Donnerstag, 28. Januar 2021

Nina van Pallandt

Also, in dem Robert Altman Film The Long Goodbye sah sie damals toll aus. Could you find my husband for me, please, Mr Marlowe? sagt sie zu Robert Gould. Sie ist da schon vierzig, hat aber diesen zeitlosen Look, mit dem sie in allen schwedischen Filmen auftreten könnte. Wollen wir wissen, wie sie heute aussieht? Sie hat heute ihren achtzigsten Geburtstag. Tilykke med fødsedsdagen. Ich werde meine alte Platte hervorkramen, auf der Nina & Frederick: Strange World steht. Mit einem Schwarzweiß Cover, das direkt aus dem Design der Zeitschrift Twen hätte stammen können. Wir hatten an der Schule mal eine junge Kunstlehrerin, von der gemunkelt wurde, sie sei die Assistentin von Willy Fleckhaus beim twen gewesen. Die Zeitschrift fand ich ja damals ganz toll, und für den Anfang der sechziger Jahre war sie das auch.

Leider ist der schöne Katalog von ➱Michael Koetzle twen: Revision einer Legende inzwischen auch schon Vergangenheit (ich habe natürlich einen). Ich war einmal Anfang der sechziger Jahre auf einer Kulturtagung (natürlich nur, weil man dafür schulfrei bekam), wo eine Dame mit Dutt und grauer Strickjacke hasserfüllt einen Vortrag über den twen hielt. Das Magazin war für sie der Untergang des Abendlandes. Wahrscheinlich weil da Photos von Sam Haskins drin waren, die damals als verworfen galten. Die Dame reichte auch zur Abschreckung einige Hefte herum. Die habe ich alle mitgenommen, damit meine Mitschüler nicht in Versuchung gerieten, in den Strudel des Unterganges gezogen zu werden. Unglücklicherweise fand ich später heraus, dass die Vortragende die Tante meiner damaligen Freundin war.

Nina van Pallandt wurde als Nina Magdelene Møller-Hasselbalch in Kopenhagen geboren, 1960 hat sie den dänischen Baron Frederik van Pallandt geheiratet. Die beiden sind dann als Nina & Frederik weltberühmt geworden, das war das easy listening der sechziger Jahre mit dieser schnuckeligen Skandinavierin als Beigabe auf dem Cover der LP. Ihr erster Filmauftritt war nicht so toll wie der in The Long Goodbye. Der Film hieß Mandolinen und Mondschein, wenn Sie einen wirklichen Retro Schock haben wollen, dann schauen Sie jetzt mal eben hier hinein.

Die Ehe des Traumpaares hielt neun Jahre. Da hatten sie alles gesungen, was Harry Belafonte und andere Folksänger im Programm hatten, seicht und melodisch. Von da an machten sie nur noch Schlagzeilen, die man nicht so gerne las. Wie hier auf dem Titelbild von LifeThe Singing Baroness in the Hughes Affair. Ich lasse das alles mal lieber weg. Wie verschieden war jetzt Nina van Pallandts Welt von dem Text auf der Platte Strange World, wo es am Schluss hieß: Nina and Frederik are unique entertainers and rare people. In a world often noisy they produce gentle sound; to a world often vulgar they bring dignity.

Robert Altmans Verfilmung von Raymond Chandlers The Long Goodbye warf die blonde Dänin in eine noisy and vulgar world. Es ist kein Augenblick Ruhe in dem Film: I decided that the camera should never stop moving. It was arbitrary... It gave me that feeling that when the audience see the film, they're kind of a voyeur. You're looking at something you shouldn't be looking at... My method also means you don't have to light for close-ups; you only have to accommodate what may happen, so you just light the scene and it saves a lot of time. The rougher it looked, the better it served my purpose. Altmann transponiert das Los Angeles der vierziger Jahre in das nervöse Kalifornien der siebziger Jahre. Die Handlung des Romans ist nur noch rudimentär zu erkennen, und dennoch ist es irgendwie ein gelungener Film; it's an original work, complex without being obscure, visually breathtaking without seeming to be inappropriately fancy, schrieb Vincent Canby in der New York Times. Was natürlich an der hervorragenden Kameraarbeit von Vilmos Zsigmond lag, der diesem neo-noir Film seinen Stempel aufdrückte. Und an Nina van Pallandt. Auch wenn wir eine halbe Stunde lang warten müssen, bis wir sie zum ersten Mal sehen.

Elliott Goulds wäre sicherlich nicht jedermanns Wahl als Marlowe gewesen, aber Robert Altman gab dem damals arbeitslosen Gould die Rolle seines Lebens. Denn zuvor hatte der eigentlich nur zwei gute Filme gedreht: Bob & Carol & Ted & Alice (1969) und M*A*S*H (1970). Und seine Verkörperung von Philip Marlowe brachte ihn als Star for an Uptight Age auf das Titelblatt von Time (Elvis hat das nie geschafft). He embodies an inner need to be hip at the risk of seeming silly, the struggle not to give in to the indignity and/or insanity of contemporary life, schrieb Time. Es war die Zeit, wo man hip und with it sein musste, und der zerknautschte Elliott Gould war das.

Für viele Kritiker blieb natürlich Humphrey Bogart die filmische Verkörperung von Philip Marlowe, der Meinung scheint auch Raymond Chandler gewesen zu sein. So schreibt er in einem Brief an seinen englischen Verleger Hamish Hamilton: When and if you see The Big Sleep (the first half of it anyhow), you will realize what can be done with this sort of story by a director with the gift of atmosphere and the requisite touch of hidden sadism. Bogart, of course, is also so much better than any other tough-guy actor that he makes bums of the Ladds and the Powells. As we say here, Bogart can be tough without a gun. Also he has of humor that contains that grating undertone of contempt. Ladd is hard, bitter and occasionally charming, but he is after all a small boy's idea of a tough guy. Bogart is the genuine article.

Doch so gut Humphrey Bogart für den Film Noir sein mochte (der Robert Mitchum von Out of the Past wäre auch gut für die Rolle gewesen), jetzt waren die siebziger Jahre gekommen. Da konnte man dem Publikum kaum eine Phantasiefigur eines Autors verkaufen, der eigentlich immer noch im Zeitalter der Königin Viktoria lebte. Mit all diesen Rittern in Literatur und Malerei. Wen hätte man für die Rolle nehmen sollen? Robert Mitchum als alternder Marlowe in Farewell My Lovely war nicht schlecht (Charlotte Rampling auch nicht), er hätte es dabei belassen sollen. Denn in dem Re-Make von The Big Sleep (nicht mehr im L.A. von 1939 sondern im London der 70er Jahre) von Michael Winner hat er seinen guten Ruf aufs Spiel gesetzt. Michael Winner ist einfach nicht intelligent genug für einen richtigen neo-noir Film. Und London ist nicht L.A.

