Donnerstag, 4. Juli 2024

la dame au coussin rouge

Der französische Maler Charles Auguste Émile Durand, der allgemein Carolus-Duran genannt wird, wurde am 4. Juli 1837 in Lille geboren. Er hatte sich auf die Portraitmalerei spezialisiert. Dies Bild hier ist kein Selbstportrait, es ist von einem seiner Schüler. Nicht von irgendeinem seiner vielen Schüler, es ist von seinem berühmtesten Schüler, dem Amerikaner John Singer Sargent. Der hier mit blaue Vasen einen schönen Post hat, sein Biograph Stanley Olson hat auch schon einen Post. Was wir auf diesem Bild nicht richtig sehen können, ist die Widmung to my dear master Mr Carolus-Duran, his affectionate student John S. Sargent 1879, die Sargent oben rechts in das Bild geschrieben hat. Dass sein Lehrer gerade die Ehrenlegion bekommen hat, das hat Sargent auch nicht vergessen, das ist der kleine rote Fleck im Knopfloch vom Revers.

Carolus-Duran ist im Gegensatz zu seinem Schüler nicht unbedingt der Maler für die ganz große Welt, er will die Dargestellten nicht schöner machen, als sie sind. Schliesslich ist er Realist. Wenn Damen ganz wunderschön sein wollen, dann gehen sie zu Franz-Xaver Winterhalter. Diese junge Dame, die sich Alice de Lancey nennt, geht zu Carolus-Duran. Sie heisst nicht Alice de Lancey, und sie ist auch keine Comtesse. Sie war eine Julia Tahl aus Baltimore. Heiratete  einen Mr Eardley-Wilmot, mit dem sie (und mit großer Dienerschaft, wie die Passagierliste des Dampfers verrät) nach London zieht. Die Ehe war aber schnell wieder geschieden. Aber wenn man mit fünfundzwanzig Paris erobern will, wird ja wohl eine kleine Namensänderung erlaubt sein. Das Ergebnis der Sitzungen beim Maler war 1877 im Pariser Salon zu sehen, da war sie la dame au coussin rouge. Es ist eine detailverliebte Malerei, von der Blume im Haar bis zu den goldenen Absätzen der Schuhe. Das Bild ist sicher für die Damenmode der Zeit sehr interessant, sonst für wenig.

Kunsthistoriker haben auf die Nähe des Bildes zu dem Bild hingewiesen, das François Boucher 1743 von seiner Ehefrau gemalt hat. Man kann da einige Übereinstimmungen finden, zum Beispiel bei den Schuhen, aber es ist doch ein ganz anderes Bild. Boucher malt seine Ehefrau (die auch vor der Ehe sein Modell war), Carolus-Duran malt eine Dame von zweifelhaftem Ruf. Als er sie malt, ist sie gerade die Maitresse des Barons Antoine d'Ezpeleta, den er auch malen wird. Er malt auch den Hund der Dame, der Chinois heißt (steht so auf dem Bild). Wenige Jahre später wird unsere Alice eine Affäre mit dem Bankier Nissim De Camondo haben, den sie durch den Pressezaren Arthur Meyer kennengelernt hatte. Die Liaison ist ebenso wie das Bild von 1877 ein Pariser Skandal. Alice hatte sich, von welchem Geld auch immer, einen kleinen Landsitz in Louveciennes gekauft, der einstmals Madame du Barry gehörte. Edmond de Goncourt schrieb dazu gehässig: l'intérieur ironique de Louveciennes, où vécut Mme du Barry et où vit aujourd'hui Mme de Lancey et où le banquier Camondo remplace Louis XV. 

Wenn wir beim ersten Betrachten des Bildes den Eindruck hatten, dass das alles ein wenig ordinär und nuttig ist, dann hatten wir recht. Lesen Sie mehr zu den Damen im Paris des 19. Jahrhunderts in les grandes horizontales und Demimonde. Das 1,57 x 2,11 Meter große Bild hängt heute im Petit Palais, Alice de Lancey hatte es in ihrem Testament 1913 dem Museum vermacht. Ich weiß immer noch nicht, ob sie wirklich so gemalt werden wollte, wie Carolus-Duran das getan hat. Kritiker sagten über das Bild, dass es einen Höhepunkt der Geschmacklosigkeit darstelle. Carolus-Duran kann ja Frauen auch anders malen, wie hier Léocadie Bogaslawa Zelewska, die Gattin des Journalisten Henry Fouquier. Sie war eine der schönsten Frauen von Paris, Carolus-Duran hat sie mehrfach portraitiert. Vielleicht wollte der Maler mit dem Bild der Mademoiselle de Lancey auch so einen kleinen netten Skandal haben, weil so etwas gut für das Geschäft ist. 

Das war bei seinem Schüler John Singer Sargent nicht anders, sein Skandal mit dem Bild der Madame X war noch einige Dimensonen größer. Sargent und sein schwedischer Kollege Anders Zorn müssen die Millionärgattinnen des Gilded Age und des französischen Kaiserreichs malen, das ist ihr Geschäft. All diese Damen, die in den Posts Orchideen und dem Post Une fillette d’un blond roux erscheinen, wollten ja mal von Gesellschaftsmalern gemalt werden. Anders Zorn lässt sich einen roten Anzug schneidern und kauft sich einen Rolls-Royce. Und malt, zuück im Schweden, pralle nackte Schwedinnen beim Mittsommerfest. Carolus-Duran malt auch Frauen, die wir nicht kennen, wie diese rothaarige Dame hier. Ebenso wie das Bild la dame au coussin rouge und das Bild von der polnischen Gattin Fouquiers, ist es 1876 entstanden. Aber es lebt heute noch. Das Zuckerpüppchen mit dem coussin rouge wirkt dagegen ziemlich leblos. 

