Sonntag, 15. Februar 2026

Florinda Bolkan

Die brasilianische Schauspielerin Florinda Bolkan wird heute fünfundachtzig, da muss ich gratulieren. Sie ist inzwischen vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten, aber in den siebziger Jahren da gehörte die italienische Filmwelt ihr. Zuerst tauchte sie mit solchen Photos in →Magazinen auf, aber dann kriegte sich auch richtige Rollen im Film. Und bekam dreimal den David di Donatello als beste Schauspielerin. Der Film ✺Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto, in dem sie mitspielte (nackt in der Badewanne und später umgebracht) bekam einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Wenn Sie Florinda Bolkan kennenlernen wollen, dann schauen Sie sich doch mal eben diesen kurzen ✺Film an, dann kennen Sie sie. Sie singt da übrigens selbst. 

Wenn man zwischen den schönsten Männern der siebziger Jahre steht, dann hat man es geschafft. Auch wenn der Film (✺The Last Valley) ein furchtbarer Historienschinken war. 1968 war sie (wie auch Ringo Starr) in der erotischen Fantasykomödie ✺Candy zu sehen gewesen, ein Jahr später spielte sie in ✺Metti, una sera a cena (mit der Musik von Ennio Moricone) die Ehefrau von Jean-Louis Trintignant. Mit dem wird sie noch zweimal vor der Kamera stehen, 1969 in ✺Le voleur de crime und 1974 in Le mouton enragé.

Wirklich berühmt wurde die Stewardess der brasilianischen Fluggesellschaft Varig, die eigentlich mit der Schauspielerei nichts am Hut hatte, weil Luchino Visconti für sein Nazi Epos Die Verdammten (✺La caduta degli dei) haben wollte. Aber Florinda Soares Bulcão sah nun mal gut aus und sprach mehrere Fremdsprachen, da bietet sich ein Job als Filmstar an. Sie blieb in Italien. La caduta degli dei ist ein Film, den ich wirklich nicht mag. Irgendwie wirkt Florinda Bolkan als Geliebte von Helmut Berger in dem opulenten Ausstattungsfilm wie ein hübsches Möbelstück

Ihre besten Filme werden noch kommen. Sie schrieb Visconti nach den Dreharbeiten einen rührenden Brief: Wie schön es ist, danke zu sagen. Viele haben es verlernt, sich zu bedanken. Sie reden sich ein: Die Zeit ist knapp geworden und nüchtern. Sie machen nur noch ihre Pflicht. Gefühle gehören nicht dazu. Dabei wissen wir doch alle, wie wichtig ein Wort des Dankes und der Anerkennung ist. So stand es auf jeden Fall in der Münchner illustrierte Presse. In München kannte man Florinda Bolkan, weil ihre Halbschwester, das Model Sônia Ribeiro, 1972 Willy Bogner geheiratet hatte.

Sie war Visconti ewig dankbar, dass er ihr den Rücken gestärkt und ihr die Tür zur großen Welt geöffnet hatte: Passai in pochi mesi dalle notti folli nei locali trasgressivi della Roma dei primi anni ’70 – dove tutti mi corteggiavano e mi volevano – a cenare con Elsa Morante, Toscanini, Maria Callas. Luchino mi voleva bene come un padre ed io gli volevo bene come una figlia. Mi ha aperto lo sguardo sul mondo. Es war auch die Welt der Mode, die sich auf sie stürzte. Als Valentino seine erste Boutique in New York eröffnete, stand sie an seiner Seite.

Florinda Bolkan hat mehr als fünfzig Filme gedreht, vieles braucht man wirklich nicht zu sehen, Allein gegen die Mafia ganz bestimmt nicht. Und diesen Trash wie ✺A Lizard In A Woman's Skin (1971) oder Nonnen bis aufs Blut gequält (✺Flavia, la monaca musulmana (1974) auch nicht. Sie drehte zu viele Filme mit dem italienischen Meister des Horrorfilms Lucio Fulci. Aber zwischen vielem Zelluloidschrott gab es immer wieder kleine Perlen. 

Wie zum Beispiel der Film von Vittorio De Sica ✺Una breve vacanza (1973), in dem sie eine an TBC erkrankte Fabrikarbeiterin spielt, die zur Kur geschickt wird. Es ist ein stiller Film, in dem sie einmal zeigen kann, dass sie eine wirklich gute Schauspielerin ist. De Sica sagte ihr, als sie die Rolle bekam: I chose you because your eyes have known hunger. Sie hat ihm geantwortet: Those born in Ceará bring within themselves a strong and hard share of the real thing. Die Los Angeles Film Critics Association gab ihr für den Film verdientermaßen den Best Actress Preis.

Ein Jahr später war Florinda Bolkan in einem ganz anderen Film, der Das wilde Schaf (✺Le mouton enragé) hieß. Vielleicht spielte Romy Schneider da die Hauptrolle, aber man guckt den Film nur wegen der Nebenrollen. Wegen Jane Birkin und Florinda Bolkan. Und natürlich wegen Jean-Louis Trintignant. Der wirkt neben Florinda immer ziemlich klein. Das liegt daran, dass sie einen Meter fünfundsiebzig ist, und Trintignant eben viel kleiner ist, auch wenn das Internet behauptet, er sei 1,72 groß. In dieser Szene ist Florinda noch bekleidet, aber das bleibt nicht so, wie wir im nächsten Photo sehen können.

