Freitag, 16. Juni 2023

Glenda Jackson ✝

In dem Post Glenda Jackson habe ich ihr 2011 zum fünfundsiebzigsten Geburtstag gratuliert. Sie kommt in diesem Blog auch in den Posts Plättbretter, John Schlesinger und Kate Beckinsale vor. Glenda Jackson ist gerade im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben. Mit Michael Caine hatte sie im letzten Jahr noch den Film The Great Escaper gedreht, fünfzig Jahre nachdem sie mit ihm in Joseph Loseys ✺The Romantic Englishwoman zu sehen war. Sie gehört zu den wenigen Schauspielerinnen, die die sogenannte Triple Crown of Acting bekommen haben: zwei Oscars, drei Emmys und ein Tony Award. Die Königin hat ihr 1978 den CBE Orden verliehen, geadelt wurde sie nie. Die überzeugte Sozialistin, die jahrelang für die Labour Partei im Unterhaus saß, hätte das auch abgelehnt. Sie hatte es nicht so mit der Monarchie, obgleich sie einmal im Film als Elizabeth I eine Königin war. Die ✺Königin von Schottland war sie auch einmal. Sie hatte als Politikerin entschiedene Ansichten, das hat Tony Blair damals jeden Tag gemerkt. Sie war seine schätfste Kritikerin, auch wenn sie einmal junior minister in seinem Kabinett war.

Keir Starmer, der Vorsitzende der Labour Party, hat getwittert: I was very sad to hear of Glenda Jackson’s passing. She leaves a space in our cultural and political life that can never be filled. She played many roles, with great distinction, passion and commitment. From award winning actor to campaigner and activist to Labour MP and government minister, Glenda Jackson was always fighting for human rights and social justice. As a fellow north London MP, I know how much she was loved and respected by her constituents. Of course no tribute to Glenda could fail to mention her role as Cleopatra in that most famous and loved of all the Morecambe and Wise sketches. We will never see talent like what she has got again. 

Es ist ein schöner Nachruf, und wenn Starmer ihre Rolle in ✺Antony & Cleopatra erwähnt, dann sollten wir uns dieses kleine Paradestück des englischen Humors einmal ansehen, wo Cleopatra sagt: All men are fools. And what makes them so is having beauty like what I have got. Es war nicht das einzige Mal, dass sie bei Morecambe und Wise war. Sie konnte sehr witzig sein: The important thing in acting is to be able to laugh and cry. If I have to laugh, I think of my sex life. If I have to cry, I think of my sex life.

Ich habe heute für Sie noch ihre vielleicht besten Filme ✺Sunday, Bloody Sunday und ✺A Touch of Class. Wenn Keir Starmer sagt she leaves a space in our cultural and political life that can never be filled, dann ist das das Mindeste, das man über sie sagen kann. Sir Michael Caine hat sich kürzer gefasst: Glenda was one of our greatest movie actresses. It was a privilege to work with her on 'The Great Escaper' recently, our second film together. It was as wonderful an experience this time as it was 50 years ago. I shall miss her.

Dienstag, 13. Juni 2023

A beleza que não é só minha


Olha que coisa mais linda, mais cheia de graça
É ela, menina, que vem e que passa
Num doce balanço a caminho do mar
Moça do corpo dourado, do Sol de Ipanema
O seu balançado é mais que um poema
É a coisa mais linda que eu já vi passar

Ah, por que estou tão sozinho?
Ah, por que tudo é tão triste?
Ah, a beleza que existe
A beleza que não é só minha
Que também passa sozinha

Ah, se ela soubesse 
que quando ela passa
O mundo inteirinho se enche de graça
E fica mais lindo por causa do amor
Por causa do amor
Por causa do amor 


Der brasilianische Dichter Vinícius de Moraes hat dies schöne Gedicht geschrieben, ein Gedicht von der Anmut und Schönheit einer jungen schlanken Frau, die am Strand entlanggeht. Die Männer schauen ihr nach, und sie wissen, dass sie niemals im Leben eine solch schöne Frau bekommen werden: A beleza que não é só minha. Wenn die Frau nur wüsste, dass wenn sie vorbeigeht, die ganze Welt mit Anmut erfüllt wird. Und schöner wird, durch die Liebe. Antônio Carlos Jobim hat das Gedicht vertont, und er hat es João Gilberto gegeben, damit der das Lied singt. Der arbeitete gerade mit Stan Getz zusammen, und Getz sagte so etwas wie: Eigentlich könnte Deine Frau mitmachen, sie könnte den Refrain singen. Auf englisch. Die Frau von João Gilberto konnte englisch, ihr Vater, der deutsche Einwanderer Fritz Weinert, hatte ihr das beigebracht. 

Die Frau von João Gilberto war schon einmal mit zwei ✺Liedern ihres Mannes aufgetreten. Aber eigentlich wollte sie nie Sängerin werden, sie hatte nur ihren Mann zum Studio begleitet. Sie war dreiundzwanzig, und wenn sie am Strand entlangging, schauten ihr die Männer nach. Weil sie linda, mais cheia de graça war. Sie sang den englischen Refrain zu dem Lied von Antônio Carlos Jobim. Sie trat dann einmal mit der englischen Fassung im ✺Fernsehen auf. Sie konnte nicht besonders gut singen, aber das Saxophon von Stan Getz reißt alles raus. Und Stan Getz begleitete sie auch in dem kleinen Film ✺Get Yourself a College Girl, in dem sie mit dem Lied auftrat. Das war 1964, da ließ ihr Mann sich von ihr scheiden. Und gleichzeitig erschien die Platte, die sie im Vorjahr mit ihrem Mann und Stan Getz aufgenommen hatte. Die Platte wurde ein ✺Welterfolg. Nur wegen ihr. Wir alle hatten das Lied, von dem sie den englischen Refrain sang, damals alle in unseren Köpfen und träumten von den schönen schlanken Frauen, die es nur am Strand von Ipanema gab. 

Astrud Gilberto, the Girl from Ipanema, die zu einer Ikone des Bossa Nova geworden war und deren Lied wir nicht aus unseren Köpfen bekommen, ist sechzig Jahre nach ihrem Welterfolg im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Sie ist in diesem Blog schon in den Posts Saudade, Brasilien und Monica Zetterlund erwähnt worden. Ich nehme an, dass Sie genau wie ich, jetzt all die Astrud Gilberto CDs auflegen, die Sie haben.

