Mittwoch, 22. Juli 2020

Girlie Show


Edward Hopper hat heute Geburtstag, der kam im Poetry Month April hier schon häufiger vor, aber es kann eigentlich gar nicht genug von Hopper geben. Ich habe hier ein schönes Bild aus dem Jahre 1941 von ihm, das Girlie Show heißt. Die Stripperin ist, wie beinahe alle Frauen auf Hoppers Bildern, seine Ehefrau Jo. Ich habe zu dem Gedicht ein kleines Gedicht, das A Nude by Edward Hopper heißt. Es ist von Lisel Mueller, einer Autorin, die in Deutschland nicht sehr bekannt geworden ist. Obgleich es mit Brief vom Ende der Welt: Ausgewählte Gedichte seit dem Jahre 2006 eine zweisprachige Gedichtsammlung gibt.

Die 1924 in Hamburg geborene Deutschamerikanerin ist in diesem Jahr in dem gesegneten Alter von sechsundneunzig Jahren gestorben. Sie war 1939 mit ihrer Familie nach Amerika emigriert und ist dort in den sechziger Jahren als Dichterin berühmt geworden. Nach dem Tod ihrer Mutter, hatte sie begonnen, Gedichte zu schreiben. Das hat sie in dem Gedicht When I am Asked gesagt. 1992 hat sie in dem Gedicht Curriculum Vitae ihr Leben beschrieben:

1) I was born in a Free City, near the North Sea.

2) In the year of my birth, money was shredded into
confetti. A loaf of bread cost a million marks. Of
course I do not remember this.

3) Parents and grandparents hovered around me. The
world I lived in had a soft voice and no claws.

4) A cornucopia filled with treats took me into a building
with bells. A wide-bosomed teacher took me in.

5) At home the bookshelves connected heaven and earth.

6) On Sundays the city child waded through pinecones
and primrose marshes, a short train ride away.

7) My country was struck by history more deadly than
earthquakes or hurricanes.

8) My father was busy eluding the monsters. My mother
told me the walls had ears. I learned the burden of secrets.

9) I moved into the too bright days, the too dark nights
of adolescence.

10) Two parents, two daughters, we followed the sun
and the moon across the ocean. My grandparents stayed
behind in darkness.

11) In the new language everyone spoke too fast. Eventually
I caught up with them.

12) When I met you, the new language became the language
of love.

13) The death of the mother hurt the daughter into poetry.
The daughter became a mother of daughters.

14) Ordinary life: the plenty and thick of it. Knots tying
threads to everywhere. The past pushed away, the future left
unimagined for the sake of the glorious, difficult, passionate
present.

15) Years and years of this.

16) The children no longer children. An old man's pain, an
old man's loneliness.

17) And then my father too disappeared.

18) I tried to go home again. I stood at the door to my
childhood, but it was closed to the public.

19) One day, on a crowded elevator, everyone's face was younger
than mine.

20) So far, so good. The brilliant days and nights are
breathless in their hurry. We follow, you and I. 


Sie ist die einzige in Deutschland geborene Schriftstellerin, die den Pulitzer Preis für Dichtung bekommen hat. Die Mitteilung erhielt sie 1997 per Telegramm, der Text wurde ihr von einem Angestellten der Western Union am Telephon vorgelesen, der dem You were awarded the Pulitzer poetry prize today. Congratulations noch von sich aus hinzufügte: It’s nice to deliver good news for a change. Einen National Book Award hat sie auch bekommen, und im letzten Jahr auch das Bundesverdienstkreuz. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie das Schreiben aufgegeben The language no longer flows, hat sie gesagt. Aber in dem Gedicht A Nude by Edward Hopper fliesst die Sprache noch.

A Nude by Edward Hopper

The light
drains me of what I might be,
a man’s dream
of heat and softness;
or a painter’s
—breasts cozy pigeons,
arms gently curved
by a temperate noon.

I am
blue veins, a scar,
a patch of lavender cells,
used thighs and shoulders;
my calves
are as scant as my cheeks,
my hips won’t plump
small, shimmering pillows:

but this body
is home, my childhood
is buried here, my sleep
rises and sets inside,
desire
crested and wore itself then
between these bones—
I live here.

Wenn wir dem glauben, was sie in dem Gedicht Muse sagt, dann blickt sie beim Schreiben auf Hoppers Bild NighthawksWhat I look at when I type is a poster: Edward Hopper's Nighthawks. It is there to keep me honest. Gail Levins hat in ihrem Buch The Poetry of Solitude: A Tribute to Edward Hopper Muellers A Nude by Edward Hopper abgedruckt, aber auch noch ein zweites Gedicht von Lisel Mueller aufgenommen, das American Literature heißt und neben dem Bild Sun in an Empty Room steht:

Poets and storytellers
move into the vacancies
Edward Hopper left them.
They settle down in blank spaces,
where the light has been scoured and bleached
skull-white, and nothing grows
except absence. Where something is missing,
the man a woman waits for,

or furniture in a room
stripped like a hospital bed
after the patient has died.
Such bereft interiors
are just what they’ve been looking for,
the writers, who come with their baggage
of dowsing rods and dog-eared books,
their uneasy family photographs,
their lumpy beds, their predilection
for starting fires in empty rooms.



Noch mehr Edward Hopper in den Posts: Edward HopperEinsamkeitythlafJo Hopper (und Eddie)The cure for loneliness is solitudeHopper is saying, I am VermeerHoppers Welt der Einsamkeit

Sonntag, 12. Juli 2020

Charles Chaplin


In dem Pariser Auktionshaus staunte man am 5. Juni 1922 nicht schlecht, dass bei der Auktion auf das Landschaftsbild eines längst vergessenen Malers derartig hohe Gebote abgegeben wurden. Der Höchstbietende wird auch nicht schlecht gestaunt haben, als ihm das Bild zugeschlagen wurde. Er hatte darauf spekuliert, dass das Bild ein unbekanntes Werk des Filmschauspielers Charlie Chaplin war. Das war der New York Times die kleine Schlagzeile Bid High for Chaplin Picture, But it Wasn't by Charlie wert. Der Maler hieß Charles Joshua Chaplin, nicht Charles Spencer Chaplin.

Ein halbes Jahrhundert vor der Auktion war der Maler, der am 30. Januar 1891 starb, ein berühmter Mann gewesen, der Lieblingskünstler der Kaiserin Eugénie. Er hatte die Landschaftsmalerei aufgegeben und malte nun Bilder wie dieses, spärlich bekleidete Frauen, die ein wenig nach der Malerei des Rokoko aussahen. Akademische Erotik für das Boudoir des Zweiten Kaiserreichs. Ich hätte den Maler, der am 30. Januar 1891 starb, in den Posts Demimonde und les grandes horizontales erwähnen können, habe es aber gelassen, weil ich dachte, dass ich ihn noch einmal für einen anderen Post gebrauchen könnte.

Mit seinem ersten Portrait, von dem wir leider nur diesen Heliogravüre von Adolphe Pierre Riffaut haben, begibt sich der junge Charles Chaplin in die Welt der Demimonde. Der Graf Pierre de Castellane, der später Bücher über seine Zeit als Offizier in Algerien schreiben wird, möchte gerne seine Geliebte portraitiert haben. 250 Francs will er dafür bezahlen, ein Auftrag, den der Maler gerne annimmt. Er bringt, als er bei der Dame am Boulevard de la Madeleine Nummer 11 vorspricht, zwei Bilder von Frauen mit, die einzigen Frauen, die er bisher gemalt hat. Es sind zwei Madonnen, die er im Louvre kopiert hat. Die junge Frau, gerade dem Bett entstiegen und noch im Déshabillé, bricht in ein Gelächter aus. Man hat sie schon alles mögliche genannt, aber eine Madonna ist sie wahrlich nicht.

