Sonntag, 20. September 2026

Blondes makes the best victims

Die Vögel (Originaltitel The Birds) ist ein US-amerikanischer Horrorfilm von Alfred Hitchcock nach der gleichnamigen Kurzgeschichte der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Er kam am 28. März 1963 in die US-amerikanischen und am 20. September 1963 in die deutschen Kinos. Der Film markiert nach Der unsichtbare Dritte (1959) und Psycho (1960) einen weiteren Höhepunkt in Hitchcocks Spätwerk. 

Steht so bei der Wikipedia. Als ich jung war, hielt ich Daphne du Maurier für eine Französin. Ich hatte mir im Pariser Gare du Nord in der Nacht eine Paperbackausgabe von L'auberge de la Jamaique gekauft und wartete auf den Nordexpress. Der fuhr um zehn in Paris ab und war morgens um acht in Bremen. Ich kannte die Strecke, meine Freundin arbeitete als au pair in Paris. Dass die Autorin eine Engländerin war, habe ich erst Jahre später gemerkt. Was ich gekauft hatte, war die französische Übersetzung von Jamaica Inn. Ein Roman, den Alfred Hitchcock verfilmt hat. Und um Hitchcock geht es heute, denn vor dreiundsechzig Jahren erlebte der Film Die Vögel seine deutsche Erstaufführung. Habe ich damals nicht gesehen, ich war beim Bund. War im Manöver, September bedeutete immer Manöver. Ich war auch nie wirklich ein Hitchcock Fan. Ich favorisierte französische Filme. Ich weiß nicht, ob mein Französisch in den zehn Stunden im Nordexpress durch die Lektüre von L'auberge de la Jamaique besser geworden ist, aber ich lernte auf jeden Fall eine Vielzahl von Synonymen des Wortes Nebel kennen. Die Paperbackausgabe habe ich immer noch.

Daphne du Maurier, die mit dem ziemlich unfähigen General Sir Frederic Browning verheiratet war (der hier schon in den Posts Militärisches Schuhwerk und Barett vorkommt), hat nicht nur Jamaica Inn geschrieben. Sie hat auch die Kurzgeschichte The Birds geschrieben, die Hitchcock für seinen Film benutzt hat. Die habe ich für Sie im Origialtext. Zu dem Film Die Vögel gibt es heute ein kleines Haiku von Uli Becker aus seinem Band Frollein Butterfly, in dem er uns 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei serviert, von denen ich mal eben (aus meinem nummerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock
.

Und ich spendiere noch einen Post, der hier schon mal im Blog stand. Wenn man schon beinahe dreieinhalbtausend Posts geschrieben hat, dann darf man auch mal einen alten Post wieder hervorholen. Zumal der wirklich gut ist:

Das hat sie nun davon, dass sie blond ist. Da liegt sie auf dem Boden, ein hilfloses Opfer. Attackiert von Vögeln, eine Variation der Geschichte von Leda und dem Schwan. Man hatte der naiven Blondine versprochen, dass in dieser Szene nur Attrappen von Vögeln zum Einsatz kommen, aber der Regisseur lässt auf dem Dachboden echte Vögel auf die Blondine los (the mechanical birds aren’t working, so we’re going to have to use live ones). Der Regisseur hat seine Freude daran, Blondinen zu quälen.

Blondes make the best victims. They’re like virgin snow that shows up the bloody footprints, hat er gesagt. Der Regisseur heißt natürlich Alfred Hitchcock, und wir reden hier von dem Film The Birds, der vor dreiundsechzig Jahren in den USA anlief. Die Schauspielerin Tippi Hedren durfte noch ein zweites Mal bei Hitchcock in dem Film Marnie mitspielen. In dem Film gibt es eine ✺Vergewaltigungszene in der Hochzeitsnacht. Nicht durch Vögel, diesmal durch Sean Connery. 

A man taking his frigid, unattainable bride by force was Hitchcock's fantasy about me, hat Tippi Hedren dazu gesagt. Was sie bei den Dreharbeiten von The Birds ertragen musste, wurde bei Marnie noch schlimmer: He stared at me and simply said, as if it were the most natural thing in the world, that from this time on, he expected me to make myself sexually available and accessible to him – however and whenever and wherever he wanted. That was the moment, after almost three years of trying to cope, when I finally had enough – that was the limit, that was the end.

In ihrer →Autobiographie aus der dieses Zitat stammt, hat Hedren noch mehr über Hitchcock zu sagen, der wie ein Vorläufer von →Harvey Weinstein daherkommt. Hitchcock hat der Tochter von Tippi Hedren (die später unter dem Namen Melanie Griffith Schauspielerin wurde) nach den Dreharbeiten von The Birds eine Puppe geschenkt, die eine perfekte Nachbildung ihrer Mutter war. Und auch ein grünes Kleid hatte, wie Tippi Hedren es in dem Film trug. Die Puppe lag in einem kleinen Sarg. Kann man perverser sein?

Hitchcock und Blondinen, ein unerschöpfliches Thema. Auf François Truffauts Frage In other words, what intrigues you is the paradox between the inner fire and the cool surface in dem berühmten Interview sagt Hitchcock: Definitely, I think the most interesting women, sexually, are the English women. I feel that the English women, the Swedes, the north­ern Germans, and Scandinavians are a great deal more exciting than the Latin, the Italian, and the French women. Sex should not he ad­vertised. An English girl, looking like a school­ teacher, is apt to get into a cab with you and, to your surprise, she’ll probably pull a man’s pants open. Wir kennen eine Variante dieser Szene aus To Catch a Thief.