Und wenn Sie noch etwas Strand brauchen, den gibt es in diesem Blog reichlich: Strände, ythhlaf, Bikini, Cato Bontjes van Beek, Gudrun, Langeoog, Mein Dänemark, Le Tréport, Niels Bohr, Egmond aan Zee, Sommerurlaub, Kunstfigur, Ertrinken verboten, Sonnenbräune, Nidden, Eugène Boudin, Skagen, Catalina, Wellen, Friedel Anderson, Ruderverein, Richard Parkes Bonington.

Dienstag, 18. April 2023

Dido

Ich bin auf seltsamem Weg zu diesem Gemälde des schottischen Malers David Martin gekommen, Ich schaute in den Tageskalender der Wikipedia und fand, dass es der Todestag von Erasmus Darwin  war. Der Vater von Charles Darwin hat hier allerdings schon den Post Erasmus Darwin. Ich schaute trotzdem in seine Dichtungen hinein. Fand etwas über die Sklaverei, ein Thema, zu dem es in diesem Blog eine Vielzahl von Posts gibt. Ich liste die unten mal auf.

Ich fragte mich: wann haben die Engländer die abgeschafft? Gut, die Antwort ist 1833, aber da gibt es vorher im Jahre 1772 ein interessantes Urteil in dem Prozess Somerset v Stewart; da spricht William Murray, der erste Earl of Mansfield, einen schwarzen Sklaven frei, den sein Besitzer nach Jamaica bringen will, um ihn dort zu verkaufen: The state of slavery is of such a nature that it is incapable of being introduced on any reasons, moral or political, but only by positive law, which preserves its force long after the reasons, occasions, and time itself from whence it was created, is erased from memory. It is so odious, that nothing can be suffered to support it, but positive law. Whatever inconveniences, therefore, may follow from the decision, I cannot say this case is allowed or approved by the law of England; and therefore the black must be discharged. Sie können hier alles zu dem denkwürdigen →Prozess lesen. Das Urteil wird etwas bewirken, wenige Jahre später beginnt in England eine Bewegung gegen die Sklaverei. Der englische Dichter William Cowper schreibt 1785 in seinem langen Gedicht The Task:

We have no slaves at home.—Then why abroad?
And they themselves once ferried o'er the wave
That parts us, are emancipate and loos'd.
Slaves cannot breathe in England; if their lungs
Receive our air, that moment they are free,
They touch our country and their shackles fall.
That's noble, and bespeaks a nation proud
And jealous of the blessing. Spread it then,
And let it circulate through ev'ry vein
Of all your empire. That where Britain's power
Is felt, mankind may feel her mercy too

Als ich auf die Wikipedia Seite von Lord Mansfield ging, des berühmtesten englischen Juristen des 18. Jahrhunderts, fand ich das Bild der beiden jungen Frauen. Eine weiße Adlige mit ihrer schwarzen Dienerin könnte man denken, aber weit gefehlt. Man wusste bis in die 1990er Jahre nicht, wer die hübsche Farbige war. Das Bild im Scone Palace der Murrays zeigte Lady Elizabeth Murray, das wusste man. Wer die junge Farbige war, wusste man nicht. Man weiß das inzwischen. Es ist Dido Elizabeth Belle, die Tochter Sir John Lindsays, der in Pensacola eine farbige Sklavin geheiratet hatte. Er ist Kapitän der Royal Navy (er wird noch Admiral werden) und ständig auf See, da kann er sich nicht um die Erziehung der Tochter kümmern. 

Er übergibt die kleine Dido Elizabeth seinem Onkel, der, wie es der Zufall will, niemand anderer als Lord Manfield ist. Dort wächst sie auf, zusammen mit Mansfields Nichte Elizabeth Murray. Die beiden jungen Frauen auf dem Bild sind also Cousinen. Und Dido Elizabeth Belle ist die erste farbige Adlige Englands. Thomas Hutchinson, der unbeliebtste englische Gouverneur in Amerika, besucht Lord Mansfield in Kenwood im Jahre 1779 und schreibt darüber: A Black came in after dinner and sat with the ladies and after coffee, walked with the company in the gardens, one of the young ladies having her arm within the other. She had a very high cap and her wool was much frizzled in her neck, but not enough to answer the large curls now in fashion. She is neither handsome nor genteel — pert enough. I knew her history before, but My Lord mentioned it again. Sir John Lindsay having taken her mother prisoner in a Spanish vessel, brought her to England where she was delivered of this girl, of which she was then with child, and which was taken care of by Lord Mansfield, and has been educated by his family. He calls her Dido, which I suppose is all the name she has. He knows he has been reproached for showing fondness for her —I dare say not criminal. Für einen Mann wie Hutchinson, über den Lord North sagte, er sei Schuld am Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges, ist das, was auf Kenwood Alttag geworden ist, degoutant. Es ist viel Gift in diesen Sätzen, Hutchinson macht seinem Ruf, der bestgehasste Mann von Massachussetts zu sein, alle Ehre. Der König wird dem ehemaligen Gouverneur keinen Adelstitel verleihen.

Die Geschichte der Dido Elizabeth ist inzwischen in einen Film gewandert, das konnte nicht ausbleiben, ich habe den ✺Film natürlich hier für Sie.

Und ich habe zu dem Bild von John Martin ein schönes Gedicht von Honorée Fanonne Jeffers gefunden, das eigentlich nichts anderes als eine poetische Bildbeschreibung ist:

Dido moves quickly— 
as from the Latin anime.

Breath or soul.
Beside her, the generations-free kin,

a biscuit figurine in pink. 
Dido standing in irony—

the lowest are taller here— 
Elizabeth should provide

an unkind contrast: pretty, blond, 
pale in uncovered places—

but no.
The painter worships the quickened other.

Dido, his coquette of deep-dish dimples, 
his careless, bright love.

Forget history. 
She's a teenager.

We know what that means. 
Cocky, stupid about reality.

No thought of babies— 
feathers in her arms.

She might wave them, clearing 
dead mothers from the air—

and surely, she's special—
her uncle dressed her with care,

hid her from triangles and seas 
outside this walled garden.

Let her be. 
Please.

No Dying Mythical Queen 
weaving a vivid, troubled skin—

but Dido, full of girlhood, 
and Elizabeth reaching

a hand. Behave, cousin, 
she begs.

Don't run away from me.


Auf der hervorragenden Seite der →Fashion History können Sie alles über das Gemälde von David Martin (und über die Damenmode des ausgehenden 18. Jahrhunderts) lesen.