Nach der ersten Sitzung hat sie ihn in ihrer Kutsche mitgenommen in den Bois de Boulogne, plötzlich waren die beiden von Menschenmassen umringt. Da merkte er, dass sein Modell Marie Duplessis berühmt sein musste. Maler und Modell waren gleich alt, sie freunden sich an, die Klatschpresse ist voller Gerüchte über die Duplessis und einen jungen unbekannten Maler. Drei Monate später ist sie schon tot. Aber sie wird bis heute weiterleben. In der Literatur, da ist sie dann Marguerite Gautier in Dumas' La dame aux camélias, in der Oper, da ist sie Violetta Valéry in La Traviata. Dumas hat immer behauptet, dass er das Motiv der Kamelien erfunden hätte, aber sie liebte diese Blumen wirklich. Die Forschung hat ihre Blumenrechnungen aufgetrieben: immer wieder Kamelien, weiße und rote. Auf diesem Bild von Camille Roqueplan ist Marie Duplessis bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt im Theater zu sehen. Ohne Blumenschmuck. Sie war schon schwach, ihre Diener hatten sie in die Loge tragen müssen.

Charles Chaplin soll drei Stunden nach ihrem Tod noch eine Zeichnung von Marie Duplessis gemacht haben, aber man weiß nicht, ob das Bild wirklich echt ist. Dieses Bild von Chaplin zeigt nicht die berühmte Courtisane, es heißt Après le Bal masqué, nach dem Maskenball. Erschöpft vom Tanz hat sich eine junge Dame entkleidet und liegt ausgebreitet vor uns, viel mehr an Erotik geht in dieser Zeit nicht.

Das Bild von Marie Duplessis war sein erstes Portrait einer Frau, von nun an wird er nichts anderes mehr malen. Nicht mehr die Landschaft der Auvergne, die er so liebte. Er verabschiedet sich von Realismus und Naturalismus und malt nur noch Frauen, die ein wenig nach François Boucher aussehen. Manchmal auch ein wenig nach Gainsborough, den er sorgfältig studiert hat. Er richtet auch eine Malerschule ein. Natürlich für Frauen. Zu seinen Schülerinnen zählen Eva Gonzalès (die schon in dem Post Kindermädchen erwähnt wird), Mary Cassatt und Louise Abbéma. Er ist heute nicht ganz vergessen, der Markt ist voll mit Reproduktionen seiner Werke, und ein echtes Damenportrait von ihm kann schon mal 42.000 Dollar kosten. Il sait le sourire d’une femme et c’est très rare, hat Manet über ihn gesagt, das ist ein schöner Satz: das Lächeln der Frauen verstehen.

Samstag, 27. Juni 2020

Die Rote


Der nachträglich laminierte Pappband des Buches fällt schon ein wenig auseinander, das Buch ist sechzig Jahre alt und schon mehrfach gelesen. Vorne steht Leseexemplar drauf, und auf der Rückseite findet sich der Satz Die Herren Rezensenten und die Redaktionen werden gebeten, Besprechungen keinesfalls vor dem 10. September 1960 zu veröffentlichen. Dass auch Frauen Bücher rezensieren könnten, das konnte man sich beim Walter Verlag (bei dem auch Arno Schmidts Edgar Allan Poe Übersetzung erschien) nicht vorstellen. Die Herren Rezensenten hießen Robert Neumann (der in der Zeit die Rezension Mein Feind Alfred Andersch schrieb) und Marcel Reich-Ranicki, der seinem Hass auf den Autor auch noch nach einem halben Jahrhundert freien Lauf ließ: Das Urteil über die 'Rote', die ich vor genau fünfzig Jahren ausführlich (leider!) besprochen habe, lautet auch bei mir (damals und heute) 'grauenhaft und kitschig'. Dass der Roman 'ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur' sei, ist Mumpitz und Humbug. Vielleicht hätte man beim Verlag nicht nur an die Herren Rezensenten denken sollen, sondern den Roman Die Rote von Alfred Andersch auch mal einer Frau zum Lesen geben sollen.

Ich war wenige Monate im Internet, als ich Marcel Reich-Ranicki zum erstenmal beleidigte, ich wiederholte das mit Vergnügen in dem Post Martin Walser, und ich könnte es ad infinitum wiederholen: der Mann mit dem prolligen Auftreten war nie ein seriöser Literaturkritiker. Er war auch nie ein Literaturwissenschaftler, dazu fehlte ihm das Rüstzeug; was er lautstark und häufig voller Haß abgab, waren Geschmacksurteile. Ich zitiere noch einmal etwas, was ich einem Kommentator des Walser Posts antwortete: Meine Abneigung gegen Herrn Reich-Ranicki beruht darauf, dass er nicht seriös ist und niemals seriös war. Er versteht, für einen Literaturkritiker erstaunlich, nichts von Literaturwissenschaft. Wahrscheinlich ist er sogar noch stolz darauf. Er ist ein Relikt der 50er Jahre, als man in Deutschland jemanden wie Benno von Wiese für einen bedeutenden Professor hielt. Die griechische Philosophie hatte eine nützliche Unterscheidung zwischen den Begriffen 'doxa' und 'episteme'. 'Doxa' ist die subjektive Meinung, dafür braucht es nicht viel. Der Gegenbegriff ist eine von Wissen und Kenntnis begründete Meinung. RR ist über den Bereich der 'doxa' nie hinausgekommen.

Im Internet hat ein gewisser Boris vom Berg (?) eine Seite, auf der er Bücher rezensiert. Dort findet sich auch eine Besprechung von Die Rote, die mit dem Zitat von Reich-Ranicki und den Sätzen endet: Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen! Fazit: miserabel. Aber nicht jedermann lässt sich diesen Unsinn bieten, und so findet sich dort auch ein schöner Kommentar: Schäbige Rezension: 3/4 ist Inhaltsangabe, davon die Hälfte fast wörtliches Zitat, einmal visuell durch die Erzählung geflogen, nichts verstanden. Jede Diffamierung unbegründet, am Ende wird für die Wirkung schnell noch die Nähe der eigenen Meinung zum ewigen Literaturpapst als Qualitätsnachweis mitgenommen: Dämlich und ohne jede glaubwürdige Aussage. Abstoßend selbstverliebt und enttäuschend … bullshit. Für so etwas ist man denn schon wieder dankbar.

Es hat 1960 auch andere Stimmen als die von Reich-Ranicki zu dem Roman von Andersch (hier in Mailand, wo auch der Roman beginnt) gegeben. So konnte man in der Hannoverschen Rundschau lesen: Ein außerordentliches Buch, eine Dichtung von Rang, brillant erzählt und erfüllt von der Erfahrung, der Erlebniskraft und dem Wissen eines Mannes, der mehr als einmal Gelegenheit gehabt hat, dieser unserer Zeit ins Notizbuch zu schauen. […]. Eine Geschichte von nahezu klassischer Einfachheit der Motive. Schauplatz ist das winterliche Venedig und es gehört zu den literarischen Ereignissen dieser Saison, von Alfred Andersch in die seltsame Atmosphäre der hier sonnenlosen, trüben, fast greisenhaften Stadt geführt zu werden. […]. Übrigens spricht es doch sehr für die Reife des heutigen literarischen Publikums, daß so ein anspruchsvoller Roman zum Bestseller werden kann.

