Samstag, 4. September 2021

Ingeburg Thomsen

Als ich im Januar ➱hier einen Link zu Janis Joplins Song Summertime machte, dachte ich mir, ich könnte noch diese kleine Geschichte erzählen, die heute da unten steht. Doch dann sagte ich mir, dass ich auch einen eigenen kleinen Post daraus machen könnte, der Summertime heißt. Meine Posts werden ja eh immer zu lang. Ich legte das Ganze erst einmal zur Seite. Allerdings fiel mir dann irgendwann beim Aufräumen von CDs Ingeburg Thomsens Love me or leave me in die Hände, und ich fragte mich, ob die überhaupt noch jemand kennt. Und als ich die CD in den Stapel von CDs zurücksortierte, in dem nur Jazzsängerinnen sind, dachte ich mir: kombiniere das doch beides und mache einen Post draus.

In den sechziger Jahren gibt es in beinahe allen norddeutschen Großstädten eine Musikszene, Hamburg hat die Riverkasematten und den Star Club. Und eines Tages hat der NDR ➱Klaus Wellershaus, den Erfinder der Rockmusik im Radio, wie Heinz Rudolf Kunze ihn in einer ➱Würdigung genannt hat. Sein Nachfolger Peter Urban wird nie an ihn heranreichen, was vielleicht auch daran liegt, dass es später nie wieder so gute Musik gab. Bremen hat die Lila Eule und Radio Bremen mit dem Beat Club und dem Musikladen, darüber habe ich ➱hier schon geschrieben. Und selbst in Schläfrig-Holstein gibt es in Kiel eine ➱Musikszene, von der Folk Szene wie den ➱Beda Folks ganz zu schweigen.

Ich schlage für Gershwins Summertime mal eben eine Seite meiner Bremensien auf, eine Seite aus einem Kapitel, das Moments Musicaux heißt. In dem es um die Klavierstunde, Jazz und Rock'n Roll geht. Natürlich auch um klassische Musik, aber klassische Musik ist damals für Jugendliche nicht so interessant, wenn man im amerikanisch besetzten Bremen jeden Tag AFN und BFBS im Radio hören kann.

Musikunterricht in der Volksschule ist schrecklich. Ständig läuft man Gefahr, nach vorne gerufen zu werden und vorsingen zu müssen. Da kommt man sich vor wie der kleine Charbovari im ersten Kapitel von Madame Bovary. Ich singe leidenschaftlich gern, bin auch immer der einzige, der alle Texte, alle Strophen kann. Aber ich kann nicht singen. Wird auch nach dem Stimmbruch nicht besser. Im Klassenchor stellt man mich in die letzte Reihe. Annegret, der Schwarm aller Zwölfjährigen, kann singen, der Lehrer holt sie immer nach vorne, damit sie uns ein Beispiel gibt. Sie singt You are my sunshine, immer wieder, das ist ihr Paradestück. Eigentlich ist es das Lied, das wir in unseren Köpfen für sie singen: You’ll never know dear, how much I love you. Please, don’t take my sunshine away. Annegret hat einen Herzfehler, und ihre Lippen laufen bläulich an. Ihre Eltern sparen für eine Herzoperation, irgendwo in Deutschland soll es einen Spezialisten geben. Man wird ihn Jahre später finden, alles wird gut. Sie lebt heute in Kalifornien. In meiner Vorstellung bleibt sie die blonde Zwölfjährige mit dem Pagenkopf, die herzzereißend You are my sunshine singt.

Die Mädchen, die wirklich gut singen können, singen in Chören, manche von ihnen noch heute. Aus reiner Liebe zu manchen Frauen geht man zu ihren Konzerten, denn nichts anderes könnte mich dazu bringen, mir im Bremer Dom zwei Stunden lang Bachkantaten anzuhören. Meine ➱Freundin Gu singt nicht, die spielt Violine. Also werde ich zum Groupie des Schulorchesters, in dem sie spielt, ich sitze bei Proben in der letzten Reihe und bewache die Garderobe. Einmal sogar in den heiligen Hallen des Bremer Rathauses, cool hingelümmelt mit meiner Lederjacke ganz hinten im Saal, die Füße auf der Sitzreihe vor mir. Violinkonzerte sind fetziger als hingebungsvoll gesungene Bachkantaten. Ich kann immer noch jedes Violinkonzert mitpfeifen.

Manche der jungen Frauen, die gut singen können, wandern anfangs der sechziger Jahre in die ersten in Norddeutschland entstehenden Jazzbands ab; singen da heimlich, ohne dass ihre Eltern das wissen, Vorläuferinnen von Ingeburg Thomsen, die ich einmal erlebt habe. Die blonde Ute hätte so was tun können, sie ist eine coole, gut aussehende Blondine. Nicht mein Typ, aber ich musste sie zu dem Oberstufenball begleiten. Mein Vater hat mir das aufgetragen, Ute ist die Tochter eines seiner Kollegen. Als der Ball in der Strandlust zu Ende geht, gehen wir noch in die Bar im Keller, wo man aus den Bullaugenfenstern auf die Weser bei Nacht blicken kann. Aber da hockt nur die Säuferclique des Werftbesitzers. Manche von denen sollen eine Flasche Asbach Uralt pro Tag trinken. Dies ist eine Kleinstadt, man kennt sich, es wird viel geredet. Man weiß noch, wer die Nazis waren.

Wir beschließen, das Weite zu suchen, als die Säufer Ausziehen, ausziehen grölen. Ute geht zum Klavier, flüstert dem Pianisten etwas zu. Und dann zieht sie aufreizend langsam ihren weißen Regenmantel aus. Ich weiß nicht, was sie vorhat. In der Bar mit den Bullaugenfenstern ist es plötzlich ganz still. Ute wirft ihren Regenmantel auf den Flügel, stützt sich mit einer Hand auf und singt: Summertime and the living is easy, fish are jumping, and the cotton is high. Das ist schon etwas anderes als Die Liebe ist ein seltsames Spiel von Connie Francis, das jetzt überall aus dem Radio plärrt. Der Werftbesitzer und seine Säuferclique sitzen sprachlos mit offenen Mündern da. Dann nimmt Ute mit einer lässigen Bewegung ihren Mantel und rauscht an der crème de la crème der Vegesacker Gesellschaft vorbei. Es gibt keinen Beifall, aber auch keine cat calls. Ich folge ihr und spendiere der Herrenrunde meinen besten John Wayne-Blick. Einer guckt etwas betreten. Ist es ihm plötzlich klar geworden, dass dies seine Tochter Annegret hätte sein können, die so schön You are my sunshine sang? Dem filmreifen Auftritt folgt ein denouément, der letzte Bus ist weg. Ich muss Ute fünf Kilometer durch die Nacht begleiten. Was mir (einschließlich der fünf Kilometer zurück) nicht so schwer fällt, aber ihr: neue high heels, schwarzlackiert, eine Nummer zu groß. Ich gebe ihr meine beiden weißen Taschentücher (junge Dandies haben damals immer zwei saubere weiße Taschentücher dabei) für die Hacken, so muss es gehen. Ute ist keine Jazzsängerin geworden, obgleich sie das Zeug dazu gehabt hätte, wir sind zu sehr Teil dieser großbürgerlich-kleinbürgerlichen Welt von Bremen-Nord, als dass wir aus ihr ausbrechen würden.

Mir bleibt eine lebenslange Bewunderung für Frauen, die mit Bass und Klavier im Hintergrund ein Mikrophon in die Hand nehmen. Oder gegen ein großes Orchester gegenan singen. Wie Ottilie Patterson, die ich mit Chris Barber auf einer Platte habe. Nicht jeder von uns hat die Chance wie Frank O’Hara, Lady Day im Five Spot zu hören while she whispered a song along the keyboard/to Mel Waldron and everyone and I stopped breathing. Inzwischen gibt es keine Platten mehr, nur noch CDs. Die kann man zu kleinen Türmen stapeln. Mein Stapel von Jazz Singers erreicht schon die Höhe einer Sängerin, und überall in den Clubs tauchen immer wieder Blondinen im kleinen Schwarzen auf, vielversprechende Talente. Irgendwie scheint das die einzige Spezies auf der Welt zu sein, über deren Fortbestand man sich keine Sorgen machen muss.

Nicht aus allen wird etwas. Die Karriere von Ingeburg Thomsen war auch nicht so großartig, wie ich mir damals nach dem Konzert in Hamburg gedacht hatte. Sie war im Schulchor gewesen und war dort fast für alle Tonlagen gut. In Hamburg war sie im Umfeld von Abbi Hübner bekannt geworden, mit dem sie auch Cake walking Babies from Home und Jelly Bean Blues aufgenommen hat (auf Hamburger Jazz Szene Vol. 2). Aber der traditional jazz, auch ➱Zickenjazz genannt, schien langsam außer Mode zu kommen. Und so wandelte sich Ingeburg Thomsen zu einer der ersten Rock Ladies, die auch Namen wie Rock Röhren und Rock Miezen hatten. Inga Rumpf ist wahrscheinlich die bekannteste aus dieser Zeit, aber es gab natürlich noch andere, wie dieser ➱Artikel im Spiegel von Siegfried Schmidt-Joos (einem der besten Kenner der Szene) zeigt. Da war noch Caro (Josée) Tolenaar (die sieht hier aus wie das Titelbild vom ➱Twen), Ulla Meinecke oder Jutta Weinhold, die haben heute alle Wikipedia Artikel. Ingeburg Thomsen hat keinen.

