Sonntag, 20. September 2026

Blondes makes the best victims

Die Vögel (Originaltitel The Birds) ist ein US-amerikanischer Horrorfilm von Alfred Hitchcock nach der gleichnamigen Kurzgeschichte der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Er kam am 28. März 1963 in die US-amerikanischen und am 20. September 1963 in die deutschen Kinos. Der Film markiert nach Der unsichtbare Dritte (1959) und Psycho (1960) einen weiteren Höhepunkt in Hitchcocks Spätwerk. 

Steht so bei der Wikipedia. Als ich jung war, hielt ich Daphne du Maurier für eine Französin. Ich hatte mir im Pariser Gare du Nord in der Nacht eine Paperbackausgabe von L'auberge de la Jamaique gekauft und wartete auf den Nordexpress. Der fuhr um zehn in Paris ab und war morgens um acht in Bremen. Ich kannte die Strecke, meine Freundin arbeitete als au pair in Paris. Dass die Autorin eine Engländerin war, habe ich erst Jahre später gemerkt. Was ich gekauft hatte, war die französische Übersetzung von Jamaica Inn. Ein Roman, den Alfred Hitchcock verfilmt hat. Und um Hitchcock geht es heute, denn vor dreiundsechzig Jahren erlebte der Film Die Vögel seine deutsche Erstaufführung. Habe ich damals nicht gesehen, ich war beim Bund. War im Manöver, September bedeutete immer Manöver. Ich war auch nie wirklich ein Hitchcock Fan. Ich favorisierte französische Filme. Ich weiß nicht, ob mein Französisch in den zehn Stunden im Nordexpress durch die Lektüre von L'auberge de la Jamaique besser geworden ist, aber ich lernte auf jeden Fall eine Vielzahl von Synonymen des Wortes Nebel kennen. Die Paperbackausgabe habe ich immer noch.

Daphne du Maurier, die mit dem ziemlich unfähigen General Sir Frederic Browning verheiratet war (der hier schon in den Posts Militärisches Schuhwerk und Barett vorkommt), hat nicht nur Jamaica Inn geschrieben. Sie hat auch die Kurzgeschichte The Birds geschrieben, die Hitchcock für seinen Film benutzt hat. Die habe ich für Sie im Origialtext. Zu dem Film Die Vögel gibt es heute ein kleines Haiku von Uli Becker aus seinem Band Frollein Butterfly, in dem er uns 69 Quickies zwischen Sehnsucht und Schweinigelei serviert, von denen ich mal eben (aus meinem nummerierten Exemplar!) das auf Seite 73 zitiere:

Tun kein Auge zu
heut nacht vor lauter Vögeln,
Hommage à Hitchcock
.

Und ich spendiere noch einen Post, der hier schon mal im Blog stand. Wenn man schon beinahe dreieinhalbtausend Posts geschrieben hat, dann darf man auch mal einen alten Post wieder hervorholen. Zumal der wirklich gut ist:

Das hat sie nun davon, dass sie blond ist. Da liegt sie auf dem Boden, ein hilfloses Opfer. Attackiert von Vögeln, eine Variation der Geschichte von Leda und dem Schwan. Man hatte der naiven Blondine versprochen, dass in dieser Szene nur Attrappen von Vögeln zum Einsatz kommen, aber der Regisseur lässt auf dem Dachboden echte Vögel auf die Blondine los (the mechanical birds aren’t working, so we’re going to have to use live ones). Der Regisseur hat seine Freude daran, Blondinen zu quälen.

Blondes make the best victims. They’re like virgin snow that shows up the bloody footprints, hat er gesagt. Der Regisseur heißt natürlich Alfred Hitchcock, und wir reden hier von dem Film The Birds, der vor dreiundsechzig Jahren in den USA anlief. Die Schauspielerin Tippi Hedren durfte noch ein zweites Mal bei Hitchcock in dem Film Marnie mitspielen. In dem Film gibt es eine ✺Vergewaltigungszene in der Hochzeitsnacht. Nicht durch Vögel, diesmal durch Sean Connery. 

A man taking his frigid, unattainable bride by force was Hitchcock's fantasy about me, hat Tippi Hedren dazu gesagt. Was sie bei den Dreharbeiten von The Birds ertragen musste, wurde bei Marnie noch schlimmer: He stared at me and simply said, as if it were the most natural thing in the world, that from this time on, he expected me to make myself sexually available and accessible to him – however and whenever and wherever he wanted. That was the moment, after almost three years of trying to cope, when I finally had enough – that was the limit, that was the end.