Ohnehin wird in dieser bösen Satire viel nackte Haut gezeigt: Schließlich geht es um Sex, Geld und Erfolg. Um diese Ingredienzen einer dekadenten Gesellschaft entspinnt sich eine herrlich bissige Geschichte, wie sie vielleicht nur das französische Kino der frühen Siebziger Jahre hervorbringen konnte, schreibt Dr Robert Lorenz auf seiner Seite. Das ist das Mindeste, was man über diesen wunderbaren kleinen Film von Michel Deville sagen kann.

Sie wird heute an ihrem Geburtstag wahrscheinlich nicht auf den Kissen mit ihrem Photo sitzen, wie hier im Jahre 1983, aber es geht ihr nicht schlecht, sie bewohnt eine Villa in einem Landgut. Wenn man überall lesen kann, dass Visconti sie entdeckt hat, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Wahrscheinlich hat die Filmproduzentin Contessa Marina Cicogna, die die The New York Times einmal the most powerful woman in European cinema nannte, diese Entdeckung herbeigeführt. Mit ihr lebte Bolkan von 1967 bis 1982 zusammen. Die Trennung verlief im Streit, die Contessa war ihr zu autoritär und dominant geworden: Sento un grande dispiacere per una persona nei confronti della quale provo gratitudine, insieme al cinema abbiamo fatto un cammino cinematografico importante.

Florinda Bolkans neue Lebensgefährtin Anna Chigi ist eine Prinzessin, obgleich sie nichts auf diesen Titel gibt. Die beiden Frauen bewirtschaften ein Landgut in Bracciano, mit Pferdezucht und Gasthaus. Florinda kocht selbst. Alles dazu können Sie Florinda Bolkans Homepage entnehmen. Da gibt es auch eine Seite, mit der Sie ihr Geburtstagsgrüße schicken können. Mein Happy Birthday geht mit diesem Post in die Welt.
 

Mittwoch, 11. Februar 2026

Liebesleid

Dass Mia Farrow am 9. Februar einundachtzig wurde, habe ich nur dadurch erfahren, dass das Fernsehen ihr zu Ehren Hannah und ihre Schwestern sendete. Ein Film, der hier schon einmal wegen Michael Caine und Barbara Hershey erwähnt wird. Nicht wegen Mia Farrow, ich bin kein Farrow Fan. Ich war nur einmal ihretwegen im Kino, 1984 für Broadway Danny Rose. Da war sie vierzig und sah in ihren nuttigen Klamotten sehr gut aus. Da hatte sie nicht mehr den Kurzhaarschnitt, den ihr Vidal Sassoon verpasst hatte. Für The Great Gatsby bin ich 1974 nicht ins Kino gegangen. Ich liebe den Roman, man kann ihn nicht verfilmen, auch nicht mit Mia Farrow. Joseph Losey hätte sie Jahre zuvor gerne für The Go-Between gehabt, aber er konnte froh sein, dass er Julie Christie hatte. Mia hätte den Film ruiniert. Ich mag Mia Farrow wie gesagt nicht sehr. Sie hat hier schon den Post Beware of young girls, da kommt sie nicht besonders gut weg.

Mit Woody Allen war sie zwölf Jahre verheiratet, aber ihren ersten Ehemann Frank Sinatra hat sie ihr ganzes Leben lang geliebt. Die Klatschpresse vermutet, dass auch ihr Sohn Ronan ein Kind von Frankieboy ist. Das Liebesleben von Mia Farrow ist vor dreißig Jahren schon als Love and Betrayal: The Mia Farrow Story als Film erschienen, Mia wurde da von Patsy Kensit gespielt.

Zum Thema Liebesleben muss ich heute noch eine andere Frau erwähnen. Weil sie heute Geburtstag hat. Wir müssen dafür nur ein paar Jahrhunderte zurückspringen. Es ist eine ganz andere Welt. Es kann uns immer ganz gut tun, aus unserer Zeit etwas zurückzugehen. In eine Welt, in der es keine sogenannten Social Media und keinen Donald Trump gibt. In der man noch auf die Sprache vertraut, die Schönheit der Worte und Gedanken. Wir sind in der Romantik, und die Frau, die heute Geburtstag hat, heißt Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode. Sie schreibt Liebesgedichte wie dieses:

Liebe

O reiche Armut! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Mut! In Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Not, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten

Leben im Traum und doppelt Leben.