Altmans L.A. ist auch ein anderes L.A. als das von Raymond Chandler. Er hätte natürlich einen Retro-Film drehen können, so etwas war damals en vogue, wenn wir an Chinatown denken. Ein klein wenig Retro war die Nachbehandlung des Filmmaterials: I was worried about the harsh light of southern California and I wanted to give the film the soft, pastel look you see on old postcards from the 1940s. So we post-flashed the film even further than we did on McCabe & Mrs Miller, almost 100 percent. Aber es sollte nicht bei diesem leichten Verfremdungseffekt bleiben. Altman hatte sich zu einer radikalen Lösung entschlossen: I decided that we were going to call him Rip Van Marlowe, as if he'd been asleep for twenty years, had woken up and was wandering through this landscape of the early 1970s, but trying to invoke the morals of a previous era. I put him in that dark suit, white shirt and tie, while everyone else was smelling incense and smoking pot and going topless; everything was health food and exercise and cool. So we just satirized that whole time. And that's why that line of Elliott's – 'It's OK with me' – became his key line throughout the film

Eigentlich ist die Hauptfigur seines Films die Stadt Los Angeles (ein Los Angeles, das Chandler nicht wiedererkannt hätte), durch die Elliott Gould - mehr schlemihl als Ritter - streift. Aber so neu alles sein mag, manches ändert sich nie. Und die femme fatale, wie das good-bad girl ein Wesenselement des Film Noir, bleibt natürlich die femme fatale. Auch wenn sie blond ist und wie eine Schwedin aussieht und Nina van Pallandt ist. Und im Film Eileen Wade heißt. She looked exhausted now, and frail, and very beautiful, heißt es im Roman, da ist Philip Marlowe schon ganz hin und wegWenn sie im Film sagt Could you find my husband for me, please, Mr Marlowe? Kann Philip Marlowe da widerstehen? Es ist das Los dieses tough guy Ritters, dass er immer wieder die damsel in distress retten müssen.

In Chandlers Roman The Long Goodbye schreibt Eileen Wade in ihrem Abschiedsbrief: Time makes everything mean and shabby and wrinkled. The tragedy of life... is not that the beautiful things die young, but that they grow old and meanIt will not happen to me. Nina van Pallandt wird im Film dieser Satz erspart (im wirklichen Leben vielleicht nicht), ihre Eileen Wade lebt am Ende des Films noch. Fährt im Jeep an Elliott Gould vorbei, der sie nicht bemerkt. Der einsam aber fröhlich diese Allee hinuntergeht (down these mean streets a man must go), bis er zum Schluss aus den Bild hüpft. Stand so nicht bei Chandler, war aber auch irgendwie gut.

Mittwoch, 27. Januar 2021

Coco Chanel

Heute (10.1.2021) vor fünfzig Jahren ist sie in ihrer Suite im Hotel Ritz gestorben. Diese Suite hatte sie nie aufgegeben, auch in den langen Jahren nicht, als sie den Boden Frankreichs nicht mehr betreten durfte. Als sie im Alter von 87 Jahren starb, kannte jeder ihren Namen. Der auch der Name eines Parfüms war, von dem Marilyn Monroe gesagt hatte: What do I wear in bed? Why, Chanel No. 5, of course.

Das Kind Gabrielle Chanel, unehelich geborene Tochter des Hausierers Albert Chanel, konnte von dem Ritz nur träumen. Das war das, wo sie hin wollte, egal, um welchen Preis. Es gab damals nicht nur ein Paris. Es gab das Paris von Emile Zola, und es gab das Paris von Marcel Proust. Gabrielle wollte in die Welt von Proust, die Welt von Zola kannte sie zur Genüge. In Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit kommt sie aber nicht vor. Das Kleid von Fortuny, das Albertine an diesem Abend angelegt hatte, kam mir wie ein lockender Schatten jenes unsichtbaren Venedig vor. Morgenländische Ornamente überzogen es überall, die unzählige Male auf dem schillernden Gewebe von tiefem Blau wiederkehrten, das unter meinem vorwärtstastenden Blick sich in schmiegsames Gold verwandelte durch eine ähnliche Metamorphose, wie sie vor der vorwärtsgleitenden Gondel flammendes Metall aus der Azurtönung des Canale Grande macht, heißt es bei Proust. Auch die Herzogin von Guermantes trägt Fortuny. Wenn man sehr viel Glück hat, kann man ein solches Kleid (wie hier auf dem Bild) heute auf einer Auktion für zehntausend Euro ersteigern. Ein Chanel Kostüm ist da sehr viel preiswerter.

Der Rest der Damen aus der Aristokratie bei Marcel Proust wird wahrscheinlich Paul Poiret tragen. Gegen den kommt die Chanel, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Geld ihres Liebhabers ihren ersten Salon in Paris aufgemacht hat, noch nicht an. Ihre Kundschaft ist auch eher die Demimonde und nicht die wirklich feine Welt. Die kauft die Haute Couture bei Madame Grès oder bei Captain Molyneux, bei Elsa Schiaparelli oder bei Madeleine Vionnet. Die alle modehistorisch bedeutender sind als Chanel, die aber nicht das Selbstvermarktungsgenie von Coco Chanel haben.

Denn die Geschichte der Coco Chanel, die gesagt haben soll Ich mache keine Mode, ich bin die Mode, ist die Geschichte eines selbst gestrickten Mythos. Daran hat sie ihr Leben lang gearbeitet. Sie hat ihre Biographie bis zur Unkenntlichkeit gefälscht, bis sie ein Markenzeichen wurde. Sie war nicht die erste, die die Kleider vom Korsett befreite. Das hatte schon Paul Poiret getan. Sie hat Chanel No. 5 nicht erfunden, das hat der Parfümeur Ernest Beaux erfunden. Das Geld für das ganze Unternehmen kommt von Pierre Wertheimer, die Chanel hat nur einen zehnprozentigen Anteil. Noch heute ist das Modehaus Chanel (Parfüm inklusive) im Alleinbesitz der Familie Wertheimer, einer der reichsten Familien Frankreichs.

Aber das kleine Schwarze hat sie erfunden. Und das Chanel Kostüm. Das aber erst als sie siebzig war und gerade wieder nach Paris zurückgekommen war. Wurde zuerst von der Presse verlacht, trat dann aber seinen Siegeszug im Amerika von Eisenhower und im Deutschland von Adenauer an, der Inbegriff der Eleganz für das Bürgertum (ja, meine Mutter hatte auch mehrere). In Paris hatte man ein Jahrzehnt nach dem Kriegsende gnädig die Vergangenheit der Frau mit der Suite im Ritz vergessen. Die sich dort, als alle deutschen Offiziere der Besatzung ihren Frauen Chanel No. 5 mit nach Deutschland brachten, einen der Nazi-Besatzer geangelt hatte, den Baron von Dincklage. Sie hatte sich ihre Liebhaber immer nach Geld und Einfluss ausgesucht.