In ihrer →Autobiographie aus der dieses Zitat stammt, hat Hedren noch mehr über Hitchcock zu sagen, der wie ein Vorläufer von →Harvey Weinstein daherkommt. Hitchcock hat der Tochter von Tippi Hedren (die später unter dem Namen Melanie Griffith Schauspielerin wurde) nach den Dreharbeiten von The Birds eine Puppe geschenkt, die eine perfekte Nachbildung ihrer Mutter war. Und auch ein grünes Kleid hatte, wie Tippi Hedren es in dem Film trug. Die Puppe lag in einem kleinen Sarg. Kann man perverser sein?

Hitchcock und Blondinen, ein unerschöpfliches Thema. Auf François Truffauts Frage In other words, what intrigues you is the paradox between the inner fire and the cool surface in dem berühmten Interview sagt Hitchcock: Definitely, I think the most interesting women, sexually, are the English women. I feel that the English women, the Swedes, the north­ern Germans, and Scandinavians are a great deal more exciting than the Latin, the Italian, and the French women. Sex should not he ad­vertised. An English girl, looking like a school­ teacher, is apt to get into a cab with you and, to your surprise, she’ll probably pull a man’s pants open. Wir kennen eine Variante dieser Szene aus To Catch a Thief.

Dass Hitchcock seine blonde Hauptdarstellerin aus The Birds sexuell belästigt und bedrängt hat, war allgemein bekannt. Dass er ihre Karriere ruinierte, auch. Sie war nicht die erste, sie könnten jetzt mal eben den Post Vera Miles lesen. Ich hätte da auch noch ein schönes Zitat von dem Regisseur, der seine Schauspieler als cattle bezeichnete: I always believe in following the advice of the playwright Sardou. He said, 'Torture the women!' The trouble today is that we don't torture women enough

Dies hier sind nicht Hitchcock und Tippi Hedren, dies ist eine Szene aus dem Theaterstück →Hitchcock Blonde. Die kühle Blonde aus The Birds hat sich lange mit Vorwürfen zurückgehalten, aber in ihrer Autobiographie Tippi: A Memoir nahm sie kein Blatt vor den Mund: I couldn’t tell anyone. It was the early 1960s. Sexual harassment and stalking were terms that didn’t exist… Besides, he was Alfred Hitchcock… and I was a lucky little blonde he’d rescued from relative obscurity.

Von Vögeln und Sean Connery attackiert zu werden ist das eine, nackt in der →Dusche erstochen zu werden, das andere. Ernst Callenbach schrieb 1960 im →Film Quarterly über ✺PsychoIt imperceptibly shifts to a level of macabre pathology, unbearable suspense, and particularly gory death. In it, indeed, Hitchcock's necrophiliac voyeurism comes to some kind of horrifying climax. Phallic-shaped knives swish past navels, blood drips into bathtubs, eyes stare in death along the floor, huge gashes appear in a man's amazed face, and so forth. Vielleicht soll man das mit dem necrophiliac voyeurism mal fett setzen. 

Und wenn Sie fragen, was diese junge Dame hier soll: das ist Marli Renfro, das Körperdouble von Janet Leigh in der DuschszeneUrsprünglich wurde Renfro nur für zwei oder drei Tage gebucht. Am Ende wurden es anderthalb Wochen. Sieben Drehtage, fast ein Drittel der Zeit, die Leigh am Set von "Psycho" verbrachte. Für eine einzige, dreiminütige Szene. Bei den Dreharbeiten wussten nur wenige, wer die rothaarige junge Frau mit den türkisfarbenen Augen war, die Tag für Tag splitternackt über das Studiogelände spazierte. Die überzeugte Nudistin zog die Blicke auf sich, wenn sie sich völlig unbekleidet mit Hitchcock unterhielt, der stets einen dunklen Anzug trug. Oder wenn sie vor der versammelten Presse Dehnübungen veranstaltete, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Das Pech für Tippi Hedren war, dass die kein Körperdouble hatte. Das wollte Hitchcock auch nicht haben, er wollte die Vögel auf sie loslassen, Blondes make the best victims. Marli Renfro ist heute achtundachtzig. Ihr Name taucht im Film Psycho nicht auf, nicht mal kleingedruckt im Abspann. Das einzige Mal, dass man ihren Namen auf der Leinwand sehen kann, ist 1962 in Coppolas erstem  Film Tonight for Sure. Es hat viele Jahre gedauert, bis Hitchcock zugab, dass die nackte Frau in der vielleicht berühmtesten Filmszene der Welt nicht Janet Leigh war. Und es hat noch länger gedauert, bis Renfros Name bekannt wurde. In dem Dokumentarfilm über die Duschszene von Alexandre O. Philippe aus dem Jahr 2017 ist sie allerdings dabei. 