Ich habe das Gedicht hier von Imogen Kogge gelesen, sie liest es sehr schön. Aber so viele Liebesbriefe und Liebesgedichte die Günderrode schreibt (die schöne Seite der deutschen Liebeslyrik präsentiert achtzehn Gedichte, aber es sind mehr), sie findet keinen Mann. Der, den sie liebt, der sie heiraten wollte, kneift im letzten Augenblick. In ihrem Gedicht Überall Liebe spricht sie schon vom Selbstmord: Soll mutig ich zum Schattenreiche gehn? Um andre Freuden, andre Götter flehn, Nach neuen Wonnen bei den Toten fragen? Sie wird das wahrmachen, alls diese grande amour für sie zu Ende ist, sticht sie sich am Rheinufer einen Dolch in die Brust. Wenn man das weiß, wird man das Gedicht Überall Liebe anders lesen:

Kann ich im Herzen heiße Wünsche tragen?
Dabei des Lebens Blütenkränze sehn,
Und unbekränzt daran vorübergehn,
Und muß ich trauernd nicht in mir verzagen?

Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?
Soll mutig ich zum Schattenreiche gehn?
Um andre Freuden, andre Götter flehn,
Nach neuen Wonnen bei den Toten fragen?

Ich stieg hinab, doch auch in Plutons Reichen,
Im Schoß der Nächte, brennt der Liebe Glut,
Daß sehnend Schatten sich zu Schatten neigen.

Verloren ist, wen Liebe nicht beglücket,
Und stieg er auch hinab zur styg'schen Flut,
Im Glanz der Himmel blieb er unentzücket.

Ich habe das Gedicht hier von Janina Sachau  vorgetragen. Die Gedichte der Günderrode sind vertont und gesungen worden. Wie von Wolfgang Rihm mit Das Rot. Sechs Gedichte der Karoline von Günderrodehier mit Ton. Ich habe das Werk auch von von Christoph Prégardien. gesungen. Man hat die Günderrode nie vergessen. Dichter haben über sie geschrieben: Bettina von Arnim schrieb den Briefroman Die Günderode, Hans Magnus .Enzensberger schrieb das Drehbuch für einen Film. Und alles andere, was Sie wissen möchten, das lesen Sie doch in dem Post die Günderrode, der hier vor Jahren auch an einem 11. Februar stand.

Dienstag, 10. Februar 2026

Paula Becker-Modersohn

 

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde die Malerin →Paula Becker-Modersohn in Dresden geboren. Als sie zwölf Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Bremen. Sie wohnten zuerst im vornehmen Schwachhausen, dann noch vornehmer im Haus von →Aline von Kapff. Die hat hier schon als Tante Aline einen Post, Paula Becker-Modersohn hat noch keinen Post. Sie wird aber in einem Dutzend Posts erwähnt. Die Maler von Worpswede tauchen in diesem Blog immer wieder auf, diese Posts werden auch viel gelesen, der Post über Heinrich Vogeler hat über dreizehntausend Leser.

Erwarten Sie von mir heute bitte nichts zu Paula, ich habe kein Verhältnis zu ihrer Malerei. Wirklich nicht. In dem Post die Königin Caroline Mathilde habe ich geschrieben: Dass ich in Rotenburg (Hannover) geboren werde, verdanke ich den Fliegerangriffen auf Bremen, man hatte Teile des Bremer Krankenhauses ausgelagert. Ich bin ein Sonntagskind, das wird man mir immer wieder erzählen. Kurz nachdem ich geboren werde, stirbt in demselben Krankenhaus der Maler Otto Modersohn, der Ehemann von Paula Becker-Modersohn, einer Nationalheiligen in Bremen. Modersohn war auch der Onkel von Cato Bontjes van Beek. Wäre ich in Bremen geboren, wie später mein Bruder, wäre ich ein echter Bremer geworden. Die sind da in Bremen ja eigen, wer ein echter Bremer, ein Tagenbaren, ist. An diesem Mythos Bremen arbeiten viele, und auch ich kann nicht leugnen, ihm zeitweise erlegen zu sein. Ich schreibe immer noch an meinen Bremensien, die in meinem Kopf als Roman mit dem Titel Anti-Bremen begannen. Obgleich ich eher wie Fitzgeralds Held Jay Gatsby meine eigene Geschichte und mein eigenes Konzept meines Lebens erfinde.

Dass die Bremer die Paula wie eine Nationalheilige verehren, war nicht immer so. 1899 schreibt der damalige Bremer Kunstpapst Arthur FitgerUnsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualifiercirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Becker gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat.... daß so etwas hat möglich sein können, ist sehr zu beklagen. Für die Arbeiten der beiden genannten Damen reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen... so ist auch uns in diesem Augenblick der Gedanke an unsere Kunsthalle so widerwärtig geworden, daß wir den lebhaften Wunsch nicht mehr unterdrücken können, möglichst bald sie uns aus dem Sinn zu schlagen und uns Erfreulicherem zuzuwenden. Dass die Bremer auf den grottenolmschlechten Maler und Literaten Fitger hören, ist ein Zeichen ihres schlechten Geschmacks, den der Kunsthallendirektor Gustav Pauli und Mitglieder der Goldenen Wolke bekämpfen wollen. Aber es ist leider so, die junge Malerin verkauft zu Lebzeiten nur eine Handvoll Bilder. Ich finde diese Sandkuhle am Weyerberg von 1899 gar nicht so schlecht, obgleich mir der sandige Kreuzberg von Otto Piltz besser gefällt.