Der Pariser Industriellensohn Etienne Balsan hatte sie in die Gesellschaft eingeführt, der englische Bergwerkbesitzer Boy Capel hatte der Modistin den ersten Laden finanziert. Später kam noch ein englischer Herzog dazu, jetzt war es ein Repräsentant von Hitlers Deutschland. Für dessen Vorgesetzten, den SS General Walter Schellenberg, sie später noch die Beerdigung bezahlt hat. Vielleicht wäre das Goethewort Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist an dieser Stelle ganz angebracht. Während der occupation allemande hat sie versucht, die Firma Chanel zu arisieren und sich in den Besitz der siebzig Prozent Firmenanteils der nach Amerika geflohenen Wertheimers zu setzen. An solche Dinge sollte man auch denken, bevor man unkritisch Coco Chanel zu einem Mythos macht.

In der Welt des schönen Scheins, wo das Design das Sein überstrahlt, kommen viele Designer von ganz unten und wollen nach ganz oben. Weil die glitzernde Eleganz da oben ihnen als begehrenswertes Ideal im Gegensatz zu ihrer ärmlichen Kindheit erscheint. Nicht unserem Karl Lagerfeld, der später das Design von Coco Chanel prägte. Der kam aus der Glücksklee Büchsenmilch Dynastie. Aber Gabrielle Chanel und Ralph Lifshitz (der heute Ralph Lauren heißt) wären solche Fälle. Jeremy Hackett ist sich seiner Herkunft aus der working class immerhin noch bewusst. Im letzten Jahr hat es gleich zwei Filme gegeben, die an dem Mythos Chanel arbeiteten: Coco avant Chanel (mit der schnuckeligen kleinen Audrey Tatou) und Coco Chanel & Igor Stravinsky. Die Nazi-Vergangenheit der Heldin sparen beide Filme aus.

Die Dokumentation Coco Chanel, die Revolution der Eleganz ist noch drei Wochen in der arte Mediathek zu sehen. Den Film Chanel Solitaire mit der wunderbaren Marie-France Pisier (Bild) habe ich auch, aber leider in einer schlechten Qualität. Der Post zu Coco Chanel stand hier schon vor zehn Jahren, er ist ein wenig überarbeitet und durch Links zu den Chanel Filmen ergänzt worden. Denn Filme über ihr Leben gibt es genug, ich sollte noch den zweiteiligen Film  Coco Chanel aus dem Jahre 2008 erwähnen, in dem die  slowakischen Schauspielerin Barbora Bobuľová die junge Coco Chanel spielt und Shirley die Coco Chanel nach dem Zweiten Weltkrieg verkörpert. Über Madame Grès und Madeleine Vionnet gibt es keine Spielfilme.

Dienstag, 26. Januar 2021

The Hill We Climb

Heute Morgen (20.1.2020) konnte ich nur acht Zeilen aus dem Gedicht The Hill We Climb von Amanda Gorman zitieren, mehr gab das Internet nicht her. Aber jetzt ist die Inaugurationsfeier vorbei, Sie können die junge Dichterin hier sehen. Es gibt schon beinahe zweihundert Kommentare. Ich zitiere einmal einen davon: A nation that isn't broken / but simply unfinished. When you're 22 and the President asks you to stand in the shoes of Maya Angelou and Robert Frost and you absolutely nail it. Incredible. Und ein Transkript des Gedichts habe ich auch:


 Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice President, Mr. Emhoff, Americans and the world, when day comes we ask ourselves where can we find light in this never-ending shade? The loss we carry a sea we must wade. We’ve braved the belly of the beast. We’ve learned that quiet isn’t always peace. In the norms and notions of what just is isn’t always justice. And yet, the dawn is ours before we knew it. Somehow we do it. Somehow we’ve weathered and witnessed a nation that isn’t broken, but simply unfinished. We, the successors of a country and a time where a skinny black girl descended from slaves and raised by a single mother can dream of becoming president only to find herself reciting for one:

And yes, we are far from polished, far from pristine, but that doesn’t mean we are striving to form a union that is perfect. We are striving to forge our union with purpose. To compose a country committed to all cultures, colors, characters, and conditions of man. And so we lift our gazes not to what stands between us, but what stands before us. We close the divide because we know to put our future first, we must first put our differences aside. We lay down our arms so we can reach out our arms to one another. We seek harm to none and harmony for all. Let the globe, if nothing else, say this is true. That even as we grieved, we grew. That even as we hurt, we hoped. That even as we tired, we tried that will forever be tied together victorious. Not because we will never again know defeat, but because we will never again sow division.

Scripture tells us to envision that everyone shall sit under their own vine and fig tree and no one shall make them afraid. If we’re to live up to her own time, then victory won’t lie in the blade, but in all the bridges we’ve made. That is the promise to glade, the hill we climb if only we dare. It’s because being American is more than a pride we inherit. It’s the past we step into and how we repair it. We’ve seen a forest that would shatter our nation rather than share it. Would destroy our country if it meant delaying democracy. This effort very nearly succeeded.

But while democracy can be periodically delayed, it can never be permanently defeated. In this truth, in this faith we trust for while we have our eyes on the future, history has its eyes on us. This is the era of just redemption. We feared it at its inception. We did not feel prepared to be the heirs of such a terrifying hour, but within it, we found the power to author a new chapter, to offer hope and laughter to ourselves so while once we asked, how could we possibly prevail over catastrophe? Now we assert, how could catastrophe possibly prevail over us?

We will not march back to what was, but move to what shall be a country that is bruised, but whole, benevolent, but bold, fierce, and free. We will not be turned around or interrupted by intimidation because we know our inaction and inertia will be the inheritance of the next generation. Our blunders become their burdens. But one thing is certain, if we merge mercy with might and might with right, then love becomes our legacy and change our children’s birthright.

So let us leave behind a country better than the one we were left with. Every breath from my bronze-pounded chest we will raise this wounded world into a wondrous one. We will rise from the gold-limbed hills of the West. We will rise from the wind-swept Northeast where our forefathers first realized revolution. We will rise from the Lake Rim cities of the Midwestern states. We will rise from the sun-baked South. We will rebuild, reconcile and recover in every known nook of our nation, in every corner called our country our people diverse and beautiful will emerge battered and beautiful. When day comes, we step out of the shade aflame and unafraid. The new dawn blooms as we free it. For there is always light. If only we’re brave enough to see it. If only we’re brave enough to be it.

Eine deutsche Übersetzung des Gedichts finden Sie hier.