Dass Hitchcock seine blonde Hauptdarstellerin aus The Birds sexuell belästigt und bedrängt hat, war allgemein bekannt. Dass er ihre Karriere ruinierte, auch. Sie war nicht die erste, sie könnten jetzt mal eben den Post Vera Miles lesen. Ich hätte da auch noch ein schönes Zitat von dem Regisseur, der seine Schauspieler als cattle bezeichnete: I always believe in following the advice of the playwright Sardou. He said, 'Torture the women!' The trouble today is that we don't torture women enough

Dies hier sind nicht Hitchcock und Tippi Hedren, dies ist eine Szene aus dem Theaterstück →Hitchcock Blonde. Die kühle Blonde aus The Birds hat sich lange mit Vorwürfen zurückgehalten, aber in ihrer Autobiographie Tippi: A Memoir nahm sie kein Blatt vor den Mund: I couldn’t tell anyone. It was the early 1960s. Sexual harassment and stalking were terms that didn’t exist… Besides, he was Alfred Hitchcock… and I was a lucky little blonde he’d rescued from relative obscurity.

Von Vögeln und Sean Connery attackiert zu werden ist das eine, nackt in der →Dusche erstochen zu werden, das andere. Ernst Callenbach schrieb 1960 im →Film Quarterly über ✺PsychoIt imperceptibly shifts to a level of macabre pathology, unbearable suspense, and particularly gory death. In it, indeed, Hitchcock's necrophiliac voyeurism comes to some kind of horrifying climax. Phallic-shaped knives swish past navels, blood drips into bathtubs, eyes stare in death along the floor, huge gashes appear in a man's amazed face, and so forth. Vielleicht soll man das mit dem necrophiliac voyeurism mal fett setzen. 

Und wenn Sie fragen, was diese junge Dame hier soll: das ist Marli Renfro, das Körperdouble von Janet Leigh in der DuschszeneUrsprünglich wurde Renfro nur für zwei oder drei Tage gebucht. Am Ende wurden es anderthalb Wochen. Sieben Drehtage, fast ein Drittel der Zeit, die Leigh am Set von "Psycho" verbrachte. Für eine einzige, dreiminütige Szene. Bei den Dreharbeiten wussten nur wenige, wer die rothaarige junge Frau mit den türkisfarbenen Augen war, die Tag für Tag splitternackt über das Studiogelände spazierte. Die überzeugte Nudistin zog die Blicke auf sich, wenn sie sich völlig unbekleidet mit Hitchcock unterhielt, der stets einen dunklen Anzug trug. Oder wenn sie vor der versammelten Presse Dehnübungen veranstaltete, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Das Pech für Tippi Hedren war, dass die kein Körperdouble hatte. Das wollte Hitchcock auch nicht haben, er wollte die Vögel auf sie loslassen, Blondes make the best victims. Marli Renfro ist heute achtundachtzig. Ihr Name taucht im Film Psycho nicht auf, nicht mal kleingedruckt im Abspann. Das einzige Mal, dass man ihren Namen auf der Leinwand sehen kann, ist 1962 in Coppolas erstem  Film Tonight for Sure. Es hat viele Jahre gedauert, bis Hitchcock zugab, dass die nackte Frau in der vielleicht berühmtesten Filmszene der Welt nicht Janet Leigh war. Und es hat noch länger gedauert, bis Renfros Name bekannt wurde. In dem Dokumentarfilm über die Duschszene von Alexandre O. Philippe aus dem Jahr 2017 ist sie allerdings dabei. 

Der Amerikaner Peter Swanson hat am Trinity College und der University of Massachusetts in Amherst studiert und vom Emerson College einen Master of Fine Arts bekommen. Obgleich der akademische Grad für Poetry war, schreibt er wenig Gedichte, er schreibt Romane. Er musste beinahe zehn Jahre warten, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand. Jetzt ist er ein Autor von Kriminalromanen, die in dreißig Sprachen übersetzt sind. Und er hat eine Vielzahl von Gedichten über Hitchcock Filme geschrieben, für jeden Film eins. Die sind aus unerklärlichen Gründen aus dem Internet und von seiner Homepage verschwunden, North by Northwest können Sie →hier noch lesen. Aber ich habe mir sein Gedicht Psycho aufbewahrt, in dem auch The Birds vorkommen, das stelle ich mal hierhin: 

Psycho

Undressed she looks fresh-plucked, her flesh 
As white as boiled hens. How easily 
She exists within her nakedness, 
How unaware she is of what I see.

She changes to a dressing gown, 
So shiny that a giant crow would snatch 
Her up to line his nest. I make no sound. 
My mind is quiet too, not even a scratch.

The bad thoughts will gather soon, I suppose. 
My mind won’t shake her birdy skin 
But with those private traps, those animal parts.

We all look so much realer in our clothes. 
That’s my hobby, see. It’s stuffing things. 
I don’t really know all that much about birds.

Kühle Blondinen: Tippi Hedren, Kim Novak (in Vertigo), Eva Marie Saint (in North by Northwest) und Grace Kelly. Unser kleiner Dicker träumt mit seinem necrophiliac voyeurism von ihnen. Zuhause bei seiner Gattin Alma Reville sieht die Welt nicht nach coolen Blondinen aus, die dem Mann an die Wäsche gehen.

Also diese Sorte Blondinen, über die der Filmkritiker Roger Ebert sagte: they reflected the same qualities over and over again: They were blonde. They were icy and remote. They were imprisoned in costumes that subtly combined fashion with fetishism. Tippi Hedren war übrigens nicht die erste Blondine, die unter Hitchcock zu leiden hatte.

