Sonntag, 15. August 2021

der grüne Sonnenschirm

Der Maler Gottlieb Schick wurde heute vor 245 Jahren in Stuttgart geboren, der Internet Lexikon Wikipedia gönnt ihm einen fünfzeiligen Artikel. Das ist ein bisschen wenig für einen Maler des Klassizismus, der dieses schöne Portrait gemalt hat, das berühmteste Frauenportrait des deutschen Klassizismus. Schick hatte in Paris bei Jacques-Louis David studiert, er war nicht der einzige deutsche Schüler des Franzosen. Der Mainzer Johann Adam Ackermann war auch in Paris. Bevor Schick Paris verließ, konnte er sehen, wie David Madame Récamier portraitierte (Sie können an den fett markierten Links sehen, dass Ackermann und die Récamier hier schon einen Post haben, der zu Madame Récamier ist über fünftausend Mal angeklickt worden). Schick selbst hat die Julie Récamier in Paris in sein Skizzenbuch gezeichnet.

Wahrscheinlich hatte Schick Davids Bild der Pariser Salonière im Kopf, als er 1802 in Stuttgart den Auftrag bekam, Wilhelmine Cotta zu malen, die Gattin des Verlegers Johann Friedrich Cotta, der der Verleger von Schiller und Goethe war. Sie wird in vielen Quellen als Freifrau von Cotta bezeichnet, aber das ist sie noch nicht, ihr Gatte ist noch nicht geadelt. Dass sie aber aus ihrem Haus in Tübingen eine Art von schwäbischem Musensitz gemacht hat, das ist sicherlich wahr. Man kann Wilhelmine Cotta wie die Récamier als Salonière bezeichnen.

Es ist wohl Heinrich Rapp gewesen, der Schick den Kontakt zu Cotta vermittelt hat. Rapp ist der Schwager von Schicks erstem Lehrer Heinrich Dannecker, einem Mann, den Schick immer verehrt hat. Er hat auch im Jahre 1802 das schöne Bild von Danneckers erster Frau Heinrike gemalt. Mit dem kleinen Blumenstrauß in ihrer Hand hat er sich schwergetan: Ich erinnere mich, wie ich mich mit der Hand plagte, die die Blumen hält, und wie ich in meiner Freude krumme Gesichter geschnitten, die Ihre Frau Gemahlin und mich selbst lachen machten, wenn mir das Malen gelang […]. Wie vergnügt war ich nicht als ich ihr Portrait mahlte.

Gottlieb Schick will nicht in Stutgart bleiben, er will nach Rom. Heinrike Dannecker hat er aus Freundschaft zu seinem Lehrer gemalt, Wilhelmine Cotta malt er, weil ihr Ehemann ihm noch einen Vertrag für eine Vielzahl von Zeichnungen für die Cottaschen Taschenbücher offeriert. Diese moderne Version von Schicks Bild, die von Ekaterina Orba stammt, nimmt einiges vom Original auf, die Pose der Wilhelmine, die Pappelgruppe links, Akazie und Gummibaum (hier zu einer grünen Einheit verschmolzen) rechts. Der kleine Fluss Ammer ist hier zu einem mächtigen Strom geworden, aber das Wesentliche bleibt: Wilhelmine Cotta wird in die Natur, dem schwäbischen Arkadien, plaziert, nicht im Salon.

Frau Cotta ist plumper, mächtiger, das Übereinanderschlagen der Beine selbstbewußter. Es fehlt die feine Koketterie nicht nur in der weniger flüssigen Behandlung, sondern auch in dem den Beschauer nicht suchenden Blicke, schreibt der Kunsthistoriker Karl Simon 1914 in seinem Buch Gottlieb Schick: Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Malerei um 1800. Er ist der erste Kunsthistoriker, der Davids Madame Récamier und Schicks Wilhelmine Cotta verglichen hat. Ein Bild, das den Vergleich mit dem Franzosen nicht zu scheuen braucht. Eigentlich ist es viel schöner als das Bild von der Julie, die wie die zusätzliche Dekoration zu einem Möbelstück aussieht. 

Wilhelmine in ihrem weißen Chemisekleid (wahrscheinlich miederlos) aus Musselin bildet die Diagonale des lebensgroßen Bildes, das heute in Stuttgart hängt. Die Holzbank, auf der sie im Park sitzt, hat nichts von der Eleganz der französischen Récamiere bei Jacques-Louis David. Aber Wilhelmines Kleidung ist à la mode. Werfen Sie doch mal einen Blick auf die gestreiften Schlupfschuhe (auch Schlupfer genannt) aus Atlasseide! Diese Ballerinas sind, ebenso wie der Sonnenschirm in der neuen Modefarbe grün, der dernier cri des Klassizismus.

Es gibt zu dem Maler Gottlieb Schick doch etwas mehr zu sagen, als uns Wikipedia sagt. 1976 gab es zu seinem zweihundertsten Geburtstag in Stuttgart eine Ausstellung Gottlieb Schick: Ein Maler des Klassizismus. Den Katalog von Ulrike Gauß und Christian von Holst kann man antiquarisch noch finden. Auch das interessante Buch Kaleidoskop eines Porträts von der Staatlichen Ingenieurschule für Druck läßt sich antiquarisch noch kaufen. Und dann habe ich zum Schluß noch ein kleines Video, auf dem uns die Kunsthistorikerin Ricarda Geib das Bild erklärt.