Zu ihrem sechsten Hochzeitstag malt sie sich als Schwangere, aber sie ist noch gar nicht schwanger. Das Bild von 1906 gilt als der erste Selbstakt einer Malerin. Sie malt immer wieder Akte, ihr Mann notiert dazu in seinem Tagebuch: malt lebensgroße Akte und das kann sie nicht, ebenso lebensgroße Köpfe kann sie nicht. Wenn man ihre Aktbilder mit den Bildern vergleicht, die sich hier in dem Post Aktmalerei finden, dann wird man dem Urteil ihres Mannes zustimmen müssen. Sie hat auch immer wieder Selbstbildnisse gemalt, von denen das im zweiten Absatz aus dem Jahre 1897 meiner Meinung nach das schönste und lebendigste ist. Es war vor sechs Jahre zum ersten Mal in einer Ausstellung in Bremen zu sehen. Das Bild Selbstbildnis nach halblinks im siebten Absatz ist das teuerste Bild von ihr, das je auf einer Auktion verkauft wurde, es hat mehr als eine Million Euro gebracht.

Ein Jahr nach dem Akt zum Hochzeitstag wird sie wirklich schwanger. Sie stirbt kurz nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde (Tille) mit einunddreißig Jahren. Ihre Tochter wird einundneunzig Jahre alt werden. Ihr Vater hat ihr erst, als sie achtzehn war, erzählt, wer ihre Mutter war. In der Bremer Straßenbahn, damit sie vom Verkehr abgelenkt war und nicht so weinte. Mathilde Modersohn hat im hohen Alter mit ihrer Halbschwester noch eine Stiftung für die Gemälde ihrer Eltern gegründet. 

Es gibt in Bremen in der Böttcherstraße ein Paula Modersohn-Becker Museum, das dauerhaft Werke von Paula zeigt. Der Bremer Millionär Ludwig Roselius, der sein Geld mit dem entkoffeinierten Kaffee HAG gemacht hatte, hat sich dieses Haus von dem Architekten Bernhard Hoetger (der auch den Niedersachsenstein auf dem Weyerberg entwarf) bauen lassen. 

Paula war für die Freundschaft mit Hoetger (den sie in Paris kennengelernt hatte) und die Unterstützung, die sie von ihm bekam, sehr dankbar: Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen. Mein Mut stand immer hinter verrammelten Toren und wußte nicht aus noch ein. Sie haben die Tore geöffnet. Sie sind mir ein großer Geber. Ich fange jetzt auch an zu glauben, daß etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seligkeit … Sie haben mir so wohl getan. Ich war ein bißchen einsam.

Hoetger wird nach ihrem Tod die Plastik Mutter und Kind für Paulas Grabmal auf dem Worpsweder Friedhof schaffen. Das Grabmal ist frei zugänglich, ist aber in keinem schönen Zustand. Das ist ähnlich wie beim Berliner Kleist Denkmal, wo auf der Rückseite die Zeile aus Prinz von Homburg steht: Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein steht. 1927 wurde Hoetgers expressionistisches Bauwerk als Paula Becker-Modersohn Haus eröffnet. Die Reihenfolge der Nachnamen hatte Roselius so festgelegt. Ich benutze den Namen seit kleinauf auch immer so. Die ganze Böttcherstraße mit der eigentümlichen Architektur war ja ein →Roselius-Hoetger Gesamtkunstwerk, das den →Nazis wenig gefiel. Trotz des →Lichtbringers im Eingang. Als von den Nazis die Bilder von Paula Becker-Modersohn aus den Kunsthallen als entartete Kunst entfernt werden, kann Roselius sein Museum aber bewahren. Irgendwie konnte man die Worpsweder, von denen auch viele den Nationalsozialimus befürworteten, ja auch als völkische Kunst verstehen.

1979 verkaufte der Sohn von Ludwig Roselius Kaffee Hag und die Böttcherstraße an das amerikanische Unternehmen Kraft Foods, kaufte aber Teile der Straße zurück. Das Paula Becker Modersohn Haus ist jetzt im Besitz der Stadt Bremen. Das Haus Atlantis leider nicht. Mein Freund Peter hatte als Landeskonservator einen langen Kampf gegen einen schwedischen Hotelkonzern, der sich von hinten in die Böttcherstraße hineinfrass. Die Fassade und der Himmelssaal sind aber erhalten. Im Haus waren auch die Kammerspiele, wo ich bei der Aufführung von Wer hat Angst vor Virginia Woolf hinter  dem Kultursenator Dehnkamp und seiner Frau saß. Und als in der Pause das Licht anging, sagte Frau Dehnkamp zu ihrem Mann: Ischa bis jetzt noch nich viel Sinn in. Gefällt mir immer noch der Satz. Und es gab da auch ein Kino, wo ich mit meiner Freundin Traute vergeblich an der Kasse für Bergmans Film Das Schweigen anstand. Meine Böttcherstraßen Erinnerungen haben selten etwas mit Paula Becker-Modersohn zu tun. Die Straße kommt x-mal in meinem Blog vor, aber nur, weil der Herrenausstatter Hans Kalich da seinen Laden hatte.