Samstag, 22. Juni 2024

Anouk Aimée ✝

Françoise Dreyfus war vierzehn, als sie in dem Film La Maison sous la mer die Rolle eines Mädchens namens Anouk spielte. Sie behielt diesen Vornamen. Die nächste Namensänderung verdankte sie Jacques Prévert, der das Drehbuch von Les amants de Vérone extra für sie geschrieben hatte. Er schlug ihr den Namen Aimée, die Geliebte, vor: Aimée parce que tout le monde l'aime. Der Filmstar Anouk Aimée (hier mit Serge Reggiani) war geboren. 

Im Jahr davor hätte sie schon an der Seite von Arletty berühmt werden können, aber Marcel Carné, der den Klassiker Les Enfants du Paradis gedreht hatte, drehte La Fleur de l'âge nicht zu Ende. Bevor sie Anouk Aimée wurde und so aussah wie hier in La Dolce Vita, wählte sie im Krieg den Namen Françoise Durand. Der Name ihrer katholischen Mutter bewahrte sie vor dem Tragen des gelben Judensterns. Dass man mit dem Namen Dreyfus im französischen Filmgeschäft nichts werden kann, das wusste die Familie. Sie wussten auch, dass sie mit dem mittlerweile rehabilitierten Hauptmann Dreyfus nicht verwandt waren. Der lebte übrigens noch, als Anouk Aimée geboren wurde.

Anouk Aimée ist gerade im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben; in dem Alter starb auch Jean-Louis Trintignant, mit dem sie in Un homme et une femme zu sehen war. Den Film kennen wir alle, und wir lieben sie in diesem Film. Sie war als beste Schauspielerin für den Oscar nominiert, aber es blieb leider bei der Nominierung. Immerhin bekam sie für ihre Rolle 1967 den Golden Globe und 1968 den British Academy Film Award. Mit diesem Bild ist sie 1961 in dem Film Lola, das Mädchen aus dem Hafen von Jacques Demy zu sehen, wo sie in Spitzencorsage so wunderbar ✺C'est moi, c'est Lola singt. Der Film ist ein wenig untergegangen, erst später haben Kritiker erkannt, dass dieser Film auch zur Nouvelle Vague gehörte. Aber die Nouvelle Vague war an der schönen Anouk nicht interessiert. Dabei hätte sie hervorragend in die Filme von François Truffaut gepasst.


Vieles an Filmen vor Un homme et une femme haben wir vielleicht nicht gesehen, also Les Amants de Montparnasse, wo sie die Rolle der Jeanne Hébuterne spielt. Damals ist sie vierundzwanzig, aber zwei Jahre später ist sie ein wirklicher Star. Weltweit weg von einem Film wie Ich suche Dich, wo sie an der Seite von O.W. Fischer 1956 in einem deutsche Melodram mitspielte. Es gab Rezensionen, die grottenolmschlecht waren, aber O.W. Fischer hatte es etwas Nettes über sie zu sagen: Mademoiselle Aimée ist ein Wunder - strahlend schön und eine begnadete Künstlerin. 

Die Filmhistorikerin Ginette Vincendeau hat über Aimées Filme gesagt: they established her as an ethereal, sensitive and fragile beauty with a tendency to tragic destinies or restrained suffering. Wir brauchen uns nur das Photo im oberen Absatz anzuschauen und wissen, dass der Satz stimmt. Aber reicht eine sensitive and fragile beauty with a tendency to tragic destinies or restrained suffering aus, um einen schrottigen Film wie Der goldene Salamander zu retten? Das Filmplakat spricht doch Bände. Es ist ihr erster englischer Film, sie war achtzehn, sie wollte ins Filmgeschäft. Sie wird in ihrem Leben in siebzig Filmen zu sehen sein, viele dieser Filme sind leider wie Ich suche Dich und Der goldene Salamander.

Der schlechteste Film, in dem sie mitspielte, war wahrscheinlich Justine, der in Deutschland Alexandria - Treibhaus der Sünde hieß. Eine Literaturverfilmung nach Lawrence Durrells Justine aus seinem Alexandria Quartett, das sicher kaum verfilmbar war. Trotz Starbesetzung, zwei Regisseuren und der Anwesenheit des Autors bei den Dreharbeiten, ist an diesem Machwerk nichts zu retten, Anouk Aimée war todunglücklich bei den Dreharbeiten. 

Dirk Bogarde, der sie schon als Siebzehnjährige kannte (weil sie beide bei Rank unter Vertrag waren), beschreibt sie bei den Dreharbeiten von Justine als wan and sad for most of the time, since she had suddenly realised, too late, that her decision to accept Justine had most probably been, for one reason or another, a serious error of judgement on her part and was now feeling abandoned. Für ihn bleibt von den Dreharbeiten ein Bild haften: a tiny figure sobbing in the back of a Rolls. Die katastrophalen Dreharbeiten haben auch ein Gutes für Anouk, sie lernt Albert Finney, den sie 1970 heiratet. Es war ihre vierte Ehe. Sie blieb mit ihm fünf Jahre in London, in denen sie keinen Film drehte, sie drängelte sich nicht mehr nach Rollen. Dann lernte sie bei einer Party den elf Jahre jüngeren Ryan O'Neill kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, sie hatte zwischen ihren Ehen immer wieder Affären. Und zwischen Ehe und Affären lagen auch lange Zeiten der Depression. Dirk Bogarde sagt noch etwas Interessantes über die Frau, die bei ihm häufig Gast in seinem Landsitz Bendrose war und topless in seinem Swimming Pool schwamm: She is never so happy as when she is miserable between love affairs. Finney zog ins Dorchester Hotel, Anuk Aimée in die Schickeria Gegend Knightsbridge. Die Ehe wurde 1978 geschieden. Wir kennen Albert Finney aus Tom Jones oder an der Seite von Audrey Hepburn in Two for the Road. Und an der Seite von Julia Roberts in Erin Brockovich.