Montag, 2. August 2021

die Malerin aus Lüdenscheid

Sie ist beinahe dreißig, als sie nach Paris geht. Allein, ohne Gouvernante. Sie will Malerin werden. Und nicht nur das, sie will als Malerin von ihrem Beruf leben. Auf allen Selbstportraits trägt sie eine Brille, die braucht sie um die Welt zu sehen. Sie könnte sich ohne Brille malen, aber die Brille gibt ihr etwas Überlegenes, Spöttisches. Das haben Männer nicht unbedingt gerne. Mäner mögern auch diese Malweiber nicht, die nach Paris gehen. Und deutsche Malerinnen haben wenig Chancen, in Paris ihre Bilder zu verkaufen. Aber Ida Gerhardi gibt nicht auf, sie bleibt in Paris. Westfalen hat eine große Frau, Annette Droste, hervorgebracht, nun will ich die zweite sein, schreibt sie 1909 an den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus.

Diese Verbindung zu Osthaus ist für beide wichtig, er kann sie fördern und bekanntmachen, und sie macht ihn mit französischen Künstlern bekannt. Osthaus setzt auf ihre diplomatischen Fähigkeiten, dank ihrer Vermittlung lernt er 1903 Auguste Rodin kennen. Und gibt gleich mehrere Bronzen und eine Marmorstatue in Auftrag. Die Malerin (hier auf dem Selbstportrait Nummer drei) vermittelt ihm auch Kontakte zu Aristide Maillol, Matisse und Maurice Denis, sie ist, wenn man so will, seine französische Kunstagentin geworden. Und im Jahr 1903 kauft er viel, sehr viel. Hauptsächlich französische Kunst. Osthaus stellt manchmal Bilder von Gerhardi in seinem Museum Folkwang aus, eine Gerhardi Ausstellung gibt es allerdings in Hagen nicht. Als er ihr 1912 schreibt, dass sie ihm natürlich Bilder schicken kann, schickt sie zu seinem Entsetzen 183 Bilder.

1903 ist auch das Jahr, in dem sie ihn malen wird, einen dynamischern neunundzwanziger Millionär, der dabei ist, die Moderne in sein Museum in Hagen zu bringen. Das Bild von Gerhardi hängt heute immer noch im Osthaus Museum Hagen. Aus Hagen kam Ida Gerhardi auch, die Arzttochter wurde da am 2. August 1862 geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters war ihre Mutter mit der Familie nach Detmold gezogen. Als die Malerin 1912 schwer krank wird, zieht sie zu ihrem Bruder, dem Dr Karl-August Gerhardi, der in Lüdenscheid Sanitätsrat ist. Nebenbei schreibt der Mediziner auch noch Gedichte und Theaterstücke. In Lüdenscheid hat es 2012 auch die Ausstellung Ida Gerhardi: Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900 gegeben, die danach in das Prinzenpalais Oldenburg wanderte, wo ich sie gesehen habe. Das Osthaus Museum in Hagen ist seit dem 27. Juli 2021 wieder geöffnet. Ich habe schöne Erinnerungen an Hagen, die weniger mit der Kunst als mit Bonschen zu tun haben: meine Mutter hatte nämlich eine Freundin in Hagen, die Erbin einer Bonbonfabrik war. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.

Bevor sich Ida Gerhardi in Paris an der Privatschule Académie Colarossi immatrikuliert, zieht es sie erst einmal für einige Wochen nach Concarneau in die Bretagne. Wenn die Sonne lächelt, lächelt sie bleich, u. man hat nicht das Gefühl, dass sie wirklich wärmend ins Herz dringt. [...] Meer und Himmel sind nicht mehr zu unterscheiden, u. das was Farbe hat in der Natur, schimmert als unerklärlicher, fast formloser Effekt - die graue Masse unendlich anziehend machend - durch den melancholischen, sich leise bewegenden Schleier hindurch, hat sie geschrieben. Und da hat sie 1891 diesen Bauernhof gemalt. Warum will sie überhaupt noch studieren? Sie kann doch schon alles. Bevor sie nach Paris zog, hatte sie in München an der Damenakademie von Tina Blau-Lang einige Monate studiert. Was eine paysage intime ist, das wusste sie schon. Im selben Jahr malt sie eine Dame auf dem Brückenbogen vom Pont de l’Alma, was allerdings ziemlicher Kitsch ist.

Sie hätte gerne den Teutoburger Wald mit frz. Flottigkeit auf die Leinwand gezaubert, aber das Bild gibt es nicht. Was es gibt, ist diese Dorfstraße bei Soest, 1913 gemalt, als sie nach zwanzig Jahren Paris wieder in Deutschland ist. Leicht und luftig mit frz. Flottigkeit gemalt. Sie wäre gerne Landschaftsmalerin gewesen, aber das bringt kein Geld. Nur Portraits bringen Geld. Das hatte schon Gainsborough festgestellt, als er schrieb: I'm sick of portraits, and wish very much to take my viol-da-gam and walk off to some sweet village, where I can paint landskips and enjoy the fag end of life in quietness and ease. Ida Gerhardi bezeichnet die Portraitmalerei einmal als erlaubte Prostitution.

Für dieses Portrait hat sie kein Geld genommen. Das ist der Ehemann ihrer besten Freundin Jelka Rosen, die auch aus Detmold kam. Aus einer berühmten und reichen Familie. Die Familie von Ida Gerhardi kommt auch aus einer berühmten Familie, die in Westfalen seit dem Jahre 1577 nachweisbar ist. Die sind aber nicht reich, außer der Lüdenscheider Fabrikantenlinie; die Firma Gerhardi gibt es immer noch in Lüdenscheid, die stellen den Kühlergrill für Mercedes und BMW her. Jelka Rosen ist auch Malerin, sie hat ihren Ehemann auch gemalt, aber etwas anders als hier. Der Herr auf diesem Bild ist niemand anderer als der englische Komponist Frederick Delius.