Orchideen

Ich lese natürlich Anna Karenina zu Ende, das habe ich in dem Post Oberrock schon gesagt. Aber ich habe die Lektüre erst einmal unterbrochen, weil ich mal eben Eine Liebe von Swann neu lesen musste. Nicht in dieser von Jean-Yves Tadié besorgten Ausgabe (Collection Folio classique (n° 6439) Gallimard), sondern in einer mir bis dato unbekannten Übersetzung. Ich suchte für den Anfang des Posts ein Bild von Un amour de Swann und fand dieses, eine stilisierte Blume, umgeben von einem Wirrwarr von Pfeilen. Ich betrachtete das Bild einen Augenblick lang und wusste, was es sein sollte. Die stilisierte Blume ist eine Cattleya, eine Orchideenart. Und diese nach dem britischen Orchideengärtner William Cattley benannte Pflanze hat eine besondere Bedeutung für den Roman, die es rechtfertigt, als Bild auf den Buchumschlag zu kommen.

Odette de Crécy, in die sich Charles Swann verliebt, trägt eine solche Blume im Ausschnitt ihres Kleides. Sie liebt an Blumen nur diese Cattleya (bei Proust catleya) und Chrysanthemen, ihre Wohnung ist voll davon. Die schöne Odette ist, das müssen wir vorausschicken, eine Halbweltdame. Also eine Frau, die uns auch in den Posts les grandes horizontales und Demimonde hätte begegnen können. Oder in dem Post über Marie Duplessis, das Vorbild für die Kameliendame Violetta Valéry in La Traviata

Von der weiß man ja, wieviel Geld sie für Blumen ausgegeben hat, weil man irgendwann nach ihrem Tod die Rechnungen der Floristen gefunden hat. Wenn man sich die Portraits der Damen der Belle Époque von Giovanni Boldini anschaut, dann wird man sehr häufig Blumen im Ausschnitt des Kleides finden. Wie hier bei der Prinzessin Radziwill, einer ersten Jugendliebe von Proust.

Diese Bilder von Prinzessinnen, Comtessen und Courtisanen, die heute wie eine Galerie von Pin Up Girls der Hautevolee des Fin de Siècle wirken, haben natürlich etwas Erotisches an sich. Die muet language des robes, von der Proust spricht, ist nicht wirklich stumm. Die Prinzessin Bibesco, die ihre Begegnung mit Marcel Proust niederschreiben wird (deutsch als Paperback im Insel Verlag), wird hier vom Maler mehr aus- als angezogen. Aber wenn sie auch beinahe nackt ist, die Blume im Ausschnitt des angedeuteten Kleides darf nicht fehlen.

Diese Dame hier auf dem Gemälde von Raimundo de Madrazo y Garreta trägt auch eine Orchidee im Ausschnitt. Sie heißt Laure Hayman und ist die Geliebte von Prousts Großonkel Louis (und vielleicht die auch seines Vaters). Als Louis Weil sie ihm 1888 vorstellt, ist Proust siebzehn Jahre alt, er ist von der zwanzig Jahre älteren Courtisane hingerissen. Drei Jahre später schenkt sie ihrem jugendlichen Verehrer die Erzählung Gladys Harvey von Paul Bourget (der auch einer ihrer Liebhaber war), eingebunden in die Seide eines ihrer Unterröcke. Und mit der Widmung Ne rencontrez jamais une Gladys Harvey versehen. Die Gladys Harvey in Bourgets Roman ist eine Courtisane, mit diesem Werk ist Laure Hayman in die Literatur gewandert. 

Dort wird sie bleiben, denn Proust macht sie zu Odette de Crécy. Der junge Proust ruiniert sich beinahe finanziell, weil er ihr immer Chrysanthemen schickt, ces fleurs fières et tristes comme vous. Wenn Laure Hayman (hier auf dem Gemälde von Federico de Madrazo y Ochoa nackt, aber mit Blumen im Haar) entdeckt, dass Proust sie in eine Romanfigur verwandelt hat, wird sie ihm einen wütenden Brief schreiben, in dem sie ihn anklagt, ein Monster zu sein. Eine Frau, die ich vor 30 Jahren geliebt habe, schreibt mir einen wütenden Brief um mir zu sagen, Odette sei sie, ich sei ein Scheusal. Solche Briefe (und die Antworten darauf) nehmen einem die Lust zur Arbeit, von der Freude an ihr ganz zu schweigen: auf sie habe ich seit langem verzichtet, schreibt Proust im Mai 1922 an seinen Verleger.

Die kreolische Schönheit, die Francis Hayman, den Lehrer von Thomas Gainsborough zu ihren Vorfahren zählt, hat zehn Jahre gebraucht, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass sie Odette sei. Das ist nun ein wenig lächerlich. Laure Hayman war auch nicht die einzige, die ein Vorbild für Odette ist. Die Dame auf diesem Bild mit den Chrysanthemen im Ausschnitt ist nicht Gladys Harvey, das ist Gladys Marie Deacon, über die Proust schrieb: Ich sah noch nie ein Mädchen mit einer solchen Schönheit, Intelligenz, sowie Güte und Charme. Wenn die den Duke of Marlborough heiratet, wird Proust ihr Gast bei der standesamtlichen Trauung sein. Wahrscheinlich trägt er dann wieder eine Orchidee im Knopfloch wie auf dem Portrait von Jacques-Emile Blanche.

Als Vorbild für Odette wird auch immer noch Méry Laurent genannt, Modell und Geliebte von Manet und Vorbild für Zolas Roman Nana. Und da ich bei Manet und Nana bin, muss ich diese junge Dame unbedingt abbilden. Diese Nana, blond wie Laure Hayman, heißt Henriette Hauser, sie ist auch eine Courtisane, die Geliebte des Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau. Sie ist gerade dabei sich für den Abend anzukleiden, der Herr im Frack, den Manet ein Jahr später auf das Bild gemalt hat, wartet darauf, dass sie ihr Abendkleid anzieht. Wahrscheinlich wird sie sich auch eine Orchidee in den Ausschnitt stecken, denn Orchideen sind jetzt chic.

Wo kommen die Orchideen plötzlich her? Ursula Voß sagt in ihrem Buch Kleider wie Kunstwerke: Marcel Proust und die ModeGauguin hatte mit seinen Gemälden von tierhaft sinnlichen Südseeinsulanerinnen den Blumenschmuck im Haar nach Paris gebracht. Die erste Frau mit Blumen im Haar, die Proust sieht, ist die Gräfin GreffulheSie trug eine Frisur von polynesischer Anmut, und malvenfarbene Orchideen fielen ihr bis zum Nacken ... noch nie habe ich eine so schöne Frau gesehen. Die Gräfin Greffulhe, die für Proust das Vorbild der Herzogin von Guermantes wird, in die der Erzähler Marcel unsterblich verliebt ist, gehört natürlich nicht zur Demimonde. 