Für Federico Fellini war Anouk die beste Schauspielerin der Welt, als er ihr eine Rolle neben Marcello Mastroianni in La Dolce Vita anbot. Bei den Dreharbeiten war Federico Fellini längst klar, dass er die beiden auch in dem nächsten Film Achteinhalb wieder haben wollte. Mehr oder weniger in den Film gerutscht war Christa Päffgen aus Köln, allerdings nicht unter diesem Namen. Sie nannte sich jetzt Nico (sie hat hier natürlich schon einen Post). War blond, kalt wie Eis. Sie sah aus, als wäre sie am Bug eines Wikingerschiffs über den Atlantik gekommen, hat Andy Warhol, in dessen Band Velvet Underground sie sang, über sie gesagt. 

Nico war jetzt eine Ikone der Popkultur (hier ist sie mit Marcello Mastroianni zu sehen). Während der Dreharbeiten zu La Dolce Vita sagt Anouk Aimée zu Nico: Es ist eigenartig, daß Sie den Namen Nico tragen. Mein Ehemann hieß so. Wir sind jetzt geschieden. Er war Grieche und unterhielt in Paris einen Nachtclub. Das ist der Augenblick, in dem Nico mucksmäuschenstill ist. Denn sie kennt diesen Nico. Der war der Lover von dem Photographen, der sie entdeckte und ihr den Namen seines Ex-Lovers gab. Und eine Affäre hatte sie auch mit dem griechischen Nico. Das klingt jetzt wie eine Szene aus einer schlimmen Schmonzette à la Rosamunde Pilcher, aber solche Drehbücher schreibt das Leben manchmal.  

Claude Lelouch, ein Spätling der Nouvelle Vague, macht das wieder gut, was seine Kollegen verpasst haben. Er holt sie aus dem internationalen Filmgeschäft wieder in den französischen Film zurück und gibt ihr nach Un homme et une femme (1966) auch im Alter noch schöne Rollen. In Filmen wie Si c'était à refaire (1976), Un homme et une femme: Vingt ans déjà (1986), Hommes, femmes: mode d'emploi (1996), Ces amours-là. (2010) und ✺ Les Plus Belles Années d'une vie (2019). Der letzte Film war auch ihr letzter Auftritt vor der Kamera.

Hommes, femmes: mode d'emploi mochte ich sehr, ich habe den Film schon in den Posts Michel Piccoli und Maja Maranow erwähnt. Es ist, wenn man so will, wieder die gleiche Geschichte, die Lelouch in seinem Kino der Gefühle und Emotionen erzählt. Das hat er selbst gesagt, dass er in seinen Filmen nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber fünfunddreißigmal. Anouk Aimée a changé ma vie, hat Lelouch nach ihrem Tod gesagt. Und er sagte auch: Elle a été ma compagne de route, mon amie de toujours. Wir werden Anouk Aimée, die Vielgeliebte, nicht vergessen, es gibt ja DVDs. Und ich habe für Sie heute in voller Länge: Lola, das Mädchen aus dem HafenUn homme et une femme und hommes, femmes: mode d'emploi  

Donnerstag, 13. Juni 2024

Françoise Hardy ✝

Es ist sechzig Jahre her, dass ich meine erste Françoise Hardy Platte kaufte. Es war Oktober, aber hier im massif central war noch ewiger Sommer. Ich hörte aus einem kleinen Plattenladen Musik, die ich nicht kannte. Es war definitiv nicht Juliette Gréco, für die ich zwei Jahre zuvor mein ganzes Taschengeld zusammenkratzte, um sie bei ihrem ersten Auftritt in Deutschland in Berlin zu hören. Dies war etwas ganz Anderes, aber irgendwie auch schön. Ich ging in den Laden, um die Platte zu kaufen. Drei herumlungernde Jugendliche in Lederjacken, die wie schlechte Kopien von Johnny Halliday aussahen, guckten mich mit offenem Mund an. Erst in dem Augenblick wurde mir klar, dass eine deutsche Uniform hier nicht unbedingt zum Alltag gehört. Die Verkäuferin sah mich etwas skeptisch an. Ich sprach zwar Französisch, aber ich trug diese Uniform, die sie nicht kannte. Ich bin der dritte aus unserer Familie in einem halben Jahrhundert, der in Uniform in Frankreich ist. Meine Brigade ist hier für drei Monate auf einem französischen Truppenübungsplatz, wir sind hier die ersten deutschen Soldaten seit 1945. Ich kaufe die Platte, die gerade läuft. Es ist Tous les garçons et les filles de mon âge. Die Platte von Françoise Hardy habe ich immer noch.

Françoise Hardy ist gerade im Alter von achtzig Jahren gestorben. Sie hat hier den kleinen Post Tous les garçons et les filles de mon âge und wird in vielen Posts erwähnt. Bei YouTube gibt es als Re-Upload die schöne Dokumentation, die arte 2018 gesendet hatte. Françoise Hardy war ein Teil meines Lebens, sie wird es immer bleiben.