Ich könnte da noch Madeleine Carroll aus der Verfilmung von John Buchans Klassiker The 39 Steps (von dem North by Northwest ja nur ein Remake war) anbieten, die während der gesamten Dreharbeiten von Hitchcock als the Birmingham tart bezeichnet wurde. The very beautiful woman who just walks around, avoiding the furniture, wearing fluffy negligees, and looking very seductive may be an attractive ornament, but she does not help the film at all. 

I hate it when actresses try to be ladies and in doing so become cold and lifeless, and nothing gives me more pleasure than to knock the lady-likeness out of chorus girls. I don't ask much of an actress and I have no wish for her to be able to play a whole list of character roles, but she must be a real human person. That is why I deliberately deprived Madeleine Carroll of her dignity and glamour in "The Thirty-Nine Steps," and I did exactly the same thing in "Secret Agent." In this last film, the first shot you saw of her was with her face covered with cold cream! Was Hitchcock an dieser Stelle zu sagen vergisst ist, dass er durch die beiden Filme mit der Birmingham tart weltberühmt wurde.

In Bielefeld, der Stadt, die es gar nicht gibt, gibt es heute etwas ganz Besonderes. Denn heute hat da im Theater das Musical ✺The Birds of Alfred Hitchcock von William Ward Murta, das den Machtmissbrauch im Filmgeschäft thematisiert, Premiere. Ich weiß jetzt nicht, ob sie Tippi Hedren zur Premiere eingeladen haben. Aber die hat mit ihren sechsundneunzig Jahren vielleicht auch keine Lust, nach Bielefeld zu reisen. 

Und in diesem Blog könnten Sie zu Frauenschicksalen in Hollywood noch lesen: Vera MilesHappy Birthday, Vera MilesVeronica LakeNymphosDorothy MaloneGildaOperation MincemeatBond GirlsExotik und Jacques Tourneur.

Sonntag, 13. September 2026

Maler und Modell

Dies Buch habe ich wegen des Covers gekauft, das Bild fand ich toll. Hätte auf diesem Band voller Liebeslyrik der Gegenwart nur der Name der Herausgeberin gestanden, dann hätte ich es wohl nicht gekauft. Denn von Hiltrud Gnüg besaß ich schon ein Buch, nämlich Kult der Kälte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Es ist ein Buch, das ich nicht mag. In dem Post 18th century: Fashion habe ich darüber gesagt, dass es sprachlich nicht ansprechend und sachlich fehlerhaft ist. Aber gegen dieses wunderbare Buch hier kann man nichts sagen, man kann es nur zum Kauf empfehlen. 

Die Anthologie Nichts ist versprochen: Liebesgedichte der Gegenwart erschien mit diesem Cover 2010 bei Reclam und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Die Anthologie gliedert sich in acht Teile, nach Hinsichten, die sich aus dem Textmaterial selbst ergeben haben, nicht etwa nach Leithinsichten, die die Selektion der Gedichte vorab bestimmen. Die Motti drücken besser als etikettierende Begriffe den jeweiligen Aspekt aus; dennoch seien die Etiketten genannt: Liebe; Erotischer Moment; Partnerschaft und Emanzipation; Ehe; Liebe und Vergänglichkeit; Liebe und Gesellschaft; Schwierige Beziehungen; Träume. Die Erstausgabe war schon im Jahr des Mauerfalls erschienen, aber mit dem Buch waren Herausgeberin und Verlag offenbar nicht so glücklich. Die Ausgaben von 2010 und 2014 sind aktualisiert und wesentlich erweitert, es sind jetzt beinahe 300 Gedichte statt der 180 der Erstausgabe. Man kann das Buch antiquarisch noch preiswert finden, meine Hardcover Ausgabe hat 4,17 portofrei gekostet.

Das Design des Covers (hier die Erstausgabe von 1989) ist von der Grafikerin Eva Knoll, die für den Reclam Verlag eine Vielzahl von Büchern gestaltet hat. Sie hat hier ein Photo verwendet, das der Berliner Photograph Jochen Littkemann (der sich auf das Photographieren von Kunstwerken spezialisiert hat) von einem Bild in der Galerie Raab machte. Das Bild ist von dem Maler →Rainer Fetting, einem der sogenannten Jungen Wilden der Berliner Kunstszene der achtziger Jahre. Es hat den Titel Susanne mit Fernseher I. Leider ist das Bild nicht im Internet zu finden. Google dünnt das Netz aus, wahrscheinlich um Platz für den KI Müll zu schaffen. Wenn ich vor Jahren den Namen meines Blogs bei Google eingab, gab es hunderte von Bildern aus meinem Blog, jetzt sind es nur noch ein Dutzend. Und Googles KI sagte mir: Ihre Anfrage 'Susanne mit Fernseher I' konnte keinem eindeutig bekannten Kunstwerk, Buchtitel oder einer spezifischen Fernsehfolge zugeordnet werden.

Aber die Susanne auf dem Bild von ✺Rainer Fetting, die 1980 Modell und Muse für Fetting wurde, die hat es wirklich gegeben. Sie hieß Susanne Kuhnke und war ein Mitglied der Band →Malaria. Irgendetwas zwischen Neuer Deutscher Welle und Post Punk, der größte Hit der Band war damals ✺Kaltes klares Wasser. Die Sängerin dieses Underground Hits war Bettina Köster, die John Peel einmal the Queen of Noise genannt hat. Sie können Susanne Kuhnke in diesem Video am ✺Moog Synthesizer sehen. Die Heimat der →Band, die auch in London und New York auftrat, war der Berliner Punkrock Tempel →S.O.36, den der Maler →Martin Kippenberger mitbegründet hatte. Wenn Sie einen Eindruck von der Szene haben wollen, dann schauen Sie einmal in den Trailer von B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989.