Auf diesem Photo von Nadar trägt sie keine Blumen im Haar und keine Orchideen im Ausschnitt, die Blumen sind alle auf dem Abendkleid von Charles Frederick Worth, das heute den Namen Robe aux Lys trägt und in einem Pariser Museum zu sehen ist. Sie trägt aber auch manchmal Orchideen, so schreibt Proust an Robert de Montesquiou über einen Ball im Jahre 1894: 

Die Gräfin Greffulhe, kostbar gekleidet: ein Kleid aus fliederrosa Seide, übersät mit Orchideen, bedeckt von Seidenmusselin im gleichen Farbton, der Hut mit Or­chideen geschmückt und ganz von lila Gaze umhüllt. 
Kurz vor seinem Tod erbittet sich Proust von der Comtesse einen signierten Abzug des Photos von Nadar, damit er ihre vollendete Schönheit in der Einsamkeit seine Zimmers betrachten könne. Sie lehnt ab. Zwanzig Jahre später wird sie in einem Interview sagen, dass sie Proust kaum gekannt habe und keinerlei Briefe von ihm besitze.

Lassen Sie mich von den Blumen im Haar der schönsten Frau von Paris, die ihren größten Verehrer schnöde verleugnet, wieder zu der Demimonde zurückkehre. Und zu den Blumen im Ausschnitt der Abendkleider. Wie hier bei Marthe Régnier, einer Schauspielerin, die die Mätresse des Barons Henri de Rothschild ist. Ursula Voß weiß in ihrem Buch einiges über die Orchideen bei Proust zu sagen: Weibliches Begehren, die Triebhaftigkeit der Femme fatale, symbolisiert am sprechendsten eine florale Züchtung, ein letztes verfeinertes Produkt der wildwachsenen exotischen Orchidee von unverhohlenem Aufforderungscharakter. Dem Dichter wird sie zum Code für die weibliche Erotik, gleichsam ein Haute-Couture-Gewächs in komplizierter Form und Schnittraffinesse und fein abgestuftem Violett von Hell bis Tintendunkel die Cattleya trianae, ein Sexualorgan in den Augen der Proustologen.

Und damit sind wir beim Thema: Sex. Swann und Odette sitzen in einer Kutsche, die durch vor einem Hindernis scheuende Pferde ein wenig ins Wackeln gekommen ist. Und jetzt sagt Swann zu Odette: 'Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich die Blumen an Ihrem Ausschnitt wieder zurechtrücke, die durch den Stoß verrutscht sind? Ich habe Angst, daß Sie sie verlieren könnten, ich werde sie etwas tiefer hineinstecken.' Sie, die nicht gewohnt war, dass die Männer so viele Umstände mit ihr machten, antwortete lächelnd: 'Aber nein, das macht mir gar nichts aus.' Sie ahnen, was nun passiert.

In ihrem Proust-ABC sagt Ulrike Sprenger: unter dem Vorwand, das Gesteck in ihrem Ausschnitt wieder zurechtzurücken, liebkost Swann ihren Hals, ihre Schultern und ihre Brüste. Für beide ist diese Form der indirekten Annäherung etwas Besonderes: Für Swann, weil er auf diese Weise bis in die erotische Berührung hinein die begehrte Frau als Kunstwerk empfinden kann, die prächtigen, aber geruchlosen und künstlichen Blüten verleihen ihr den Charakter eines kostbaren Blumenarrangements, und für Odette, weil sie es nicht gewohnt ist, daß Männer viele Umstände machen. So bleibt die erste Berührung deswegen reizvoll, weil sie den Umweg »durch die Blume« nimmt, noch keinen endgültigen Besitz bedeutet - weil das Bild der Blume den individuellen Phantasien und Sehnsüchte der Liebenden eine Projektionsfläche bietet. Als die Liebe zwischen Swann und Odette erkaltet und Sex längst zur körperlichen Routine geworden ist, bewahren zwei Dinge die Erinnerung an eine einzigartige Leidenschaft: Das kleine Thema Vinteuils und der Ausdruck »Cattleya machen«, den Odette und Swann seit der ersten Berührung für die körperliche Liebe verwenden. 

Wir brauchen für die Szene in der Kutsche keine Bilder aus einem Film, wir bleiben im Roman. Und wir wissen jetzt, dass die französische Sprache für das faire l'amour jetzt noch einen anderen Begriff hinzugewonnen hat: la métaphore « faire catleya » devenue un simple vocable qu’ils employaient sans y penser quand ils voulaient signifier l’acte de la possession physique — où d’ailleurs l’on ne possède rien — survécut dans leur langage, où elle le commémorait, à cet usage oublié. Et peut-être cette manière particulière de dire « faire l’amour » ne signifiait-elle pas exactement la même chose que ses synonymes. On a beau être blasé sur les femmes, considérer la possession des plus différentes comme toujours la même et connue d’avance, elle devient au contraire un plaisir nouveau s’il s’agit de femmes assez difficiles — ou crues telles par nous — pour que nous soyons obligés de la faire naître de quelque épisode imprévu de nos relations avec elles, comme avait été la première fois pour Swann l’arrangement des catleyas.

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Anna Feldhusen

Anna Feldhusen wurde heute (17.11.2011) vor 150 Jahren in Bremen geboren, man weiß leider nicht so viel über ihre Jugend. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie (ihr Vater J.P. Feldhusen war Börsenmakler). Ihre Familie war sehr dagegen, dass die Tochter Malerin wurde. Aber die Tochter war von diesem Wunsch nicht abzubringen. Das ist anders als bei Friedrich Ahlers-Hestermann, der kam aus einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie, aber seine Familie ließ ihn letztendlich Kunst studieren, auch wenn man ihn gerne als Hamburger Kaufmann gesehen sähe. Anna Feldhusen sieht auf diesem Photo sehr vornehm aus.

Das Photo oben, das im Besitz der Overbeck Stiftung ist, könnte eine Frau in einer Kirche zeigen, die eine Bibel oder ein Gesangbuch hält. Aber sie hält einen Skizzenblock. Das wird sie sich bei der Photographie ausbedungen haben, Maler werden gerne mit dem gemalt oder photographiert, was auf ihr Handwerk hindeutet. Es war eine kleine Frechheit von Gilbert Stuart, seinen berühmten Malerkollegen Sir Joshua Reynolds nicht mit Pinsel und Palette, sondern mit seiner goldenen Schnupftabakdose zu malen. Auch wenn Anna Feldhusens Familie ihren Berufswunsch nicht billigt, es führt zu keinem Bruch mit den Eltern. Sie wird lange in deren Haus in der Ellhornstraße 15a wohnen bleiben.