Donnerstag, 16. Mai 2024

Hannelies Taschau zum Geburtstag (nachträglich)

 

Die deutsche Schriftstellerin Hannelies Taschau ist im letzten Monat siebenundachtzig geworden. Da hätte ich gratulieren und ein Gedicht von ihr einstellen sollen, weil hier ja der Poetry Month war. Das habe ich leider verschusselt. Aber es gibt in diesem Blog seit 2013 schon den Post Hannelies Taschau, der viele tausend Leser gefunden hat. Und sie wird in acht weiteren Posts erwähnt. Ich gratuliere mal nachträglich zum Geburtstag und stelle ein Gedicht hier ein, das sie 1969 für ihren Freund Nicolas Born geschrieben hat:

Freunde tragen 
schwer am Wohlbehagen ihrer 
Freunde
die zurückgezogen wie Piloten
lange aufsteigend
winken von einer Hochebene
mit bloßen Händen
Und in Gesellschaft von Wildhütern
und Teerkochern
ihren Beruf überleben

Ich habe beinahe alle Gedichtbände von Hannelies Taschau. Die sind leider teuer, manche sogar sehr teuer. Kann dreistellig sein, wenn es von der Eremiten Presse kommt und aufwendig gedruckt ist. Viele ihrer Gedichtbände hatten nur eine kleine Auflage; von Weg mit dem Meer gibt es, glaube ich, nur tausend Exemplare. Ihre Romane kann man ganz billig bekommen. Ab 25 Cent bei booklooker. Das ist eine erstaunliche Sache. Ich suchte noch nach ihrem ersten Gedichtband, der 1969 beim Christian Wegner Verlag im Hamburg erschienen war, ein schmales Bändchen. Ich fand den Band endlich für sechs Euro bei buchfreund, das ist so etwas Ähnliches wie das ZVAB. Ich kaufte das Buch, bezahlte per PayPal und bekam eine Bestätigung über den Kauf. Meine Bestellung wurde weitergeleitet an das Antiquariat Uwe Berg. Kannte ich nicht, guckte ich aber mal im Netz nach. Da packte mich blankes Entsetzen. Das sind Rechtsradikale, die die ganze Nazi Literatur auf Lager haben. Alle Reden von Adolf Hitler lieferbar. Unglaublich. Wie sich der Gedichtband von Hannelies Taschau in diesen Laden verirrt hat, das weiß ich nicht. Die haben glücklicherweise auch kein zweites Buch von ihr.

1989 hat es mal einen Brandanschlag auf das Bergsche Antiquariat gegeben, der nie aufgeklärt wurde. Das erinnert mich ein wenig an die rechtsradikale Buchhandlung Nordwind hier in der Wilhelminenstraße. Da hat mal jemand in der Nacht ein ganzes Fuder Mist vor der Buchhandlung von Dietmar Munier abgeladen. Fand ich sehr witzig, ist aber auch nie aufgeklärt worden. Das Versandantiquariat Uwe Berg und Muniers Nordwind sind Einzelbeispiele, aber es gibt viel, viel mehr. Erst im letzten Jahr war der Grossist Libri (vorher Lingenbrink) bereit, rechtsradikale Titel in seinem White Label Shop zu sperren.

Hannelies Taschau hat nun nichts, aber auch gar nichts mit dieser Buchhandlung zu tun, bei der ich ihren ersten Gedichtband kaufte. Wahrscheinlich würde Sie über die Geschichte lachen. Oder ein Gedicht darüber schreiben. Für die Demokratie ist sie ja immer eingetreten. Auf der Rückseite des Buches ist ein schönes Photo von ihr, das sich leider nicht im Internet findet. Ein Bild des Buches gibt es auch nicht im Internet. Ich stelle hier mal ein anderes Jugendbild ein. Als der Schriftsteller W. Christian Schmitt sie kennenlernte, sah sie wahrscheinlich so aus. In seiner Autobiographie Willkommen in der Aula der Erinnerungen schreibt er über sie:

Hannelies Taschau (Jg. 1937) sagte am Telefon: 'Wir treffen uns vorm Bahnhof, Erkennungszeichen knallgrüne Bluse, blaue Hose, und am besten gehen wir irgendwohin eine Tasse Kaffee trinken...'. Also reiste ich nach Hameln, um mit dem Mitglied des 'Redaktionskomitees der Bertelsmann Autoren Edition' über die Autorin, ihre Arbeit und 'das Komitee' zu sprechen. In der HAZ schrieb ich unter der Überschrift 'Es ist ja alles ganz anders' am 12. Juli 1973 über die etwas kompliziert verlaufende Begegnung u.a.: Die Sache ist gebongt. Hannelies Taschau also: lässig, locker, spontan, sporadisch. Wer ihre Bücher kennt, kennt schon fast die ganze Hannelies Taschau, die Tabubrecherin, die Reporterin, das Agitprop-Mäuschen, die Kämpferin an der täglichen Demokratiefront, die Chiffrenschreiberin, die Unterhalterin, die Sprach-, Laut-, Wortverliebte. Bisweilen hat sie das Bedürfnis, all das, was sie unmittelbar entdeckt, weiterzugeben. Unbekümmert, nicht genau bedenkend, dass es vielleicht schon bekannt sein könnte. Als die Wohmann seinerzeit mit dem Schreiben anfing, hätte man sich die Taschau als deren literarische Schwester vorstellen können. Die Wohmann ist sich und ihrem Stil treu geblieben. Hannelies Taschau hat sich auf den langen Marsch zu sich selbst begeben und Phasen herrlich belangloser Verklärungen durchlaufen. Das alles scheint vorbei. Hinter sich gelassen hat sie auch einen Teil der spektakulären Erfolge und Kritiken anlässlich ihres Romans 'Die Taube auf dem Dach'. Die FAZ schrieb, über den vierblättrigen Klee lobend: 'Die Autorin registriert im gleichen Atemzug Wesentliches und Unwesentliches... registriert sachlich und unbewegt wie eine Filmkamera'. Und Nicolas Born schrieb über Taschaus Gedichte: 'Sie sind ein Muster der Unruhe. Bedeutungen zwischen den Zeilen gibt es nicht'.... Gut ein halbes Jahr später erreicht mich mit Datum vom 11. Februar 1974 ein Brief von Hannelies Taschau aus Hameln, in dem u.a. in vorwurfsvollem Ton zu lesen ist: 'Sieht man sich nun mal generell Ihre Interviews an, fällt einem auf, dass Sie gern, wohl der Einfachheit halber, drei, vier sog. Zitate der Interviewten aneinanderreihen, allenfalls durch ... verbunden, die offensichtlich nicht zusammengehören. Sie machen sich ́s überhaupt in vielem zu leicht...'.