Donnerstag, 16. März 2023

the finest Woman of her Age

16. März 1660: Nachdem König Karl II. den englischen Thron bestiegen und die Rechte des Parlaments beschworen hat, wird das seit 1640 tagende 'Lange Parlament' formell aufgelöst. So steht es in dem Wikipedia Internetlexikon. Das ist allerdings nicht ganz richtig. Das 'Lange Parlament' löst sich zwar am 16. März 1660 auf, aber Charles hat noch nicht den Thron bestiegen, er ist am 16. März noch gar nicht in England. Am 23. Mai 1660 hatte er Dover erreicht, wo ihm der General George Monck auf den Knien huldigte. Monck war der Feldherr von Oliver Cromwell gewesen, jetzt wechselt er die Seiten. Charles macht ihn wenig später zum Herzog und zum captain general der Armee. Das Bild hat Benjamin West hundertzwanzig Jahre später gemalt, es ist historisch nicht ganz richtig, Monck war ohne Gefolge gekommen. 

England hat einen neuen König, die Zeit der freudlosen Puritaner, die als erstes die Theater geschlossen hatten, ist vorbei. Unter dem Merrie Monarch ist Sinnenfreude angesagt, was zuerst einmal eine ✺Maitressenwirtschaft am Hof bedeutet. Schon die Zeitgenossen sprechen unverhohlen von einer Herrschaft der Unterröcke. Die Bordelle, die während der Zeit der Puritaner in den Untergrund verschwunden waren, sind wieder da. Covent Garden, wo auch Emma Hamilton ihre Karriere beginnen wird, blüht auf.

Was die Maitressen betrifft, so macht Charles da weiter, wo er vor zehn Jahren mit Lucy Walters in Den Haag aufgehört hat. John Evelyn, Tagebuchautor wie der berühmte Samuel Pepys, wird sie a beautifull strumpet nennen, Pepys bezeichnet sie als common whore. Sie hat einen Sohn von Charles, den er anerkennt und zum Herzog von Monmouth macht. Wenn die beiden heimlich geheiratet hätten (was Charles bis zu seinem Tod bestreiten wird), wäre James Scott der nächste auf dem englischen Thron. Fontane hat ein Gedicht über ihn geschrieben, das und einiges mehr können Sie in dem Post Stuarts lesen. In seinem europäischen Exil kann Charles die Finger nicht von den Frauen lassen, wir sollten neben der schönen Lucy Walters noch Elizabeth Killigrew und Catherine Pegge erwähnen, die ihm Kinder schenken.

Wenn Charles gekrönt wird, hat er noch keine Gemahlin, es laufen Verhandlungen mit dem König von Portugal. Charles möchte die Infantin heiraten, obgleich er die potthässlich findet. My god, they've brought me a bat to marry, soll er gesagt haben. Eine Frau hat Charles aber schon an seiner Seite, dazu kommen wir gleich. Die Regierungszeit von Charles beginnt nicht glücklich. Erst kommt die Pest (worüber Daniel Defoe: A journal of the plague year schreiben wird), dann brennt die halbe Stadt ab. Während der Pest ist Charles mit seinem Hofstaat in Oxford, während des Brandes versucht er zu helfen. Er ist sogar ein kleiner Held in der Katastrophe. John Evelyn wird schreiben: It is not indeed imaginable how extraordinary the vigilance and the activity of the King and Duke was, even labouring in person, and being present, to command, order, and reward, and encourage workmen; by which he showed his affection, to his people, and gained theirs. London wird ihm das nicht vergessen, 1674 wird die Stadt dem König die Freedom of the City of London verleihen. Er ist der einzige Monarch, der so geehrt wird.

Wenn Charles 1660 in den Palast von Whitehall einzieht, zieht seine  Geliebte, die aus einer alten Adelsfamilie kommt, mit ihm dort ein. In der Nacht seiner Krönung soll er die Zwanzigjährige zum erstenmal im Bett gehabt haben. Die maîtresse-en-titre wird ihm in den nächsten zehn Jahren fünf Kinder schenken, die er alle anerkennen wird. Sie bekommen den Namen FitzRoy (Sohn des Königs) und werden Herzöge und Gräfinnen werden. Die Geliebte des Königs heißt Barbara Villiers, wir kennen sie auch unter den Namen Barbara Palmer, Lady Castlemaine und Duchess of Cleveland. Sie sei eine viel schönere Frau als die zuküftige Königin, versichert uns Sir John Reresby: Now it was that the King went to re|ceive the Infante of Portugalat Portsmouth, attended by the greatest Court I ever saw in any Progress. But though, upon this Occaision, every thing was gay and splendid, and profusely joyful, it was easy to discern that the King was not excessively charmed with his new Bride, who was a very little Woman with a pretty tolerable Face; she, neither in Person nor Manners, had any one Article to stand in Competition with the Charms of the Countess of Castlemain the finest Woman of her Age.

Samuel Pepys ist begeistert von ihrer Schönheit: saw the finest smocks and linnen petticoats of my Lady Castlemaine’s, laced with rich lace at the bottom, that ever I saw; and did me good to look upon them. Aber er notiert auch ganz trocken: I know well enough she is a whore. Das ist das Wunderbare an Pepys' Tagebüchern, diese platte Ehrlichkeit. Leider gibt Pepys seine Tagebücher auf, wenn seine Frau ihn in flagranti mit dem Dienstmädchen Deborah Willet erwischt: coming up suddenly, did find me imbracing the girl con [with] my hand sub [under] su [her] coats; and endeed I was with my main [hand] in her cunny. I was at a wonderful loss upon it and the girl also... Pepys schwört Besserung, my amours to Deb are past ist einer der letzten Sätze seines Tagebuchs.

Barbara Villiers (hier von Sir Peter Lely als Heilige Catherina von Alexandria gemalt), ist eine mächtige Frau, sie hat den König völlig unter Kontrolle. Das gefällt Samuel Pepys nun gar nicht. Am 15. Mai 1663 schreibt er: the King do mind nothing but pleasures, and hates the very sight or thoughts of business; that my Lady Castlemaine rules him, who, he says, hath all the tricks of Aretin that are to be practised to give pleasure. In which he is too able … , but what is the unhappiness in that, as the Italian proverb says, 'lazzo dritto non vuolt consiglio.' If any of the sober counsellors give him good advice, and move him in anything that is to his good and honour, the other part, which are his counsellers of pleasure, take him when he is with my Lady Castlemaine, and in a humour of delight, and then persuade him that he ought not to hear nor listen to the advice of those old dotards or counsellors that were heretofore his enemies: when, God knows! it is they that now-a-days do most study his honour. 