Alfred Andersch hat in diesem Blog schon den Post Alfred Andersch, er taucht auch noch häufiger auf, zuletzt in dem Post Dümmer=Sex, weil er es war, der den Roman Seelandschaft mit Pocahontas seines Freundes Arno Schmidt veröffentlicht hat. Der Roman Die Rote wird in zwei Posts erwähnt, die beide mit dem Film zu tun haben: Steve Cochran und Ruth Leuwerik. In dem Post Steve Cochran geht es um Michelangelo Antonionis Film ✺Il Grido.

Fabio Crepaz, eine der Hauptfiguren von Die Rote, fühlt sich nach einem Kinobesuch von der Figur des Aldo (gespielt von Steve Cochran) existentiell berührt, er denkt sich - während er uns den Film nacherzählt - in Aldo hinein: Fabio rauchte eine Zigarette und dachte über den Mann nach, den er gestern nachmittag in dem Kino in der Calle Larga gesehen hatte, er hatte den Sonntag nachmittag benutzt, um sich Antonionis neuen Film anzusehen, Fabio liebte gute Filme leidenschaftlich, das Schauspiel faszinierte ihn stets von neuem, aber gestern hatte er mehr gesehen als einen Film, er hatte einen Mann beobachtet, den er nicht aus seinen Gedanken brachte, weil er ihn an etwas erinnert hatte, was ihm, Fabio, fehlte. Dieser Mann hatte sich vor seinen Augen in einem Gelände bewegt, das in Fabios Leben eine weiße Fläche geblieben war. Antonioni hatte ihn gezeigt wie ein Gelehrter, der ein seltsames Insekt vorführt; er wies ihn auf einer Fläche aus weißer Leinwand vor, weiter nichts; er überließ es Fabio, seine Schlüsse selbst zu ziehen.

Dass Literatur in den Film wandert, das kennen wir (Sie könnten jetzt mal eben den Post The Go-Between lesen), aber dass ein Film in die Literatur wandert und dort eine wichtige Rolle hat, das ist selten. Reich-Ranicki hat Antonionis Film Il Grido nicht gekannt, er kann ja alles besprechen, auch das, was er nicht kennt. Wahrscheinlich wäre Il Grido für ihn auch Mumpitz und Humbug. Für Andersch ist es das nicht, das kleine Kapitel Das Meer, in dem Fabio Crepaz den Film nacherzählt, hat eine strukturelle Bedeutung für den Roman.

Und dieses Bild von Giorgione (Der Sturm) auch: Für ihn war es die Darstellung der ewigen Trennung zwischen Mann und Frau. Auf dem einen Ufer saß die Frau, nackt und innig in ihren kleinen Fruchtbarkeits-Ritus verzaubert, hell beleuchtet, eine klare biologische Formel, während auf dem anderen Ufer der Mann stand, dunkel, schön, lässig, genießerisch, verliebt, er hatte schon ein Kind gezeugt, und das Glied spannte sich schon wieder im Lederbeutel der Tracht des Jahres 1500; jung und getrieben, geistig und rätselhaft, hatte er sich noch einmal umgewendet, aber das Wasser – 'er könnte leicht hinübergehen' – lag unüberschreitbar dunkel und tief zwischen ihm und der Mutter mit ihrem Kind indes der Wolkenhimmel aller Jahrhunderte von einem großen Blitz durchzuckt wurde.

Literarische Texte zitieren andere literarische Texte, das wissen wir, spätestens seit der Holländer Herman Meyer sein Buch Das Zitat in der Erzählkunst geschrieben hat, Literatur kommt von Literatur. Andersch geht mit seinem Zitieren noch ein wenig weiter, Intertextualität ist ein Stilmittel dieses Romans. Andersch erzählt viele Geschichten, die er kunstvoll verknüpft und stilistisch mit innerem Monolog und wechselnden Erzählperspektiven immer wieder variiert. Antonionis Film und Giorgiones Gemäldes haben mit Fabio Crepaz zu tun. Der war Kommunist (wie Andersch in jungen Jahren), war im Spanischen Bürgerkrieg, dann bei den italienischen Partisanen mit Zweiten Weltkrieg. Jetzt will er mit der Partei nichts mehr zu tun haben, jetzt ist er nur noch Geiger in der Oper von Venedig in diesem großen und vielschichtigen Roman über Italien. Ein Werk so denkwürdig wie selten - das Geschenk eines europäischen Schriftstellers an Italien, urteilte La Fiera Letteraria. Von Mumpitz und Humbug war in der Zeitschrift aus Rom nicht die Rede.

Wir sind für vier Tage im Winter in Venedig, wohin es die aus ihrer Ehe geflohene rothaarige Franziska verschlagen hat. Und wo sie in einen Kriminalroman gerät, in dem ein ehemaliger Beamter der Gestapo und ein ehemaliger britischer Geheimagent eine Rolle spielen. Ich bin in einen Kriminalroman geraten, das gibt es doch gar nicht, Kolportage gibt es doch gar nicht, es gibt keine 'gangs', keinen Untergrund, keine Verfolgungen, das sind doch Erfindungen von Chandler, von Spillane, denkt Franziska. Das ähnelt dem Satz einer Romanfigur in Graham Greenes The Ministry of FearThe thrillers are like life...The world has been remade by William Le Queux.

Der Roman ist sicher auch ein Kolportageroman, aber das ist für Andersch ein Mittel zum Zweck, um die Geschichte von Fabio und Franziska zu erzählen. Der Kritiker Kurt Lothar Tank hatte das scharfsinnig erkannt, als er damals schrieb: Das klingt nach Klischee und Kriminalroman, und das ist auch Klischee und Kriminalroman. Aber zugleich ist es, ähnlich wie bei Graham Greene, die einzig mögliche Doppelkulisse, in der es glücken kann, 'der Wahrheit' habhaft zu werden. Dass die Szenen zuweilen reißerisch sind, sagt auch Heinz Piontek, aber erfügt hinzu: So raffiniert wie hier hat Andersch wohl niemals wieder eine Geschichte eingefädelt, die Effekte sind genau kalkuliert. Wahrscheinlich ist es diese Ebene des Romans, die ihm einen großen Erfolg bei den Lesern bescherte.

Aber die beiden anderen Geschichten, die von Fabio Crepaz und der Romanheldin Franziska (die Antonionis Film auch im Kino gesehen hat), sind viel interessanter. Wann haben wir im deutschen Roman der Nachkriegszeit schon einmal eine solche Frauenfigur? Intelligent und gebildet, sicher und unsicher zugleich. Und Sex ausstrahlend, sodass die Männer ihr und ihren wehenden roten Haaren bewundernd und obszön nachstarren. Leser werden heute Ruth Leuwerik vor Augen haben, die in Käutners Verfilmung die Franziska spielt. Sie hat mit der Romanfigur wenig gemein, sehr, sehr wenig.