Aber sie hat offensichtlich noch Fans. An der Pinnwand der Seite Swinging Hamburg fand ich folgende, auf den Oktober des Jahres datierte, Notiz: Wo ist Ingeburg Thomsen? Hallo, ich suche seit Jahren nach Informationen über die Sängerin Ingeburg Thomsen. Sie ist maßgeblich daran schuld, dass ich mich als 18-Jähriger Anfang der 70-er-Jahre dem Jazz zugewandt habe. Leider gibt's im Internet so gut wie keinen aktuellen Hinweis auf diese großartige Sängerin. Selbst zahlreiche Jazzer, die mit ihr früher zu tun hatten (Abbi Hübner, Banjomeyer ...) konnten mir nicht weiterhelfen. Weiß jemand, ob sie noch auftritt? Wenn ja, über welche Agentur kann man mit ihr Kontakt aufnehmen? Vielen Dank für jeden Hinweis! Erwin X., Jazzpianist. 

Ich bin ja froh, dass ich die CD Love me or leave damals gefunden hatte. Die Sängerin hatte viele bekannte Namen in der Combo, wie Volker ReckewegPeter Weber und Peter (Banjo) Meyer. Die CD hat mich im Grabbelkasten eines inzwischen untergegangen Ladens einen Euro gekostet. Wenig später traf ich eine Bekannte, die, als sie die CD sah, beinahe Tränen in die Augen kriegte. Sie gestand mir, dass sie früher einmal vor dem bürgerlichen Leben ein Groupie von Jazzbands gewesen sei und dass sie mit Ingeburg Thomsen befreundet gewesen sei. Erzählte mir auch Dinge über das Leben on the road, die ich leider nicht weitergeben kann. Ich bin sofort zu dem Laden zurück und habe für sie auch noch eine CD gekauft.

Ingeburg Thomsen hat kleine Filmauftritte, sie ist in dem Udo Lindenberg Film Panische Zeiten (1980) und in Hans C. Blumenbergs Tausend Augen (1984) zu sehen. Sie kommt auch in einem Film vor, in dem sie nicht zu sehen ist. In Peter F. Bringmanns Die Heartbreakers kann man sie nur hören, nicht sehen. Heute dreht Bringmann ja Filme für Serien wie TatortEin starkes Team und Wilsberg, die ja immerhin eine gewisse Qualität haben. Aber als er noch Jungfilmer war, da hat er richtig gute Filme gedreht. Wie Der Tag, an dem Elvis nach Bremerhaven kamTheo gegen den Rest der Welt und Die HeartbreakersDie Kleine da vorne kennen Sie, die spielt heute eine Polizistin in Großstadtrevier. In diesem Film ist die damals sechzehnjährige Maria Ketikidou die Sängerin Lisa, die so gerne in die Band will. Aber Maria Ketikidou singt im Film nur zum Playback, die Stimme kommt von Ingeburg Thomsen. Sie können sie ➱hier mit Bring it on home to me hören.

Rock'n Roll I gave you the best years of my life, sang Kevin Johnson 1973. Da hatte Ingeburg Thomsen schon in der deutschen Version des Musicals Hair gesungen. Und (an der Seite von Donna Summer, die unter dem Künstlernamen Gayn Pierre auftrat) in Ich bin ich (1970), der deutschen Version von The me nobody knows. 1975 kam ihr erstes Soloalbum Love me or leave. 

Acht Jahre später wagte sie mit der LP Weiße Sklavin den Sprung in die Avantgarde. Der Musikexpress war in seiner Besprechung etwas unentschlossen, sprach von das Ergebnis wirkt eher kontrovers, suchendEins hat Ingeburg Thomsen ganz sicher: Mutterwitz und Herz - und natürlich Mut. Der letzte Satz der Rezension lautete: Ingeburg Thomsen kann singen, mehr noch, sie kann eingefahrene Bahnen verlassen, ohne ins Schleudern zu geraten. Ich konnte mit der Platte damals nichts anfangen, ihre Cover Version von Friedrich Hollaenders Eine kleine Sehnsucht fand ich nett, aber der Rest, zwischen Rap und Sprechgesang, ich weiß nicht. Da kann ich nur dem Musikexpress beipflichten, der über die Songs sagte: Andere wieder verlieren sich in der eigenwilligen Dramaturgie der Musik, bei der ich stellenweise etwas Melodie vermisse. Da geht die Spannung etwas verloren. Aber für 1975 war dies Avantgarde, und wahrscheinlich gibt es irgendeine Szene, wo das auch heute noch gut ankäme.

Ingeburg Thomsen taucht für kurze Zeit bei verschiedenen Bands auf. Mal ist sie mit Gottfried Böttger, Rolf Klingelhöfer und Peter 'Banjo' Meyer (auf dessen Doppel CD Forty Years on Stage sie auch zu hören ist) bei den Hamburg Allstars. Mal singt sie bei dieser ➱Band mit dem schrägen Namen (hätte ➱Rudolf Schock darüber lächeln können?) Rudolf Rock und die Schocker. Und bei Udo Lindenberg, den Wolf Biermann damals das Fettauge in der westdeutschen Wassersuppe nannte. Sie sang auch mal mit der Red Onion Jazz Company. Mit der sie die LP Dauerbrenner up to date aufgenommen hat. Irgendwann verliert sich ihre Spur, mehr weiß ich nicht über sie. In dem Lexikon, in dem beinahe alle Hamburger Jazzer zu finden sind, ist sie nicht drin. Aber sie ist natürlich in dem Riesenpaket, der 18 CD Box (mit beinahe 400 Titeln) Swinging Hamburg - von 1946 bis Heute auf zwei CDs mit dabei. Man bekommt beim Kauf der Box auch noch ein 300-seitiges Buch dazu. Das gibt die beste Übersicht über die Hamburger Szene (wenn auch der Index etwas übersichtlicher sein könnte). Und ist natürlich Nostalgie pur.

Und wir hören zum Schluss noch eben ➱hier in Lisa's Song (aus den Heartbreakers) hinein.

Dienstag, 31. August 2021

Nachtigallen


Sie nennen dich die Nachtigall
Mit dürftgem Bilderraube,
So süß auch deiner Lieder Schall,
Doch nenn ich dich: die Taube.

Und bist du Rose, wie dus bist,
Seis denn die Alpenrose,
Die, wo sich Schnee und Leben küßt,
Aufglüht aus dunklem Moose.

Du bist nicht Farbe, bist das Licht,
Das Farben erst verkündet,
Das, wenn sein Weiß an Fremdem bricht,
Die bunte Pracht entzündet.

Und spenden sie des Beifalls Lohn
Den Wundern deiner Kehle,
Hier ist nicht Körper, kaum noch Ton,
Ich höre deine Seele.


Das musste Franz Grillparzer ja unbedingt so dichten, auf Jenny Lind, die man die schwedische Nachtigall nannte. Heute (2.11.2010) vor 123 Jahren ist sie gestorben, es gibt keine Tondokumente von ihr, suchen Sie nicht bei Amazon. Nur Wörter, die ihre Sangeskunst beschreiben. Aber natürlich tritt sie im Film auf, 1941 als Ilse Werner. Die kann zwar pfeifen, aber nicht singen, Erna Berger hat die Lieder für sie gesungen. Aber für Millionen Deutsche ist sie damals Jenny Lind. Und die Vorzeigesängerin für die Nazis, ihre ganze Karriere passt zwischen Wunschkonzert und Große Freiheit Nummer Sieben.

Hans Christian Andersen war von der Lind hingerissen. Hat das Märchen von der Nachtigall geschrieben. Das, wo der ganze chinesische Hof auf der Suche nach der so wunderbar singenden Nachtigall ist. Und nur das kleine arme Mädchen in der Küche (diese kleinen armen Mädchen mit Schwefelhölzern oder Fischschwänzen bei Andersen hängen einem ja allmählich zum Hals raus), das weiß, wo die Nachtigall zu finden ist: O Gott, die Nachtigall, die kenne ich gut, ja, wie kann die singen! Jeden Abend habe ich die Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter einige Überbleibsel vom Tische mit nach Hause zu bringen; sie wohnt unten am Strande, und wenn ich dann zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall singen; es kommt mir dabei das Wasser in die Augen, und es ist gerade, als ob meine Mutter mich küßte! 

Damit ist die Lind gemeint, haben die Leser gesagt, und so ist aus ihr die schwedische Nachtigall geworden. Und die Nachtigall im Märchen, die den Tod hinweg gesungen hatte, als der sich schon auf die kalte Brust des Kaisers legte, sagt dem Kaiser am Schluss: Ich kann nicht nisten und wohnen im Schlosse, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe, da will ich des Abends dort beim Fenster sitzen und Dir vorsingen, damit Du froh werden könnest und gedankenvoll zugleich. Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden; ich werde vom Bösen und Guten singen, was rings um Dich her Dir verborgen bleibt. Der kleine Singvogel fliegt weit herum zu dem armen Fischer, zu des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von Dir und Deinem Hofe entfernt ist. Ich liebe Dein Herz mehr als Deine Krone, und doch hat die Krone einen Duft von etwas Heiligem um sich. Ich komme und singe Dir vor! Das hier sind natürlich nicht Jenny Lind und Hans Christian Andersen, das sind Mary Alice Therp und Thorkild Roose, die 1930 in Odense in die Rollen geschlüpft sind.

Ja, l'amour est un oiseau rebelle, niemand kann die Nachtigall besitzen. H.C. Andersen nicht, und viele andere auch nicht. Den Chopin hätte sie gerne zum Ehemann gehabt, sie hat ihn sogar in Paris in seiner Wohnung am Place Vendôme besucht. Aber der will irgendwie nicht. P.T. Barnum hat in Amerika ein Millionenvermögen mit ihr verdient, noch nie hatte es einen solchen Starrummel gegeben. Sie hat auch ganz gut an dem Amerika Gastspiel verdient, aber sie tut mit ihrem Geld nur gute Werke. Unausstehlich edel.

Warum ist sie nicht zickig? Wir sind das aus der Welt der Oper gewöhnt, dass Operndiven schlimme Zicken sind. Wir hätten da eine, Henriette Sontag (oben), die deutsche Nachtigall. Der Maler Carl Blechen hat seine Stelle als Bühnenmaler in Berlin verloren, weil er sich mir ihr gezofft hat. Die Welt ist damals im Sontag Fieber. Fürst Pückler ist in sie verliebt. Goethe ist von ihr hingerissen. Börne ist kritischer. Also das sprachliche Feuerwerk hier über Henriette Sontag in Frankfurt, das muss man einfach gelesen haben.