Der König kauft ihr Juwelen (ihre Ohrringe werden ihn zehntausend Pfund kosten), teure Kleider, zahlt ihre Spielschulden und schenkt ihr den Nonsuch Palace. Sie ist die heimliche Königin Englands. Sie hat mehr Macht und mehr Geld als all die Damen, die wir in den Posts Demimonde und les grandes horizontales finden. Der Bischof Gilbert Burnet hält sie für A woman of great beauty, but more enormously vicious and ravenous, foolish but imperious, und John Evelyn nennt sie a vulgar mannered, arrogant slut. Und noch schlimmer: the curse of our nation. Dass sie das Objekt einer Satire wird, der Poor-Whores Petition, gefällt ihr ganz und gar nicht. Außer Samuel Pepys und dem König sagt eigentlich niemand etwas Nettes über diese Frau.

Charles liegt viermal die Woche in ihrem Bett und sagt über seine Geliebte: she hath all the tricks of Ariten that are to be practised to give pleasure. Das hier erwähnte Ariten ist ein Sexhandbuch, das angeblich von Aristoteles stammt. Wenn die junge Frances Stuart an den Hof kommt, in die sich der König sofort verknallt, inszeniert Barbara für ihn einen flotten Dreier, eine lesbische Hochzeitszeremonie. Das ist natürlich Samuel Pepys nicht verborgen geblieben: Another story was how my Lady Castlemaine, a few days since, had Mrs. Stuart to an entertainment, and at night began a frolique that they two must be married, and married they were, with ring and all other ceremonies of church service, and ribbands and a sack posset in bed [. . .] But in the close, it is said that my Lady Castlemaine, who was the bridegroom, rose, and the King came and took her place with pretty Mrs. Stuart. This is said to be very true.

Frances Stuart sieht auf diesem Bild von Peter Lely wie eine geklonte Barbara Villiers aus. Für Samuel Pepys war Frances the prettiest girl in all the world. Sie war wohl nicht sehr helle, da sind sich die Zeitgenossen einig. Der Graf Philibert de Gramont sagte über sie: it would be difficult to imagine less brain combined with more beauty. Sie ist aber intelligent genug einzusehen, dass sie keine Zukunft in dem Nuttenzoo des Königs hat.  Sie brennt mit einem jungen Herzog durch, der sie auch heiratet. Ihr Bild wandert 1670 für die nächsten dreihundert Jahre auf Münzen und Medaillen, da ist sie die Britannia. Da kann sie der König in der Hand halten und befummeln.

Kaum eine Frau des 17. Jahrhunderts ist so häufig gemalt worden wie Barbara Villiers. Ich habe hier 19 Portraits und hier eine schöne Seite mit ebenso viel Abbildungen. Wir sehen sie als Heilige Catherina (was wahrscheinlich eine Attacke auf Charles Ehefrau Catherine of Braganza war), sie ist Diana, Minerva, eine Schäferin und Maria mit dem Kind. Hier auf dem Bild von John Michael Wright ist sie eine Schäferin. Nicht draußen bei den Schafen, sondern eine Schäferin in einer masque, die bei Hof aufgeführt wird. Samuel Pepys mochte das Bild nicht, für ihn kam als Maler dieser Frau nur Sir Peter Lely in Frage: Thence to Mr. Wright's, the painter; but Lord! the difference that is between their two works!’ Wenn wir den Worten von Pepys trauen können, dann war Lely so hingerissen von der Maitresse des Königs, dass er sich kaum instande sah, ihre Schönheit in Bildern festzuhalten: it was beyond the compass of art to give this lady her due, as to her sweetness and exquisite beauty. Wright hat über seine Bilder gesagt: I have begun diverse ladyes who are all sufficiently satisfied and judge me moderate comparatively to Mr. Lilly. Moderat? Wie sie hier hingebettet ist? Das ist doch beinahe schon Pornographie.

Hier ist sie von John Greenhill gemalt. Achten wir einmal auf ihre Augen, die die Zeitgenossen als violett beschreiben. Da fällt uns doch nur das Wort Schlafzimmeraugen ein. Diese Augen hat Peter Lely erfunden, er malt dann alle Frauen der High Society so: Sir Peter Lely when he had painted the Duchess of Cleveland's picture, he put something of Cleveland's face her Languishing Eyes into every one Picture, so that all his pictures had an air one of another, all the Eyes were Sleepy alike. So that Mr. Walker ye Painter swore Lilly's Pictures was all Brothers & Sisters. Und seine Kollegen machen ihm das nach. Ob das John Michael Wright oder John Greenhill ist, immer bekommt unsere Barbara diese sleepy eyes.

1673 geht die Liebesgeschichte von Barbara Villiers und dem König zuende. Er wird neue Maitressen haben: Restless he rolls about from whore to whore, a Merrie Monarch, scandalous and poor, schreibt sein Saufkumpan der Earl of Rochester. Der ihm auch einen vierzeiligen Nachruf schreibt: Here lies our Sovereign Lord the King whose word no one relies on, who never said a foolish thing nor ever did a wise one. 

Dies ist das letzte Bild, das wir von ihr haben, gemalt von Gottfried Kniller aus Lübeck, der jetzt in England Sir Godfrey Kneller heißt und Hofmaler ist, aber er ist kein guter Maler. Kein Peter Lely. Der König schreibt ihr zum Abschied: Madam, all that I ask of you … is live so for the future as to make the least noise you can, and I care not who you love. Kurz vor seinem Tod versöhnen sich Charles und Barbara wieder. Dass sie an seinem Totenbett seine Hand gehalten hätte, ist eine Erfindung der Schriftsteller. Barbara wird den Nonsuch Palace abreissen lassen und das Inventar und die Einzelteile verkaufen, sie hat hohe Spielschulden. Den Titel einer Baroness Nonsuch wird sie aber behalten, auch wenn sie den Palast nicht mehr besitzt. 