Das Leben von Paula Becker-Modersohn ist gut erforscht, und dankenswerterweise hat sie einen guten Wikipedia Artikel. Seit der Bremer Kunsthallendirektor Gustav Pauli 1919 ein kleines Buch mit einem Werkskatalog veröffentlichte, hat es eine Flut von einem Dutzend Biographien gegeben. Auch der Briefwechsel ist veröffentlicht. Und es gibt viele Kataloge von Ausstellungen, dies Bild zeigt den Dresdner Katalog aus dem Jahe 2003, den mir die Astrid geschenkt hat, die bei den Staatlichen Sammlungen arbeitet. Ich bekomme immer Paula Becker-Modersohn Bücher geschenkt. Die stelle ich in das Regal zu den Worpsweder Malern. Wenn ich über meinen Computerbildschirm auf die Bücherwand vor mir gucke, stehen da anderthalb Regalmeter Worpswede. Nicht alles habe ich gelesen, manches steht da nur, weil es schön aussieht. Ich habe keine Leseliste und keine Buchempfehlungen für Sie, aber ich habe auch noch bewegte Bilder. Nämlich den Film Paula Modersohn-Becker - Geschichte einer Malerin, den Wilfried Hauke 2007 für Radio Bremen gedreht hat.

Werden Malerinnen glücklich, wenn sie einen Maler heiraten? Ist sie glücklich, weil sie häufig getrennt sind, weil sie lieber in Paris als in der torfigen Tristesse von Worpswede ist? Ihr Mann schreibt ihr Liebesbriefe: Nun bitte ich Dich ... schreib mir mal einen wirklichen, rechten, echten Liebesbrief, hörst Du, Paula, ich sehne mich danach. Immer malen das hält man auch nicht aus. Und nun laß Dich umarmen Du liebstes Wesen und Dich mit heißen Küssen bedecken von Deinem Manne. Aber als sie den Akt von 1906 malt, da will sie sich schon scheiden lassen.

Otto Modersohn malt seine Frau, wie sie im Garten malt. Ein nettes Bild. Aber ist das große Kunst? Wenn man das Bild mit den Bildern vergleicht, die Peder Severin Krøyer von seiner Frau Marie gemalt hat, dann kommt einem dies hier schon arg provinziell vor. Auch die Ehe der Krøyers ist nicht glücklich, Paula und Marie haben beide einen viel älteren, und als Maler viel berühmteren, Mann. Marie trennt sich schnell von Krøyer, und geht ihren eigenen Weg. Paula zieht die Metropole Paris dem Moordorf Worpswede vor. Viermal von 1900 bis zu ihrem Tod wird sie dort sein, vielleicht waren das auch immer kleine Fluchten.

Dieses Bild von Heinrich Vogeler, das jetzt meist Sommerabend auf dem Barkenhoff genannt wird (wahrscheinlich möchte man mit dem Titel die Bilder der blauen Stunde der Skagen Maler assoziieren), ist eins-siebzig mal drei Meter groß. Es ist das bekannteste Bild Vogelers, eine Art Mittsommernacht in Worpswede, ein idyllisches Zusammensein junger Künstler. Die Figuren sind beinahe lebensgroß, und wenn der große Hund nicht wäre, könnte man die Stufen der Treppe hinaufgehen und sich zu den Personen setzen. Paula im weißen Kleid sitzt ganz links. 1901 hatten Vogeler, Modersohn und Rilke geheiratet, da war die Welt, die sie so schwärmerisch erneuern wollten, noch heil. Jetzt sind sie alle miteinander zerstritten, den Rilke, der auch mal auf dem Bild war, hat Vogeler übermalt. Das Bild zeigt auch die Grenzen von Vogeler als Maler. So akzeptabel er in seinen Buchillustrationen und in der Gestaltung der Güldenkammer des Bremer Rathauses ist, malerisch toll ist das Ganze nicht. Die Figuren wirken letztlich wie tot, weil alles nur plakativ zweidimensional ist. Man vergleiche es nur einmal mit dieser Frühstücksszene von Peder Severin Krøyer oder mit Krøyer sommerlichem Gartenfest.

Das →Albertinum in Dresden eröffnet heute eine Ausstellung zu Paula Becker-Modersohn und Edvard Munch. In →Bremen beginnt ein zweijähriges Ausstellungsfest. Zu Paulas hundertfünfzigstem Geburtstag und 2027 zur Hundertjahrfeier des Paula Becker-Modersohn Museums. Die Dresdner Ausstellung wird im nächsten Jahr auch gezeigt werden. In diesem Blog wird Minna Hermine Paula Becker erwähnt in den Posts: Malweiber, Kunsthalle Bremen, die Bremer Rembrandts, 200 Jahre Bremer Kunstverein, Worpswede, Skagen, Hans am Ende, Marschendichter, Willi Vogel, Niedersachsenstein, Anna Feldhusen, Tante Aline, Heinrich Vogeler, Nordlichter, Malerinnen

Donnerstag, 5. Juni 2025

Malweiber

Als ich in dem Post Marie Krøyer das Wort Malweiber benutzte, zögerte ich einen Augenblick. Das Wort, das man heute ironisch für die ersten Malerinnen in der Kaiserzeit verwendet, war im 19. Jahrhundert nur ein Schimpfwort. Im Simplicissimus konnte man 1901 unter der Zeichnung Malweiber von Bruno Paul lesen: Sehen Sie, Fräulein, es giebt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent. Und auch Peder Severin Krøyers Satz Aah, diese Damen, diese Damen, die alle malen wollen – lasst mich frei sein – ich will auf keinen Fall Schülerinnen – fertig beschreibt die Abneigung gegen die Frauen, die malen wollen. 