Ida Gerhardi wird in Deutschland, wo man das Werk von Delius kaum kennt, alles tun, um den Komponisten bekannt zu machen. Sie wird auch zahlreiche Musiker malen: Arthur Nikisch (1899), Ferrucio Busoni (1900 und 1902) und die Geigerin Elli Bößneck (1910), eines ihrer schönsten Bilder. Zu dem Bild habe ich hier eine Interpretation von der Kunsthistorikerin Hella Nocke-Schrepper. Auf der Seite gibt es auch einen Link zu der Dissertation von Petra Stevens-Nepilly aus dem Jahre 1983, die Verfasserin hat aus ihrem Buch für den Lüdenscheider Geschichtsverein eine lange Zusammenfassung erstellt.

Das 1894 gemalte Bild dieses Herrn gehört nicht unbedingt zu den Höhepunkten ihrer Portraitmalerei, es wirkt wie eine Karikatur. Und das ist sehr passend, nicht nur, weil preußische Offiziere in dieser Zeit wie eine Karikatur aussehen. Es ist allerdings ein Bild von großer politischer Aktualität. Dies ist der Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen, der preußische Militärattaché in Paris. Er wird noch General werden, aber seine historische Rolle ist eine ganz andere, mit ihm beginnt die Dreyfus Affäre. Jetzt ist das Bild in unserem Kopf, wir werden es nicht mehr los.

Die Violinistin Elli Bößneck hat sie 1910 in Leipzig gemalt. Um dieses Bild zu malen, reist sie noch im selben Jahr nach London. Sie hasst mittlerweise diese Reisen: Es ist furchtbar gehirnanstrengend, immer an fremden Plätzen zu malen, hat sie einmal gesagt. Aber die Reise zu der Ehefrau des englischen Kunstsammlers Frank Stoop macht sie gerne. Zu der hat sie ein besonderes Verhältnis, denn Bertha Stoop ist nicht nur ihre Mäzenin, sie ist auch eine Freundin. Als eine schwere Lungenkrankheit im Winter 1912 das Schaffen von Ida Gerhardi unterbricht, wird sie im zuerst von ihrer Schwester Lilli gepflegt werden, dann den ganzen Sommer 1913 an der italienischen Riviera verbringen und den Herbst zu einer Kur nach Wiesbaden reisen. Vielleicht wäre Davos der richtige Ort gewesen, wo die Malerin Hermine Overbeck-Rothe ihre Lungenkrankheit auszukurieren versuchte. Aber Bertha Stoop hat da eine andere Meinung, sie bricht mit der Malerin im Januar 1914 zu einer mehrmonatigen Reise nach Ägypten auf, sie hofft darauf, dass die trockene, warme Luft Lunge und Bronchien stärken könne. Idas Nichte Evelin erinnert sich 1988: Unfortunately it did her more harm than good when they were caught in a sandstorm.

Neben Paris war Lüdenscheid ihr zweites Zuhause geworden, wohin ihre gemütskranke Mutter am Ende des 19. Jahrhunderts gezogen war. Sie liebt ihr Paris: Ich bereue keinen Tag, nach hier (…) gegangen zu sein, alles ist mit einer Bequemlichkeit eingerichtet, wie das in Deutschland in keiner Stadt für Damen zu finden ist. Sie kümmert sich auch um deutsche Kollegen, die neu in der Stadt sind. So schreibt Friedrich Ahlers-Hestermann, der mit Franz Nölken in die französische Metropole kommt, in seiner Autobiographie: Es blieb noch die schwache Hoffnung auf eine nicht mehr ganz junge Malerin, die aus der Heimatstadt von Nölkens Mutter - Lüdenscheid i. W. - stammte. An einem trüben Sonntagnachmittag gingen wir, ohne viel zu erwarten, zu ihr. - Mit ihren zierlichen Händen führte sie kleine wiederkehrende Gebärden aus, während sie sprach und uns aus dunklen Augen durch den Zwicker prüfend anschaute. - Sie kannte das Viertel Montparnasse seit 15 Jahren, und in hurtigen Sätzen erzählte sie uns von Malern, Modellen, Cafés und Sammlungen, nahm auch mit einem mütterlichen Einschlag teil an unseren Wünschen und Absichten. 

Ida Gerhardi zeigt den beiden Hamburgern nicht die Welt der Bohème und der Apachenkneipen (die sie hier gemalt hat), sie nimmt sie mit zu den Domiers, wo auch Albert Weisgerber ein ständiger Gast ist. Der Maler Hans Purrmann beschrieb die Ankunft der Hamburger mit den Worten: Eine Gruppe von Hamburger Malern kam: Nölken, Rosam und Ahlers - Hestermann. Kunstbeflissen, fast zu seriös, aufnahmedurstig für diesen alles niederdrückenden Geist , der sich gewöhnlich breitmachte. Paris trug die Menschen meist in eine Höhe, die man ihnen nicht zugetraut hatte, weil sie vom Leben nicht abgestumpft, sondern zugespitzt wurden, weil fruchtbare Künstlerdiskussionen auszunutzen waren, die zukünftige, hohe Bewertungen voraussehen ließen.