Es ist jetzt die Zeit der Diven. Spätestens seit Angelica Catalani (links). Oder Maria Malibran. Und Adelina Patti, Thérèse Tietjens oder Christina Nilsson. Wahrscheinlich ist die Sontag gar nicht so gut gewesen, wahrscheinlich wollen wir nur in dem neuen international Diven Zirkus unsere eigene Göttin haben. Und deshalb schreiben Börne und Goethe und Hoffmann von Fallersleben über sie. Ludwig Rellstab sogar einen Roman, Henriette, oder die schöne Sängerin. Heinrich Heine ist da eher skeptisch und sieht das als Modephänomen. Und in dem Romanzero Gedicht 16. Oktober 1849 schreibt er:

Es knallt. Es ist ein Fest vielleicht,
Ein Feuerwerk zur Goethefeier! –
Die Sontag, die dem Grab entsteigt,
Begrüßt Raketenlärm – die alte Leier.


Da ist die Sontag nach 19 Jahren zum ersten Mal wieder auf der Bühne gewesen, hatte sieben Kinder in der Zwischenzeit großgezogen. Jetzt singt sie wieder, sie braucht das Geld. Sie ist dann auf einer Mexiko Tournee an der Cholera gestorben (fünf Jahre vorher war die Catalani in Paris an der Cholera gestorben). Irgendwie haben diese Diven jetzt ein Leben und einen Tod, der wie ein Libretto für eine melodramatische Oper wirkt. Immer wieder kommen sie vom biederen, bürgerlichen Weg der Jenny Lind ab, la traviata. Die Malibran fällt in London auf der Jagd vom Pferd, weigert sich aber, sich behandeln zu lassen. Und steht mit Knochenbrüchen und schwanger weiter auf der Bühne. Ist dann wenig später aber tot.

In unserem Jahrhundert hat es ja eine Vielzahl von Primadonnen gegeben, die den Diven des 19. Jahrhunderts nacheiferten und sich ein melodramatisches Leben inszenierten, die Callas ist nur eine von vielen. Und wenn Anna Netrebko auch noch nicht an die Callas heranreicht, inszeniert sie sich wie eine amerikanische Sängerin namens Madonna. Die heißt zwar nicht Madonna und kann auch nicht singen, aber in der Welt der Selbstinszenierung macht das gar nichts aus. Man kann nur hoffen, dass eine Sängerin mit einer so großen Stimme wie Elīna Garanča diesen Weg nicht geht.

Von dem Zirkus unberührt blieb eine der ganz Großen, die vor drei Wochen gestorben ist, und die die Kritiker la stupenda, die Fabelhafte, genannt haben: Joan Sutherland. Die trotz des Ruhmes und der internationalen Anerkennung immer normal geblieben ist. I'm a mum, sagte sie dem Journalisten des Guardian im Jahre 2002, I never thought of becoming a diva. I just wanted to sing the roles and get on with my work. I used to come to the theatre in a taxi, not in some Rolls-Royce. I didn't have time to do all that silly stuff. Wahrscheinlich hat sie deshalb auch als letztes Lied bei ihrem letzten Auftritt Home, Sweet Home gesungen.

Ich hatte mir vor Wochen überlegt, ob ich sie mit einem kleinen Artikel würdigen sollte, habe es dann aber verworfen. Ich weiß nicht genug über sie. Nicht soviel, wie meine ehemalige Kollegin Iris, die alles über alle Primadonnen wusste. Die schrieb auch für die Opernzeitung orpheus und hatte Joan Sutherland gekannt und eine englische Biographie über Joan Sutherland ins Deutsche übersetzt. Dass ich Opernaufnahmen von Joan Sutherland besitze, ist eigentlich eher ein Zufall. Sie ist mir sozusagen im Doppelpack ins Haus gekommen, weil ich für die kanadische Mezzosopranistin Huguette Tourangeau schwärme. Und Tourangeau und Sutherland in vielen Opern (aber auch bei Händels Messias), die Richard Bonynge dirigierte, nebeneinander auf der Bühne standen. Und sich sängerisch jahrelang wunderbar verstanden. Also zum Beispiel bei der Decca Aufnahme von Maria Stuarda. Aber auch bei Lucia die LammermoorLes HuguenotsLes contes d'Hoffmann und der Fledermaus. Da gibt es für mich auch nach Jahrzehnten nichts Besseres. Und an dieser Stelle gibt es noch eine Diskographie mit weiteren Links.

Wenn ich damals schon nicht über sie geschrieben habe, dann habe ich es doch mit Freude zur Kenntnis genommen, dass einer meiner Leser, der den sehr empfehlenswerten und immer wieder verblüffenden Blog MartininBroda schreibt, die Sangeskunst der prima donna assoluta gewürdigt hat.

Montag, 30. August 2021

Rosamunde

Sie wird heute (22.9.2014 )neunzig Jahre alt. Das gibt mir Gelegenheit (da es ansonsten hier heute nichts Neues gibt), einen älteren Post noch einmal abzudrucken. Was heute hier steht, war im Jahre 2010 mein Geburtstagsgruß (den ich heute noch einmal wiederhole) an eine der berühmtesten Engländerinnen der Gegenwart. Manche Leser fanden den Post etwas bösartig, aber eigentlich ist er doch ganz nett.

Join the Wrens – and free a man for the fleet, lautete der Slogan, den die englische Regierung während des Zweiten Weltkriegs ausgab, um Angehörige für den Women's Royal Naval Service zu werben. Rosamunde Scott, Tochter eines Marineoffiziers, hat ihn beherzigt. Als sie aus dem Krieg zurück war, hat sie den Major Graham Pilcher geheiratet, vier Kinder gekriegt und irgendwann zu schreiben angefangen. Heute wird sie 86, ihr Ehemann ist im letzten Jahr im Alter von 92 Jahren gestorben. Obgleich ich ihre Romane nicht mag, gratuliere ich doch ganz herzlich zum Geburtstag. Sie hat nie behauptet, dass sie große Literatur schreibt: Nennen Sie es Kitsch. Das berührt mich nicht. Ich glaube dennoch, dass ich einen guten Stil habe. Das mit dem guten Stil weiß ich nicht so genau, aber gutes Englisch schreibt sie, das ist richtig. Ich bin Experte, ich besitze einen Rosamunde Pilcher Roman. Habe ich für zwei Mark im Grabbelkasten gefunden, ich wollte endlich mal wissen, was an dem Pilcher Phänomen dran ist. Ich habe die 1.016 Seiten nicht zu Ende gelesen, weil ich in der Gegend von Seite 200 aufgehört habe. Danach habe ich nur noch kursorisch darin gelesen, hier ein Häppchen, dort eins. Reicht für den Gesamteindruck. Die Sunday Times sprach von warmth, sincerity and easy, undemanding prose. Stimmt alles. Aber wenn man etwas in der Größenordnung von tausend Seiten lesen will, dann könnte es ja auch ➱Gone with the Wind sein. Oder etwas more demanding, die Forsyte Saga.

Der Roman heißt Coming Home, er ist natürlich auch verfilmt worden, 199 Minuten lang (es gibt ihn auch vorgelesen). Aber diesmal ist die Verfilmung nicht eine dieser schrottigen ZDF Produktionen, hier hat man sich schon Mühe gegeben und gute Schauspieler geholt. Peter O'Toole, Joanna Lumley, Emily Mortimer, Susan Hamphire (ja, die hübsche Fleur aus der Forsyte Saga Verfilmung). Zwei Jahre vorher hatte die BBC mit der Verfilmung von September es dem ZDF mal gezeigt, wie man das richtig macht, wieder mit Mengen von Stars Jacqueline Bisset, Edward Fox, ➱Michael York, Mariel Hemingway etc.

Aber das ZDF hat sich von diesen englischen Filmen nicht beeinflussen lassen und haut eine Pilcher Verfilmung nach der anderen raus (natürlich haben sie Coming Home und September auch gezeigt). Ich habe September gesehen, weil ich ➱Jacqueline Bisset ganz schnuckelig finde. Nicht dass sie eine besonders gute Schauspielerin wäre, aber was wäre Truffauts La Nuit Américaine ohne sie? Dass sie auch in Richard Lesters The Knack war, haben wir alle nicht bemerkt. Dafür hat sie in Under the Volcano gezeigt, dass sie auch eine gute Schauspielerin sein kann. In September spielt sie jemanden namens Pandora Blair (was ein toller Name für Tony B-Liars Gattin wäre) und beweist, dass Frauen auch jenseits der fünfzig noch gut aussehen können.

So halbwegs qualitätvoll die BBC Inszenierung daherkommt, auch hier gibt es schlimme Schnitzer. Man guckt diese Sorte Film ja nicht wegen der Handlung oder der Kameraarbeit an. Der englische Professor ➱Malcolm Bradbury, der auch viel für das Fernsehen gearbeitet hat, hat mal in einem Vortrag gesagt, dass man sich in Bezug auf die Genauigkeit bei einer Verfilmung ja große Mühe gäbe. Aber kaum sei der Film gesendet, da rufen die Leute bei der BBC an, um zu sagen, dass es das eben im Film gezeigte Automodell im Jahre 1954 noch gar nicht gegeben hätte. Sie verstehen, was ich meine. Also es gibt in dem Film eine Szene, in der Michael York (die Inkarnation des englischen Gentleman, da kann man ja nicht viel falsch machen) geschäftlich in die Großstadt muss. Er trägt einen eleganten Anzug, hat einen dieser schweineteuren englischen Aktenkoffer (also so etwas, was Swaine, Adeney & Brigg verkaufen) und steigt in einen Land Rover.