Andersch, der an dem Film ✺Die Rote mitzuarbeiten versucht hatte, schreibt an seinen Freund, den italienischen Komponisten Luigi Nono, nachdem der Film von den Kritikern verrissen worden war: Eines der schrecklichsten Erlebnisse meines Lebens. Alles Kitsch, Kitsch, Kitsch! Käutner und die Dame Leuwerick haben alles kaputt gemacht. Ich hätte mich nie auf eine Zusammenarbeit mit diesen Leuten einlassen dürfen… Ein Jahr verloren! Das einzig Positive war die Kameraarbeit des Italieners Otello Martelli, dem es in den Außenaufnahmen gelingt, den genius loci Venedigs, der auch den Roman beherrscht, einzufangen. Er war nicht irgendjemand, er hatte Meisterwerke ✺Bitterer Reis und La Strada photographiert. Aber gegen die Leuwerik und einen vollgekoksten Käutner kommt auch der beste Kameramann nicht an.

Man mag sich nicht vorstellen, was geschehen wäre, wenn Michelangelo Antonioni den vom Neorealismus und Existentialismus geprägten Roman von Andersch verfilmt hätte. Allerdings ist sein Film ✺L'avventura (aus dem dieses Bild stammt) in Cannes ausgebuht und ausgepfiffen worden. Manche Regisseure sind ihrer Zeit voraus. Manche Romanautoren auch. Mit den Mitteln des Stilisten und bewußten Erzählers gestaltete Alfred Andersch hier einen der bedeutenden, von intensiver Wirklichkeit vibrierenden Roman der zeitgenössischen europäischen Literatur, steht hinten auf dem Cover von meinem Leseexemplar, der Verlag deutet den Herren Rezensenten schon an, was sie schreiben sollen.

Die einunddreißigjährige Franziska Lukas verläßt in Mailand, wo sie sich mit ihrem Mann auf Geschäftsreise befindet, plötzlich ihren Mann und setzt sich in den Zug nach Venedig: »Bahnsteig sieben«, sagte er höflich. Eine Ausländerin. Irgendwohin. Sie sind verrückt oder Huren oder beides. Eine Ausländerin, die irgendwohin fahren will und Geld genug hat, um ein Rapido-Billet nach Venedig zu bezahlen. Ein Viertel meines Monatsgehalts. Eine verrückte Hure. Wie ihre Haare flattern. Eine Rothaarige. Keine Italienerin läßt ihre Haare so flattern. Er sah ihr nach, bewundernd und obszön. Sie will nicht zurück nach Dortmund zu ihrem Geliebten, der der Chef ihres Mannes ist, sie gibt diese verlogene Dreiecksbeziehung auf. Sie gibt auch die materielle Sicherheit im Deutschland des Wirtschaftswunders auf. Sie ist sich nicht sicher, ob sie schwanger ist. Ihr Mann rät ihr am Telephon zur Abtreibung, aber sie kann sich nicht entscheiden. Sie ist eine starke Frau, aber sie ist auch unsicher. Sie hat so gut wie kein Geld bei sich, sie will bei einem Juwelier einen Brillantring verkaufen, der einmal sehr teuer war.

Der Erzähler läßt uns an den Gedanken des Juweliers teilhaben: Das ist eine, die sich auskennt. Eine Erfahrene, man sieht es ihr an. Aber nicht so erfahren, um sich wirklich wehren zu können, auch das sieht man ihr an. Eine Rote, wenn ihr Haar nicht gefärbt ist, eine sehr schöne Rote aus Deutschland, die Roten sollen gut sein im Bett, sie ist eine Feine, eine squisita, und sie kann sich nicht wehren. Ihr Haar ist nicht gefärbt und ihre Brillanten waren lupenrein. 'Sie sind in Schwierigkeiten', Signora, sagte er freundlich, 'ich will Ihnen entgegenkommen. Achtzehntausend, weil ich Ihnen glaube, dass der Ring von Carstens ist.' […] Sie sagte nichts, sie nickte nur, fast unmerklich, und er verstand sofort, ich habe das Geschäft gemacht. Was der Juwelier denkt, was Franziska denkt, was der Beamte am Schalter denkt, ist im Roman durchgehend in Kursivschrift gesetzt, das erleichtert das Lesen.

Da sind eine Menge Klischees und Platitüden in den Sätzen, aber der Autor streut das so mit leichter Hand dahin, er hat noch viel mit seiner Romanfigur mit den roten flatternden Haaren vor. Von der Handlung des Kolportageromans ganz abgesehen. Auf einer interessanten Internetseite bringt ein Interpret Franziskas Suche nach Freiheit mit der Zeile Freedom's just another word for nothing left to lose von Janis Joplin in Verbindung. Und damit sind wir wieder beim Existentialismus. Sartre, den Andersch nach dem Krieg häufig las, hat gesagt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Mit dieser Freiheit muss Franziska jetzt leben. Sie wird in Italien bleiben und ihr Kind bekommen, selbst wenn sie weiß, dass ihre neue Heimat auch nur eine neue Fiktion ist: ich habe mich immer nur für diese Häuser interessiert, ich wollte hinter das Geheimnis solcher Häuser kommen, ganz Italien besteht aus solchen Häusern, in denen die Leute abends im Dunkeln sitzen und Geheimnisse bewahren, arme, bittere, leuchtende Geheimnisse, wahrscheinlich ist das Ganze eine literarische Idee, ausgelöst von neorealistischen Filmen, ein bißchen Faszination von der Poesie südlichen Proletariats, das italienische Proletariat ist literarisch en vogue, aber vermutlich bedankt es sich dafür, vermutlich wünscht es, auf die Poesie zu verzichten, wahrscheinlich findet es nicht einmal Geschmack an jenen Filmen, die zwar sein Leben zu verändern wünschen, aber zugleich dem optischen Zauber dieses Lebens verfallen sind.

Die negativen Kritiken, wie zum Beispiel die von Herrn Reich-Ranicki, hatten beim Autor Spuren hinterlassen. Er hat den Roman, den er am 29.12.1957 in Venedig begann und am 20.12.1959 in Berzona beendete, umgeschrieben. Das letzte Kapitel Das Geheimnis alter Häuser wurde ganz gestrichen, der 1972 neu erschienene Roman hat jetzt ein offenes Ende. Ich selbst halte das für einen Fehler, mir genügt mein Leseexemplar, das mich vor Jahrzehnten eine Mark gekostet hat. Es ist nach sechzig Jahren immer noch ein großartiger Roman.


Lesen Sie auch: Alfred AnderschSteve Cochran und Ruth Leuwerik. Sie können übrigens heute im Radio bei DLF Kultur Der Tod des James Dean von Alfred Andersch hören.

Dienstag, 9. Juni 2020

Maureen O'Hara


Turner Classic Movies (TCM) sendet heute den ganzen Tag Filme von Maureen O'Hara. Zur besten Sendezeit, abends um acht gibt es John Fords The Quiet Man. Obgleich sie schon vorher berühmt war, ist Maureen O'Hara mit diesem Film richtig berühmt geworden. TCM hat natürlich einen Anlass für dieses Filmfest: Maureen O'Hara wird heute neunzig. Und deshalb gehen unsere herzlichen Glückwünsche heute nach Glengariff in Irland. An der temperamentvollen rothaarigen Schönheit aus Irland, die mit Charles Laughton nach Hollywood kam, war alles echt. Na ja, außer dem Namen. Den hatte Charles Laughton, neben dem sie in Jamaica Inn spielte, für sie erfunden. Eigentlich hieß sie Maureen FitzSimmons. Sie hätte auch Sängerin werden können, das konnte sie auch (ihre Mutter war in Dublin als Sängerin berühmt). Sie ist auch in Musicals aufgetreten.