Dies ist das letzte Selbstportrait von Ida Gerhardi, zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahre 1927 gemalt. Da ging sie schon kaum noch aus dem Haus. Käthe Kollwitz schrieb ihrer Schwester Lilli nach dem Tod: Wir waren sehr gute Nachbarn, es ist wohl nicht zu viel gesagt, daß wir uns lieb hatten. Nun ist nur dies Bild von ihr geblieben, dies frohe kluge feine Bild. In ihrem kleinen Stübchen, das zugleich ihr Atelier war, war sie rings umgeben von ihren Studien und Skizzen, diesen bewegten, farbigen, hoch begabten Skizzen. Oft habe ich sie nach Bal Bullier begleitet, wo sie malte. Sie war ja in Paris so zuhause, dass ihr nichts verschlossen war, überall stand sie gut mit den Menschen und fand sie Eingang. Für mich war es ein großes Glück, Paris an ihrer Seite kennen zu lernen.

Dieser 1908 gemalte Siamesische Prinz, der wahrscheinlich ein Gesandter aus Thailand war, erregte großes Aufsehen. Im Jahre 1909 schreibt die Berliner
National-Zeitung: Als Gast der Vereinigung erscheint die ausgezeichnete Ida Gerhardi, die sich bei ihren jüngsten Pariser Studien wieder um ein respektables Stück vorwärts gebracht hat. Die meisten dieser Künstlerinnen haben Talent, Fräulein Gerhardi hat Genie. Ihre Porträts sind jetzt von einer Kühnheit der Malerei und Treffsicherheit im Erfassen der Persönlichkeit, daß sie in die allererste Reihe der Bildnisse rücken, die wir seit Jahr und Tag hier gesehen haben. Das bedeutet schon etwas. 1913 erhält sie für dieses Bild den nach dem Großherzog von Hessen-Darmstadt benannten Ernst Ludwig Preis.

Auch, wenn sie immer wieder für einen Augenblick berühmt wird, auch wenn die westfälischen Unternehmer sich von ihr malen lassen, nach ihrem Tod ist sie schnell vergessen. Aber nicht in Lüdenscheid, dem Ort, den sie in ihren letzten Lebensjahren immer wieder aus dem Fenster heraus malt. 1962 gibt es die von Dr Carl Bänfer initiierte Ausstellung Ida Gerhardi 1862/1962. Und dann wird es immer wieder Ausstellungen, Kataloge und Bücher geben. Heute gibt es einen Ida Gerhardi Förderpreis für junge Künstler, den die Sparkasse Lüdenscheid seit 1989 alle zwei Jahre stiftet. Und ein Musical mit dem Titel Ida hat es vor Jahren auch schon gegeben. Wenn sie auch nicht so berühmt geworden ist wie die Droste, in Lüdenscheid ist sie jetzt berühmt.

Donnerstag, 22. April 2021

un petit moment

Ein Graf trifft in einem Bordell eine hübsche Achtzehnjährige. Er hat gleich eine schmutzige Idee: die junge Frau soll seinen Bruder (der natürlich auch ein Graf ist) heiraten, soll durch diese Heirat an den Hof des Königs kommen und die Mätresse des Königs werden. Damit unser Graf einen noch größeren Einfluss am Hofe bekommt. Das Bordell, in dem unser Graf die junge Blondine kennenlernt, wurde übrigens auch von dem Marquis de Sade besucht. Es kommt alles, wie es kommen soll, die kleine Marie Jeanne Bécu heiratet einen Grafen und wird am 22. April 1769 dem König als die Comtesse Du Barry vorgestellt. Der alternde König (es ist Louis XV) verliebt sich, die Comtesse steigt auf zur maîtresse en titre, der Nachfolgerin der Pompadour. Vielleicht hat sie ihn sogar geliebt, nach vielen Erzählungen soll sie die einzige gewesen sein, die an seinem Sterbebett ausharrte. Ich hätte dafür eine kleine Literaturempfehlung: Etiquette: Eine Rococo-Arabeske von Ossip Schubin, einer Schriftstellerin, die zu Unrecht vergessen ist.

Voltaire war hingerissen von der Du Barry. Er schreibt ihr am 20. Juni 1773 zwei kleine Gedichte in einem Brief, und diese beiden Vierzeiler, in denen es um Küsse und um Schönheit geht, sollen heute mein Gedicht des Tages sein:

Madame, M. de La Borde m’a dit que vous lui aviez ordonné de m’embrasser des deux côtés de votre part.

Quoi ! deux baisers sur la fin de ma vie ! 
Quel passeport vous daignez m’envoyer ! 
Deux ! c’est trop d’un, adorable Égérie :
Je serais mort de plaisir au premier.

Il m’a montré votre portrait ; ne vous fâchez pas, madame, si j’ai pris la liberté de lui rendre les deux baisers. 

Vous ne pouvez empêcher cet hommage,
Faible tribut de quiconque a des yeux. 
C’est aux mortels d’adorer votre image ; 
L’original était fait pour les dieux.

J’ai entendu plusieurs morceaux de la Pandore de M. de La Borde ; ils m’ont paru bien dignes de votre protection. La faveur donnée aux véritables beaux-arts est la seule chose qui puisse augmenter l’éclat dont vous brillez. Daignez agréer, madame, le profond respect d’un vieux solitaire dont le cœur n’a presque plus d’autre sentiment que celui de la reconnaissance.