So weit so gut. Der Fehler ist: alles ist neu, nagelneuer Anzug, nagelneuer Aktenkoffer, nagelneuer und ganz sauberer Land Rover. Wenn man so, oder so ähnlich wohnt, dann hat man nix Neues! Kein Gentleman würde einen Anzug tragen, dem man das NEU auf hundert Meter ansieht. Das bedeutet, dass wir unsere Arbeit nicht richtig gemacht haben, würden die Savile Row Schneider sagen. Und kein englischer Gentleman würde einen neuen Aktenkoffer in die Hand nehmen. Der rote Koffer, den der jeweilige englische Schatzkanzler bei der Präsentation des Budgets in die Kamera hält, stammt aus dem Jahre 1860. Damals hatte Gladstone ihn für diese Zwecke anfertigen lassen. Und wieso steht ein sauber glänzender Land Rover vor dem Landhaus? Da muss doch die untere Hälfte voller Lehm sein. Das sind schlimme handwerkliche Fehler, die in der Serie Der Doktor und das liebe Vieh nie vorkommen.

Wenn solche Schnitzer in den englischen Produktionen vielleicht marginal sind, in den deutschen Produktionen sind sie die Regel. Hier bastelt man sich ein synthetisches England zusammen, das Cornwall sein soll (aber meistens woanders gedreht wurde). Die Engländer sind natürlich alle aus deutschen Serien bekannt, und sie tragen abscheuliche Dinge, die bestimmt kein Engländer trägt. Oder sagen wir das etwas genauer: kein Engländer aus dieser spezifischen Gesellschaftsschicht. Denn eine bestimmte Sorte Kleidung ist in England wie ein bestimmter Akzent immer noch an eine bestimmte soziale Gruppe gebunden (zu der die meisten deutschen Darsteller auch nicht gerade gehören).

Peter O'Toole, Edward Fox und Michael York könnten den schlimmsten Unsinn anziehen, den man sich in Mainz ausdenken mag, sie würden immer noch einen englischen Landadligen abgeben. Aber den meisten deutschen Darstellern, die in diesen Pilcher Filmen brillieren, gelingt das nun mal nicht. Die echt englischen Outfits wären zur Unterstützung ihrer schauspielerischen Leistungen ebenso wichtig wie die richtige Umgebung. Warum plündern die, wenn es offensichtlich nicht für Rudolf Beaufays in Hamburg reicht, nicht mal zu Beginn der Dreharbeiten einen Oxfam ➱Secondhand Laden?

Nun könnte man sagen, dass diese kleinen Nuancierungen in der Welt der upper middle class völlig nebensächlich sind, aber das ist nicht wahr. Der englische Roman lebt davon, Rosamunde Pilcher ganz besonders. Denn dies ist ja keine working class literature. Dies ist genteel literature für diejenigen, die dahin kommen möchten, wo Pilchers Figuren schon sind: auf den großen Landsitz in Cornwall. Rosamunde Pilcher ist in dem Land der romance nicht allein, sie hat in England massenhaft Konkurrenz, von der guten alten Barbara Cartland bis zu Jilly Cooper. Diese Sorte Literatur macht die Hälfte des englischen Buchmarkts aus.

Wenn man nun glaubt, dass ganz Cornwall Pilcher Country ist, fest im Besitz von Rosamunde, wird man sich getäuscht sehen. Es gibt in England noch eine Autorin, die in Deutschland nicht so bekannt geworden ist, die aber schöne Romane geschrieben hat, die auch in Cornwall spielen. Vor Jahren habe ich im Grabbelkasten eines Antiquariats für eine Mark Mary Wesleys Buch A Sensible Life gefunden. Ich las die ersten Seiten und war hingerissen, hier war eine Frau, die schreiben konnte. Sie war 78 Jahre alt, als sie diesen Roman schrieb. Jane Austen plus Sex, hat die englische Presse ihre Romane klassifiziert. Fand sie nicht so witzig, aber Sex spielt bei ihr schon eine Rolle. Auch in ihrem Leben, nicht nur im Roman. Die upper middle class spielt bei ihr auch eine Rolle, wird aber bei ihr schärfer gezeichnet. Ist kein Gegenstand der heimlichen Verehrung, eher der Ironie.

Rosamunde Pilchers Romane haben hundertausende von Touristen nach Cornwall gelockt, dafür ist sie mit dem British Tourism Award ausgezeichnet worden. Der ZDF Programmdirektor Claus Beling auch. Pilcher hat vor zehn Jahren aufgehört zu schreiben, aber dafür schreibt beim ZDF eine Frau namens Christiane Sadlo weiter. Die die gleiche Formel dann auch noch mal unter dem Namen Inga Lindström vermarktet. Dann spielt das in Schweden, ist aber sonst das gleiche. Die Darsteller meistens auch.

Muss man Rosamund Pilcher lesen? All normal people need both, classics and trash, hat George Bernard Shaw einmal gesagt. Meine kursorische Lektüre von Coming Home hat keine bleibenden Schäden hinterlassen. War auch nicht so schreiend komisch, wie die Lektüre von Kathleen Woodiwiss' Ashes in the Wind (ein Gone with the Wind Derivat). Eine Zeitschrift namens Woman and Home hat Coming Home als A great featherbed of a novel, all the right ingredients bezeichnet. Wahrscheinlich ist das so. Wenn Sie aber nun aus der Bettenabteilung in das richtige Leben wechseln wollen, dann empfehle ich das Buch Class von ➱Jilly Cooper, in dem man ALLES über die englische Gesellschaft erfährt.

Kraut und Rüben

Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt Ärger mit meinen Lesern bekomme, liste ich meine Top Ten der Interpreten für die Goldberg Variationen (dieser Link führt zu einer Seite, die mit großer Liebe gemacht wurde) einmal auf. Und ich lasse dabei Wanda Landowska, Rosalyn Tureck, Glenn Gould (1955 und 1981) und Alexis Weissenberg auf der Liste aus, weil die schon erwähnt wurden. Wobei natürlich Tureck und Gould auf die ersten Plätze kommen. Aber die kommen in jeder Liste immer auf die ersten Plätze, das ist nicht so originell. Mein erster Platz wird Sie jetzt überraschen. Geben Sie dieser jungen Dänin (die ich durch Zufall in einem Grabbelkasten mit CDs entdeckte) einmal eine Chance. Ist kein finanzielles Risiko.

1. Christina Bjørkøe
2. Andrei Gavrilov
3. Murray Perahia
4. Wilhelm Kempff
5. Ragna Schirmer
6. András Schiff
7. Angela Hewitt
8. Jenö Jandó
9. Maria Yudina
10. Zhu Xiao-Mei

Tut mir nun leid für Martin Stadtfeld, aber kein Platz mehr unter den ersten zehn. Und da wären auch noch Ekaterina Dershavina und Jacques Loussier davor gekommen. Sogar Bruno Canino. Ich könnte ja zu jeder Aufnahme eine ganze Menge sagen. Vielleicht ein anderes Mal, vielleicht mache ich Joachim Kaiser Konkurrenz und schreibe einen Monat lang nur über Pianisten. Christina Bjoerkoe gibt es (in dieser Schreibweise) bei Amazon für 4,99. Wanda Landowkas Aufnahme von 1933 kostet einen Euro mehr.

Das stand hier vor elf Jahren in dem Post Wanda Landowska, ich lasse die Liste mal so stehen. Sie gefällt mir noch immer. Lang Lang ist da nicht drauf, aber der kommt in diesem Blog selten vor. Woanders schon. Aber ich habe da noch eine Aufnahme, die ganz nach oben gehört. Dahin, wo Rosalyn Tureck und Glenn Gould sind. Die Pianistin heißt Tatiana Nikolayeva (1924-1993), sie hat die Goldberg Variationen mehrfach gespielt. Englische Musikkritiker sagen, dass die Aufnahme von Aarhus 1983 die beste ist, aber die ist im Handel nicht zu bekommen. Die Aufnahme, die ich jetzt besitze, ist 1970 in Moskau aufgenommen und wurde von dem russischen Label Melodiya vertrieben, dem einzigen Schallplattenproduzenten der Sowjetunion. Leider ist die Jahrezahl 1970 falsch, es muss 1979 heißen, wie man dieser hervorragenden Website (oder dieser hier) entnehmen kann.

Leicht zu finden ist auch die 1992 in London aufgenommene Hyperion Aufnahme (mit dem Bild von Albert Pinkham Ryder auf dem Cover). Der Musikkritiker Donald Satz schrieb auf der Bach Cantatas Website1983 vs. 1992: With the release of the 1983 live performance, the 1992 Hyperion disc can be safely retired. The fact is that Nikolayeva's technical prowess was in decline by 1992, and she definitely sounds challenged in the fastest variations. Further, she is more vibrant in the live performance, and her frequent changes in tempo and dynamics have a more natural flow than on the Hyperion where they sound slightly contrived with a choppy demeanor. Concerning sound quality, the Classico sound is more open although there is a brittle element to notes from the upper voices. So, let's just put the Hyperion to rest with a three-gun salute. Glauben Sie ihm kein Wort, diese Aufnahme ist das Beste, was die Nikoleyeva gespielt hat.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vergab die Firma, die von dem Staatskonzern Melodiya übriggeblieben war, Lizenzen aus ihrem Klassik Katalog, der 230.000 Titel umfasste. In den neunziger Jahren brachte die Bertelsmann Music Group eine Reihe von zwanzig CDs heraus, die den Titel Russian Piano School hatte (zuvor hatte die alte Firma Melodiya schon mit Ariola-Eurodisc zusammengearbeitet). Viele der Pianisten waren in Deutschland wenig bekannt und kaum erhältlich. Die Nummer 15 war Tatiana Nikolayeva, die besitze ich leider nicht. Aber ich habe viele andere, da diese CDs nach kurzer Zeit zu Billipreisen verramscht wurden. Nummer 1 der Reihe war Alexander Goldenweiser, ich erwähne ihn, weil er der Lehrer von Tatiana Nikolayeva am Moskauer Konservatorium war.