Auf dem Buchdeckel ihres ersten Gedichtbandes, unter dem schönen Photo dieser schönen Frau, stehen einige Zeilen von Nicolas Born. Der ebenso wie sein Freund Rolf Dieter Brinkmann ganz früh gestorben ist: Hannelies Taschau verläßt sich nicht auf ihre Sensibilität. Auf ihre Aufmerksamkeit kann sie sich verlassen. Ihre Gedichte sind moderne Genrebilder, kreisen um entfremdetes Interieur, zeigen gestörte Beziehungen zwischen Menschen, das Zumutbare und das Unzumutbare, reflektieren Abhängigkeit, Mißtrauen, Angst, legen sich an mit privaten und öffentlichen Ärgernissen. Sie sind weder Abhub noch Endprodukt von Erfahrungen, sie sind diese Erfahrungen selbst.

Ich habe zum Schluss noch ein kleines böses Gedicht von Hannelies Taschau, das den Titel Objekt hat:

Er schläft leicht ein
du mußt ihm die Augen offenhalten
Er ißt gern lange
Wenn man ihn kalt anfasst schrumpft
er
aber das kennst du
das ist bei allen gleich
Nimm ihn bis Freitag kannst du ihn
haben
zum Wochenende hätte ich ihn
gerne zurück

Das Gedicht findet sich in dem Band Gefährdung der Leidenschaft, der 1984 bei Luchterhand erschien. Ist aber auch in Wundern entgehen: Gedichte 1957–1984 (auch bei Luchterhand) mit drin. Das wäre ein Buch, mit dem man anfangen könnte, wenn man ihre Gedichte lesen will. Ist auch nicht so teuer, gibt es bei booklooker sehr preiswert. Das Wikipedia Lexikon spendiert Hannelies Taschau mal gerade acht mickrige Zeilen. Ein klein wenig bedeutender ist sie schon. Der Katalog der deutschen Nationalbibliothek verzeichnet neununddreißig Bücher von ihr, der Wikipedia Artikel zehn weniger. Sie hat mit Richard Hey, Uwe Timm und dem Bertelsmann Lektor Andreas Hopf die AutorenEdition bei Bertelsmann hochgezogen. Sie hat Literaturpreise und Stipendien bekommen, und Karl Otto Conrady hat sie in seine Lyriksammlung aufgenommen. Als ich in der Vorlesung von Professor Conrady über den deutschen Expressionismus saß, fing Hannelies Taschau an zu schreiben. Sie wurde in Hamburg geboren, hat aber die Bombardierung Hamburgs nicht erleben müssen, weil die Familie nach Schwaben evakuiert worden war. Sie hat zwei Jahre in Paris gelebt, zwischen zwei Etagen In der Rue Cassette Ohne Stuhl und Tisch. Sie hat viele Jahre im Ruhrgebiet gelebt. Heute lebt sie in Hameln, die Weser kommt in manchen ihrer Gedichte vor. In der Stadtbücherei Hameln hat sie auch zwei Interviews über ihr Leben und ihr Werk gegeben. Sie können diese zwei Gespräche hier hören, dann kennen Sie sie schon ein bisschen besser.

Freitag, 26. Januar 2024

Schwedenmädel

Heute vor hundert Jahren wurde die schwedische Sängerin Alice Babs geboren. Damals hatte sie natürlich noch nicht den Künstlernamen Alice Babs, damals hieß sie Hildur Alice Nilsson. Sie war von klein auf auf der Bühne, und mit vierzehn Jahren konnte man sie zum ersten Mal im Radio hören. Mit fünfzehn hatte sie ihre erste Platte, die ✺Joddlarflickan hieß. Dem Titel sollten noch beinahe achthundert Lieder folgen. 1972 verlieh ihr der schwedische König den Titel einer Hofsängerin (hovsångerska), der bisher nur an Opernsängerinnen verliehen worden war. Jenny Lind hatte den Titel auch einmal gehabt.

1998 kam Alice Babs nach achtzehnjähriger Pause mit der CD Swingtime Again zurück ins Geschäft. Aus dieser Aufnahme können Sie hier It's Wonderful hören. 2002 bekam die Sängerin den europäischen Jazzpreis Django d'Or in der Kategorie Master of Jazz. Ein Jahr später erhielt sie die goldene Illis quorum Medaille, die schon Greta Garbo, Ingrid Bergman und Astrid Lindgren erhalten hatten. Die Jazzsängerin Monica Zetterlund bekam die posthum verliehen. 

Mit sechzehn war Alice auf der Leinwand gewesen, da konnte man sie als singende Schülerin in dem Film Swing it, magistern (Lass es swingen, Professor) sehen. Ich habe den Film hier für Sie. Es ist erstaunlich, welch harmlose Filme man 1940 in Schweden drehte, bei uns sah die Kinolandschaft damals anders aus. Alice Babs heiratete 1944 den Schauspieler Nils Ivar Sjöblom und bekam drei Kinder, ihre jüngste Tochter wurde Popsängerin. Nils Ivar Sjöblom starb 2011 im Alter von zweiundneunzig Jahren. Da hatte Alice Babs noch einige Zeit zu leben, sie wurde neunzig Jahre alt. Aber ihr Leben im Alter wurde durch Schlaganfälle und Alzheimer überschattet.