Sie hat beim Abbey Theatre in Dublin angefangen, zuerst als Mädchen für alles hinter der Bühne, aber mit vierzehn stand sie schon auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Sie hätte gerne Fußball gespielt, aber ihr Vater, dem der halbe Fußballclub Shamrock Rovers gehörte, war dagegen, eine Frauenfußballmannschaft zu gründen.

Es gab nie Skandale in ihrem Leben. Den einzigen Skandal erfand ein Magazin namens Confidential: Maureen O'Hara hätte in Grauman's Chinese Theatre in Reihe 35 mit ihrem Latin Lover herumgeknutscht. O'Hara, die zu dem Zeitpunkt des Knutschens bei Dreharbeiten in Spanien war, verklagte die Klatschpostille. Confidential erlebte das zweite Jahr seiner Publikation nicht mehr. Es gibt auch keine Nackphotos von ihr, wenn wir dies publicity still als Lady Godiva mal ausnehmen. Sie hat nie einen Oscar bekommen (war aber in den John Ford Filmen How green was my valley und The Quiet Man, die Oscars bekamen), aber viele berühmte Schauspieler haben auch nie einen gekriegt: Erroll Flynn, Cary Grant, Kirk Douglas, Kim Novak und Rita Hayworth. Um nur einige zu nennen. Und auch berühmte Regisseure wie Hitchcock, Orson Welles oder Howard Hawks haben die Academy Award nie erhalten.

Zu John Ford hatte sie eine Hassliebe, mit John Wayne hat sie gerne zusammen gespielt. In ihrem ersten gemeinsamen Film Rio Grande spielt sie die Gattin des Colonels Kirby Yorke. Wir sind in dem Film kurz nach dem Bürgerkrieg, und wenn der General Sheridan (der im Shenandoah Valley die Taktik der verbrannten Erde erprobt hatte) zu Colonel Yorke sagt I wonder what History will say about Shenandoah? antwortet Yorke I can tell you what my wife said about it. Colonel Yorke hatte befehlsgemäß die Plantage seiner Frau, einer Südstaatenlady, abgebrannt, Sergeant Quincannon hatte das Feuer gelegt. Wir können an dem Blick von Maureen O'Hara ablesen, dass sie Quincannon nicht so schnell verzeihen wird. Die Sache mit der niedergebrannten Plantage (die im Film immer wieder thematisiert wird) ist für Ford auch etwas Persönliches, denn General Phil Sheridan hatte das Haus von Vorfahren seiner Frau anzünden lassen. Rio Grande zeigt einen milden Ehekrieg, aber der Film gehört nicht zum Besten, was Ford gedreht hat. Obgleich er viele gute Szenen enthält, und auch herzzerreissenden Kitsch, wenn der Soldatenchor I'll take you home againKathleen singt. Die Photographie ist erstklassig, die immanente Ideologie ist zweifelhaft. Was den Film herausreisst sind Maureen O'Hara und John Wayne. Die spielen das entfremdete Paar, als seien sie seit zwanzig Jahren miteinander verheiratet.

Ford hat Rio Grande nur gedreht, weil das Studio eigentlich seinen nächsten Film The Quiet Man nicht wollte. Einen Western kann man verkaufen, aber Brautwerbung in einem irischen Dorf? Der deutsche Verleihtitel Die Katze mit den roten Haaren signalisiert ja schon eine gewisse Verzweiflung der Werbeabteilung. Eigentlich ist dies nichts anderes als The Taming of the Shrew auf Irisch in Farbe, damit die roten Haare von Maureen O'Hara schön herauskommen. The Queen of Technicolor hat man O'Hara genannt, und die New York Times schrieb 1954 Framed in Technicolor, Miss O'Hara somehow seems more significant than a setting sun.

Es ist ein Irland der Kerrygold Werbung, dieses fiktive Innisfree, in dem der aus Amerika in seine Heimatdorf zurückgekehrte Sean Thornton um Mary Kate Galaher wirbt. John Ford, der seine irischen Wurzeln in jeden Film hineinbringt, erfindet für sich sein eigenes Irland, so wie er seinen eigenen Westen erfunden hat. Und wahrscheinlich ist John Fords Westen auch nur sein Phantasie-Irland, das ins Monument Valley transportiert wurde. Obgleich das Gras da nicht so grün ist. Frauen haben es schwer in der Männerwelt von Sean Aloysius O'Fearna (das ist John Fords Geburtsname auf Gaelisch), sie haben eigentlich keine Hauptrollen in der Machowelt des Iren, der in Amerika geboren wurde.

Aber Maureen O'Hara kämpft sich in die Männerwelt von John Fords Filmen hinein, sie ist keine Nebenfigur in diesen Filmen. Wahrscheinlich lässt Ford es zu, weil sie eine echte Irin ist. Und weil sie tough ist. Dass die Chemie zwischen ihr und John Wayne stimmt und das Ganze dann auch noch funkensprühend herüberkommt, das ist natürlich ein schöner Nebeneffekt. Maureen O'Hara ist bei The Quiet Man noch aus einem anderen Grunde unentbehrlich. Ihr Vater hatte sie gezwungen, einen Beruf zu lernen, bevor sie endgültig zum Theater ging. Damit sie etwas Vernünftiges hatte, wenn das mal mit dem Thespiskarren nichts mehr wäre. Sie hat Buchhaltung gelernt. Und Steno, John Ford kann ihr jetzt das Skript diktieren. A man's kind of woman, hat Ford über O'Hara gesagt. Wahrscheinlich wäre sie die einzige Frau, mit der John Ford Whiskey trinken würde, aber den hatte er während der Dreharbeiten verboten.

Mit The Quiet Man hat sich John Ford seinen Traum erfüllt, sein Phantasie-Irland wird Realität (Amerika kann es an jedem St. Patrick's Day im Fernsehen sehen), kitschig, in furchtbar falschen Farben. Der Film ist entgegen den Erwartungen des Studios auch noch erfolgreich. Und bekommt Oscars und Oscar Nominierungen. Der einzige, der so gut wie nichts bekommt, ist der Autor der Story. Dem hatte Ford die Rechte schon Jahrzehnte zuvor (er wusste immer, dass er diesen Film machen wollte) für 10 Dollar (und einer Option von 2.500 Dollar bei der Realisierung des Filmes) abgekauft. Das irische Dorf, in dem der größte Teil des Filmes gedreht wurde, wird zu einem Touristenparadies. Dafür sind sie John Ford heute noch dankbar. Es gibt sogar einen Quiet Man Movie Club. Die haben es natürlich nicht versäumt, heute auf ihrer Homepage Maureen O'Hara zu gratulieren. Wir schließen uns da gerne an.













Sonntag, 7. Juni 2020

Daliah Lavi


In dem wunderbar bescheuerten James Bond Film Casino Royale spielte auch der junge Woody Allen (als Jimmy Bond) mit. Hier versucht er gerade einen Blick auf Daliah Lavis Busen zu werfen. Selbst wenn Sie den Film nicht kennen sollten, können Sie aus diesem Bild schon folgern, dass dieser Film mit den augenblicklichen James Bond Produktionen wenig zu tun hat. Casino Royale (den Clip sollten Sie unbedingt anklicken) war eine Parodie (mit Starbesetzung) auf die James Bond Filme. Vielleicht hätte die Monty Python Gruppe das noch eine Spur besser gemacht, aber die war damals noch nicht gegründet. Dass Daliah Lavi da mitspielen durfte, zeigt, dass sie damals auf dem Höhepunkt ihrer internationalen Karriere war.