Die Pianistin liebte ihr Publikum, und ihr Publikum liebte sie. Lord James Methuen-Campbell schrieb in seinem Nachruf im IndependentIt is difficult to imagine anyone forgetting the experience of hearing Tatiana Nikolayeva play. She was one of those rare artists who had the ability to win over an audience before even reaching the keyboard. Rotund, and frequently wearing a rather startlingly bright dress, she would make her way to the front of the piano, give the audience a heartwarmingly big smile, and then settle her ample frame on to the stool. Everything radiated humility, generosity of spirit and, above all, happiness. Sie war in England bekannter als in Deutschland. 1992 konnte man sie bei der Last Night of the Proms mit dem Klavierkonzert No. 2 von Schostakowitsch sehen.

Den hat sie neben Bach immer wieder gespielt. Bei YouTube schrieb ein Hörer zu dem Video der ✺Präludien und Fugen von Schostakowitsch: In early 1990/1 I had the privilege of hearing her play the 24 Preludes and Fugues over 2 nights at the Wigmore Hall in London. At the end of the first concert people kept on calling for encores which she obliged. Then, quite suddenly, she stood up (she was not very tall), firmly closed the piano and announced ‘now the music is ended, now we will drink!’. The applause was rapturous and I have been devoted to her ever since.

Die Präludien und Fugen von Schostakowitsch hatten für die Nikolayeva eine besondere Bedeutung. Sie hatte 1950 den ersten Preis beim Klavierwettbewerb in Leipzig zu Bachs 200. Todestag gewonnen. Wir können die Preisträgerin hier ganz links auf dem Photo sehen. Schostakowitsch war einer der Preisrichter, er war von der jungen Frau so beeindruckt, dass er das Klavierwerk Opus 87 für sie schrieb. Die Nikolayeva hat das Werk, dessen Aufführung sie gegen Stalins Bürokratie durchgesetzt hatte, immer wieder gespielt. Bis zu ihrem Tod. Während eines Konzerts in San Francisco 1993 ist sie an einem Gehirnschlag gestorben.

Komponist und Pianistin blieben nach ihrem Zusammentreffen beim Leipziger Bachfest für die nächsten einundzwanzig Jahre, das heißt bis zu Schostakowitschs Tod, miteinander befreundet. In Leipzig hatte sie zusammen mit ihm und Pavel Serebryakov auch noch Bachs Konzert für mehrere Klaviere gespielt. Und als sich Schostakowitsch im Oktober 1950 in Moskau daran machte, sein Opus 87 zu schreiben, arbeitete sie beinahe täglich mit ihm zusammen, das Werk ist beinahe eine Kollaboration: The Preludes and Fugues was something very special: I was watching and listening to them being born. When he wrote the piano pieces, he would call me almost every day. I’d come and he’d play excerpts to me. I then started playing them myself and played them to him. Even now I have these memories and understand his spiritual world. I consider him a true genius, of course. I am very grateful, and thank God that I didn’t lose the freshness of that early experience. I have some freedom of interpretation, but fundamentally I play them the way Shostakovich wanted them to be played. Schostakowitsch war durch einen Zufall in das Preisrichtergremium gekommen, eigentlich war Maria Yudina dafür vorgesehen gewesen. Aber die hatte sich die Hand verletzt und konnte nicht kommen. Wäre sie im Preisgericht gewesen, hätte Dmitrij Schostakowitsch sein Opus 87 wohl nie geschrieben.

Die Goldberg Variationen von Tatiana Nikolayeva sind ungewöhnlich, außergewöhnlich. James Methuen-Campbell hat in seinem Nachruf auf die Pianistin den wunderbaren Satz gefunden: Tatiana Nikolayeva will be remembered as a Bach player who flung stylistic considerations to the winds and played the music with an irrepressible musical intelligence and knowledge of the resources of her chosen instrument. Sie können bei YouTube ihre dritte Aufnahme (London 1986) und ihre vierte Aufnahme (Stockholm 1987) hören. Ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Hören auf einer guten HiFi Anlage, aber es ist schon mal ein Einstieg.

Seit Claudio Arrau, der wohl als erster die Goldberg Variationen (hier ganz zu hören) gespielt hat, haben sich hunderte von Pianisten an dem Werk versucht. Bei der YouTube Aufnahme hat ein Kommentator geschrieben: This is Glenn Gould avant la lettre, but with much more delicatezza. Er liegt nicht so falsch, Glenn Gould könnte diese Aufnahme, die wirklich revolutionär ist, gekannt haben. Sein Lehrer Alberto Guerrero kam wie Arrau aus Chile und war mit Arrau befreundet. Für die RCA hat Claudio Arrau 1942 die Klavierübung Nummer IV zweihundert Jahre nach ihrem Entstehen in New York aufgenommen; aber die Aufnahme erschien erst 1988; Arrau wollte der Landowska, die das Geld nötiger brauchte als er, den Vortritt auf dem amerikanischen Markt lassen. Sie können hier alles darüber lesen.

Es gibt beinahe siebenhundert Aufnahmen der Goldberg Variationen. Eine Aria, dreißig Variationen und wieder die Aria. Fünfzig Seiten Noten bei der Edition Peters. Linkshänder wie Glenn Gould haben einen Vorteil, weil das musikalisch Wichtige nicht da oben getrillert wird, sondern unten in der Basslinie liegt. Die Klavierübung Nummer IV muss offenbar jedes Jahr in einer neuen Version erscheinen, man hält sich an den Satz von Wanda Landowska: Kein anderes Werk eröffnet seinen Interpreten einen derart großen Spielraum für ihre Phantasie, ihr Können und ihre Virtuosität. Häufig werden sie jetzt von Musikern aufgenommen, die gerade Anfang zwanzig sind. 

Wie zum Beispiel die italienische Pianistin Beatrice Rana (24) oder die Deutsche Marie Rosa Günter (25), deren Aufnahmen beinahe zeitgleich erschienen. Als die BBC die Aria von Beatrice Rana ins Netz stellte, gab es da einen Kommentar von jemandem, der sich Johnny Guitar nannte: Leave the variations to gould please....no need to ruin a classic for feminizm. Der Johnny muss noch ein wenig an der Rechtschreibung arbeiten, aber es ist ein Argument, das immer wieder kommt: nach Glenn Gould kommt nichts mehr. Wolfram Goertz war in der Zeit von Beatrice Rana begeistert: Eine Puppenstube freilich sind die Goldberg-Variationen für Beatrice Rana nicht, sondern eher ein bunter Jahrmarkt. Manche Variation befragt sie wie mit der Kristallkugel und wartet fast andächtig auf die Antwort. In anderen Passagen jazzt sie förmlich über die Klaviatur, als habe Oscar Peterson sie angespornt. Das hat Kraft, steht im Saft, ädert die Linien sehr genau und spürt Bachs subtilem Witz nach. Dabei entwickelt es stets den Sog der großen Form. Allein, was fehlt ist die Instanz, die das Holterdiepolter dieser musikalischen Nummernrevue zusammenhält. Das, was Nikolayeva in jeder Aufnahme kann, das kann Rana nicht. Der Titel dieses Posts, Kraut und Rüben, bezieht sich allerdings nicht auf die CD der Rana. Das ist der Titel eines Liedes, das Bach in das Quodlibet (Variation 30) eingearbeitet hat.

Die Aufnahme von Rana ist im Internet gefeiert worden, die von Marie Rosa Günter weniger. Vielleicht, weil sie so still ist, so gleichförmig, nichts Sensationelles an sich hat. Aber der Musikwissenschaftler Hartmut Hein hat in seiner Rezension die beeindruckende Akkuratesse gelobt. Wenn die Werbung für die CDs das jugendliche Alter der Interpretinnen betont, dann muss man sagen, dass Glenn Gould auch erst dreiundzwanzig war, als er die Goldberg Variationen einspielte. Und das in neununddreißig Minuten und elf Sekunden, schneller war niemand. Die Nikolayeva brauchte zweiundsiebzig Minuten, Sokolov eine Stunde und sechsunzwanzig Minuten. Und Arrau gönnte dem Stück zwei Stunden und neun Minuten. Marie Rosa Günter bleibt mit 77 Minuten in einer soliden Mitte. Dass sie fünf Minuten länger ist als die Nikolayeva liegt daran, dass sie die Variation 25, die Wanda Landowska als die black pearl des Ganzen bezeichnet hat, lang ausspielt (was Glenn Gould auch gemacht hat). Man kann ihre Aufnahme aus dem kleinen, aber feinen Hause Genuin gut hören. Vor allem, weil ich nur vier Euro dafür bezahlt habe. Dass da not for sale auf dem Booklet stand, konnte ich beim Kauf nicht sehen.

Den Rest des Wochenendes werde ich Tatiana Nikolayeva hören. Über sie kann man in der FemBio lesen: Tatjana Nikolajewa spielte mit Kraft und Energie in der romantischen Tradition, aber dennoch mit großer Präzision. Sie pflegte eine Kunst der unabhängigen Stimmen, wobei aber der singende Klavierton niemals zu kurz kam. Ihre expressive Kantabilität überzeugt durch den Reichtum an Kontrasten, den sie ebenso durch ihre differenzierte Anschlagtechnik wie durch die geistige Durchdringung erreicht. Jeder Satz ist wahr, es geht nicht darum, die Goldberg Variationen schnell oder langsam, laut oder leise zu spielen. Es geht nicht darum, wie man die Triller, Praller und Mordents spielt, es geht um die geistige Durchdringung. Weil dann das eintritt, was Emil Cioran in Aveux et Anathèmes beschrieben hat: Nach den Goldberg Variationen - einer 'überessentiellen' Musik, wie es im mystischen Jargon heißt - schließen wir die Augen und geben uns dem Echo hin, das sie in uns hervorgerufen haben. Es bleibt nichts anderes übrig als eine inhaltslose Fülle, die die einzige Möglichkeit ist, dem Höchsten nahe zu sein.