Der erwähnte Monsieur de la Borde ist der Komponist Jean-Benjamin François de la Borde, ein Freund Voltaires. In der Zeit, als die Du Barry maîtresse en titre des Königs ist, hatte er den Posten eines Ersten Kammerdieners des Königs. In der Revolution landet er auf dem Schafott. Wie auch der Graf Du Barry, der einst die kleine Marie Jeanne im Bordell entdeckte. Wie auch Madame Du Barry, die einmal in ihr geheimes Tagebuch schrieb: Ich habe Angst vor dem Alter und glaube, dass ich lieber tot sein möchte als hässlich. Sie wird fünfzig Jahre alt werden, dann beendet das Fallbeil auch ihr Leben. Encore un moment, monsieur le bourreau, un petit moment, hatte sie den Scharfrichter vor dem Schafott angefleht. Sie wird diesen petit moment nicht bekommen. 

Samstag, 10. April 2021

Billabonne du so süß, Banjo

Von magischer, unwirklicher Schönheit war diese Delphine Seyrig, die Alain Resnais in einem Off-Broadway Theater in New York entdeckt hatte. Unvergesslich ihr erster Auftritt am Drehort von 'Letztes Jahr in Marienbad': in einen Burberry gehüllt, einen Schal über der dreißiger Jahre Frisur, tauchte sie hinter einer der Marmorsäulen in der Halle des Schlosses Schleißheim auf und begrüßte uns mit einem geistesabwesendem Lächeln. Ein Wesen von einem anderen Stern - auf der Leinwand wie im Leben. Das schreibt Volker Schlöndorff auf seiner Internetseite. Dem kann ich nur beipflichten, wegen Delphine Seyrig habe ich Letztes Jahr in Marienbad damals zweimal gesehen.

In Truffauts Film Geraubte Küsse wird Antoine Doinel über sie sagen: Ce n’est pas une femme, c’est une apparition. Und das ist sie gewesen, zu einer apparition haben Resnais und Truffaut sie stilisiert. Sie war aber auch in ganz anderen Filmen zu sehen: in Joseph Loseys  Accident an der Seite von Dirk Bogarde oder in dem Spionagethriller The Black Windmill mit Michael Caine, wo sie für eine Minute nackt zu sehen ist.

In dem Glas, das sie hier zu ihren Lippen führt, ist wahrscheinlich Blut. Wir sind hier in einem Vampirfilm. Nicht nur in einem Vampirfilm, sondern auch noch in einem lesbischen Vampirfilm. So etwas war im Fantasy Genre in den siebziger Jahren schick. Der Film heißt Daughters of Darkness (der deutsche Titel war Blut an den Lippen). Die Professorin Camille Paglia, die in engen Lederklamotten mit dem Motorrad zu ihren Vorlesungen kam, fand den Film interessant: A classy genre of vampire film follows a style I call psychological high Gothic. It begins in Coleridge's medieval 'Christabel' and its descendants, Poe's 'Ligeia' and James' 'The Turn of the Screw'. A good example is' Daughters of Darkness', starring Delphine Seyrig as an elegant lesbian vampire. High gothic is abstract and ceremonious. Evil has become world-weary, hierarchical glamour. There is no bestiality. The theme is eroticized western power, the burden of history. 

Sie können alle erwähnten Filme anklicken und zumLaufen bringen. Ich habe aber auch noch eine kleine filmische Sensation. Denn die junge Delphine Seyrig ist 1959 in einem schrägen kleinen Film von Robert Frank zu sehen, zusammen mit der halben Beat Generation. Wie Jack KerouacAllen GinsbergGregory Corso und den Künstlern Larry Rivers und Alice Neel. Das brave Hausmütterchen in Pull My Daisy war ihre erste Filmrolle. Als ich gesehen hatte, dass heute der Geburtstag von Dephine Seyrig ist, suchte ich im Internet nach einem Gedicht. Warum hat noch niemand von den Franzosen über diese apparition ein Gedicht geschrieben? Aber dann sah ich, dass sie Je vous écris d'un pays lointain von Henri Michaux im Radio gelesen hatte, und ich dachte mir: warum nicht Michaux?

Ich nehme jetzt nicht Je vous écris d'un pays lointain, ich nehme das Gedicht Amours. Das habe ich hier auch in deutscher Sprache, übersetzt von niemand anderem als Paul Celan. Das Gedicht stammt aus dem ersten Gedichtband Les rêves et la jambe, 1923 in Antwerpen in einer Auflage von vierhundert nummerierten Exemplaren erschienen. Die Frau, die er in diesem Liebesgedicht bedichtet, war Gabrielle Friedrich, die Chefin des kleinen avantgardistischen Verlags Editions Kra. Er nennt sie hier Banjo, manchmal auch Banjo By. Als er berühmt war, wollte er nicht, dass seine frühen Dichtungen erwähnt wurden. Paul Celan, der ihn übersetzt hat, war mit ihm befreundet, er hatte Mühe ihn zu überreden, dass er Amours übersetzen durfte. Michaux scheute die Öffentlichkeit, nur Gisèle Freund hat ihn einmal photographieren dürfen.

Amouren

Du, die ich nirgendwo zu erreichen weiß und die du
dieses Buch
hier nicht lesen wirst,
die du stets ins Gericht gegangen bist mit den
Schriftstellern,
den kleinen, kleinlichen, unwahren, eitlen Gesellen,
du, der Henri Michaux zu einem Eigennamen
worden ist,
in allem vielleicht wie die, die man in den Vermischten Notizen
liest, mit Alters- und Berufsangabe daneben,
du, die du in andrer Gesellschaft lebst, auf andern Flächen und
Feldern, anders umhaucht und umweht,
derenthalben ich mich jedoch überworfen hatte mit einer ganzen
Stadt, der Hauptstadt eines dichtbesiedelten Landes.
Und die du mir auch nicht ein einziges Haar zurückgelassen hast
beim Weggehn, sondern bloß die Empfehlung, deine Briefe
auch ja zu verbrennen –: bist nicht auch du jetzt zwischen vier
Wänden und ganz in Gedanken?
Sag, machts dir noch immer soviel Spaß, dir die schüchternen
jungen Männer zu angeln mit deinem samtenen Krankenhausblick?