Als sie in den siebziger Jahren ihre Karriere als Sängerin begann, hatte sie schon zehn Jahre als Schauspielerin hinter sich. Nichts wirklich Großartiges, aber das machte in den sechziger und siebziger Jahren nichts, Hauptsache man sah gut aus. Man (Frau) musste auch viel schwarzes Kohl um die Augen haben, denn wie schon Edward Gorey dichtete: The Wanton, though she knows its dangers / must needs smear Kohl about her eyes / and wake the interest of strangers / with long-drawn, hoarse, erotic sighs.

Und für das Plattencover machte sich damals ein möglichst fremdländischer Name immer gut. Exotische Schönheiten auf dem Plattencover waren jetzt das Äquivalent zu dem Bild der Nackten Zigeunerin im Wohnzimmer. An einen Namen wie Caterina Valente hatten wir uns in Deutschland ja schon gewöhnt, jetzt kamen Siw Malmkvist (Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling), Gitte Haenning (Ich will ’nen Cowboy als Mann), Nana Mouskouri (Weiße Rosen aus Athen), Rita Pavone (Wenn ich ein Junge wär), Mireille Mathieu (Akropolis adieu), Mina (Heißer Sand), Dalida (Am Tag als der Regen kam), Barbara (Göttingen) und Esther und Abi Ofarim (Morning of my Life). Und Françoise Hardy sang Peter und Lou (was die deutsche Version von Tous les garçons et les filles war), damals überlegte ich mir, ob ich meine Françoise Hardy Platten verschenken sollte. Aber ich habe sie behalten, man sollte zu seiner Vergangenheit stehen.

Es war die goldene Zeit des deutschen Schlagers, es war auch eine goldene Zeit für die Interpreten, vor allem, wenn sie goldene Schallplatten bekamen. Radikal neu war die Sangeskunst gegenüber der vorhergehenden Dekade nicht, also gegenüber den Caprifischern oder Wasser ist zum Waschen da von den Peheiros. Wenn man die deutschen Schlager kritisch untersuchen würde (was natürlich mehr oder weniger gut schon gemacht worden ist), könnte man wahrscheinlich viel über die deutsche Seele erfahren. Man dürfte an eine solche Untersuchung natürlich keine Spaßbremse wie Theodor W. Adorno heranlassen, dann bekommt man nur Sätze wie Schlager beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben.

Wer hat mein Lied so zerstört? Ich wollte singen was ich niemals sagen kann, hat sie einmal gesungen. In dem Jahr hatte sie mit Oh wann kommst du? und Willst du mit mir geh´n - noch zwei weitere Hits. Aber in dem Jahr kam auch Janis Joplin mit Me and Bobby McGee in die Charts. Die Generation, die man die 68er nennen würde, wird keine Daliah Lavi Platten mehr kaufen, da verhallte ihr Willst du mit mir geh´n ungehört. Esther Ofarim und Barbara konnte man kaufen, denn die gab es als Platten von der Zeitschrift Twen. Die hatte seit 1961 ein ambitioniertes Programm. Klicken Sie mal dies hier an: ein Kulturprogramm der counter culture.

Daliah Lavi, die erfolgreichste Schlagersängerin im Deutschland der siebziger Jahre, wird heute siebzig. Dazu senden wir herzliche Glückwünsche nach Amerika, denn da lebt sie heute. In einer Stadt namens Asheville in North Carolina; einer Stadt, die Eric Weiner in seinem Buch The Geography of Bliss als one of the happiest places in the United States bezeichnet hat. Es ist eine Stadt, in der Mitt Romney wenig Wähler haben wird. Bei den nächsten Wahlen wird Daliah Lavi natürlich Obama wählen.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Emily Dickinson


Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson wurde am 10. Dezember 1830 in Amherst geboren, einem Provinznest in Massachusetts, aus dem sie kaum hinausgekommen ist. In Amherst ist sie auch zur Schule gegangen: Viny and I both go to school this term. We have a very fine school. There are 63 scholars. I have four studies. They are Mental Philosophy, Geology, Latin, and Botany. How large they sound, don’t they? I don’t believe you have such big studies, schreibt die Fünfzehnjährige. Ihr Großvater und der berühmte Noah Webster, der auch in Amherst wohnte, hatten das Amherst College gegründet.

Dort (hier das College im Jahre 1821 auf einem Bild von Orra White Hitchcock) fühlte sie sich zu Hause. Als man sie mit siebzehn zum Mount Holyoke College schickt, bleibt sie nur das erste Jahr: Father has decided not to send me to Holyoke another year, so this is my last term. Can it be possible that I have been here almost a year? Man hat darin ein erstes Symptom ihrer Weltflucht sehen wollen, muss aber bedenken, dass zwei Drittel der Studentinnen nicht zum zweiten Jahr ins Mount Holyoke College kommen. Vielen Eltern ist damals ein Jahr College für die Tochter genug. Emilys Leben beschränkt sich fortan auf ihr Haus und den Garten, zum Ende ihres Lebens trug sie nur noch weiße Kleider und kam gar nicht mehr aus dem Haus. Nur noch, als man sie in einem weißen Sarg durch ihren Garten hinaustrug. Because I could not stop for Death He kindly stopped for me The Carriage held but just Ourselves And Immortality. Sie wollte nicht mit einer Kutsche fortgebracht werden, ihr Sarg sollte durch ihre Blumen im Garten getragen werden. The single Flower of the Earth That I, in passing by Unconscious was -- Great Nature's Face  Passed infinite by Me --.

Sie hat beinahe zweitausend Gedichte geschrieben, zu ihren Lebzeiten wurde so gut wie keins davon veröffentlicht. Sie dichtete über die kleinen Dinge, wie Vögel im GartenA bird came down the walk: He did not know I saw; He bit an angle-worm in halves And ate the fellow, raw. Eisenbahnen sind nicht unbedingt ihr Thema. Aber sie wusste, dass es die gab, 1851 war sie mit ihrer Schwester Lavinia in Boston zur Feier des Railroad Jubilee. Auf diesem Bild von William Sharp, das die Feierlichkeiten auf dem Boston Common zeigt, kann man allerdings keine Eisenbahn sehen. Emily Dickinson ist wahrscheinlich auch nicht zu sehen. Zwei Jahre später wird ihr Vater dafür sorgen, dass die Amherst-Belchertown Eisenbahnstrecke vollendet wird. The two great eras of the history of Amherst, are 1. The founding of the College. 2. The building of the railroad. We here "set up our Ebeneezer." HaHa!!! schreibt er voller Stolz an seinen Sohn.

Seinen Enthusiamus scheint die Tochter nicht ganz zu teilen. So schreibt sie über die Einweihungszeremonie der Strecke Amherst-Belchertown: The New London Day passed off grandly - so all the people said - it was pretty hot and dusty, but nobody cared for that. Father was as usual, Chief Marshall of the day, and went marching around the town with New London at his heels like some old Roman General, upon a Triumph Day . . . Carriages flew like sparks, hither, and thither and yon, and they all said t'was fine. I spose [sic] it was - I sat in Prof Tyler's woods and saw the train move off, and then ran home again for fear someone would see me, or ask me how I did. Und wir beachten bitte diese relativierenden  Einschiebsel: so all the people said; they all said; I spose it... Das alte Bahnhofsgebäude von Amherst  hat man inzwischen (wahrscheinlich wegen der Touristen) wieder aufgerüscht. Emily Dickinson, hat erstaunlicherweise sogar ein Gedicht geschrieben, das den Titel The Railway Train hat:

I like to see it lap the miles,
And lick the valleys up,
And stop to feed itself at tanks;
And then, prodigious, step

Around a pile of mountains,
And, supercilious, peer
In shanties by the sides of roads;
And then a quarry pare

To fit its sides, and crawl between,
Complaining all the while
In horrid, hooting stanza;
Then chase itself down hill

And neigh like Boanerges;
Then, punctual as a star,
Stop--docile and omnipotent--
At its own stable door. 