Montag, 16. August 2021

Damenroman

Warum ist wirklich gute Literatur antiquarisch spottbillig? Prousts Combray bekommt man bei booklooker ab 25 Cent. Ich lasse Proust mal weg, weil das schon in dem Post Gilberte steht, den ich in Gilberte de Courgenay erwähnte. Der Post ist noch nicht veröffentlicht, aber irgendwann bekomme ich das hin. Ich bin letztens über die Preise gestolpert, die man für die Romane von Sigrid Combüchen bezahlen muss. Bei amazon kostet ihr Roman Byron 1,16€ und der Roman Was übrig bleibt: Ein Damenroman 1,73€. Ich habe für den 'Damenroman' bei ebay vier Euro bezahlt, versandkostenfrei. Es ist ein schöner Roman, über den Elke Heidenreich schrieb: Das Leben, wir ahnten es, hält Banalitäten satt bereit, Liebe kommt und geht, große Tragödien erweisen sich bei näherem Hinsehen als halb so wild und Kleinigkeiten als das, was das Leben tatsächlich ausgemacht hat - Blicke, Gerüche, Bilder. 

Ich mag Sigrid Combüchen, weil sie eine großartige Erzählerin ist, das habe ich schon vor zehn Jahren in dem Post Sigrid Combüchen gesagt. Ich sage es gerne noch einmal. Ihr Roman Was übrig bleibt: Ein Damenroman (im schwedischen Original Spill: En damroman) ist 2012 bei Doris Kunstmann erschienen (Byron war bei Klett Cotta erschienen). Das Buch hat 2010 den Augustpriset bekommen, für den Combüchen vorher schon viermal nominiert war, mehr kann man als Schriftsteller in Schweden nicht erreichen. Das Preisgeld von 100.00 Schwedenkronen ist nicht so wichtig, aber der Roman verkaufte sich in Schweden auf der Stelle 160.000 mal. Das ist schon etwas.

Das hier ist nicht Sigrid Combüchen, aber die Frau hat sehr viel mit dem Wort Damenroman zu tun. Der Literaturkritiker Georg Brandes hat das Wort gebraucht, in einer sehr abschätzigen Weise. Und er meinte damit die Romane von ihr hier, Victoria Benedictsson. Die war einmal seine Geliebte gewesen, sie liebte ihn immer noch, auch wenn er ihre Romane als Damenromane bezeichnete. Sie hat aus unglücklicher Liebe Selbstmord begangen (ich habe hier eine sehr schöne schwedische Seite zu Victoria Benedictsson). Sie wird natürlich in Sigrid Combüchens Roman erwähnt; und die Autorin Combüchen, die in diesem Roman gleichzeitig eine Romanperson namens Combüchen ist (wir könnten jetzt von Combüchen 1 und Combüchen 2 reden), definiert den Damenroman sehr ironisch so: Ein Damenroman handelt natürlich von Kleidern und Schmuck und Aussehen und Illusionen über die Liebe und 'jedes Mädchen soll für einen Tag im Leben eine Prinzessin sein dürfen'. Aber einen solchen Damenroman schreibt Sigrid Combüchen natürlich nicht.

Eine Leserin schreibt der Schriftstellerin Sigrid Combüchen einen Brief, sie hat sich und ihre Familie auf einem Photo in einem Buch der Schriftstellerin wiedererkannt. Die Schriftstellerin schreibt daraufhin die Geschichte der Hedwig Regitze Langmark, die Hedda genannt wird. Wir als Leser können der Schriftstellerin bei der Arbeit zuchauen. Sie erfindet die Geschichte der Hedda. Wie auch die achtundzwanzig Briefe von Hedda, die der Roman enthält. In einer Nachbemerkung gibt die Autorin zu, dass alles nur erfunden ist. Und dass die Sigrid Combüchen im Roman auch eine erfundene Figur ist: In diesem Roman ist alles nur Fiktion, Personen, Gärten, Häuser, auch 'ich'. Aber die blaue Stunde in der Finngatan gibt es.

Bei der blauen Stunde denke ich an Bilder von Peder Severin Krøyer oder an Joan Didions Blue NightsIn manchen Breitengraden gibt es vor der Sommersonnenwende und danach eine Zeitspanne, nur wenige Wochen, in der die Dämmerungen lang und blau werden. Während der blauen Stunden glaubt man, der Tag wird nie enden. Wenn die Zeit der blauen Stunden sich dem Ende nähert (und das wird sie, sie endet), erlebt man ein Frösteln, eine Vorahnung der Krankheit: das blaue Licht verschwindet, die Tage werden schon kürzer, der Sommer ist vorbei.

Aber so weit will Combüchen nicht hinaus, ihr genügt ein kurzer Augenblick: Schreiben wollte ich über einige kurze Minuten an einem Frühlings oder Herbstabend, wenn in der ältesten Straße des Viertels die Laternen angehen. Es ist ein so internsiver Moment. Anfangs sind sie grün, dann werden sie fabrikgelb und schließlich weiß. Die Baumkronen füllen sich mit Elektrizität. Und obgleich sich alles verändert, für zwei, drei Minuten kehrt diese Stimmung als Konstante zurück. Das ist der Augenblick, wenn die Autos behutsam mit dem Bremsrot flirten. Es sind solch wunderbare kleine Details, die Combüchens Stil ausmachen. Eine Schriftstellerin infiziert im Laufe der Zeit alles mit Fiktion, auch die Wirklichkeit.

Eine Lebensgeschichte aus den dreißiger Jahren, ein Portrait der steifen bürgerlichen schwedischen Gesellschaft, immer wieder durchbrochen mit einer Erzählung aus dem Jetzt. Ich weiß nicht, ob Hedda Langmark so aussieht wie auf dem Titelbild dieser Ausgabe des Romans, aber ich finde das Bild sehr hübsch. Und passend, weil es die Jugendlichkeit der Heldin zeigt. Wir können dem Titel Wat er van het leven overblijft: Een damesroman entnehmen, dass es neben der deutschen Übersetzung von Paul Berf auch eine holländische Übersetzung gibt (Byron war auch in Holland erschienen). Es gibt sogar eine polnische Ausgabe (Skrawki. Warschau 2016). Aber warum liest niemand den Roman, warum wird er überall zum Discountpreis angeboten? Wäre es wirklich ein Damenroman, also so etwas, was die Marlitt schrieb, dann wäre das vielleicht anders. Ein Buch, das sein Maul aufsperrt und schon auf Seite eins losschreit, klappe ich sofort wieder zu, heißt es in Combüchens Erfolgroman Byron. Ich glaube nicht, dass Combüchen Mitglied in der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen ist (die gibt es wirklich).

In dem Roman Byron, der auch schon eine relativ komplizierte Erzählstruktur hat, beginnt das Kapitel Und alle Löwen Londons mit den Sätzen: Es ist Sonntag im Park. Nachdem sie vorweg gelaufen ist, um wie ein losgelassener Hund an diesem und jenem hinter der nächsten Straßenecke herumzuschnuppern, kehrt die Geschichte jetzt zu ihrer Herrin zurück, der Chronologie. Auch in Was übrig bleibt: Ein Damenroman läuft die Handlung manchmal wie ein losgelassener Hund um die nächsten Straßenecken, aber die Autorin weiß glücklicherweise, wann man sie wieder an die Leine nehmen muss.

 

Sonntag, 15. August 2021

Une fillette d’un blond roux

Anna Karenina und Graf Wronski müssen noch etwas warten, ich stecke noch immer bei Proust fest. Das habe ich schon in Eine Liebe von Swann gesagt, aber es ist immer noch so. Weil ich beim Wegräumen all der Bücher, die ich für den Post aus dem Regal geholt hatte, sah, dass ich von Rudolf Schottländers Übersetzung nur den zweiten Band besaß. Warum nicht auch den ersten kaufen und lesen? Die wenigen Exemplare des Originals von 1926, die auf dem Markt waren, waren mir zu abgegriffen oder zu teuer. Warum nicht die preisgünstige Parkland Ausgabe kaufen? Die bekam ich bei booklooker von einer reizenden, gebildeten Dame für fünf Euro verkauft; Proust ist wirklich preisgünstig geworden, den Band Combray des Aufbau Verlags (Übersetzung: Eva Rechel-Mertens) kriegt man bei booklooker schon für 25 Cent. Davon habe ich inzwischen mehrere gekauft und an Freundinnen verschenkt. Und ihnen gesagt, dass man unbedingt Proust lesen muss. Gerade in den Zeiten von Corona.

Ich begann also, Combray in der Übersetzung von Rudolf Schottländer zu lesen, an dessen Übersetzungstil ich mich gewöhnt hatte, da ich gerade große Teile von Eine Liebe Swanns in der schönen Ausgabe von 1926, die mich vor vielen Jahren mal zwanzig Mark gekostet hatte, wiedergelesen hatte. An einer Stelle geriet ich ins Stolpern und fragte mich: steht das so bei Proust? Es war die Stelle, wo Marcel zum erstenmal die kleine Gilberte Swann sieht. Vorher hatten wir die poetische Beschreibung der Weißdornhecke, die ja für den Roman beinahe so prominent ist wie die berühmte Madeleine zum Tee. Und nun schaut ihn ein kleines rotblondes Mädchen mit blitzenden Augen herausfordernd an: 

Une fillette d’un blond roux qui avait l’air de rentrer de promenade et tenait à la main une bêche de jardinage, nous regardait, levant son visage semé de taches roses. Ses yeux noirs brillaient et comme je ne savais pas alors, ni ne l’ai appris depuis, réduire en ses éléments objectifs une impression forte, comme je n’avais pas, ainsi qu’on dit, assez «d’esprit d’observation» pour dégager la notion de leur couleur, pendant longtemps, chaque fois que je repensai à elle, le souvenir de leur éclat se présentait aussitôt à moi comme celui d’un vif azur, puisqu’elle était blonde: de sorte que, peut-être si elle n’avait pas eu des yeux aussi noirs,—ce qui frappait tant la première fois qu’on la voyait—je n’aurais pas été, comme je le fus, plus particulièrement amoureux, en elle, de ses yeux bleus.