Der junge Maler war hin und weg von der Kunststudentin Susanne: Susanne lernte ich in Kippenbergers Musikhalle SO36 kennen und war völlig beeindruckt von ihr. Sie wohnte gleich um die Ecke in einer Fabriketage [...] und studierte Kunst bei Walter Stöhrer. Ich lud sie oft zum Essen und Trinken im 'Exil' ein, und irgendwann, ganz gut angetrunken, malten wir uns gegenseitig bei einer Session. [...] Susanne war auch am Synthesizer in der New Wave Gruppe der damals berühmten Frauenband 'Malaria'. 

Es ist immer etwas Gefährliches in den Susanne Bildern. Ist sie half crazy, wie es in Leonard Cohens Suzanne heißt? Dieses Bild von der beinahe lebensgroßen Susanne heißt Susanne mit Axt (es gibt von dem Bild noch eine  Variante). Da ist sie wieder, die Gefahr. Und auch bei dem Bild Susanne mit Fernseher ist die Gefahr da. Das ist nicht der Halbmond im Fernseher, aber die Smith & Wesson auf dem Teppich, die ist schon gefährlich. Fetting hat in einem Interview gesagt, dass er in den achtziger Jahren diese Vielzahl von Portraits gemalt habe, weil er mit Ihnen den Geist der Stadt und der Zeit einfangen wollte. 

Als Susanne bei einem Konzert von der Bühne gestürzt war und das Bein in Gips hatte, musste Fetting sie unbedingt malen: Als ihr Bein eines Tages in Gips war, weil sie bei einem Auftritt von der Bühne geflogen war, kam ich auf die Idee Susanne auf Wendeltreppe zu malen. Die Wendeltreppe ging ich jeden Tag zu meinem Atelier hoch. Das Bild sollte wohl auch auf Marcel Duchamps 'Akt eine Treppe herabsteigend' anspielen, das auch Gerhard Richter in seinem Stil gemalt hatte. Das Bild Wendeltreppe Gelb (Susanne) hat bei Ketterer beinahe 120.000 Euro gebracht. Es gibt mehrere Varianten des Bildes, auch eine, bei der Susanne bekleidet ist. Ich habe das Bild 1994 in der Ausstellung Neue Wilde aus Berlin: Die Sammlung Martin Sanders im Kloster Cismar gesehen. Bin dran vorbeigegangen wie die junge Dame auf dem Photo hier, habe keine Minute lang geguckt. Aber das Bild mit dem Fernseher, das finde ich scharf, daran würde ich nicht vorbeigehen.

Ich mag ein gut gemaltes Bild, nicht alle Susanne Bilder von Rainer Fetting, die Anfang der 1980er Jahre beinahe fabrikmäßig produziert wurden, sind wirklich gut. Dies hier, das Susanne als Infantin zeigt, ganz bestimmt nicht. Da würde mir das Gleiche passieren, was schon in Cismar (der Dependance des Landesmuseum Schleswig) passierte. Ein kurzer Blick und weitergehen, es kommt immer was Besseres. Wo es sich lohnt, stehen zu bleiben und lange zu gucken. Vielleicht bei dem nächsten Bild.



Dies ist ein Bild von Susanne ohne Messer, Äxte und Pistolen. Aber mit High Heels. Es heißt Susanne Nacht, könnte aber auch Susanne Nackt heißen. Es gibt davon verschiedene Größen und verschiedene Farben, kostet aber beinahe immer 40.000 Euro. Darunter gehen Ölbilder von dem post-expressionistischen ehemaligen Jungen Wilden nicht mehr. Aber auch wenn manche großformatige Bilder hunderttausend Euros kosten, die Preise von Neo Rauch erreicht Fetting nicht. 

Mein Exemplar von Nichts ist versprochen habe ich gerade der Frau geschickt, die heute Geburtstag hat. Da kann sie das ganze Jahr Liebesgedichte lesen. Ich habe mir das Buch natürlich nachgekauft. Ich wollte die Susanne in Rot mit den High Heels unbedingt bei mir behalten. Und das Füllhorn voller guter Liebesgedichte natürlich auch. 

Ein Gedicht daraus soll es zum Abschluss dieses Posts auch geben. Es ist von Christoph Meckel und heißt Leibhaftig. Es findet sich in der Anthologie unter dem Etikett Erotischer Moment. Ich habe das Gedicht gewählt, weil ich mit einem Aktportrait geendet habe, dann sollte in der ersten Strophe schon mal das Wort nackt vorkommen:

Willst du nicht nackt herumlaufen 
in den Sommertagen? 
Helles Haus  alle Sperrangeln offen 
und ich umarme dich 
wenn du ins Zimmer kommst; 

willst du dich nicht anfassen lassen 
hundertmal mehr von mir, vom Himmel? 
Wenn es läutet gehst du im Bademantel 
zur offenen Tür 
unsre Gäste reden vom Geschäft
und halten uns für seltsame Vögel; 

willst du nicht schöner sein 
als alle Fotografien von dir 
schöner noch in der Sonne als in der Nacht
und du und ich 
leibhaftiger in der Freude 
lebendig, restlos! 