Und bei Paula Becker-Modersohn klingt es nicht unbedingt positiv, wenn sie →1899 aus Worpswede ihren Eltern schreibt: Viel leichtes Gelichter, viel kleine Malweiblein haben ihren Einzug auf unserem Berg gehalten. Viele Malerinnen (auch Paula Becker-Modersohn) wollen nach Paris, wie die Frauen auf diesem Gemälde. 

Aber Paris ist für viele junge Frauen eine große Enttäuschung: 1890 kam ich nach Paris. Hier ging mir eine neue Welt auf. Die ersten Besuche im Louvre betäubten mich fast. Aber von den Schulen, die ich sah, war ich enttäuscht, dort gefiel mir nichts. Ich entschloß mich, allein zu arbeiten und Rat und Urteil nur im Kreise einiger junger gleichgesinnter Freunde, fast alles Dänen und Norweger, zu sehen zu suchen. Das sagt die Lübeckerin Marie Dorette Caroline Schorer, die sich in Paris Maria Slavona nennt. Sie kann sich nennen wie sie will. Wenn man solche Bilder malen kann, dann ist man ganz oben. Wer nicht nach Paris geht, und das sind viele Malweiber, begnügt sich mit den überall entstehenden kleinen Künstlerkolonien: FischerhudeNiddenDachau (als der Ort noch einen guten Namen hatte) oder Hiddensee

Die Künstlerkolonie Frauenchiemsee hat es in der Kunstgeschichte ja nicht geschafft, in einem Namen mit Worpswede genannt zu werden. Der große 599-seitige Katalog Künstlerkolonien in Europa vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg 1982, erwähnt die Maler vom Chiemsee überhaupt nicht. Den Katalog hat mir mein Freund Peter mal zu Weihnachten geschenkt, und ich habe ihn sehr genau gelesen. Es ist sicherlich eine kleine Ironie der Kunstgeschichte, dass die erste wissenschaftliche Studie zu den Chiemseemalern, Ruth Negendancks Künstlerlandschaft Chiemsee, im Jahre 2008 im Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude erschienen ist. Fischerhude liegt nicht am Chiemsee. Das liegt auf der Landkarte neben Worpswede und ist der Ort, wohin Otto Modersohn und andere gezogen waren, als ihnen Worpswede nicht mehr gefiel. Ich kenne mich da aus, die Schwester meiner Freundin Gudrun arbeitete da im Museum.

Doch die Malweiblein haben sich ihren Platz in der Gesellschaft erobert. Der Anteil der hauptberuflich tätigen Künstlerinnen steigt von 1895 bis 1925 von zehn auf zwanzig Prozent. Inzwischen gibt es Bücher wie Die Malweiber: Unerschrockene Künstlerinnen um 1900 und Ausstellungen wie Die Malweiber von Paris

Für manche endet die künstlerische Karriere mit der Ehe. Da ist das Leben der Matisse Schülerin Mathilde Vollmoeller, die den Maler Hans Purrmann heiratet, ähnlich wie das Leben von Marie Krøyer. Beide verkümmern als Malerin im Schatten ihres Mannes. Und die Kunstgeschichte hat beinahe hundert Jahre gebraucht, um sie neu zu entdecken. In dem Post Malerinnen habe ich geschrieben: Dieser Blog hat immer wieder Malerinnen vorgestellt, von denen manche nicht so bekannt waren. Das ist ja auch so eine geheime Maxime dieses Blogs, dass hier Dinge stehen, die woanders nicht stehen.

Viele der deutschen Malerinnen haben in den 1930er Jahren ein schweres Schicksal. Wie Lotte B. Prechner, die Deutschland verlassen muss. Oder Dora Bromberger (von der dieses Bild stammt), die 1942 in dem Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk zusammen mit ihrer Schwester →Henny ermordet wird. Ihre Freundin, die Malerin Elisabeth Noltenius, schreibt 1944 in ihr →TagebuchBeim langsamen Zurückgehen unserer Truppen in Richtung Minsk gehen die Gedanken schwer zu den jüdischen Bremer Menschen, die in den nie zu vergessenden Novembertagen ausgewiesen wurden ins Ghetto nach Minsk. Wo sind heute die lieben Brombergers, die wir nicht vor dem grausigen Schicksal bewahren konnten, aus ihrem kleinen Haus ausgetrieben zu werden, trotz Besuch bei der Gestapo. Wie herzzerreißend diese wahrhaft große Haltung! Kein Wort der Anklage. Diese Rasse ist im Tragen und Dulden uns weit überlegen!