Ex Libris Anna Feldhusen steht hier unter einer Landschaft, die uns Worpswede sagt. Aber da steht auch noch Allein, ich will, und das ist ein Programm für das Leben. Alles, was man über sie sagen kann, ist symbolisch hier dargestellt. Das Ex Libris ist eine Radierung, und die Druckgraphik wird den größten Teil ihres Werkes ausmachen. Sie war nicht nur in Worpswede, sie wirkte auch in der Künstlerkolonie Dachau, zu der sie in den Wintermonaten gerne zurückkehrte. Ihre Münchener Wohnung hat sie, wie ihr Bremer Atelier, immer behalten. In den Sommermonaten war sie in der Künstlerkolonie Dötlingen zu finden. In München hatte sie drei Jahre bei Lina Kempter, Max Dasio und Oskar Graf an der gerade gegründeten Damenakademie des Künstlerinnenvereins studiert, bevor sie Schülerin von Hans am Ende in Worpswede wurde.

Obgleich dieses Selbstportrait aus dem Jahre 1899 eine gewisse Meisterschaft verrät, erkannte Anna Feldhusen, dass ihre Stärke in Radierung und Aquatinta liegen würde. Das Selbstportrait ist ein Bild, das eine starke Frau zeigt: Allein, ich will. Wir sind in der Zeit, wo in der Literatur starke Frauen auftauchen. Wie die New Woman bei George Bernard Shaw, oder schon viel früher die Sara Videbeck in Carl Jonas Love Almqvists Roman Die Woche mit Sara. In einem Bild Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren, ist ein symbolischer Akt. Doch für das Selbstverständnis der Malweiber, wie die Künstlerinnen despektierlich genannt werden, braucht es etwas mehr. Zum Beispiel den Zusammenhalt der Künstlerinnen in Netzwerken, und es braucht eine eine ökonomische Basis.

Anna Feldhusen trat 1902 dem Bremer Malerinnenverein bei, 1922 dem Bremer Künstlerbund und 1929 der GEDOK. Und sie macht etwas ganz erstaunliches: sie beantragt einen Gewerbeschein als Kunstmalerin. Den sie auch erhält. Und sie signiert ihre Bilder mit Bremische Malerin und Graphikerin. Sie wird Kalender, Zeitschriften und Lesebücher illustrieren. Viele Schulbücher enthalten ihre Worpsweder Landschaften, Birken und Moor und ihre Bremer Stadtansichten. Und auch im Bremer Gesangbuch von 1917 (in dem auch Zeichnungen von Vogeler sind) sind ihre Zeichnungen zu finden.

Sie zählt nicht zu den großen Namen der Worpsweder Malerinnen, in vielen Büchern über Worpswede wird ihr Name nicht genannt. Da wird immer Paula Becker-Modersohn genannt, manchmal auch ➱Hermine Overbeck. Man hat sie sehr spät wiederentdeckt. 1992 taucht sie in einer Ausstellung auf, die Hermine Overbeck-Rohte und den Bremer Malerinnen um 1900 gewidmet ist. Das war eine Ausstellung in der ➱Kito in Vegesack. 2003 findet sie sich in einer kleinen Ausstellung, die Bremer "Malweiber" um 1900: zwischen Tradition und Moderne heißt. Vielleicht gibt es ja noch einmal, in Dötlingen oder Worpswede, eine richtige Ausstellung für sie.





Mittwoch, 23. Dezember 2020

Mademoiselle chante le blues


Wenn Ihnen der Titel nichts sagt, dann müssen Sie mal eben dies hier anklicken. Das ist natürlich Patricia Kaas, die da singt. Sie hat heute Geburtstag. Da möchte ich doch ganz herzlich gratulieren. Seit Jahren will ich einen Post zu Patricia Kaas schreiben, bin aber irgendwie nie dazu gekommen. Dabei hatte ich mir schon die CDs herausgelegt. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo die sind. Wenn ich mal einen langen Patricia Kaas Post schreibe, dann finde ich die wieder. Heute wird das nur ein kleiner Geburtstagsgruß. Wir hören mal eben in ihr ➱If You Go Away hinein. Was natürlich nichts anderes als ➱Jacques Brels Ne me quitte pas ist.

Patricia Kaas ist mit ➱Et s'il fallait le faire beim Grand Prix d'Eurovision aufgetreten, aber das hätte sie lieber lassen sollen. Es gab immerhin einen achten Platz. Ihre erste Platte ➱Jalouse war ein Flop, heute ist sie ein Star. Nicht nur in Saarbrücken, wo sie als Teenie in jedem Club sang. Sie ist kein Star wie Taylor Swift, kein Star, der aus der Retorte kommt. Und sie ist auch nicht wie Taylor Swift eine Göttin der Rechtsradikalen, ➱Camille Paglia hat die ein widerliches Nazi-Barbie genannt. Gérard Depardieu hat Patricia Kaas entdeckt, mit ➱Alain Delon telephoniert sie gerne. Der Film war immer nahe, sie hat das Titellied zu ➱Les Misérables gesungen, und ➱Bertrand Tavernier gebrauchte ihr Lied ➱Il me dit que je suis belle für einen seiner Filme.

Es hat bis zum Jahre 2001 gedauert, bis ➱Claude Lelouch sie überredete, einmal als Schauspielerin in einem richtigen Kinofilm mitzuspielen. Wenige Jahre zuvor hatte er dem Industriellen Bernard Tapie die Hauptrolle in dem Film ➱Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung (ein Film, den ich schon in den Posts ➱Claude Lelouch, ➱Michel Piccoli und ➱Maja Maranow erwähnt habe) gegeben. Das Experiment ging auf, das Experiment mit Patricia Kaas auch. Sie können Sie ➱hier hören und sehen. Und Dieter Wunderlich weiß auf seiner Seite noch mehr über ➱And Now ... Ladies & Gentlemen.

Sie ist Französin, aber sie ist auch ein bisschen ➱deutsch, weil ihr Mutter eine Deutsche ist: Meine Mutter war Deutsche, mein Vater Franzose. Ich bin also halb und halb. Ich scherze immer und sage: Ich habe die besseren Hälften von beiden. Ich wurde auch zu einem deutschen Charakter erzogen. Ich sage nur: Disziplin. Ich bin gerne in Deutschland, liebe das deutsche Essen, wie es meine Mutter gekocht hat. Wenn ich in Deutschland bin, gehe ich auch nie in Haute-Cuisine-Restaurants. Da will ich immer Hausmannskost: Kartoffelsalat, Knödel und Rotkraut. Das ist für mich ein Stück Heimat. Das ist wie Weihnachten. Das hat in meiner Kindheit auch immer anders gerochen als heute. Die Franzosen wussten stets, wo ich herkomme, aus einem Winkel zwischen zwei Ländern, wo eben jeder zwei Gesichter hat. 