Und dann kommt diese StelleDoch dann, als sie weitergingen, ohne sie gesehen zu haben, und mich überholt hatten, ließ sie ihre Blicke in ganzer Länge hinter mir herlaufen, freilich ohne besonderen Ausdruck, ohne daß es wirkte, als sähe sie mich, aber mit einer Unverwandtheit und einem verhohlenen Lächeln, das ich nach den mir beigebrachten Begriffen von guter Erziehung nur als einen Beweis kränkender Verachtung interpretieren konnte; und ihre Hand skizzierte gleichzeitig eine unanständige Gebärde, die öffentlich an einen Unbekannten gerichtet, nach dem kleinen Knigge, den ich in mir trug, nur einen Sinn haben konnte: den einer Schamlosigkeit.

Dinge wie verhohlenes Lächeln, kränkende Verachtung, unanständige Gebärde und Schamlosigkeit. Ich griff zur Suhrkamp Ausgabe, bei Eva Rechel-Mertens klang das nicht ganz so bösartig: schoß sie einen langen Blick zu mir herüber, der ganz ohne Ausdruck war und mir gar nicht zu gelten schien, aber so starr und mit einem versteckten Lächeln darin, daß ich ihn auf Grund der Vorstellungen von guter Erziehung, die man mir beigebracht hatte, nur als eine Bekundung äußerster Verachtung auffassen konnte; gleichzeitig machte sie flüchtig mit der Hand eine nicht ganz anständige Bewegung, die, wenn sie öffentlich einem Unbekannten gegenüber ausgeführt wurde, nach dem kleinen Höflichkeitskodex, den ich in mir trug, eindeutig eine ganz bewußte Ungezogenheit war.

Eine unanständige Gebärde ist etwas anderes als eine nicht ganz anständige Bewegung, und Schamlosigkeit ist etwas anderes als eine ganz bewußte Ungezogenheit. Rechel-Mertens glättet, das tut sie immer, dadurch macht sie Proust leichter lesbar für uns. Rudolf Schottländers Übersetzung ist ruppiger. Aber was war das für eine kleine schmutzige Gebärde, die die kleine Gilberte da macht? Wir müssen lange warten, bis uns der Erzähler die Sache verrät. Wir müssen bis zum Anfang des letzten Bandes Le Temps retrouvé warten, nach einigen tausend Seiten kommt der Erzähler noch einmal auf diese geste indécent zurück. In einem Gespräch mit Gilberte gesteht Marcel, daß er als Kind in Combray in sie verliebt war. Und er erfährt von Gilberte, daß sie ihn auch mochte (Moi je vous aimais. Et même deux fois je me suis jetée à votre tête. – Quand donc? – La première fois à Tansonville, vous vous promeniez avec votre famille, je rentrais, je n’avais jamais vu un aussi joli petit garçon) und ihn damals mit dieser unanständigen Geste dazu einladen wollte, an den schmutzigen Spielen der Kinder des Ortes in den Ruinen des Glockenturms von Roussainville teilzunehmen.

In dem Film Die wiedergefundene Zeit (Le Temps retrouvé) von Raúl Ruiz sind neben Marcello Mazzarella, der Proust spielt, Emmanuelle Béart als Gilberte und Catherine Deneuve als ihre Mutter Odette zu sehen. Der Regisseur hat die erste Begegnung von Marcel und Gilberte in seinem Film nicht vergessen. Die Béart ist sicher zu schön als Gilberte, man hat ja beim Lesen eines Roman immer andere Bilder der Frauen im Kopf als die, die uns eines Tages der Film präsentieren wird. Die Begegnung mit Gilberte (die vielleicht so ausgesehen haben mag wie die Béart, als die noch jung und noch kein Opfer des Schönheitschirurgen war) hinterläßt bei Marcel Spuren: Indessen ging ich weiter und trug nun für immer etwas mit nach Hause, was Kindern meines Alters kraft undurchbrechlicher Naturgesetze eigentlich noch unzugänglich war: eine erste Art von Liebesseligkeit in Gestalt eines rötlichen jungen Mädchens mit Sommersprossenhaut...

Die Wiederbegegnung mit Gilberte im letzten Band des Romans wird unserem Marcel das ganze schöne Bild seiner Jugend in Combray zerstören. Schmutzige Spiele in den Ruinen des Glockenturms von Roussainville gehörten nicht zu den Jugenderinnerungen, die Marcel hatte. In seiner langanhaltenden Liebe hat er nicht gemerkt, dass sich Gilberte ihm immer mehr entzieht. Er tröstet sich mit schönen Sätzen wie: Unser Glaube, daß ein Wesen an einem unbekannten Leben teilhat, in das seine Liebe uns mit hineintragen würde, ist unter allem, was die Liebe zu ihrer Entstehung braucht, das Bedeutungsvollste, dem gegenüber alles andere nur noch wenig ins Gewicht fallen kann. 

Und selbst, wenn er beschlossen hat, dass er sie nicht mehr liebt, kann er sie nicht vergessen. So können wir im vierten Band der Recherche lesen: Swann me quitta sans me serrer la main pour ne pas être obligé de faire des adieux dans cette salle où il avait trop d’amis, mais il me dit: 'Vous devriez venir voir votre amie Gilberte. Elle a réellement grandi et changé, vous ne la reconnaîtriez pas. Elle serait si heureuse!' Je n’aimais plus Gilberte. Elle était pour moi comme une morte qu’on a longtemps pleurée, puis l’oubli est venu, et, si elle ressuscitait, elle ne pourrait plus s’insérer dans une vie qui n’est plus faite pour elle. Je n’avais plus envie de la voir ni même cette envie de lui montrer que je ne tenais pas à la voir et que chaque jour, quand je l’aimais, je me promettais de lui témoigner quand je ne l’aimerais plus.

Es hat für Proust eine wirkliche Gilberte gegeben, die er als den Rausch und die Verzweiflung meiner jungen Jahre (ivresse et désespoir) bezeichnet hat. Céleste Albaret, die ihm den Haushalt und das Leben besorgt, sagt uns, er habe gesagt: j'étais fou d'elle. Es ist eine kleine Russin namens Marie de Bénardaky, die er beim Ballspiel auf den Champs-Élysées 1886 kennengelernt hatte. Dass er sie mag, dass er verrückt nach ihr ist, hat er ihr aber nie gesagt. In silence the heart raves. It utters words Meaningless, that never had A meaning heißt es so schön in Robert Penn Warrens Gedicht True Love. Proust schreibt seine Kinderliebe in seinen Roman: Da wir aber, wenn wir lieben, außerstande sind, als würdige Vorgänger des Wesens zu handeln, das wir sein werden, wenn wir nicht mehr lieben, können wir uns unmöglich den Geisteszustand einer Frau vorstellen, der wir trotz unseres Wissens, daß wir ihr gleichgültig sind, in unseren Tagträumen unaufhörlich, um uns glücklich einzulullen oder über unser Leid zu trösten, die gleichen Worte in den Mund gelegt haben, als wenn sie uns wirklich liebte.

Aber ist das alles wirkliche Liebe, oder steht es nur auf dem Papier? Liebt unser Marcel diese Gilberte Swann wirklich? Es gibt da eine andere Lesart: Als er es endlich schafft, in das Heiligtum des Hauses Swann einzudringen, wird deutlich, dass er in Gilberte eigentlich gar nicht deren Person, sondern die ganze geheimnisvolle Aura begehrt hat, die sich für ihn mit ihr verbindet: die Schönheit ihrer Mutter, das Prestige ihres Vaters,  die Gesellschaft ihres Salons einschließlich des bewunderten Bergotte. Die snobistische Komponente seiner Liebe zeigt sich denn auch darin, daß er diese jetzt von der Tochter auf die Mutter verlagert, ihr Besuche in Abwesenheit von Gilberte abstattet und mit ihr spazierengeht. In dem Maße, in dem Marcel sich an den Umgang mit Gilberte gewöhnt und das Geheimnis ihres Universums gelüftet ist, verblasst seine Liebe zu ihr.

Das steht in dem schönen Proust ABC von Ulrike Sprenger. In dem Post Spargel habe ich erwähnt, dass ich mein Exemplar verschusselt hatte. Ich habe die ganze Proust Abteilung aufgeräumt, aber ich fand das Buch nicht. Reclam hat das Buch gerade wieder neu aufgelegt, passgenau zum hundertfünfzigsten Geburtstag von Proust; da hätte ich eins bestellen können, ich bekomme bei dem Verlag Autorenrabatt. Aber ich wollte die alte Ausgabe haben, an die ich mich gewöhnt hatte. Ich suchte bei ebay und fand ein einziges preisgünstiges Exemplar, ich machte dem Händler per e-Mail ein Angebot. Wir gerieten e-mailmäßig ins Schwätzen, er sandte mir seine Telephonnummer und bat um einen Rückruf. Und mitten in der Nacht hatte ich mit einem Unbekannten, der sich in der Recherche gut auskannte, eine wunderbare Unterhaltung über Proust, Frankreich und die Katzen auf dem Père Lachaise. Mein Proust ABC bekam ich zum Discountpreis. Wenn Sie eine gepflegte Kunsthandlung und ein gutes Antiquariat suchen, dann kann ich Hans L. Merkle in Kirchheim nur empfehlen.