In den fünfziger Jahren war die Schwedin nach Deutschland gekommen. Sang Lieder wie Ein Mann muß nicht immer schön sein und Du, nur du du du allein. Und mit Paul Kuhn In einer kleinen Konditorei. Mit dem sang sie aber auch schon mal Jazz, das sollte man betonen. Bei Erwin Lehn & His Südfunk Tanzorchester hatte sie auch schon gezeigt, dass sie im Swing zu Hause war. Das kam jedoch in Deutschland noch nicht so gut an. Wir hatten sie lieber, wenn sie Ole Dole Dei sang. Sie war Teil dessen, was man die große skandinavische Invasion der fünfziger und sechziger Jahre nennen könnte. Als Nina van Pallandt Mandolinen und Mondschein sang, Vivi Bach ans himmelblaue Mittelmeer mitgenommen werden wollte, und Gitte 'nen Cowboy als Mann haben wollte. 

Das war die Zeit, als wir Ulla Jacobsen in Sie tanzte nur einen Sommer fünf Sekunden nackt sehen konnten. Als Ingmar Bergmans Film Das Schweigen die Nation beschäftigte, und es massenhaft Schwedinnenfilme gab. Die hießen 6 Schwedinnen von der Tankstelle6 Schwedinnen auf Ibiza6 Schwedinnen hinter Gittern und 6 Schwedinnen auf der Alm. Aber da spielten nicht Bergmanns Lieblingsschauspielerinnen wie Bibi Anderson, Harriet Anderson oder Gunnel Lindblom. Da spielten blonde Französinnen wie Marianne Aubert, Jane Baker, Karine Gambier und Brigitte Lahaie die Hauptrollen. Produziert wurden die Streifen von einem Schweizer namens Erwin C. Dittrich. Keine Filmkunstwerke, nur Softpornos. Damit hat der Film Schwedenmädel, mit dem Alice Babs in Deutschland bekannt wurde, nun überhaupt nichts zu tun. Eine Liebesromanze in einem internationalen College in Stockholm zerbricht in der Mittsommernacht zugunsten neuer Bindungen. Liebenswürdige Unterhaltung ohne tiefere Bedeutung. - Ab 14 möglich, schrieb ein Filmlexikon. Das farbige Kinoplakat täuscht ein wenig, Schwedenmädel war ein Schwarzweißfilm.

1958 trat Alice Babs als erste schwedische Kandidatin bei dem 1955 geschaffenen Grand Prix Eurovision in Hilversum an und sang in Nationaltracht ✺Lilla stjärna. Das brachte ihr den vierten Platz. Es war aber auch ein Abschied von all dem, was sie bisher gesungen hatte. Denn sie konnte mehr. Jetzt sang sie elisabethanische Liebeslieder wie zum Beispiel Woeful Heart und sang Bach Choräle. Und Mozarts Exsultate, jubilate. Das ist nun nicht so fetzig wie die Version von Marie FajtováAlice Babs ist bei Bach besser aufgehoben. Sie können auf dieser Seite alles von ihrer Platte aus dem Jahre 1966 hören.

Das waren Ausflüge in die Klassik gewesen, aber in Wirklichkeit machte sie jetzt etwas ganz anderes: sie war Jazzsängerin geworden. Zuerst an der Seite von schwedischen und dänischen Musikern, aber dann an der Seite von Duke Ellington. Der seine Sacred Concerts für sie schrieb, probably the most unique artist hat er sie genannt. Hören Sie einmal in ✺Heaven hinein. Ellington bewunderte ihre Stimme, die über drei Oktaven ging. Mit ihm hatte sie 1963 in Paris die Langspielplatte Serenade to Sweden aufgenommen, vielleicht das Beste, das sie gesungen hat. Billy Strayhorn ist da noch mit drauf, der wenige Jahre später starb.

Alice Babs hatte Ellington verehrt, seit sie zwölf war. Als er 1939 in Stockholm war, wurde sein vierzigster Geburtstag am 29. April den ganzen Tag gefeiert. Das fing schon mit einem musikalischen Ständchen zum Frühstück an, wie wir es hier auf dem Bild sehen. Irgendwann sang dann ein zehnköpfiger weiß gekleideter Mädchenchor. Eine der Sängerinnen war die fünfzehnjährige Alice Babs. Der Bericht über das Jazzkonzert am Abend von Rolf Dahlgren hatte den Titel Negerswing gör succé. So etwas dürfte heute niemand mehr schreiben.

Die Pariser Aufnahme von Serenade to Sweden hat eine seltsame Geschichte. Die Platte war im Frühjahr fertig, sie hätte im Sommer erscheinen können. Erschien aber erst drei Jahre später bei dem neuen Label Reprise. Und war schnell vom Markt verschwunden, angeblich war sie in Amerika gar nicht auf dem Markt gewesen. Serenade to Sweden wurde die seltenste und gesuchteste Duke Ellington Platte, obgleich er den Titel immer noch spielte. So schrieb die New York Times 1973: 

Duke Ellington likes to bring young women to the Newport Jazz Festival. And he knows some interesting ones. At last year's festival, the highlight of his concert at Carnegie Hall was Aura, a dazzling Rumanian beauty with a voice that was astonishing both for its range and its sustained sensuosity. On Sunday night, this time at Philharmonic Hall, Mr. Ellington's special treat, was Alice Babs, a Swedish singer who was the sensation of Mr. Ellington's Second Sacred Concert when he performed it several years ago at the Cathedral Church of St. John the Divine. Miss Babs's range is at least equal to that of Aura, but her voice has a very different quality—clear, clean and sparkling as a running mountain stream. Her superb control and the finesse with which she sustained and shaded notes were immediately apparent as she walked out of the wings vocalizing Mr. Ellington's lovely 'Serenade to Sweden.'