Französisch hat sie erst in der Schule gelernt, jetzt kann sie es, wie ➱La langue que je parle zeigt. Ich vermute, dass die Patricia Kaas CDs irgendwo in dem CD Turm stecken, wo all die ➱Jazz Singers sind. Ich habe nicht wirklich gesucht. Weil ich eine alte TDK Cassette habe, sozusagen Best Of, ein Geschenk einer Studentin, das ich in meinem ➱Postfach in der Uni fand. Habe ich in meiner Schreibtischschublade, die finde ich immer.


Sommerurlaub

Frankreich, jedes Jahr dasselbe, er musste nach Lyon. Dort saß sein wichtigster Geschäftspartner. Er hasste diese Reisen, er konnte kein Französisch. Früher war seine Frau manchmal mitgefahren, die konnte etwas Französisch, aber von der war jetzt geschieden. Er überlegte sich, ob er die schöne Buchhändlerin von gegenüber überreden könnte, ihn nach Frankreich zu begleiten. Die hatte einen alten roten R4 mit dem Sticker eines französischen Campingplatzes auf der Heckscheibe. Die konnte bestimmt Französisch. Sie konnte nicht nur Französisch, sie hatte mal drei Semester Romanistik studiert. Dann aber gemerkt, dass man auch Altfranzösisch belegen und eine Klausur bestehen musste, da hatte sie das Studium aufgegeben. Das Studentenleben hatte ihr sowieso nicht gefallen. Sie zog sich gerne hübsch an, das tat an der Uni niemand mehr.


Er dachte das ganze Wochenende darüber nach, wie er ihr die Sache mit Lyon schmackhaft machen konnte, übte dann auch das, was er sagen wollte. Dann fing er sie am Montag ab, als sie gerade die Tür der Buchhandlung aufschloss. Er hätte da einen Vorschlag zu machen, wegen einer Reise nach Lyon. Je vous écoute, sagte sie. Er werde natürlich alle Kosten tragen. Und wenn sie in Lyon mit dem Geschäftlichen fertig wären, dann könnten sie sich den Rest von Frankreich anschauen. Hoffentlich nahm sie das nicht zu wörtlich. Die Fahrt nach Lyon konnte er von der Steuer absetzen, das wusste er schon. Er fuhr auch einen R4, aber ein neueres Modell. Grasgrün, mit dem Namen seiner Firma auf der großen Heckklappe. Ein Radio hatte der Wagen nicht, aber er hatte eine Halterung unter das Armaturenbrett geschraubt, da konnte man ein Kofferradio hineinschieben. Er packte das große gelbe Zelt in den Wagen. Das hatte er vor Jahren gekauft, als er einen Campingurlaub mit seiner Frau machte. Der Urlaub war eine Katastrophe, genauer gesagt, war er der Anfang vom Ende.

Die schöne Buchhändlerin dachte über seinen ungewöhnlichen Vorschlag nach. Warum eigentlich nicht nach Frankreich? Ihr Reisepass war noch gültig, und sie hatte noch Resturlaub vom letzten Jahr zu bekommen. Der Buchhändler hätte sicher nichts dagegen, der war gerade damit beschäftigt, die blonde Volontärin einzuarbeiten. In der Woche, in der sie in Frankreich war, würde er ihr wohl beibringen, wie man den Libri Katalog benutzt. Und wie zufällig dabei ihren Körper berühren. In Lyon war sie schon einmal gewesen, damals nach dem Abitur als Au Pair. Sie hatte keine guten Erinnerungen an diese Zeit. Das hatte auch mit ungewollten körperlichen Berührungen zu tun. Sie dachte die Woche über den Plan nach, hörte auch viele französische Chansons. Juliette Gréco oder Barbaras Lied À Göttingen, à Göttingen. Sie hatte die Schallplatten gekauft, als sie noch an der Uni war. Jeder hörte die damals. Am Ende der Woche entschied sie sich für das Abenteuer. Und am Montagmorgen war sie in seinem Büro und sagte: Oui Monsieur, allons en France.

Sie verabredeten sich auf den nächsten Sonntag. Sie war pünktlich. Warf ihre Reisetasche auf den Rücksitz, sagte Bon Jour, Monsieur und ließ sich ins Auto gleiten. Er hatte den Zündschlüssel noch nicht im Schloss, da hatte sie schon ihre erste Zigarette im Mund. Er wollte sagen, dass in diesem Auto nicht geraucht würde, aber das hatte jetzt wohl keinen Sinn mehr. Sie hatte schon den Aschenbecher aus dem Armaturenbrett gefingert. Ihre Schachtel Ziggis würde für Deutschland reichen, in Frankreich würde sie sich Gauloises oder Gitanes kaufen. Als sie nach Luxemburg kamen, mussten sie ihre Pässe vorzeigen. Der Zollbeamte bat sie, ihre schwarze Sonnenbrille abzusetzen, während er ihren Pass in der Hand hielt. Und fügte ein Madame hinzu. Er hätte ja auch Mademoiselle sagen können, dachte sie sich, wahrscheinlich hielt er sie für die Ehefrau. Solange sie noch in Deutschland waren, hatte das Radio gut funktioniert. In Frankreich wurde es schwächer und schwächer. Sie hätte jetzt gerne wieder französische Chansons gehört. Sie sang gerne, zu Hause unter der Dusche oder in ihrem R4, aber mit ihm hier am Steuer würde das wohl nichts.

In Lyon lief alles wie gewünscht, der französische Geschäftsfreund war von ihr begeistert. Die geschäftlichen Verhandlungen waren dank ihrer Französischkenntnisse schnell zu Ende, der Geschäftsfreund lud die beiden zum Abendessen ein. Sie zog sich noch um und ließ einen Blusenknopf mehr offen, damit der Franzose, der sie schon tagsüber mit den Augen ausgezogen hatte, noch etwas zu sehen bekam. Sie hatte überlegt, ob sie den BH weglassen sollte, aber man sollte die Franzosen nicht zu sehr verwöhnen. Sie wäre nach dem Essen noch gerne zum Tanzen gegangen, aus einer Nebenstraße klang Musik von einem Tanzvergnügen zu ihnen herüber, aber ihr Begleiter wollte nicht. Er konnte auch nicht tanzen.

In Lyon wollte sie nicht bleiben, sie wollte jetzt den Rest von Frankreich sehen, das hatte er versprochen. Et maintenant, toute la France, sagte sie. Von da an duzten sie sich, nahmen in den kleinen Hotels jetzt auch kein Doppelzimmer mehr.  Es war ein wenig seltsam, wieder einen Mann neben sich im Bett zu haben. Manchmal schliefen sie miteinander. Er war rührend ungeschickt im Bett, aber sie machte diese Geräusche, die Männer gerne hören. Sie fuhren erst einmal ohne Ziel durch das heiße Frankreich, es waren noch keine Sommerferien, die Straßen waren noch nicht überfüllt. Sie wechselten sich beim Fahren ab, er ließ sie ans Steuer, weil sie auch einen R4 hatte und mit der Stockschaltung von Renault zurechtkam. Sie fuhr ruhiger als er, und sie konnte lesen, was auf französischen Ortsschildern und Verkehrszeichen stand.