Ich, ich habe noch immer denselben starren, verrückten Blick,
der irgend etwas Persönliches sucht,
irgendwas mir inmitten dieser unendlichen unsichtbar-
kompakten Materie Hinzuzufügendes,
das den Zwischenraum bildet zwischen den Körpern der als solcher
bezeichneten Materie.
Unterdessen habe ich mich aber einem neuen „Wir“ überantwortet.
Sie hat Lampenlicht-Augen wie du, sehr sanft, nur größer als die
deinen; eine dichtere, tiefere Stimme; und ein Schicksal, so
ziemlich dem deinen ähnlich in seinem Beginn und seinem Verlauf.
Sie hat… Sie hat-te!
Hab sie morgen nicht mehr, meine Freundin Banjo;
Banjo,
Banjo,
Bibolabange du so bang,
Bilabonne du so süß, Banjo,
Banjo,
Banjo so allein-allein, Banjelein,
Banjeby,
so lauter Liebe, Lie-,
hab deine kleinen Brüste verloren,
-loren,
und deine unsägliche Nähe.

Sie haben alle gelogen, meine Briefe, Banjo … und jetzt, jetzt geh
ich.
Hab eine Fahrkarte in der Hand: 17.084.
Königlich-Niederländische Schiffahrtsgesellschaft.
Man braucht nur der Fahrkarte zu folgen und kommt nach
Ecuador.
Fahrkarte und ich, morgen machen wir zwei uns auf den Weg,
den Weg nach Quito – der Stadt mit dem Reim auf „couteau“.
Mir wird ganz eng, sobald ich daran denk.
Und doch wird man mir sagen:
„Schön, dann soll sie eben mitfahren mit Ihnen.“
Ja gewiß doch, wir wollten ja nur ein kleines Wunder von euch da
da droben: ihr Haufen Müßiggänger, Götter, Erzengel, Erwählte,
Feen, Philosophen, und ihr, meine genialen Kumpane, die ich
so geliebt habe:
du, Ruysbroek, und du, Lautréamont,
der du dich nicht für dreimal Null hieltst; ein ganz kleines
Wunder, ja das wars, was wir von euch haben wollten, für Banjo
und für mich
.

Mittwoch, 7. April 2021

Tiger im Regen

Vor drei Tagen ist die Schauspielerin Angelica Domröse achtzig Jahre alt geworden, sie war neben Jutta Hoffmann (die hier vor Wochen schon einen Post hatte) die berühmteste Schauspielerin der DDR. 1970 war sie in Wolfgang Luderers Effi Briest die Effi, aber noch berühmter wurde sie drei Jahre später als Paula in dem Kultfilm Die Legende von Paul und Paula. Den hat der MDR als kleines Geburtstagsgeschenk am Sonntag gezeigt. Er ist noch vier Wochen hier in der Mediathek (ansonsten können Sie ihn hier sehen). Ihrer Autobiographie Ich fang mich selbst ein hat Angelica Domröse das Gedicht Trauriger Tag von Sarah Kirsch aus deren erstem Lyrikband Landaufenthalt vorangestellt; und das soll heute mein Gedicht des Tages sein:
Ich bin ein Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Tropfen tropfen in die Augen

Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
Die Friedrichstraße entlang
Und bin im Regen abgebrannt

Ich hau mich durch Autos bei Rot
Geh ins Café um Magenbitter
Freß die Kapelle und schaukle fort

Ich brülle am Alex den Regen scharf
Das Hochhaus wird nass, verliert seinen Gürtel
(ich knurre: man tut was man kann)

Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern

Ich fauche mir die Straße leer
Und setz mich unter ehrliche Möwen

Die sehen alle nach links in die Spree

Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
Verstehn sie: ich meine es müsste hier
Noch andere Tiger geben.


Dienstag, 30. März 2021

deux histoires d'amour

Ein Franzose liebt eine Amerikanerin, eine Französin liebt einen Deutschen. Der Franzose und die Französin, die gleich alt sind und beide aus dem banlieu Courbevoie kommen, haben sich irgendwann kennengelernt. Er ist Schriftsteller, sie ist Schauspielerin. Er wird früh sterben, sie wird ihn um dreißig Jahre überleben. Als sie eines Tages seine Biographie liest, wird sie enttäuscht sagen: C'est une toute petite vie! Wir lassen die Amerikanerin und den Deutschen mal einen Augenblick weg und bleiben bei diesen beiden Personen auf dem Photo, es sind Louis Ferdinand Céline und Arletty. Sie haben beide schon einen Post in diesem Blog.

Auf diesem Photo sehen wir Arletty mit dem Schauspieler Michel Simon, mit dem sie viele Filme drehte, Céline ist im Hintergrund. Das Photo ist bei den Aufnahmen für eine Schallplatte entstanden, auf der Simon und Arletty aus den Werken von Céline lesen. Die Tonaufnahme gibt es immer noch auf CD (Sie können etwas davon hier hören). Nicht auf dem Bild ist der dritte Rezitator Pierre Brasseur, der neben Arletty die Hauptrolle in Les enfants du Paradis spielte. 