Wenn ihre Kinder heiraten, wird der König die Hochzeiten bezahlen. Sie hat jetzt viele neue Liebhaber, der berühmteste heißt John Churchill, den wir auch als Herzog von Marlborough kennen. Churchill, ihr zehn Jahre jüngerer Cousin, bekommt Geld von ihr, das er gut anlegt, es ist der Grundstock seines Vermögens. Charles Sackville, einer der Wüstlinge aus der Rochester Clique (der schon vor dem König Nelly Gwynn als Maitresse hatte), schreibt sie in sein schmutziges Gedicht A Faithful Catalogue of our most Eminent Ninnies, aus dem ich mal eben zitiere:

Oh Barbara! thy execrable name 
Is sure embalm'd with everlasting shame. 
Could not that num'rous host thy lust suffice, 
Which in lascivious shoals ador'd thy eyes; 
When their bright beams were through our orb display'd, 
And kings each morn their Persian homage paid? 
Now Churchill! Dover! see how they are sunk 
Into her loathsome, sapless, aged trunk. 
And yet remains her cunt's insatiate itch, 
And there's a devil yet can hug the witch. 
Pardon me, Bab, if I mistake his race, 
Which is infernal sure, for tho' he has 
No cloven foot, he has a cloven face
.

Ich habe zum Schluss noch ein kleines Gedicht von Patrick Davidson Roberts aus dem Jahr 2018, das Barbara Villiers heißt. Es ist netter als das Gedicht von Sackville:

Worked on by the Portuguese Bat, he has been absent 
these rampart weeks. I 
know that I am no longer young. 
When, instead of the king, 
I take this young man to bed, he 
approaches my works, frets along my stockade front
and turns on me as linstock the fire breaking 
over our heads in far-away Europe. Sometimes 
I catch him mouthing the orders to Hold 
and to Advance until the enemy is utterly crushed. 
Then the bit lip cold of mouth bursting 
and shameful retreat broken casement. 
Somewhere in this palace, a Catholic plots his own exile. 
His brother counts the childless years. 
Asleep, beside me, Mr John Churchill marches deep 
into the heart of Europe. When I die no one will know 
that even at the greatest moment of Blenheim 
he will remember my love my coin for his commission 
I stroke his childish forehead and do not bear his children.

Die Nachkommen von Barbara und Charles gibt es heute immer noch. Ein Lord Charles FitzRoy hat vor sechs Jahren eine Biographie über Charles II geschrieben: Return of the King: The Restoration of Charles II. Und dann gibt es da noch Henry Oliver Charles FitzRoy, den 12. Duke of Grafton, den seine Freunde vom Red Rooster Festival nur als Harry Grafton kennen. Barbara Villiers wäre stolz auf ihn.

Sonntag, 12. Februar 2023

Marianne von Eybenberg

Der Herr auf diesem schönen Bild von Anton Graff aus dem Jahre 1789 ist der Prinz Heinrich XIV. Reuß zu Greiz, der am 12. Februar 1799 in Berlin starb. Er hat den Titel eines Feldmarschallleutnants und ist Österreichs Botschafter in Preußen. Mit dem Prinzen Reuß, der zur Zeit in Untersuchungshaft sitzt, ist er nur sehr, sehr entfernt verwandt. Graff hatte sich bei dem lebensgroßen Kniestück ein wenig von der englischen Malerei des 18. Jahrhunderts beeinflussen lassen. Unser Prinz könnte auch für einen englischen Landedelmann durchgehen. Dies ist ein eher bürgerliches Portrait, die Uniform eines Feldmarschallleutnants würde ihm wohl nicht stehen. Der Prinz war ein kunstsinniger Mann, der Goethes Gedichte Kennst du das Land und Nur wer die Sehnsucht kennt vertont hatte und mit Goethe in Verbindung stand. 


Er war ständiger Gast in dem Salon von Sara Meyer, der Tochter des jüdischen Berliner Bankiers Aaron Moses Meyer. Ihr Großvater mütterlicherseits war Veitel Heine Ephraim, der Münzjude von Friedrich dem Großen, der ihm seine Kriege finanzierte. Wir kennen Sara Meyer besser unter dem Namen Sophie Von Grotthuss, weil sie in zweiter Ehe einen livländischen Baron geheiratet hat. Und wir kennen sie, weil sie beinahe dreißig Jahre lang Briefe mit Goethe wechselt. Da ist unser Goethe (der hier selten im Blog ist) schon wieder, wir brauchen ihn gleich noch einmal. Sara Meyers Salon ist nicht so berühmt wie der von Rahel Varnhagen (die hier schon einen Post hat), aber sie kennt bedeutende Leute. Aber so bedeutend wie der Salon der Récamier oder die Salons der englischen Blaustrümpfe sind die Berliner Salons der Frühromantik nicht. 

Jean Paul schreibt 1801 in einem Brief aus Berlin: Der Ton hier übertrifft an Unbefangenheit weit den Weimarschen. Der Adel vermengt sich hier mit dem Bürger, nicht wie Fett mit Wasser, auf welchem dieses immer oben schwimmt und äugelt, sondern sie sind innig vereinigt, wie diese durch Laugensalz, woraus Seife entsteht. Gelehrte, Juden, Offi­ciere, Geheimeräthe, Edelleute, kurz alles was sich an anderen Orten (Weimar ausgenommen) die Hälse bricht, fället einander um diese und lebt wenigstens freundlich an Thee- und Eßtischen beisammen. Ob das Henriette Herz, eine der führenden Berliner Salonnièren der Frühromantik, Rahel Varnhagen oder Sara Meyer sind, die zum Teekränzchen bitten, dies sind jüdische Salons. Henriette Herz schreibt: Die christlichen Häuser Berlins boten nichts, welches dem, was jene jüdischen an geistiger Geselligkeit boten, gleichgekommen oder nur ähnlich gewesen wäre. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen: ich habe hier für Sie die Doktorarbeit von Hannah Lotte Lund Der Berliner 'jüdische Salon' um 1800 im Volltext.

Unser österreichischer Prinz lernt bei Sara ihre Schwester Marianne Meyer kennen, die er sofort heimlich heiratet. Eine Mesalliance. In Adelskreisen nennt man das eine morganatische Ehe. Marianne wird natürlich keine Prinzessin Reuß, sie bleibt Marianne Meyer. Aber nach dem Tod ihres Gatten macht der österreichische Kaiser Franz sie zu einer Freifrau von Eybenberg, das ist er seinem Feldmarschallleutnant schuldig. Die schöne junge Frau, von der wir leider kein Portrait besitzen, hatte viele Verehrer, einer war Christian Günther von Bernstorff. Ein anderer hieß Johann Wolfgang von Goethe. Den hatten sie und ihre Schwester, die mit ihrer Cousine Rahel Levin in Karlsbad weilten, durch die Vermittlung von Friederike Brun (die man auch die Madame de Staël des Nordens nannte) kennengelernt. Goethe war von der schönen jungen Frau, die auch noch gebildet und intelligent war, begeistert. Nach überstandenem Schwindel der Verliebheit habe Goethes lebhafte Neigung als aufmerksame Beachtung fortgedauert, versichert uns Rahel.