Niedlich. Lyrik für Kiddies. Die Märklin oder Trix HO Version der amerikanischen Eisenbahn. Warum fällt mir dabei nur das Gedicht von Ringelnatz über den Sauerampfer (Der arme Sauerampfer sah Eisenbahn um Eisenbahn, sah niemals einen Dampfer) ein? Zu dem Gedicht von Dickinson passt sehr schön das Bild von George Innes ganz oben, das ziemlich zeitgleich mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie in Amherst entstand. Wir wissen allerdings, dass Eisenbahnen in Wirklichkeit ganz anders aussehen, vielleicht so wie auf diesem Bild von William Turner, das Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway heißt.

Die amerikanischen Maler des 19. Jahrhunderts (wie George Innes hier im Detail und Jasper Cropsey in dem Bild unten) bemühen sich, die Eisenbahn (farbig tonal abgestuft) harmonisch in der Landschaft verschwinden zu lassen. Aber sie wird nicht verschwinden, selbst Emily Dickinson wird sie jeden Tag gehört haben. Auch Henry David Thoreau in seinem selbstgewählten Naturparadies Walden entgeht ihr nicht: The whistle of the locomotive penetrates my woods summer and winter, sounding like a scream of a hawk sailing over some farmer's yard. Andererseits sind die Schienen der Bahn seine Nabelschnur zur Zivilisation: The Fitchburg Railroad touches the pond about a hundred rods south of where I dwell. I usually go to the village along its causeway, and am, as it were, related to society by this link. Es ist eine seltsame Ambivalenz, mit der die Amerikaner the machine in the garden (wie Leo Marx es genannt hat) integrieren. Nicht jeder teilt die Meinung von Ralph Waldo Emerson, der von This invasion of Nature by Trade with its Money, its Credit, its Steam, its Railroad, threatens to upset the balance of man, and establish a new, universal Monarchy more tyrannical than Babylon or Rome spricht.

Unter den Rezensionen zu dem Reclam Band von Emily Dickinsons Gedichten (englisch-deutsch, mit einem sehr guten Nachwort von dem deutschen Dickinson Spezialisten Klaus Lubbers) bei Amazon las ich folgende Sätze (mit einer Kleinschreibung und seltsamen Interpunktion, die von Dickinson sein könnte): wenn man sie mag ist sie großartig. wenn nicht hat man gar keinen bezug. fragt sich, was schreibt die da eigentlich, macht keinen Sinn. Der Satz könnte von mir sein. Ich besitze zwar eine Sammlung von Dickinson Gedichten, doch das Buch steht nicht in der ersten Reihe, da wo Robert Lowell, Robert Frost, Ezra Pound, William Carlos Williams und Wallace Stevens stehen.

Could you believe me without? I had no portrait, now, but am small, like the wren; and my hair is bold, like the chestnut bur; and my eyes, like the sherry in the glass, that the guest leaves. Would this do just as well? schreibt sie in einem Brief an Thomas Wentworth Higginson. Viel mehr als ein immer wieder bearbeitetes Photo haben wir auch nicht an Bildern von ihr. Small like a wren verschwindet sie aus unserem Blickfeld. Wie die Eisenbahnen auf den Bildern der amerikanischen Hudson River School. Oder wie die Eisenbahn auf dem Bild des Russen Iwan Schischkin, wo man auch genau hinschauen muss, um sie zu sehen.

Aber so klein und unscheinbar Dickinson ist (oder sich macht), sie hat ein gewaltiges Werk hinterlassen. 597 Gedichte enthielt The complete poems of Emily Dickinson, das 1924 mit einer Einleitung ihrer Nichte Martha Dickinson Bianchi bei Little, Brown, and Company in Boston erschien. Sie finden es hier im Volltext. Doch das war noch nicht alles. Im Jahre 1950 erhielt die Houghton Library der Harvard Universität von den Nachkommen von Emily Dickinson das geschenkt, was heute ihre weltberühmte Dickinson Collection ist (die Rechte zur Veröffentlichung waren in diesem großzügigen Geschenk mit eingeschlossen).

Fünf Jahre später brachte Thomas H. Johnson eine dreibändige Variorum edition der 1.775 bekannten Gedichte heraus und gab 1958 zusammen mit Theodora Ward die Briefe von Dickinson heraus. Soviel Emily Dickinson war noch nie. Man musste vierzig Jahre warten, bis Ralph W. Franklin The Poems of Emily Dickinson: Variorum Edition vorlegte, eine Ausgabe die 1.799 Gedichte enthielt. Von dieser kritischen Ausgabe gibt eine preiswerte Version, The Poems of Emily Dickinson: Reading Edition, die reicht mir durchaus aus. Zumal sie eh in der zweiten Buchreihe steht.

Wenn man sich die Mühe macht, alle 1.789 Gedichte zu lesen (nein, ich mache das kein zweites Mal, eher lese ich Prousts A la recherche du temps perdu in ihrer Gänze noch einmal), wird man feststellen, dass die Qualität der Gedichte schwankt. Großartiges steht neben Plattem, das einen an Courths-Mahler denken lässt. Deutsche Kritiker fühlten sich seit dem 19. Jahrhundert an eine Wesensverwandtschaft von Dickinson mit Annette von Droste-Hülshoff erinnert. Kann ich wenig zu sagen, da ich von der Droste zuwenig gelesen habe. Aber bei ihrem Namen fällt mir immer das Gedicht Kann keine Trauer sein von Gottfried Benn ein. Das wiegt bestimmt hundert Gedichte von Dickinson und Droste-Hülshoff auf.

Kaum waren im 19. Jahrhundert die ersten Gedichte von Dickinson erschienen, da gab es die ersten Kritiker. Wie Andrew Lang, der in einer Attacke auf William Dean Howells (der gerade die Gedichte von Emily Dickinson verteidigt hatte) schrieb: I cannot go nearly so far as Mr. Howells, because, if poetry is to exist at all, it really must have form and grammar, and must rhyme when it professes to rhyme. The wisdom of the ages and the nature of man insist on so much. Es ist schwer, etwas dagegen zu sagen.

Natürlich, wir haben das schon geahnt, steht hinter Vielem in ihrer Lyrik ein unerfülltes Liebesleben. Der Briefpartner ihrer platonischen Liebe Thomas Wentworth Higginson, der auch der erste Herausgeber ihrer Gedichte war, schrieb an seine Mitherausgeberin Mabel Loomis Todd: One poem only I dread a little to print--that wonderful 'Wild Nights,'--lest the malignant read into it more than that virgin recluse ever dreamed of putting there. Has Miss Lavinia [Emilys Schwester] any shrinking about it? You will understand & pardon my solicitude. Yet what a loss to omit it! Indeed it is not to be omitted.

Wild nights - Wild nights!
Were I with thee
Wild nights should be
Our luxury!