Der Amerikaner Peter Swanson hat am Trinity College und der University of Massachusetts in Amherst studiert und vom Emerson College einen Master of Fine Arts bekommen. Obgleich der akademische Grad für Poetry war, schreibt er wenig Gedichte, er schreibt Romane. Er musste beinahe zehn Jahre warten, bis er einen Verleger für seinen ersten Roman fand. Jetzt ist er ein Autor von Kriminalromanen, die in dreißig Sprachen übersetzt sind. Und er hat eine Vielzahl von Gedichten über Hitchcock Filme geschrieben, für jeden Film eins. Die sind aus unerklärlichen Gründen aus dem Internet und von seiner Homepage verschwunden, North by Northwest können Sie →hier noch lesen. Aber ich habe mir sein Gedicht Psycho aufbewahrt, in dem auch The Birds vorkommen, das stelle ich mal hierhin: 

Psycho

Undressed she looks fresh-plucked, her flesh 
As white as boiled hens. How easily 
She exists within her nakedness, 
How unaware she is of what I see.

She changes to a dressing gown, 
So shiny that a giant crow would snatch 
Her up to line his nest. I make no sound. 
My mind is quiet too, not even a scratch.

The bad thoughts will gather soon, I suppose. 
My mind won’t shake her birdy skin 
But with those private traps, those animal parts.

We all look so much realer in our clothes. 
That’s my hobby, see. It’s stuffing things. 
I don’t really know all that much about birds.

Kühle Blondinen: Tippi Hedren, Kim Novak (in Vertigo), Eva Marie Saint (in North by Northwest) und Grace Kelly. Unser kleiner Dicker träumt mit seinem necrophiliac voyeurism von ihnen. Zuhause bei seiner Gattin Alma Reville sieht die Welt nicht nach coolen Blondinen aus, die dem Mann an die Wäsche gehen.

Also diese Sorte Blondinen, über die der Filmkritiker Roger Ebert sagte: they reflected the same qualities over and over again: They were blonde. They were icy and remote. They were imprisoned in costumes that subtly combined fashion with fetishism. Tippi Hedren war übrigens nicht die erste Blondine, die unter Hitchcock zu leiden hatte.

Ich könnte da noch Madeleine Carroll aus der Verfilmung von John Buchans Klassiker The 39 Steps (von dem North by Northwest ja nur ein Remake war) anbieten, die während der gesamten Dreharbeiten von Hitchcock als the Birmingham tart bezeichnet wurde. The very beautiful woman who just walks around, avoiding the furniture, wearing fluffy negligees, and looking very seductive may be an attractive ornament, but she does not help the film at all. 

I hate it when actresses try to be ladies and in doing so become cold and lifeless, and nothing gives me more pleasure than to knock the lady-likeness out of chorus girls. I don't ask much of an actress and I have no wish for her to be able to play a whole list of character roles, but she must be a real human person. That is why I deliberately deprived Madeleine Carroll of her dignity and glamour in "The Thirty-Nine Steps," and I did exactly the same thing in "Secret Agent." In this last film, the first shot you saw of her was with her face covered with cold cream! Was Hitchcock an dieser Stelle zu sagen vergisst ist, dass er durch die beiden Filme mit der Birmingham tart weltberühmt wurde.

In Bielefeld, der Stadt, die es gar nicht gibt, gibt es heute etwas ganz Besonderes. Denn heute hat da im Theater das Musical ✺The Birds of Alfred Hitchcock von William Ward Murta, das den Machtmissbrauch im Filmgeschäft thematisiert, Premiere. Ich weiß jetzt nicht, ob sie Tippi Hedren zur Premiere eingeladen haben. Aber die hat mit ihren sechsundneunzig Jahren vielleicht auch keine Lust, nach Bielefeld zu reisen. 

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