Elisabeth Noltenius hatte sich für Dora Bromberger starkgemacht und Bilder von ihr bei Ausstellungen in ihrem eigenen Haus gezeigt. Sie war bei der Gestapo vorstellig geworden, als sie hörte, dass Dora deportiert werden sollte. Sie konnte nur froh sein, dass die Gestapo ihr Haus nicht durchsuchte und ihr Tagebuch fand. Die Bremerin Dora Bromberger hatte in München und Paris studiert und war in den 1920er Jahren in Bremen recht berühmt. Nach 1933 kamen Berufs- und Ausstellungsverbot. Dieses wunderbare Bild mit dem Titel Vorfrühling habe ich einmal in einer Ausstellung gesehen, die Bremer Malerinnen gewidmet war. Ich war hin und weg von dem Bild, aber ich wusste nichts von der Malerin. 

Inzwischen besitze ich das Buch Die Brombergers: Schicksal einer Künstlerfamilie von Rolf Rübsam, das 1992 im Bremer Donat Verlag erschienen ist. Der Autor, der Lehrer an meinem Gymnasium war, hat für seine Verdienste zu Recht das →Bundesverdienstkreuz bekommen. Bremer Malerinnen gab es in diesem Blog schon mit Anna Feldhusen, Aline von Kapff und Elisabeth Steinecke. Ich glaube ich mache damit irgendwann mal weiter. 


Montag, 2. Juni 2025

Marie Ellenrieder

Die Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder (die am 20. März 1791 geboren wurde) hatte ich schon in SILVAE, hatte aber vergessen, sie hier einzustellen. Sie gehört unbedingt in diesen Blog. Religiöse Kunst war eins ihrer Themen, die Altarbilder für die Kirche in Ichenheim von 1822 waren die ersten Bilder einer deutschen Malerin für eine katholische Kirche. Portraits der bürgerlichen Gesellschaft und des Adels war ein anderes Thema. Sie hatte als Miniaturmalerin begonnen, das kann man diesem Selbstportrait aus dem Jahre 1819 noch ansehen.

Sie wird 1813 als erste Frau an der Münchener Kunstakademie angenommen. Nicht, weil sie so gut malen kann; sie gilt als Sozialfall, sie ist beinahe gehörlos. Die Protektion des Generalvikars Ignaz Heinrich von Wessenberg hat dabei wohl auch eine Rolle gespielt. Ihre Kollegin Louise Seidler, die Ellenrieder in Rom kennenlernt, wird in ihrer Autobiographie dazu sagen: Mit der Aufnahme Maria Ellenrieders als Schülerin der Akademie zu München war übrigens ein Präcedenzfall geschaffen, der von guten Folgen war, mehr als Eine meines Geschlechts hat sich in der Isarstadt ausgebildet, und zwar weder zum Schaden der Kunst, noch zum Nachtheil der weiblichen Würde. Louise Seidler und Katharina von Predl, mit denen die Ellenrieder befreundet sein wird, werden die nächsten Frauen an der Münchener Akademie sein. Von den Aktkursen sind die Malerinnen allerdings ausgeschlossen.

1823 malt Marie Ellenrieder diese Maria mit dem Jesusknaben an der Hand, ein Bild, das als ihr malerisches Hauptwerk gilt. Da war sie in Rom gewesen und war von den Nazarenern beeinflusst worden. Wir mögen das heute scheußlich finden, aber in der Romantik fand man so etwas schön. So schrieb Ludwig Robert an seine Schwester Rahel Levin VarnhagenEs ist jetzt hier Kunstausstellung im Museum; einige gute Landschaften, sonst nichts von Bedeutung. Aber es befindet sich dabei das beste Bild, das (meinem innigen Gefühle nach) in neuester Zeit gemahlt worden ist; und dieses Bild ist – ja! – eine Madonna! und diese Madonna hat gemahlt – ja! – ein Frauenzimmer! Mamsell Maria Ellenrieder aus Constanz, von armen Ältern gebohren, von einem Münchner Professor unterrichtet: dann mit Fl 200! jährlicher Unterstützung vom hiesigen Hofe in Rom gewesen.…Berstedt hat 100 Carolin gebothen; aber die Künstlerin kann nicht darüber disponieren, weil sie es ihrem Vater geschenkt hat“.

Ludwig Robert war nicht der einzige, der derart begeistert war. 1827 wurde sie mit der neu geschaffenen goldenen Medaille Für Kunst und Gewerbfleis ausgezeichnet wurde. Großherzog Ludwig ernannte sie 1829 zur Badischen Hofmalerin mit einem jährlichen Ehrendsold von 300 Gulden. Angelika Kauffmann, mit der sie 1992 in Konstanz eine Ausstellung teilen wird, wurde in England reich und berühmt, Marie Ellenrieder gelang das in ihrem Heimatland. Sie hätte ein Vorbild für die Malweiber am Ende des 19. Jahrhunderts sein können, aber die werden sich nicht auf sie berufen.