Als ich den Post Les enfants du Paradis schrieb, hatte ich gerade das Buch Arletty: Si mon coeur est français von David Alliot gelesen, und da kam Céline wieder vor. Was kein Wunder ist, denn der Schriftsteller David Alliot ist wahrscheinlich einer der wichtigsten französischen Céline Spezialisten. Ich merkte, dass ich zu wenig über das Leben von Céline wusste; ich hatte Voyage au bout de la nuit gelesen, einmal im Original und einmal in der neuen Übersetzung von Hinrich Schmidt-HenkelVon einem Schloss zum andern habe ich auch gelesen. Und ich wusste, was Ernst Jünger in Strahlungen über ihn gesagt hat, ich hatte ja mal eine Ernst Jünger Phase. Da schreibt Jünger über den Judenhasser Céline: Es war mir lehrreich ihn derart zwei Stunden wüten zu hören, weil die ungeheure Stärke des Nihilismus mir an ihm einleuchtete. Solche Menschen hören nur eine Melodie, doch diese ungemein eindringlich. Sie gleichen eisernen Maschinen, die ihren Weg verfolgen, bis man sie zerbricht. Merkwürdig, wenn solche Geister von der Wissenschaft, etwa von der Biologie, sprechen. Sie wenden sie wie die Menschen der Steinzeit an; es wird ihnen ein reines Mittel, andere zu töten, daraus.

Ich kaufte mir bei ebay für wenig Geld den Band der rowohlts monographien von Ulf Geyersbach über Céline. Auf die Reihe schwöre ich, ich habe in Jahrzehnten mehr als einen Regalmeter der Rowohlt Bände gesammelt. Aber dies ist ein seltsames Buch. Das fängt damit an, dass der Verfasser den rotzfrechen Stil von Céline zu imitieren versucht, das wird mit der Zeit bei der Lektüre ein wenig lästig. Ein Rezensent schrieb bei Amazon: Wollen Sie eine Biographie lesen, in der Sätze stehen wie: 'An einen Gott zu glauben, wird sich der Katholik bald abgewöhnen.' Oder 'Kurze Zeit später ist der Teilinvalide wieder obenauf'; eine Biographie, die die zahlreichen Affären des Schriftstellers damit begründet, er sei ein 'Frauenvernascher' gewesen, der einen 'durchtrainierten *rsch' bevorzugt? Dennoch findet sich in dieser einzigen deutschen Biographie zu Céline Substantielles zum Leben des Autors (Photos inklusive), es wäre allerdings wahrscheinlich besser gewesen, wenn ich die englische Biographie von Nicholas Hewitt gekauft hätte. 

Über die Freundschaft von Arletty und Céline steht bei Ulf Geyersbach, der sich jetzt von der Literaturwissenschaft verabschiedet hat und Dielenmöbel herstellt, überhaupt nichts. Die Schauspielerin wird nur ein einziges Mal erwähnt. Dabei hatte sie durchaus etwas zu Céline zu sagen, wie man diesem Interview auf der intereessanten Seite Le Petit Célinien entnehmen kann. Hier sehen wir Arletty und Céline 1954 mit Célines Papagei Toto, dem er Sprechen und Singen beigebracht hat. Er hätte ihn auch Flaubert nennen können. Henri Godard (der zweite wichtige französische Céline Spezialist) hat gesagt, dass es bei Célines Aufwand, seine Manuskripte zu bearbeiten, nur einen Autor geben könne, mit dem man ihn vergleichen könne. Und das sei Gustave Flaubert.

Man findet in dem Buch von Geyersbach auch leider keine klare Haltung zu Célines krankhaftem Antisemitismus. Nicolas Sarkozy, der Céline als seinen Lieblingsdichter bezeichnet hat, soll einmal gesagt haben: Man kann Céline lieben, ohne Antisemit zu sein, so wie man Proust lesen kann, ohne homosexuell zu werden. Aber den kleinen Sarkozy lassen wir mal weg, der sitzt gerade seine Strafe ab. Strafe absitzen musste auch Céline, fünf Jahre lang in Dänemark, wohin er bei Kriegsende geflohen war. Als das Todesurteil in Frankreich gegen ihn aufgehoben wurde, kehrte er nach Paris zurück. Geyersbach wäre gut beraten gewesen, wenn er in seine Biographie etwas mehr von dem aufgenommen hätte, was in dem Buch Auf der richtigen Seite stehen von Hanns Grössel steht.

Wenn Ulf Geyersbach die Arletty schon auslässt, diese junge Dame muss er natürlich erwähnen. Es ist die amerikanische Tänzerin Elizabeth Craig, und damit bin ich bei der ersten der beiden Liebesgeschichten, die der Titel heute verspricht. Sie hat sieben Jahre mit Céline zusammengelebt, sie war seine Muse, ihr hat er Voyage au bout de la nuit gewidmet. Er liebte die Frauen, aber so war er eben! Er dachte, die Frauen besäßen etwas Spirituelles; er dachte, die weibliche Sensibilität könne dem Mann etwas Erhabenes vermitteln, hat Elizabeth Craig später über Céline gesagt. Und der hat später über sie gesagt: Es ist ein Phantom, aber ein Phantom, dem ich viel verdanke. - Was für ein Genius in dieser Frau! Ich wäre nichts gewesen, ohne sie. Was für ein Geist! Was für eine Finesse! Was für ein Pantheismus, - schmerzvoll und heiter zugleich. Was für eine Poesie! Was für ein Geheimnis! Sie begriff alles, bevor man nur ein Wort sagte. - Es gibt ja kaum Frauen, die nicht von Natur aus böse oder töricht sind, - dann aber sind sie Zauberinnen oder Feen... Die Zauberin wird den Schriftsteller 1933 verlassen, nach Amerika zurückkehren und heiraten. Und wird nichts von dem wissen, was später aus ihm geworden ist. Céline hatte sich mittlerweile mit der dänischen Tänzerin Karen Marie Jensen getröstet.