Donnerstag, 23. Juli 2026

die Übersetzerin Eva Rechel-Mertens

Was unseren Klassenlehrer damals dazu bewog, mit uns von Mainz aus einen Ausflug nach Germersheim zu machen, weiß ich bis heute nicht. Es waren Semesterferien, die Hörsäle der Hochschule in der ehemaligen Seyssel Kaserne waren leer. Es gab viel Grün um die Bauten, und es war landschaftlich schön. Aber warum waren wir hier? Heute weiß ich, dass in Germersheim die größte Ausbildungsstätte weltweit für Dolmetscher und Übersetzer ist. Begründet 1947 als Staatliche Dolmetscherhochschule für die französischen Besatzer, die kein Deutsch sprachen. Und die Beamten des Landes, die kein Französisch konnten. Wurde 1949 als Auslands- und Dolmetscherinstitut in die Johannes Gutenberg Universität Mainz eingegliedert und ist heute der Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK).

Auch wenn ich vor über sechzig Jahren davon nichts wusste, in meinem Berufsleben wusste ich wohl, was in Germersheim passierte. Studenten, die davon träumten, Übersetzer zu werden, empfahl ich den Wechsel des Studienorts. Sie waren in Germersheim besser aufgehoben als bei uns. Übersetzer und Übersetzungen haben in diesem Blog einen großen Platz. Wenn Sie den Post Übersetzer anklicken, der von dem Übersetzer Curt Meyer-Clason handelt, finden Sie da einen Vielzahl von Links (es sind beinahe hundert), die zu Posts führen, in denen von Übersetzungen die Rede ist. Und diese Posts werden auch gelesen, der Post Anna Karenina: Übersetzungen ist über fünftausendmal gelesen worden. 

Ich schreibe das hier heute mit dieser Uhr am Arm. Es ist eine Tissot T12 aus dem Jahre 1970 mit einem Armband der Firma Gay Frères. Die Firma ist der bedeutendste Hersteller von qualitativ hochwertigen Uhrarmbändern gewesen, Patek-Philippe, die IWC und Zenith kauften dort ihre Bänder. Und das originale Band der Eterna KonTiki kam auch von Gay Frères. Mit der Uhr auf diesem Photo wollte Tissot betonen, dass diese T12 etwas ganz Besonderes war, und deshalb spendierte man ihr ein Band von Gay Frères. Diese Armbänder sind für Sammler teuer geworden, das Armband dieser Uhr kostet bei ebay schon 300 Euro. Ohne Uhr. Alles, was ebay anbietet, muss neuerdings übersetzt werden. Überall arbeitet im Hintergrund die KI mit ihren hanebüchenen Computerübersetzungen. Ich habe schon in den  Posts wie Gartenkarre und pfanni denglish (und man könnte auch den Post Bräutigam dazu nehmen) auf die fürchterlichen Ergebnisse von Computerübersetzungen bei ebay hingewiesen. Und deshalb ist diese Tissot T12 (die mal 120 Meter wasserdicht war) heute hier. Weil die ebay Computerübersetzung das Gay Frères mit schwule Brüder übersetzt. Und deshalb brauchen wir Germersheim, weil dort richtige Übersetzer ausgebildet werden, die niemals solchen Quatsch produzieren würden.

Wenn Sie nicht wissen, was das UeLEX hier bedeutet, dann kann es dafür schnell eine Aufklärung geben. Das Germersheimer Übersetzerlexikon UeLEX ist ein frei zugängliches, kontinuierlich wachsendes interdisziplinäres Online-Referenzwerk, das seit 2015 existiert und seit 2022 in konzeptionell und technisch überarbeiteter Form zur Verfügung steht, sagt das Online Lexikon über sich selbst.

Lexika zur Literatur, zur Literaturgeschichte und Literaturwissenschaft gibt es genug. Aber ein Lexikon der Übersetzer hat es noch nie gegeben. Das Photo zeigt die beiden Herausgeber des Germersheimer ÜbersetzerlexikonsAleksey Tashinskiy (links) und   Andreas F. Kelletat, mit ihrer Mitarbeiterin Julija Boguna. Die hat den Artikel zu Casimir Ulrich Boehlendorff geschrieben, der hier im Blog schon in den Posts Boehlendorff und nur einmal im Netz vorkommt. Der Artikel zu dem Freund Hölderlins ist allerdings noch ein Rumpfartikel.

Aber es gibt auch sehr lange und ausführliche Artikel, in denen all das steht, was man bisher im Netz nicht finden konnte. Zum Beispiel der Artikel über die Proust Übersetzerin Eva Rechel-Mertens von Anja van de Pol-Tegge. Die Frau, die À la recherche du temps perdu für Suhrkamp in fünf Jahren für fünfhundert Mark im Monat übersetzte, ist in meinem Blog immer wieder erwähnt worden, am detailliertesten wohl in dem Post Eine Liebe von Swann. Seit ich einen Computer besitze, habe ich versucht, ein Bild der Übersetzerin im Internet zu finden, es gab keins. Erst das UeLEX präsentiert uns ein Photo.

Es gibt inzwischen noch ein zweites Photo im Netz. Das findet sich in dem ganz hervorragenden Artikel Die Hohe Schule der Eva Rechel-Mertens von  der Übersetzerin Petra Bös, die auch in Germersheim studiert hat. Erstaunlicherweise taucht in ihrem Artikel der Name Nora Bruegmann nicht auf, bei Anja van de Pol-Tegge im UeLEX schon. Denn diesen Namen kann man nicht auslassen, weil Nora Bruegmann 2015 ihre Dissertation mit dem Titel Auf der Suche nach Welt: Eva Rechel-Mertens’ Proust-Übersetzung im Suhrkamp Verlag (1953-2002) an der Vanderbilt University vorgelegt hat. Die Doktorarbeit ist im Internet als Volltext zugänglich.