Die Schweden Tournee von 1973, wo Ellington zehn Jahre nach den Pariser Aufnahmen wieder Alice Babs an seiner Seite hatte, war der letzte große Auftritt von Duke Ellington. Die CD dieser Tournee ist noch leicht zu bekommen. Aber es gibt die Serenade to Sweden inzwischen auch wieder. Und seit 2017 zum ersten Mal auch als CD. Aber egal, ob Vinyl oder CD, beide Versionen sind heute noch lieferbar. Aber teuer, sehr teuer. Doch dank des ✺All That Jazz Don Kaart Channel können Sie die Aufnahme jetzt hier hören.


In diesem Blog, der jetzt ins vierzehnte Jahr geht, hat es immer Bach, Mozart und Schubert gegeben. Aver auch immer Jazz. Schon der dritte Post im Januar 2010 hieß JazzDas soll auch so bleiben. Wenn Sie wollen, können Sie dies alles lesen: the best is yet to comela first lady del jazz italianomehr Jazz?Harry BelafonteRickie Lee JonesPlay BachBirdlandCharlie Parker spielt La PalomaMichel LegrandCandy DulferHarry BelafonteRickie Lee JonesMundharmonikaNick DrakeGuldaRosemary ClooneySun RaDexter GordonDon ByasRichard TwardzikLena HorneMonica ZetterlundCantateAimez-vous Brahms?FolksongsTeddy BoysMein DänemarkSempéMarshall McLuhanArnold DuckwitzNicoLou ReedMadeleine PeyrouxDie Harmonie der WeltJean-Louis TrintignantBirdlandP.J. KavanaghImprovisationenSaturnNachtfahrtThe Lady is a TrampLush LifeFehlkäufeFrankieboyJugendkulturPaul KuhnHyperlinkIngeburg ThomsenKultur (neo)Chris BarberLonnie DoneganZickenjazzPhilip LarkinexisMelody'round midnightMademoiselle chante le bluesAnn-MargretAmazing GraceNina van PallandtThe Art of Staying Young and Unhurt 

Dienstag, 16. Januar 2024

both sides now

Ich war noch nicht ganz wach, aber ich wusste, dass das Both sides now, das da im Radio lief, nicht von Joni Mitchell war. Das Display sagte mir, dass hier eine Frau namens Ane Brun sang. Von der hatte ich noch nie gehört. Bei YouTube kann man dazu lesen: This is probably the worst cover I've heard of this song. There is no melody to the vocals, like the singer is getting distracted by her phone and forgets what the melody is supposed to be. The guitar suffers from the same distracted, meandering and unfocused performance issue. Not to mention the fact that you can hear from how the guitar is played the performer is applying uneven pressure after almost every new tab. It baffles me that somebody would pay money to publish a cover like this. I have more admiration for amateur vocalists in their basements, because they actually treat this song with respect. Ist irgendwie unfair. Wenn man Ane Brun mehrfach hört, dann ist diese Cover Version gar nicht so schlecht. Joni Mitchell war bisher nur einmal in diesem Blog, nämlich in dem Post Madeleine Peyroux. Ich bin kein richtiger Joni Mitchell Fan, obgleich mir Freunde damals immer Kassetten mit ihren Songs schenkten. Könnte ich heute noch spielen, ich habe immer noch einen Kassetenrecorder. Wie schnell hat man heute diese Technologie vergessen, die einmal unser Leben ausmachte.

Nicht vergessen hat man eine Engländerin namens Kate Moss, die heute fünfzig wird. Wozu ich natürlich herzlich gratuliere. Kate Moss war schon häufig in diesem Blog, der ja ein High+Low Culture Blog ist. Falls Sie sich langweilen, könnten Sie die Posts Calvin Klein['bɜ:bərᴗi]Gary Glitter und Joan Didion lesen. Und Ane Brun hören (hier zusammen mit Lisa Ekdahl). Die ist besser als die schlechte Besprechung bei YouTube. Sie könnten auch Elvis mit Bildern von Kate Moss hören. Have a nice day.
 

Samstag, 2. Dezember 2023

Glasfenster

Was wäre aus dieser Malerin geworden, wenn die Nazis nicht gekommen wären? Elisabeth Steinecke hatte ihren ersten Malunterricht nach dem Abitur bei Gustav Adolf Schreiber gehabt, der ein Schüler von Gotthardt Kuehl gewesen war. 1935 gab sie ihr Malstudium in Berlin ohne Abschluss auf und kehrte in ihre Heimatstadt Bremen zurück. Die Nazis hatten ihren Lehrer Curt Lahs von der Berliner Hochschule für Kunsterziehung verjagt. Dass Hitler eine Gefahr war, das wusste die junge Frau schon länger. Als Schülerin am Kippenberg Lyceum hatte sie ihre Lehrerin gefragt, ob sie es für möglich halte, dass Gott Hitler gewollt hätte. Ihre Lehrerin hatte ihr geantwortet: Hitler kann auch das absolut Böse sein. Die Lehrerin hieß Magdalene Thimme, sie war wahrscheinlich Bremens bedeutendste Pazifistin. Elisabeth Steinecke blieb ihrer Lehrerin ihr Leben lang verbunden und stand ihr auch im Alter bei.