Futile - the winds -
To a Heart in port -
Done with the Compass -
Done with the Chart!

Rowing in Eden -
Ah - the Sea!
Might I but moor - tonight -
In thee!


Wenn Sie in diesem Bild von Edward Hopper eine sexuelle Komponente (so ähnlich wie die Szene in Hitchcocks North by Northwest, wenn der Zug in den Tunnel fährt) sehen sollten, dann ist das natürlich beabsichtigt. Denn seien wir ehrlich, Wild nights - Wild nights! ist doch nackter Sex. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Wort luxury im Wörterbuch, das Dickinson benutzt, so etwas wie lust, voluptuousness in the gratification of appetite bedeutet. Die Bedeutung hat es heute nicht mehr (sie steht immer noch im Webster, allerdings mit dem Zusatz archaic), heute bedeutet luxury Louis Vuitton, Rolex und Ähnliches.

Das Gedicht A bird came down the walk gehört sicherlich nicht zu den größten Leistungen der Dichterin, viele ihrer rätselhaften Miniaturen aus der Welt der Natur auch nicht. Sie hat ihren Garten geliebt, inzwischen gibt es mit The Gardens of Emily Dickinson schon ein Buch über Emily Dickinson und ihren Garten. My flowers are near and foreign, and I have but to cross the floor to stand in the Spice Isles, schreibt Dickinson. Ihr Vater hat ihr am Ende des Gartens ein Gewächshaus gebaut, da kann sie Pflanzen aus Gegenden der Welt züchten, die sie nur in ihrer Phantasie erreicht.

My Business is Circumference, schreibt sie in einem berühmt gewordenen Brief an Thomas Wentworth Higginson, den sie wie ihren Mentor in Fragen der Poetik behandelt (obgleich er vielleicht nur ihr Schüler ist, er bewundert ihre Lyrik, aber versteht sie nicht). Manche Kritiker haben diesen Begriff als einen Schlüsselbegriff für ihre Lyrik gesehen. Doch was soll er bedeuten? Wenn es bei Raymond Chandler heißt Trouble is my business, dann ist uns das klar. Aber My Business is Circumference? Und dann gibt es da noch den Satz aus einem späteren Brief The Bible dealt with the Center, not with the Circumference. Passt der in eine schöne Theorie? Sie finden auf dieser Seite eine Vielzahl von Gedichtstellen, in denen sich das Wort circumference findet. Kann man eine Theorie daraus stricken? Dies präzisionistische Bild von Charles Sheeler enthält auf jeden Fall keine circumference. Es steht nur, wie all die Eisenbahnbilder amerikanischer Maler auf dieser Seite, zur Verfremdung hier.

Während um sie herum Amerika aufgebaut wird- sie kann jeden Tag den Lärm der Fabriken hören - und die Eisenbahn den Kontinent erschliesst (hier schön symbolisiert durch Thomas Hart Bentons Going West), legt sie ein Herbarium an und pflegt ihren Garten. Sie scheint Voltaires mais il faut cultiver notre jardin wörtlich genommen zu haben. Von dem strengen Calvinismus der Kirche ihrers Vater hat sie sich längst entfernt: Some keep the Sabbath going to church I keep it staying at home. Als ihr geliebter Hund (Dogs are better than human beings because they know but do not tell), ein Neufundländer mit dem Namen Carlo, nach sechzehn Jahren stirbt, hat sie keine Freunde mehr: You ask of my companions. Hills, sir, and the sundown, and a dog as large as myself that my father bought me. They are better than human beings, because they know but do not tell. Von nun an trägt sie nur noch weiße Kleider.

Hätte sie sich die Aufmerksamkeit gewünscht, die sie hundert Jahre nach ihrem Tod bekommen hat? Ich weiß es nicht. Heute wird sie von manchen Kritikern als Amerikas größte Dichterin gefeiert. There is a whole raft of poets contemporary with Emily Dickinson. None of them would have imagined that she would have become one of the defining names of American letters, hat John Updike (den der Kritiker Stanley Kauffman einmal a lesser, latter-day Emily Dickinson genannt hat) gesagt. Der größte Teil ihrer Gedichte ist während des Bürgerkriegs geschrieben, und dennoch spüren wir den kaum in ihren Gedichten. Sie weiß, dass es den gibt, ihr Vater ist ein abolitionist, ihr Bruder kauft sich mit einem substitute vom Kriegsdienst frei, aber greifbar wird der amerikanische Bruderkrieg in ihrem Werk nicht. Neuerdings sind Kritiker dabei, aus einer Vielzahl von Gedichten einen Kommentar zum Bürgerkrieg herauszulesen, gemessen an den Bürgerkriegsgedichten von Walt Whitman und Herman Melville ist das wohl marginal. Eine Battle Hymn of the Republic wie Julia Ward Howe schreibt sie definitiv nicht.

Ihr Werk (1.789 Gedichte mit 9.275 verschiedenen Wörtern) ist eine Fundgrube, aus der sich jeder bedient. So wenig man über ihr Leben wirklich weiß, so wenig man ihre Gedichte verstehen kann, umso höher hüpfen die Interpreten bei ihren interpretatorischen Höhenflügen (Sie finden hier einen kurzen Forschungsbericht). Wobei besonders die psychoanalytischen und feministischen Ansätze beim Leser Verwirrung stiften können. Ich liebe ja Sätze wie: From a feminist perspective, Dickinson's life was neither a flight, nor a cop-out, nor a sacrifice, nor a substitution, but a strategy, a creation, for enabling her to become the person she was. Die Emily Dickinson Exegese ist zu einem Jekami Spiel geworden. Man reißt beliebig Sätze wie Pardon My Sanity In A World Insane aus ihrem Werk. Carla Bruni hat Gedichte von Dickinson ins Mikrophon gehaucht, Amateure veröffentlichen Filmchen nach ihren Gedichten bei YouTube. Paul Celan hat manche Gedichte übersetzt. Wem der kleine Reclam Band mit Gedichten englisch-deutsch nicht ausreicht, der kann seit einigen Jahren auf eine größere Sammlung zurückgreifen. Gunhild Küblers Übersetzungen sind bei Hanser erschienen und sind jetzt bei Fischer als Taschenbuch erhältlich. Auf der sehr interessanten Seite von Walter A. Aue gibt es auch einige Übersetzungen. Und hier gibt es heute noch ein Dickinson Gedicht zum Schluss:

My life closed twice before its close;
It yet remains to see
If Immortality unveil
A third event to me,

So huge, so hopeless to conceive
As these that twice befell.
Parting is all we know of heaven,
And all we need of hell.

Madder rhymes one has seldom seen— scornful disregard of poetic technique could hardly go farther— and yet there is about the book a fascination, a power, a vision that enthralls you, and draws you back to it again and again. Not to have published it would have been a serious loss to the world, schrieb eine Rezensentin, als Dickinsons Gedichte erschienen. Ich lasse das mal als Schlusswort so stehen.

Dafür, dass ich Emily Dickinson nicht mag, ist das doch eigentlich noch ein netter Dickinson Post geworden. Die Bilder (mit der Ausnahme des Turner) sind von den amerikanischen Malern George Innes, Orra White Hitchcock, William Sharp, George Innes (Detail), Jasper Francis Cropsey, John French Sloan, Charles Sheeler, Edward Hopper, Edward Hopper, Charles Reiffel, Edward Hopper, John French Sloan, Charles Sheeler, Thomas Hart Benton, Edward Hopper, Edward Hopper.