Am besten ist sie mit ihren Selbstportraits, wie dem im ersten Absatz und im Absatz oben. Was sie nicht unbedingt kann, ist eine Gruppe wie diese, die den General Georg Heinrich Krieg von Hochfelden und seine Gattin zu Pferd zeigt. Das hätte der Berliner Franz Krüger, den man den Pferde-Krüger nennt, viel besser gekonnt. In einem Künstlerlexikon aus dem Jahr 1914 wird Marie Ellenrieder  als die bedeutendste Malerin Deutschlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert bezeichnet. Das ist sicherlich richtig, auch wenn ihr Ruhm heute ein wenig verblasst sit.

Der Amerikaner Jack Daulton, der eine erstaunliche Sammlung zum Symbolismus hat, besitzt auch zahlreiche Bilder von Marie Ellenrieder. Zu ihrem 150. Todestag erschien 2013 der Katalog Einfach himmlisch! Die Malerin Marie Ellenrieder 1791-1863, aus dem man hier einen Aufsatz von Edwin Fecker, der auch Ellenrieders Druckgraphik herausgegeben hat, lesen kann. Zwanzig Jahre früher war in Konstanz der Katalog "... und hat als Weib unglaubliches Talent" (Goethe). Angelika Kauffmann (1741-1807) - Marie Ellenrieder (1791-1863): Malerei und Graphik erschienen. Man hat sie in ihrem Heimatort Konstanz und in Karlsruhe, wo sie lange tätig war, bis heute nicht vergessen. In diesem Blog, in dem immer etwas aus der Vergangenheit ausgekramt wird, auch nicht.

Sonntag, 1. Juni 2025

beinahe vergessen

Mit diesem 1929 gemalten Bild, das Die Jazzsängerin heißt, sind wir im Jazz Age, den Roaring Twenties. Wir können das Bild auch unter dem Thema der Neuen Sachlichkeit rubrizieren; einem Begriff, den der Bremer Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub mit seiner Mannheimer Ausstellung Neue Sachlichkeit: Deutsche Malerei seit dem Expressionismus geprägt hat. Ulrike Groos, die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, hat zu dem Bild gesagt: Es stammt von Lotte B. Prechner, einer Jüdin, die von den Nazis als entartet eingestuft wurde. Das Bild war verpönt, weil es das Saxophon in den Vordergrund stellt, das auch deshalb als öbszön eingestuft wurde, weil es eine phallischen Form hat. Die Aufbruchstimmung der Weimarer Republik hielt Prechner 1929 in ihrem Gemälde ›Jazztänzerin‹ fest. Sie stellt den modernen, emanzipierten Frauentypus der 1920er Jahre dar, der, androgyn gekleidet mit Hut und langer Hose, an Marlene Dietrich er­innert und selbstbewusst zu Jazzmusik tanzt.

Die Malerin und Bildhauerin Lotte Bertha Prechner hatte ihre große Zeit in den zwanziger Jahren, sie war in vielen Ausstellungen vertreten. Vier Jahre nach dem Bild der Jazzsängerin hatte sie Berufsverbot, weil sie von einer jüdischen Mutter abstammte. Ihre Bilder, die in Kunsthallen hingen, wurden als entartete Kunst entfernt. Sie wandert mit ihrem Mann nach Brüssel aus. Sie wird nie mehr nach Deutschland zurückkehren, lebt in Brüssel und bei ihrer Tochter in Italien. Sie wird neunzig Jahre alt werden und bis ins hohe Alter künstlerisch tätig sein. 

Ihre Tochter wird dafür sorgen, dass die inzwischen vergessene Malerin nicht vergessen bleibt, sie vermacht den Nachlass dem LVR-Landesmuseum Bonn. Dieses Bild, das den Titel Epoche hat, hatte Prechner 1928 auf der Jahresausstellung des Jungen Rheinland gezeigt, in dem Künstlerbund war sie Mitglied gewesen. Kunsthistoriker bezeichnen es heute als ihr Hauptwerk. 1998 erschien das Buch Lotte B. Prechner 1877–1967. Monographie und Werkverzeichnis, und in vielen neueren Ausstellungen über die Kunst der Weimarer Republik, wie zum Beispiel 2019 bei 'Zu schön, um wahr zu sein' – Das Junge Rheinland, war sie mit Bildern vertreten.

Meistens mit der Jazztänzerin oder dem Bild Epoche, das heute der Friedrich Ebert Stiftung gehört. Weil diese Bilder so plakativ sind, auch noch nach hundert Jahren. Ihre ganzen sozialkritischen Bilder, die sie nach dem Ersten Weltkrieg malte (in dem sie eine der wenigen zugelassenen weiblichen Kriegsmalerinnen war) kann man nicht so plakativ präsentieren. .Ich habe mir gedacht, dass Lotte Prechner (hier 1924 von ihrem Freund Otto Dix portraitiert) an ihrem Geburtstag einen kleinen Post bekommen sollte. Zu dem Bild der Jazzsängerin gibt es hier eine Seite. Aber viel wichtiger ist die von Dr Annette Bußmann verfasste Seite bei FemBio. Die kann man nur zur Lektüre empfehlen.