Ulrike Sprenger hat ihre Doktorarbeit über Proust geschrieben und ist jetzt Professorin für Romanistik. Sie hat auch ein Buch über Proust und die Frauen herausgegeben, das ich aber nicht besitze. Weil die Mitherausgeberin dieser Berichte eines Symposions der Proust Gesellschaft Barbara Vinken heißt, und die lese ich nicht. Punkt. Über die habe ich schon in den Posts Damenmode und Lederjacken kleine Bösartigkeiten verlauten lassen. Es gibt ein anderes Buch, das auch den Titel Proust und die Frauen hat, das hat allerdings als Autorin niemand anderen als Ursula Voß. Die ist keine Professorin und hat keinen Wikipedia Artikel, aber sie gehörte zu den Gründern der Marcel Proust Gesellschaft und ist die Proust Kennerin schlechthin. Sagt ihr Verlag, ich kann da nicht widersprechen. 

Ich habe ihr hervorragendes Buch Kleider wie Kunstwerke: Marcel Proust und die Mode schon in dem Post über die Pariser Haute Couture und in dem Post Orchideen erwähnt. Und für Proust & Gilberte habe ich ihre Bücher Proust und die Frauen und Kindheiten um Marcel Proust benutzt. Diese Dame hier, eine Prinzessin de Polignac, hat Proust natürlich gekannt. Die Kunstmäzenin, die auch einen Salon unterhält, hieß vor ihrer Heirat Winnaretta SingerDie Prinzessin ist in die Musik verliebt wie eine Nähmaschine in den Stoff!, hat Jean Cocteau über sie gesagt. Ist nicht besonders geistvoll, das mit der Nähmaschine ist natürlich eine Anspielung auf ihre Herkunft, sie ist eine Tochter des Nähmaschinenkönigs Isaac Merritt Singer. Winnaretta Singer hat sich auf diesem Portrait selbst gemalt, als eine junge Intellektuelle mit einem Buch in der Hand. Sie wird zuerst einen Prinzen namens Louis de Scey-Montbéliard heiraten. 

Ihre Schwester Isabelle wird einen französischen Herzog heiraten und 1896 Selbstmord begehen. Hat sich aber kurz zuvor noch von Jean Béraud als Madame Récamier Replik malen lassen. Winaretta wird sich um die Kinder ihrer Schwester kümmern. Diese transatlantic marriages sind jetzt große Mode, der berühmte englische Journalist W.T. Stead (der mit der Titanic untergegangen ist) hat das als gilded prostitution bezeichnet. Die Bezeichnung hat Maureen E. Montgomery mit ihrem Buch 'Gilded Prostitution': Status, Money and Transatlantic Marriages aufgenommen. Die Töchter der amerikanischen Millonäre des Gilded Age heiraten jetzt in die europäische Aristokratie. 

Wie diese von Giovanni Boldoni gemalte Dame, über die Marcel Proust sagte: Ich sah noch nie ein Mädchen mit einer solchen Schönheit, Intelligenz, sowie Güte und Charme. Sie heißt Gladys Marie Deacon und wird Proust (der ihr Gast bei der standesamtlichen Trauung war) nach Blenheim einladen, das der Herzog von Marlborough von der Mitgift seiner ersten Frau Consuelo Vanderbilt hatte renovieren lassen. Aber Proust ist zu krank, um der Einladung zu folgen. Auf die Hochzeit mit dem Herzog hatte Gladys fünfundzwanzig Jahre warten müssen; sie war schon die Geliebte des Herzogs, als der die Vanderbilt Erbin heiratete. If I was only a little older I might catch him yet. But hélas! I am too young though mature in the arts of woman's witchcraft and what is the use of one without the other, hat sie damals gesagt. Prinzessinnen, Herzoginnen und Damen, die wir aus dem Posts Demimonde und les grandes horizontales kennen, das ist die Welt von Proust.
 
Wenn John Singer Sargent die Prinzessin de Scey-Montbéliard malt, trägt sie ein Abendkleid. Nicht von der Eleganz dieses Kleides von Worth hier, aber immerhin ein Abendkleid. Sargent wird sie nicht nur malen, er wird auch für sie Bilder von Manet kaufen. Die Prinzessin mit dem Millionenvermögen liebt Bilder von Manet. Sie wird La Lecture besitzen und den größten finanziellen Beitrag für den Ankauf von Manets Olympia beisteuern. Von dem Prinzen Louis läßt sie sich nach vier Jahren scheiden und heiratet den dreißig Jahren älteren Prinz de Polignac. Proust schreibt sie erstaunlicherweise nicht in seinen Roman hinein. Diese Dame in dem Lilienkleid von Worth schon: Ich hatte mich, in Wirklichkeit leider, dafür entschieden, die Frau zu lieben, die vielleicht die größte Zahl von verschiedenartigen Vorteilen auf sich vereinigte und in deren Augen ich deswegen nicht hoffen konnte, auch nur irgendein Ansehen zu genießen; denn sie war ebenso reich wie der Reichste, der daneben nicht auch noch adlig war, ganz zu schweigen von ihrem persönlichen Charme, durch den sie tonangebend und unter allen gewissermaßen die Königin war. Die Gräfin Greffulhe, die unerreichbar für Proust ist, wird für ihn zur Herzogin von Guermantes werden. 

Die jungen Damen mögen Gilberte oder Albertine heißen, sie mögen Kleider von Charles Worth oder Fortuny tragen, immer gilt für sie: nur gucken, nicht anfassen. Aber wie das Leben so ist, sie bleiben nicht forever young, nicht ewig jung und schön. Beim letzten Treffen mit Gilberte erkennt Marcel seine Gilberte nicht wieder, sie ist eine dicke Dame geworden: Une grosse dame me dit un bonjour pendant la courte durée duquel les pensées les plus différentes se pressèrent dans mon esprit. J’hésitai un instant à lui répondre, craignant que, ne reconnaissant pas les gens mieux que moi, elle eût cru que j’étais quelqu’un d’autre, puis son assurance me fit au contraire, de peur que ce fût quelqu’un avec qui j’avais été lié, exagérer l’amabilité de mon sourire, pendant que mes regards continuaient à chercher dans ses traits le nom que je ne trouvais pas. Tel un candidat au baccalauréat, incertain de ce qu’il doit répondre, attache ses regards sur la figure de l’examinateur et espère vainement y trouver la réponse qu’il ferait mieux de chercher dans sa propre mémoire, tel, tout en lui souriant, j’attachais mes regards sur les traits de la grosse dame. Ils me semblèrent être ceux de Mme de Forcheville, aussi mon sourire se nuança-t-il de respect, pendant que mon indécision commençait à cesser. Alors j’entendis la grosse dame me dire, une seconde plus tard : « Vous me preniez pour maman, en effet je commence à lui ressembler beaucoup. » Et je reconnus Gilberte.

Als sie noch jung und noch nicht dick war, sah sie vielleicht so aus. Auf jeden Fall auf dem Bild Gilberte Swann et des amies au Bois de Boulogne von Kees van Dongen. Das finde ich sehr witzig. Heute vor hunderfünfzig Jahren wurde Marcel Proust geboren. In der Zeit reden Barbara Vinken und Jochen Schmidt miteinander. Der Reclam Verlag und Suhrkamp machen für ihre Verlagstätigkeit Werbung im Internet. Suhrkamp kann auf die neu erschienenen frühen Erzählungen Der geheimnisvolle Briefschreiber verweisen, Reclam auf die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer und die erheblich überarbeite Neuauflage des Proust ABC von Ulrike Sprenger. Die hat jetzt ein Vorwort von Alexander Kluge bekommen, mit dem Ulrike Sprenger bei dctp.tv zusammenarbeitet. Kluge hat da einen interessanten Gedanken:

Der Vater Marcel Prousts war ein Arzt. Er war verantwortlich für Frankreichs Abwehr der vierten und der fünften Attacke der Cholera. Eine seiner Antworten war die Quarantäne. Diese Abschottung wiederholt sich dann in den Räumen, in denen der Poet Marcel Proust, sein Sohn, lebte und arbeitete. Kork-Täfelung, schwere, schalldichte Vorhänge, Verdunkelung gegen die Werbewelt, Hysterie, die Elektrizität und Unruhe der Gegenwart: Davor schützt das abgeschottete Zimmer den Dichter. In dieser Trennung von der Aktualität gedeiht seine Einbildungskraft.
       Die Quarantäne, die wir derzeit erleben, ist nicht freiwillig gewählt. Neben der Spiegelung des Ernstes der Lage ist eine solche Quarantäne aber auch heute ein 'literarisch wirksames Instrument'. Die Abschottung begünstigt die Konzentration. Sie potenziert das Organ des Poetischen: die Introspektion. Es geht um die Neuordnung der Eindrücke, das Entstehen neuer Übersichtlichkeiten in den Labyrinthen der Erfahrung. Das ist das Thema von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für den Dichter ist die Abschottung ein Instrument der Wahrnehmung. Wie eine der Optiken im aufkommenden Zeitalter des Stereoskops, der Fotografie und des Films.
       Dem Gehäuse, in dem der Hieronymus Proust dichtet, und auch der Abgeschlossenheit, zu der wir derzeit gezwungen sind, entspricht, wie gesagt, der Cordon Sanitaire, den der Vater Marcel Prousts als Arzt entwarf. 

Proust in den Zeiten der Corona. In Essen gibt es eine Buchhandlung, die Proust Wörter+Töne heißt. Die hat auch einen Lieferservice, die bringt Ihnen Proust mit ihrem Proust-Mobil ins Haus. Die nette Dame, die mir Schottländers Übersetzung verkauft hat, hat mir gesagt, dass ihr Buchhändler in den Corona Tagen mehr Proust verkauft hätte, als je zuvor. Das hätten wir uns denken können, denn Proust hat gesagt, dass sein Buch unter den zerstreuten Geistern eine Einheit schaffen und  den verwirrten Herzen die Ruhe wiedergeben kann (il ferait aussitôt l' unité dans les esprits épars et rendrait le calme aux cours troubles).

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