Leider gibt es kein schönes Buch über die schöne Frau. Silke Schlichtmann ist mit der Professorin Barbara Hahn dabei, alle Briefe und Schriften von Marianne von Eybenberg herauszugeben, aber es gibt eine interessante Biographie an einer erstaunlichen Stelle. Und das ist Jakob Seifensieders Aufsatz Marianne von Eybenberg: zum 125. Todestag am 26. Juni 1937. Erschienen in Der Morgen: Monatsschrift der Juden in Deutschland, man ist erstaunt, dass es so etwas 1937 in Deutschland geben konnte. Sie können hier eine PDF Version des Artikels herunterladen, den auch Karl Kraus kommentiert hat.

Wir können in Winfried Wolfs Goethe und Grimm hätten sich in Karlsbad und Teplitz treffen können einiges darüber lesen, dass Goethe sich mit einigen hübschen Judenmädchen, und einer Actrice von hier amüsirt (das steht so in der Biographie von Nicholas Boyle), aber leider ist das Buch von Wolf ein Roman, keine Literaturgeschichte. In seinem Buch über die Briefe von Goethes Freunden schreibt Richard M. Meyer im Jahre 1911 (als er noch nicht annähernd die vielen Briefe von Marianne kennt): Die beiden Damen waren weder geistreich wie Bettine, noch voll poetischer Tiefe wie Marianne Willemer; trotz ihrer aristokratischen Beziehungen besitzen sie weder die Vornehmheit Charlottens v. Schiller, noch den großen Stil der Caroline v. Humboldt. Sie sprechen zuviel von sich - zumal die schöne Marianne; sie kommen leicht aus dem Plaudern ins Schwatzen. Und doch hat Goethe diese endlosen Erzählbriefe augenscheinlich mit Vergnügen gelesen, zwar kurz, aber höchst liebenswürdig beantwortet, nach Fortsetzung verlangt. Uns scheint es fast, als tue er den Schwestern zuviel Ehre an. Daß sie ihm die Erinnerung an den Verkehr mit der österreichischen Aristokratie, in deren Mitte er sie 1795 in Karlsbad kennen gelernt hatte, vergegenwärtigten, kann nicht allein die Ursache sein: wieviel kühler schreibt er an die Gräfin O'Donell, wieviel unbeteiligter an die Prinzessin von Ligne! Aber er sah wohl in den beiden tapfern Damen seine Vorkämpferinnen in Berlin und Wien; denn Rahel oder Bettine waren ihm menschlich nicht oder nicht dauernd nahegekommen. 

Ähnlich äußerte sich Rahels Ehemann Karl August Varnhagen über die Briefe von Marianne: In diesen Briefen an ihre Schwester Baronin von Grotthuß ist wenig Geist und Frische, aber manche Erwähnung von Personen und Lebensverhältnissen, die künftig einem Forscher angenehm und werthvoll sein kann.Wir lassen das mal so stehen. Henriette Herz schreibt in ihrer Autobiographie: Ein anderes war es jedenfalls mit ihrer Schwester, Frau vou Eybenberg, ungeachtet sie zu denjenigen gehörte, deren völlige Bedeutung Frauen nur durch einen Rückschluß zu erkennen vermögen, durch den Eindruck nämlich, welchen sie auf Männer, und auf tüchtige Männer machen. Freilich konnten auch Frauen körperliche und geistige Vorzüge an ihr nicht verkennen. Sie war hübsch, von elegantem Wuchse, in ihren Bewegungen durchaus anmuthig. Ihr Temperament war lebhaft, wenngleich unstät. Ihr Geist war mehr anregend als schöpferisch; konnte man sie auch nicht gerade geistreich nennen, doch eben so wenig geistlos. Sie hielt darin eine Mitte, wie sie den meisten Männern an Frauen sehr wohlgefällig ist. Mit ihren Kenntnissen stand es so, daß man sie, den damaligen Ansprüchen an weibliches Wissen nach, ein unterrichtetes Frauenzimmer nennen durfte. Irgendwie klingt das ein bisschen neidisch.

Wir können uns unsere eigenen Gedanken über die Karlsbader Sommerliebe machen. Bey Meyers war er gar hold Marianne, die holde Seele, geht ihm ans Herz, schrieb Friederike Brun in ihr Tagebuch. Die holde Seele Marianne ist halb so alt wie der Dichter, das gefällt ihm sicher. Jahrzehnte später wird sich der Dichter hier in Karlsbad in die fünfzig Jahre jüngere Ulrike von Levetzow verlieben. Der Sommer von 1795 in Karlsbad (hier von Goethe gezeichnet) mit Marianne Meyer wird sich wiederholen. 

Am 2. Juli 1808 schreibt Goethe seiner Frau: Zum Schluß muß ich noch melden, daß auch Mariannchen angekommen ist, artig und gescheidt wie immer. Wenn Goethe jetzt in Karlsbad an seinen Wahlverwandtschaften schreibt, weicht ihm Marianne nicht von der Seite. Oder er nicht von ihrer Seite. In seinen Tagebüchern vom Juni und Juli 1808 wird sie fünfundzwanzig Mal erwähnt. Sie sehen sich täglich, reden über den Roman (der noch Ottilie heißt), machen Spaziergänge und Spazierfahrten, kaufen Krebse und gehen ins Theater. Unsere Marianne wandert in den Roman. Goethes Sekretär Friedrich Wilhelm Riemer wird schreiben: Für Charlotten fand ich bald unter den Badgästinnen eine Goethen nicht unwillkommene Repräsentantin. Am 1. Oktober schreibt Goethe an Marianne: Der Roman, den Sie durch Ihre Teilnahme so sehr gefördert haben, ist nun völlig abgedruckt und wird nun seinen Weg auf die Leipziger Messe nehmen ... Gedenken Sie mein unter dem Lesen, gedenken Sie der guten Tage, in welchen dieses Werkchen größtenteils in ihrer Nähe entstand. Er könnte ja sagen: Ohne Sie wäre der Roman nix geworden, aber das kriegt ein Goethe nicht hin.

