie Emeri Johannes van Donzel wachgehalten wird. Warum schreibt nicht endlich einmal jemand ein wirklich gutes Buch über Gerhard Rohlfs? Seit ich an einer Schule, die seinen Namen trägt, Abitur gemacht habe, verfolgt mich der Kerl. Ich habe alles gelesen, was über ihn erschienen ist, aber bis auf einen schmalen Band eines DDR Autors namens Dr Wolfgang Genschorek aus dem Jahre 1982 kann man das alles vergessen.

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