Sie könnten die Rhône hinunterfahren bis nach Marseille, schlug er vor, Schlösser besichtigen und so etwas. Ich will ans Meer, sagte sie und summte Charles Trenets La Mer vor sich hin. Cannes oder Nizza? fragte er. Wir sind keine Snobs, sagte sie, wir fahren nach Cap d'Agde. Den Tip hatte sie von einer Freundin bekommen, da sollte ein schöner Strand sei. Es war ein Strand für Nudisten. Darüber würde sie mit ihrer Freundin noch mal ernsthaft reden müssen. Sie wäre gerne geblieben, aber er wollte das auf keinen Fall. Er wollte nicht, dass andere Männer sie nackt sähen. Sie hatte keine Scheu, sich nackt zu zeigen. Ich habe schönere Titten als Deine Frau, sagte sie. Er hätte jetzt ja sagen oder irgendein Kompliment machen sollen, aber er war wenig gewandt in diesen Dingen, ihm fehlte der beau discours zum parlez-moi d'amour.

Sie landeten schließlich in Hendaye, das war schon beinahe in Spanien. Der Strand gefiel ihr, der Campingplatz war auch nicht schlecht. Er holte das Zelt aus dem Auto und begann es aufzubauen. Dabei sollte man Männern nie helfen, dachte sie. Sie packte ihre Sachen für den Strand in ihr Handtuch. Während er noch die Luftmatratzen aufblies, war sie schon unterwegs zum Strand. Sie breitete ihr Handtuch aus und zog ihren Bikini an. Nur das Höschen, sie verzichtete auf das Oberteil. Die Französinnen ihres Alters hier am Strand trugen auch nur einen Slip. Die hübsche beurette dahinten war ganz nackt. Es gab wenig Mücken am Strand. Das war vor Jahren auf Moen in Dänemark anders gewesen. Schöner weißer Sand, aber nur Mücken. Unglaublich. Er war immer noch nicht am Strand angekommen. Sie überlegte sich, was schlimmer wäre, Männer oder Mücken.

Am vierten Tag kamen nachmittags Böen und dunkle Wolken von Spanien her. Sie brachten Regen mit sich, viel Regen. In der Nacht schliefen sie kaum, sie wussten nicht, ob das Zelt dem Sturm und den Wassermassen gewachsen war. Am nächsten Morgen reisten sie ab. Er meinte, dass man bei diesem Wetter jetzt schön Schlösser besichtigen könnte. Immer wieder die Sache mit den Schlössern, das ist doch typisch für Leute mit Mittlerer Reife, dachte sie. Sie sagte entschieden, dass die Schlösser gestrichen seien, es ginge jetzt vers l'Allemagne. Sie übernachteten jetzt wieder in kleinen Hotels, nahmen aber wieder chambres doubles. Das erste Hotel hatte glücklicherweise eine funktionierende Dusche. Die Duschen auf dem Campingplatz von Hendaye waren meistens defekt. Sie musste erst einmal das Salz von ihrer Haut kriegen. Sie betrachtete sich vor dem beschlagenen Spiegel. Wenn sie das Bikinihöschen weggelassen hätte, wäre sie jetzt am ganzen Körper gebräunt. Aber sie war mit sich zufrieden, wenn die ganz Woche in Frankreich auch zu nichts gut gewesen war, hatte sie doch eine schöne Sommerbräune. Nicht bronzebraun, aber zu Hause würden auch noch Sonnentage kommen.

Die Rückfahrt nach Deutschland war nicht schön. Das Wetter blieb nass und windig. Das feuchte Zelt hinten im Wagen begann, muffig zu riechen. So nah sie sich in dem Zelt gewesen waren, würden sie sich nie wieder sein. Sie entfremdeten sich immer mehr. Er hasste es, wenn sie überall den Ton angab. Das fing mit dem Essen an. In Hendaye hatten sie mittags gegessen, was die Imbissbude anbot, jetzt bestellte sie in den Restaurants und Hotels immer das Essen. Sie konnte die Speisekarte lesen, er nicht. Einmal bestellte sie eine Bouilabaisse für zwei in der Terrine, aber was angeblich ein provenzalisches Nationalgericht war, war für ihn nichts als eine eklige braune Fischsuppe. Sie trank immer Weißwein, er hätte gerne ein Bier gehabt. Was er bekam, war eine Flasche Kronenbourg. Das ist doch kein Bier, sagte er. Es war ihm klar, dass er auf sie hätte hören und den Wein hätte trinken sollen, der auf dem Tisch stand. Sie hatte ja immer recht, immer musste sie den Ton angeben. Schöne Frauen sind keine Garantie für ein schönes Zusammenleben, dachte er sich.

Am letzten Tag wollte er früh los, damit sie noch am Abend zuhause wären. Sie war noch nicht fertig, sie musste unbedingt in diesem Augenblick Ansichtskarten schreiben, die sollten noch hier in Frankreich zur Post. Ansichtskarten müssen sein, egal, wie der Urlaub war. Er fing an, sie zu hassen. Sie waren kaum im R4, da begannen sie an, sich zu streiten, sie gifteten sich an wie ein altes Ehepaar. Wie schnell so etwas geht, dachte sie. Die Männer blieben nie lange bei ihr: Avec le temps, va, tout s'en va on oublie le visage et l'on oublie la voix. Für den Rest der Fahrt schwiegen sie. Das Radio auch. Aber kurz vor der deutschen Grenze waren alle Sender wieder da. Und ohne dass sie einen Sender gesucht hatte, konnte sie plötzlich französische Chansons hören.

Das wäre schön gewesen, hätte das Radio die ganze Woche funktioniert, la vie en rose. Sie kannte nicht alle Interpreten, die von Paname, chagrin d'amour und solitude sangen, aber Juliette Gréco erkannte sie sofort, als die von den souvenirs et les regrets aussi sang. Souvenirs nein, regrets auf jeden Fall, dachte sie. Sie zündete sich gerade eine Gitane an, als Edith Piaf mit ihrer unverkennbaren Stimme, die nach Zigaretten und Alkohol klang, zu singen begann: Non, rien de rien, non, je ne regrette rien. Sie drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus, zog vorsichtig das Radio aus der Halterung daneben, kurbelte die Seitenscheibe herunter und warf es aus dem Auto. Dieses je ne regrette rien, das war zuviel des Guten.

Sie zündete sich eine neue Gitane an.