Freitag, 6. Januar 2023

das kleine Fischweib

Das ist Carl Jacobsen im Jahre 1896, er ist einer der reichsten Dänen. Ihm gehört die Ny Carlsberg Brauerei. Mit seinem Vermögen tut er viele gute Werke. Er hat auch die Ny Carlsberg Glyptotek gegründet. Das ist nicht so meine Sache, ich habe mit Plastiken meine Schwierigkeiten. Das habe ich vor vielen Jahren meinem Onkel Karl gestanden, der Bildhauer war. Ich habe aber natürlich eine Plastik von ihm. Und ich war natürlich auch in der Glyptotek in Kopenhagen und besitze sogar einen Katalog. Das Haus von Jacobsens Eltern war voll mit Werken von Bertel Thorvaldsen, den mag ich auch nicht besonders, aber er hat hier schon einen Post. 

Den Post musste ich damals schreiben, weil mir die Astrid diesen fetten Katalog Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde geschenkt hat. Also, kurz gesagt, der Bierbrauersohn Carl Jacobsen ist mit Statuen aufgewachsen, und er hat im Anschluss an eine Italienreise mit seinem Vater die Münchener Glyptothek kennengelernt, die einen großen Eindruck auf ihn gemacht hat. Er lernt auch den Archäologen Wolfgang Helbig kennen, der für ihn in Rom einkaufen soll: Eine so schöne, vielseitige und lehrreiche Skulpturensammlung wie nur möglich. Und da es in Kopenhagen noch fast gar nichts gibt, können wir anfangen, wo wir wollen. 

Was es bisher in Kopenhagen an Plastiken gab, stand in der Akademie und diente den Malern zum Studium, wie wir es hier auf dem Bild von Knut Baade sehen können. Carlsberg will, dass nicht nur Künstler, sondern jeder die Kunst sehen kann. Von nun an kauft er mehr und mehr. Klassik und Moderne, seine Glyptothek wird auch eine große Rodinsammlung haben. Der Kuss, der schon in dem Post Nackt zu sehen ist, ist auch dabei. Und Jacobsen schenkt seiner Heimatstadt nach der Maxime Den levende kunst hører det levende folk til eine Statue nach der anderen. Eine davon kennen wir alle.

Am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1909 ist Carl Jacobsen in der königlichen Oper, es gibt ein eventyrballet in drei Akten. Mit Musik. Die Musik ist von Fini Valdemar Henriques, damals einer der beliebtesten Komponisten des Landes. Vieles von seinen Kompositionen wird in Dänemark heute noch gespielt. Es ist zum Beispiel eine CD lieferbar, auf der Christina Bjørkøe ✺Klavierstücke von ihm spielt. Christina Bjørkø kennen Sie schon aus mehreren Posts, weil sie die Goldberg Variationen so schön spielt. Wenn Sie etwas von der Musik dieses Abends hören wollen, dann klicken Sie ✺hier und ✺hier. Das Thema des Ballets am Weihnachtstag kennt jeder Zuschauer. Es ist Den lille havfrue, das Märchen von H.C. Andersen von der kleinen Meerjungfrau, deren Haut so rein und so fein wie ein Rosenblatt war, ihre Augen so blau wie die tiefste See. Die kleine Meerjungfrau spielt die Primaballerina Ellen Price.

Jacobsen, Bierbrauer und Kunstmäzen, ist von der Aufführung begeistert. Und da neben dem Bier und der Kunstförderung Statuen und Skulpturen sein Leben ausmachen, will er sofort eine Bronzestatue von Ellen Price als kleine Meerjungfrau haben. Die Primaballerina erklärt sich bereit, dem Bildhauer Edvard Eriksen (hier mit seiner Ehefrau Eline Vilhelmine Møller) Modell zu sitzen. Eriksen ist noch jung, aber schon sehr berühmt, im Vorjahr hatte er die Statuen für den Sarkophag von Christian IX und Königin Louise gestalten dürfen. Die Arbeit an der Statue gestaltet sich schwierig. Als Ellen Price erfährt, dass sie dem Bildhauer nackt Modell sitzen soll, lehnt sie das kategorisch ab. Eriksen könne ihr Gesicht modellieren, aber dann ist Schluss.

Für den Rest der Nixe wird Eriksen seine Ehefrau als Modell nehmen, aber es ist immer noch nicht klar, wie die Skulptur aussehen soll. Jacobsen will eine Nixe mit Fischschwanz, Eriksen eine Menschenfrau mit Beinen. Am Ende gibt es einen Kompromiß, die Figur bekommt Beine, die in einen Fischschwanz enden. Meine Erfahrung sagt mir: Wenn man Künstler machen lässt, was sie wollen, wird es am besten, wird Jacobsen sagen. Das hier ist Alice Eriksen, die Enkelin von Edvard und Eline Eriksen mit einer Kopie der Figur, die wir alle kennen. 

Alice Eriksen, die mit ihren Brüdern bis 2029 die Rechte an den verkleinerten Kopien der Skulptur hat, hat in einem Interview gesagt, dass es niemals zur Diskussion stand, dass die Primaballerina Ellen Price nackt posierte. Das hätte meine Großmutter nicht zugelassen, sie saß schließlich bei allen Frauen-Skulpturen ihres Mannes Modell. Neben den kleinen Kopien, die niemals so groß sein dürfen wie das Original (das hatte Edvard Eriksen so verfügt), gibt es an einigen Orten der Welt autorisierte Abgüsse des Originals.

Carl Jacobsen konnte noch erleben, dass vier Jahre nach dem Balletabend die lille havfrue an der Langelinie aufgestellt wurde. Er brauchte nicht mehr zu erleben, was im letzten halben Jahrhundert mit der Skulptur, die zum Wahrzeichen von Kopenhagen geworden war, geschah. Heute vor 25 Jahren haben Unbekannte der Kleinen Meerjungfrau zum zweiten Mal den Kopf abgesägt. Das erste Mal war das 1964 geschehen. Das hatte Ellen Price, die sehr alt geworden ist, noch miterlebt, in dem Jahr, in dem die Plastik zum zweiten Mal ihren Kopf verlor, ist die Primadonna gestorben. Hatte die Neunzigjährige das noch mitbekommen, dass es wieder einen Anschlag auf die Figur gegeben hatte, die auch ein Teil von ihr war? Man konnte die Plastik immer wieder originalgetreu restaurieren, denn man besaß noch das Gipsmodell des Bildhauers. Aber die Dekaptation vor einem Vierteljahrhundert war nicht das Ende der Untaten. Immer wieder wurde aus schier Schandudel das kleine Fischweib bemalt und besudelt. Wahrscheinlich klebt sich irgendwann noch ein Klimakleber an ihr fest.