Rudolf Schottlaender, der erste →Übersetzer Prousts, der 1926 Der Weg zu Swann in zwei Bänden veröffentlichte, hat im UeLEX bisher nur einen Rumpfartikel. Das wird sich sicherlich noch ändern. Seine Übersetzung ist damals von Ernst Robert Curtius, dem Doktorvater von Rechel-Mertens, in beleidigender Form verrissen worden. Jahre später hat Schottlaender, inzwischen Ordinarius für Klassische Philologie, über dessen Antigone Übersetzung kein Kritiker ein böses Wort sagte, über Curtius geschrieben: Es fällt mir nicht ein, an der Lebensleistung Ernst Robert Curtius', insbesondere an seinem Verdienst um Proust, zu mäkeln. Nur daß eben auch er gelegentlich zum bösartigen Fachidioten werden konnte, scheint mir durch sein Vorgehen gegen meine Proust-Übersetzung erwiesen.

Die beiden deutschen Philologen Curtius und Schottlaender konnten unterschiedlicher nicht sein. Curtius tritt 1938 in die NSDAP ein, schreibt aber schon 1932 in seinem Buch Deutscher Geist in Gefahr die schlimmen Sätze: Aber die Schuld trifft nicht nur Deutsche und Deutschstämmige allein, sie trifft ebenso sehr unsere Juden, von denen leider gesagt werden muß, daß sie zum überwiegenden Teile und in maßgebender Betätigung der Skepsis und der Destruktion zugeschworen sind. Diese Juden sind von der Idee des Judentums selbst abgefallene Juden... Sie sind aber auch nicht bereit, sich dem Christentum, dem Humanismus oder dem Deutschtum zu öffnen und es aufzunehmen. Es bleibt ihnen also nur die Negation in ihren zwei Formen: Destruktion und Zynismus. Dagegen müssen wir uns wehren, weil Destruktion in einer so zerklüfteten Nation wie der deutschen zehnfach gefährlich ist. Der Jude Schottlaender überlebt das Dritte Reich nur, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet ist und es ein Gesetz über privilegierte Mischehen gibt.

Der Mediävist Curtius schreibt 1948 das große Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter und will damit vergessen lassen, was vorher war. Ähnlich reagiert sein NSDAP Parteigenosse Hugo Friedrich, der gleichzeitig sein magnum opus Montaigne veröffentlicht (dazu mehr in dem Post Montaigne en allemand). Aber Hugo Friedrich musste sich 1946 auch von dem zur Emigration gezwungenen Leo Spitzer sagen lassen: Sie können nicht ernsthaft glauben, daß die Zusammenarbeit mit Baal die Substanz des Menschen nicht anfresse. Das Leiden, das eine fortwährende Selbstreinigung mit sich hätte bringen müssen, wäre ja so stark gewesen, daß Sie hätten den Verstand verlieren müssen. Das ist es ja gerade, was uns Emigranten so unverständlich ist! Wie die Menschen in Deutschland nicht den Verstand verloren haben ... Besonders kann ich mir Übung der Geisteswissenschaften nicht vorstellen, wenn die Grundlagen des menschlichen Geistes nicht mehr bestehen. 

Die deutschen Proust Übersetzer haben sehr unterschiedliche Biographien. Schottlaender promovierte 1923 in Heidelberg mit einer Arbeit über die Nikomachische Ethik des Aristoteles. Er war noch nie in Frankreich gewesen, hatte aber einen guten Französischlehrer gehabt: Trotz Franzosenhaß wurde Französisch nach alter Tradition in unserer Schule früh und ausgiebig gelehrt. Eva Rechel-Mertens hatte Romanistik studiert, sie war fünfundfünfzig, als sie bei Suhrkamp eingestellt wurde. Da konnte sie auf eine Übersetzertätigkeit zurückblicken, die bis in die zwanziger Jahre zurückreichte. Und vielleicht hatte ihr Doktorvater sie damals schon in Gedanken als Übersetzerin der Recherche auserkoren und wandte sich deshalb voller Hass gegen den Konkurrenten Schottlaender.

Michael Kleeberg war vierzig, als er Prousts Combray übersetzte (nach Werbung des Verlags der einzig wahre Proust). Da hatte er schon viele Texte aus dem Französischen und Englischen übersetzt, ein halbes Dutzend Romane geschrieben und zwölf Jahre in Frankreich gelebt. Bernd-Jürgen Fischer war siebzig als der erste Band seiner Übersetzung bei Reclam erschien. Er war dreizehn Jahre Dozent in der Germanistik, bevor er freier Autor wurde. Michael Kleeberg ist der einzige der Proust Übersetzer, der keinen Doktortitel hat. Vielleicht lieben ihn die Kritiker deshalb nicht.

Was über die deutschen Proust Übersetzer hier in Kurzform steht, kann man bei Nathalie Mälzer in ihrem Buch Proust oder ähnlich: Proust Übersetzen in Deutschland genauer lesen. Oder in dem zweiteiligen Forschungsbericht Proust übersetzen (I) und Proust übersetzen (Teil II) von Dietrich Leder im Netz. Der Nachlass von Eva Rechel-Mertens, den Petra Bös in ihrem Artikel bespricht, befindet sich heute im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Ich war achtzehn, als ich Proust zu lesen begann. Ein Jahr später war ich schon beim vierten Band. Das können Sie meiner Leseliste entnehmen, die in dem Post perlegi abgedruckt ist. Mein Proust war damals natürlich der Proust von Eva Rechel-Mertens. Das reichte mir fürs Leben; ich fand es überflüssig, dass der Suhrkamp Verlag andere (wie zum Beispiel Luzius Keller) zur Überarbeitung des Textes heranzog, um das dann als die großes Ereignis zu feiern. Manche Kritiker fanden das eher eine Verschlimmbesserung. Rudolf Schottlaenders Der Weg zu Swann habe ich mit Gewinn gelesen. Man kann die Erstausgabe antiquarisch noch preiswert bekommen, aber es gibt inzwischen auch einen noch preiswerteren Nachdruck. Eine Lesefreude ist das nach hundert Jahren noch immer.
 