Elisabeth Steinecke wird heiraten und Kinder haben, die künstlerische Betätigung bleibt jetzt liegen. Da geht es ihr nicht viel anders als der Impressionistin Mathilde Vollmoeller nach ihrer Heirat. Aber nach dem Weltkrieg, aus dem ihr Mann nicht zurückkehrt, da hat sie eine zweite künstlerische Karriere. Und dafür brauchen wir mal eben den Heiligen Martin. Hier gemalt von El Greco. In hunderten von Darstellungen sehen Bettler und Ritter immer anders aus, die Farbe des zerteilten Mantels variiert. Die Teilung des Mantels geschieht in der Stadt Amiens, das hat mir 1959 in der Kathedrale ein Geistlicher erzählt. Und Notre Dame d'Amiens, wo Martin getauft wurde, hat hier schon einen Post. Ich brauche den Heiligen Martin wegen der Bremer St Martini Kirche. Diese Kirche an der Weser ist es natürlich wert, dass man hineinschaut, allein wegen der Orgel von Bockelmann. Sie ist vielleicht die schönste Bremer Kirche, wenn Sie diesen Post anklicken, kommen sie zu einem ganz, ganz langen kulturhistorischen Post über Kirchen. Es ist um die Martini Kirche immer still, sie liegt abseits vom Touristenstrom. Die Touris schaffen es doch bestenfalls noch bis zum Ende der Böttcherstraße. Hier ist Joachim Neander Pastor gewesen, der Neander, der Lobet den Herren geschrieben hat. Der Neander, nach dem man in Düsseldorf, wo er vorher war, ein kleines Tal benannt hat. Wo man eines Tages den Neandertaler findet. Das wusste früher in Bremen jedes Kind. Heute vielleicht nicht mehr, es steht schlecht um die Bildung in Bremen. 

Von der Martinikirche war nach dem 137. Luftangriff vom 6. Oktober 1944 nicht viel übriggeblieben. Es ist nicht das letzte Bombardement Bremens, noch 35 Luftangriffe werden bis zum Mai 1945 folgen. Aber man hat die Kirche wieder aufgebaut. Die Orgel war nicht mehr zu retten, doch der kostbare Orgelprospekt ist erhalten, da man ihn vorher ausgelagert hatte. Man baut 1948 zuerst das Pastorenhaus neben der Kirche, das sogenannte Neanderhaus, wieder auf. Ab 1951 beginnt man unter dem Architekten Walter Siber mit dem Neubau der Kirche, die Arbeiten werden bis 1960 dauern. Man brauchte natürlich neue Glasfenster, Fenster gehen bei einem Bombenangriff als erstes zu Bruch.

Und das ist die Stunde von Elisabeth Steinecke, die 1955 mit der Glasmalerei begonnen hatte. Sie wird das sogenannte Hohe Fenster (Neanderfenster) in der Südwand (Bild), das Martinsfenster im Nordschiff und die acht Fenster im Chor schaffen. Handbemaltes Glas, im modernen Stil. 1959 hatte sie den Auftrag erhalten, da hatte sie schon für mehrere Kirchen die Glasfenster gestaltet. Die Prunkstücke sind natürlich das Neanderfenster und das Martinsfenster. Aber auch die kleinen Fenster haben ihren Reiz: Die Fenster im Chor erhielten eine kleinfigürliche Buntverglasung von herrlich satten Farben - nach Entwürfen von Elisabeth Steineke. Wenn die Morgensonne hindurchscheint, sieht es aus, als ob funkelnde Wandteppiche den Chorraum umgeben. Auf der Homepage der St. Martini Gemeinde wird zwar das Neanderfenster abgebildet, aber Elisabeth Steinecke wird mit keinem Wort erwähnt. Irgendwie ist das ein bisschen armselig.

Doch das wundert vielleicht nicht, denn die Gemeinde ist heute etwas seltsam. Dass hier 1904 zum erstenmal in Deutschland eine Frau auf der Kanzel stand, das würde sich heute unter Pastor Olaf Latzel nicht wiederholen. Der ist ein wenig rechtsradikal und stand schon wegen Volksverhetzung vor Gericht. Das ist jetzt weit weg von Emil Felden, der gegen den Antisemitismus kämpfte und von den Nazis entlassen wurde. Die bremische Landeskirche lässt den einzelnen Gemeinden alle Freiheiten, und das führt manchmal zu seltsamen Dingen. Ich zitiere mal eben aus dem Post Bremer KlauselDas mit den theologischen Spinnern in Bremen hat übrigens mit der Reformation nicht aufgehört. Der Bischof von Hitlers Gnaden Heinz Weidemann, der damals den Dom so hübsch mit Naziemblemen dekorieren ließ und eine Bremer Kirche in Horst Wessel Kirche umtaufen wollte, war zweifellos ein Fall für die Psychiatrie. Und auch der Pastor Georg Huntemann, der sich nach dem Gottesdienst an der Kirchentür den Ring an der Hand küssen ließ, war nicht so ganz schussecht. Und der ehemalige Domprediger Günter Abramzik, der in der kleinen Bremer Revolution so vernünftig war, hat nach dem Aufkommen der Beweise für seine sexuellen Verfehlungen auch jede Autorität verloren.

Vor Jahren sind zweihundert Pastoren und Kirchenbeschäftigte auf die Straße gegangen, um gegen ihren Kollegen Olaf Latzel zu protestieren: Wir distanzieren uns entschieden von Fundamentalismus jedweder Art – und von allen Versuchen, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus oder rassistisches Gedankengut mit vorgeblich biblischem Glauben zu bemänteln.

Irgendwie passt das alles nicht zusammen, die mit viel persönlichem Engagement und großen privaten Spenden wieder aufgebaute Martinikirche, die kunstvollen Glasfenster, die die Bibel nacherzählen, und dann dieser Pastor. Irgendwann wird dieser Olaf Latzel, der einen Kanal bei YouTube hat, nicht mehr da sein, aber die Glasfenster von Elisabeth Steinecke, die werden bleiben und leuchten wie funkelnde Wandteppiche. Ich wünsche all meinen Lesern einen schönen ersten Advent.