Wenn Sie die Geschichte der kleinen Seejungfer von H.C. Andersen lesen wollen, dann gibt es hier einen Link zum Projekt Gutenberg. Oder zum dänischen Original. Andersens Märchenfigur war schon mehrfach in diesem Blog. Zum einen im letzten Jahr in einem kurzen Post, der nicht ganz ernst heißt. Zum anderen gab es hier 2011 schon einen längeren kulturhistorischen Post mit dem Titel Meerjungfrauen + Waldnixen. Wenn ich einen Scanner hätte, dann wäre hier das Photo zu sehen, wie ich vor sechzig Jahren an der Langelinie die kleine Dame betrachte. Und diese eleganten beigen Chinos anhabe. Man kann auf dem Photo auch sehen, was man auf jedem Photo sehen kann: die lille havfrue ist sehr klein. Aber sie hat eine große Wirkung. Die haben nackte Damen, die aus dem Wasser kommen, immer. Ob sie von Sandro Botticelli gemalt sind oder Ursula Andress heißen.


Mittwoch, 28. Dezember 2022

Beware of young girls

Als ihr Ehemann sie wegen einer jüngeren Frau verließ, flippte sie völlig aus. Die New York Times schrieb später darüber: Mr. Previn had begun an affair with the actress Mia Farrow, then in her early 20s, whom he later married, and Ms. Previn, who had a history of emotional fragility and mental illness, fell apart. Fearful of traveling in general and of flying in particular, she had a breakdown on an airplane that was waiting to take off, shouted unintelligibly and tore at her clothes, and spent several months in a psychiatric hospital. Die Frau, deretwegen ihr Mann sie verlassen hatte, war jung, sehr jung. Sie war eine Freundin der Betrogenen gewesen, ging bei ihr ein und aus. Sie hieß Mia Farrow und war gerade von Frank Sinatra geschieden. 

Die betrogene Ehefrau erzählte der ganzen Welt die Geschichte in einem Lied. Das Lied kannte auch Mia Farrow, die in ihrer Autobiographie What Falls Away schreibt: Dory Previn experienced things quite differently, and made that clear publicly through her songs. I am sorry to have contributed to her pain. Das Lied heißt ✺Beware of young girls, es findet sich 1970 auf Dory Previns erster Platte ✺On my way to where. Es ist leider nicht auf der Platte We're Children Of Coincidence And Harpo Marx, die ich schon sehr lange besitze. Ich habe in dem Post Rickie Lee Jones nichts Nettes über diese Platte gesagt, die ich damals nur gekauft hatte, weil die Sängerin Dory Previn auf dem Cover der Ingrid ein wenig ähnlich sah. Die auch schön singen konnte, aber nie in einem Flugzeug ausflippte. We're Children Of Coincidence And Harpo Marx war das letzte Studioalbum von Dory Previn, sie hat noch viel geschrieben und noch lange gelebt. Aber Beware of young girls hier wird immer an sie erinnern, ein Song, in dem jedes Wort der Wirklichkeit ihres Lebens entsprach:


Beware of young girls who come to the door
Wistful and pale, of twenty and four
Delivering daisies with delicate hands
Beware of young girls, too often they crave
To cry at a wedding, and dance on a grave

She was my friend, my friend, my friend
She was invited to my house
Oh yes, she was
And though she knew my love was true
And no ordinary thing
She admired my wedding ring
She admired my wedding ring

She was my friend, my friend, my friend
She sent us little silver gifts
Oh yes she did
Oh what a rare and happy pair she inevitably said
As she glanced at my unmade bed
She admired my unmade bed
My bed

Beware of young girls who come to the door
Wistful and pale, of twenty and four
Delivering daisies with delicate hands
Beware of young girls, too often they crave
To cry at a wedding, and dance on a grave


She was my friend, my friend, my friend
I thought her motives were sincere
Oh yes I did
Ah, but this lass, it came to pass
Had a dark and different plan
She admired my own sweet man
She admired my own sweet man

We were friends
Oh yes we were
And she just took him from my life
Oh yes she did
So young and vain, she brought me pain
But I'm wise enough to say
She will leave him one thoughtless day
She'll just leave him and go away
Oh yes

Beware of young girls who come to the door
Wistful and pale, of twenty and four
Delivering daisies with delicate hands
Beware of young girls, too often they crave
To cry at a wedding, and dance on a grave

Beware of young girls
Beware of young girls
Beware


Die Geschichte von dem Songtext von Dory Previn und Mia Farrow könnte hier zu Ende sein, aber es gibt da noch eine kleine perverse andere Geschichte mit einem Songtext, der auch auf der Platte On my way to where ist. Die Sache ist durch die TV Serie Allen vs. Farrow im letzten Jahr wieder hochgekocht worden, es geht um den angeblichen Mißbrauch von Woody Allen an seiner siebenjährigen Adoptivtochter Dylan Farrow. Die 2014 in einem Brief an die New York Times geschrieben hatte: What’s your favorite Woody Allen movie? Before you answer, you should know: when I was seven years old, Woody Allen took me by the hand and led me into a dim, closet-like attic on the second floor of our house. He told me to lay on my stomach and play with my brother’s electric train set. Then he sexually assaulted me. He talked to me while he did it, whispering that I was a good girl, that this was our secret, promising that we’d go to Paris and I’d be a star in his movies. I remember staring at that toy train, focusing on it as it traveled in its circle around the attic. To this day, I find it difficult to look at toy trains.

Woody Allen hat das immer bestritten, und er hat gegenüber der Presse erklärt, dass Mia Farrow ihrer Adoptivtochter die Geschichte eingeflüstert habe. Und dafür den Liedtext von Dory Previn ✺With my Daddy in the attic verwendet habe. Lassen Sie mich daraus einige Zeilen ziteren: 

With my Daddy in the attic, 
That is where my being wants to bed… 
With the door closed on my mama and my sibling competition, 
And my Shirley Temple doll that truly cries… 
With my Daddy in the attic, 
That is where my dark attraction lies…
In the terrifying nearness of his eyes,
With no window spying neighbors,
And no husbands in the future,
To intrude upon our attic,
Past the stair where we’ll live on…
And he’ll play his clarinet when I despair,
With my Daddy in the attic,
With my Daddy in the attic…

In seiner Autobiographie Apropos of Nothing hat Woody Allen geschrieben, dass ihn Dory Previn während der Sorgerechtsprozesse angerufen und ihn gewarnt habe: She alerted me to a song she’d written, the lyric of which referred to some encounter that went on between a little girl and her father in the attic. She told me Mia would sing it, and she was certain that’s what gave Mia the idea to locate a fake molestation accusation she would make in the attic. Popsongs sind eine gefährliche Sache.