Donnerstag, 9. Juli 2026

Geburtstagsgruß für eine Jugendliebe

Als ich Wiederholungen geschrieben hatte, sagte mir ein Freund, dass ich mich sehr weit vorgewagt hätte mit der Offenlegung von Gefühlen. Aber tue ich das nicht immer, wenn ich über Frauen schreibe? Wir waren ja so verklemmt damals, wir konnten uns unsere wahren Gefühle nicht so einfach mitteilen, sagte mir meine Jugendfreundin Ute letztens am Telephon. Jetzt im Alter können wir alles sagen. Und dann fügte sie hinzu: Du warst immer in meine kleine Schwester verliebt. Ich war baff. Wie kam sie darauf? Nein, ich war nicht wirklich in ihre kleine Schwester verliebt, aber ich fand sie sehr sexy. Eine kleine Brigitte Bardot mit roten Haaren und Stupsnase, die die ganze Schule bewunderte. 


Wir redeten damals viel, aber wir fanden nicht die richtigen Worte. Es ist nicht leicht, das Zauberwort zu finden, so dass die Welt zu singen anhebt. Ich redete damals sehr viel, aber ich wusste nicht, was ich wollte. Da war ich wie Jean-Louis Trintignant in dem Film Ma Nuit chez Maud, zu dem Françoise Fabian sagt: J 'aime bien les gens qui savent ce qu'ils veulent. Liebe war etwas Neues, auf das wir nicht vorbereitet waren. Wenn wir uns auch nicht alles im Gespräch sagen konnten, hatten wir doch eine Form der Kommunikation der Gefühle. Wir schrieben uns Briefe. Heute schreibe ich das alles ins Netz, auch diesen Geburtstagsgruß für die Ute, die zwischen den Zeilen immer in diesem Blog war. Die manchmal auch in den Geschichten von der schönen Buchhändlerin auftaucht. Der Schluss von Chorprobe ist eine wahre Geschichte aus ihrem Leben.

Als ich in dem Telephongespräch die Ingrid erwähnte, sagte Ute: Kam die vor mir oder nach mir? Das fand ich nun sehr witzig, Frauen zählen offenbar mit. Im Gegensatz zu der Kleinstadtprinzessin Ingrid hat Ute mir letztens ein neues Photo geschickt. Irgendwo am Strand, Nordsee oder Ostsee. Sie und ihre drei Schwestern. Kriegsjahrgänge 1939-1944 stand dabei. Ihre roten Haare waren dem Grau gewichen. Aber sie war schön wie immer. Die Stents am Herzen und die kaputte Wirbelsäule, die sieht man nicht. Sie wirkt zehn Jahre jünger als sie ist, forever young

Als es mit unserer Jugendliebe zu Ende ging, schickte sie mir aus Thiais bei Paris, wo sie als au pair arbeitete, einen kleinen Zettel auf dem stand: Die Liebe bricht in einem Herzen nur zerbrechliche Dinge; und bricht sie alles darin, so war alles darin zerbrechlich. Den Zettel habe ich immer noch. Den Lieblingsteddy ihrer Kindheit, den sie mir schenkte, habe ich auch noch. Wir sind Freunde geblieben, ein Leben lang. Konnten uns unsere wahren Gefühle mitteilen, weil wir nicht mehr so verklemmt waren wie damals. L'âge ne vous protège pas des dangers de l'amour. Mais l'amour, dans une certaine mesure, vous protège des dangers de l'âge, hat Jeanne Moreau gesagt. Utes Geburtstag im Juli vergesse ich nie, und deshalb habe ich heute neben diesem etwas unkonventionellen Happy Birthday Gruß auch noch ein schönes kleines Gedicht von Walter Helmut Fritz für sie:

Nein, ich vergesse es nicht, 
man muß eine Geschichte erleben, 
ehe man sie erfindet. 
Was wirst du tragen? 
Einen weißen Rock, 
eine schwarze Bluse. 
Der Tag ist neu, 
als habe es noch keinen gegeben  
Die Zeit beginnt jetzt. 
Ich werde auf dich zurennen.  
Der Morgenwind ist in Eile, 
die Gewässer sind unterwegs.

Dienstag, 19. Mai 2026

unerwünschte Geschenke


Dies ist das einzige Bild, das Marilyn Monroe und John F. Kennedy am 19. Mai 1962 zusammen zeigt. Ihr Designerkleid mit den 2.500 aufgenähten Glitzersteinchen war so eng, dass sie keinen BH darunter tragen konnte. Man hatte es ihr auf den Körper genäht. Sie ist sechsunddreißig Jahre alt, sie ist stolz auf ihren Körper. Den BH hat sie schon in vielen Filmen weggelassen, bei denen das Kleid nicht so eng war. Wenn die Scheinwerfer bei der Geburtstagsgala sie bei ihrem Auftritt beleuchten, wird es aussehen, als ob das Kleid durchsichtig sei.

Es war die Geburtstagsgala für den Präsidenten John F. Kennedy im Madison Square Garden in New York, wo Marilyn mit diesem Kleid auftritt. Es ist ihr letzter öffentlicher Auftritt. Sie ist nicht die einzige Sängerin an diesem Abend. Da gibt es eine noch berühmtere  Frau, die allerdings ganz anders als sie gekleidet ist. Das ist natürlich Maria Callas, die L’amour est un oiseau rebelle que nul ne peut apprivoiser singen wird. Wo sich diese für alle Verliebten gefährliche Zeile si tu ne m’aimes pas, je t’aime findet.

Marilyn wird mit einiger Verspätung auftreten. Der mit den Kennedys verwandte Schauspieler Peter Lawford, der den Conferencier an diesem Abend gab, wird Marlyns Auftritt einige Male ankündigen, aber sie erscheint nie auf der Bühne. Das war kalkuliert, die Ankündigungen waren eine Art running gag. Doch wenn er sie zum Schluss als the late Marilyn Monroe ankündigt, dann ist sie da. Legt ihren weißen Hermelinmantel ab und singt Happy Birthday, Mr. President. Wenn Kennedy an das Mikrophon tritt, wird er sagen: I can now retire from politics after having had Happy Birthday sung to me in such a sweet, wholesome way.

So sehr Kennedy die Huldigung von Amerikas Sex Symbol Nummer 1 gefallen hatte, das zweite Geschenk, das sie für ihn hatte, gefiel ihm überhaupt nicht. Das war eine goldene Rolex, auf deren Boden JACK -- With love as always from MARILYN -- May 29th 1962 stand. Und dann war da noch ein kleines Gedicht in der Verpackung: 

Let lovers breathe their sighs 
And roses bloom and music sound
Let passion burn on lips and eyes 
And pleasures merry world go round 
Let golden sunshine flood the sky 
And let me love Or let me die!

Wenn es je eine Liebesaffaire zwischen Marilyn und JFK gab (si tu ne m’aimes pas, je t’aime), sie ist an diesem Abend zu Ende. Happy Birthday, Mr. President ist Marilyns Schwanengesang. Kennedy sagt einem Assistenten, er solle die Rolex entsorgen. Sie wird nach seinem Tod bei einer Auktion für 120.000 Dollar verkauft. Die goldene Omega, die ihm Grant Stockdale geschenkt hatte, und die er bei seiner Inauguration trug, brachte das Dreifache. Das Omega Museum hat sie gekauft. Das Glitzerkleid, das der Designer Jean Louis für Marilyn geschneidert hatte, brachte bei einer Auktion 4,8 Millionen Dollar. Jean Louis war schon lange in dem Geschäft, schöne Hollywoodstars noch schöner zu machen. 

Das schwarze Kleid, das Rita Hayworth in Gilda trug (Put The Blame On Mame, Boys), hatte ihn weltberühmt gemacht. Das brachte aber in einer Auktion so gut wie nichts, irgendwann tauchte das Kleid bei ebay auf. Das hätte dem hautengen weißen Kleid von Marilyn nicht passieren können. Und erst recht nicht diesem Kleid, das Marilyn in The Seven Year Itch trug. Wir erinnern uns an die Szene mit der U-Bahn, die von Jean-Jacques Beineix in seinem Film Diva für fünf Sekunden ironisch zitiert wird. Postmoderne Filme leben vom Zitieren. 

Das U Bahn Kleid von William Travilla aus dem Jahre 1955 brachte übrigens in einer Auktion eine Million Dollar mehr als das Glitzerkleid aus dem Jahre 1962, in das sich eine Frau namens Kim Kardashian mal für einen kurzen Auftritt hinein gehungert hatte. Das Museumsstück war hinterher beschädigt. Jahrelang hatte man das Kleid im Museum in Dunkelheit und gleichbleibender Temperatur aufbewahrt, und dann verleiht man es an diese furchtbare Schickimicki Tussi. Man fasst es nicht.

Das weiße Kleid hat es auch in ein Gedicht mit dem Titel Wasn’t It All Twinkly When We Sang Happy Birthday? geschafft. Die Dichterin Elisabeth Sennitt Clough hat dazu gesagt: I saw the picture of Marilyn that my tutor Sally Flint posted as a prompt, during the same week in which I read in the news that Marilyn’s “Happy Birthday” dress had sold for $4.8 million. I thought that taking on Marilyn’s voice in a poem would be a challenge in terms of originality; there are entire websites dedicated to Marilyn poems, so I chose to write from the perspective of the dress. 

Von nun an spricht das Kleid zu uns:

I hated the storage years,
each of my hand-stitched crystals
dulled by moths and cobwebs.
I craved Madison Square again,
the night they sewed you in
to my rib-chafing tightness,
my flesh-coloured brashness.
Under the lights, you shrugged
your fur from me with a shimmy
and the chainmail of my jewels
became your battle dress. At first
those at the back of the room
believed you were nude. At thirty-six,
they said you’d grown softer,
but the outlines of your silvery
bones glinted with a new sharpness.
I clasped you tight as a corset,
until your ribcage swelled
and your breath strained its way out:
your voice little more than a gasp
and a pant at first – so low,
like you were sharing a secret,
but those tones cut the night air
like a scythe. You were down
to your last few months. This stage
was our temple: you stomped
your feet to the beat of the drum
and backstage powerful men trembled.



Noch mehr Marilyn Monroe in diesem Blog in den Posts: Marilyn MonroeThe MisfitsJohn HustonMethod ActingDorothy ParkerJust head for that big star straight on