Hier sind der Schriftsteller und die amerikanische Tänzerin beim Skilaufen in Chamonix, da war die Welt noch heil. Als sie ihn verlassen hat, hauste sie in einer Wolke von Alkohol, Tabak, Polizei und schäbigem Gangstertum, Céline muss immer übertreiben. In beinahe allem, was er über sich und sein Leben sagt, ist er wie Donald Trump: nichts davon ist wahr. Er war natürlich auch nie ein Nazi Kollaborateur. Wir wissen inzwischen eine ganze Menge über Elizabeth Craig, die 1989 im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben ist, weil Jean Monnier, der Vorlesungen über französische Literatur an der Berkeley Universität hielt, sie in ganz Amerika gesucht hat. Und sie in der Gegend von Los Angeles in einem kleinen Kaff gefunden hat. Er wird sie interviewen und das Interview (von dem ein Teil bei YouTube zu sehen ist) als Buch veröffentlichen: Armer Geliebter: Elizabeth Craig erzählt von Louis-Ferdinand Céline. Hier lernen wir einen ganze anderen Céline kennen, den Céline, bevor er das Ekel wurde. Es ist eine erstaunliche Geschichte. Immens lesenswert.

Man merkt diesem Photo nicht an, dass gerade Krieg ist. Die schöne Frau hier ist zehn Jahre älter als der Mann, dem sie immer wieder sagt, dass er ein schöner Mann sei: Ce jeune homme singulièrement beau et d'une parfaite indifférence devait bouleverser ma vie. Und jetzt sind wir bei Arletty und ihrem deutschen Oberstleutnant, der zweiten Liebesgeschichte des Titels dieses Posts. Er wollte sie heiraten, aber sie sagte, sie sei nicht für die Ehe geschaffen. Es wäre jetzt schön, wenn es ein wunderbares Buch über diese Liebe gibt. Es gibt eins, aber das kann man nicht empfehlen, es ist von Klaus Harpprecht, dem Journalissten, der einmal die Reden von Willy Brandt geschrieben hat. 

Der Fischer Verlag bewirbt das Buch Arletty und ihr deutscher Offizier mit den Sätzen Eine glamouröse deutsch-französische Geschichte von Liebe und Krieg, die Klaus Harpprecht mit großer Leidenschaft und Eleganz zu erzählen weiß. Dafür hat ein Rezensent bei Amazon nur die Sätze übrig: Schmonzes. Mir war lange nicht klar was dieser Ausdruck bedeutet? Jetzt weiß ich es. Genau, was dieses Buch ist. Ich gebe einmal eine Stilprobe, hier redet der Autor davon, dass er zum erstenmal sein Idol auf der Leinwand sieht: 

Die großen dunklen Augen, die am liebsten lachten und sich dennoch in Traurigkeiten verlieren konnten, die schimmernde Haut der Schultern und der Décolletés, das amüsierte Spiel ihrer Mundwinkel, wenn sie aus ihrer Loge die Freunde und Flirts aus den eigenen Jahren im Gewerbe der Schausteller beobachtete, die kleinen Gesten der Kameraderie, die gelassene Anmut, die natürliche Noblesse der Bewegungen dieser Courtisane hohen Ranges. Wenn das große Eleganz ist, dann ist es die Eleganz eines Lore-Romans. Harpprecht redet hier über die Garance in Les enfants du Paradis, was hätte er nur gesagt, wenn er diesen Film gesehen hätte?

Céline stirbt mit einundsechzig Jahren an einem Gehirnschlag in seiner Villa in Meudon, es gibt kein großes Presseecho, da gerade ein berühmterer Autor gestorben ist: Ernest Hemingway. Der ehemalige Oberstleutnant Hans-Jürgen Soehring, inzwischen deutscher Botschafter im Kongo, ertrinkt mit zweiundfünfzig Jahren beim Baden im Kongo. Arletty wird seine Frau und seine Kinder noch in Bad Godesberg besuchen und Brieffreundin der Witwe bleiben. Die Korrespondenz der beiden Liebenden, die sich Faune und Biche nennen, ist unter dem Titel Arletty Soehring: Hélas ! Je t'aime gerade herausgegeben worden. Elizabeth Craig wird siebenundachtzig Jahre alt werden, Arletty stirbt mit vierundneunzig Jahren, die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens war sie erblindet. Beide Frauen sind im Alter verarmt, aber sie nehmen das Leben mit Gleichmut. Niemand kann über ihr Leben sagen C' est une toute petite vie!

Samstag, 20. März 2021

Gilberte de Courgenay

Ich hätte den Post heute einfach nur Gilberte genannt, denn ich hatte über Prousts Gilberte geschrieben. Die Tochter von Charles Swann und Odette de Crécy, in die sich der kleine Marcel verliebt. Der Post war schon zu gut wie fertig, aber dann kam mir diese andere Gilberte dazwischen, diese Gilberte Montavon, die 20. März 1896 in Courgenay geboren wurde, und die jeder in der Schweiz als die Gilberte de Courgenay kennt. Weil jeder in der Schweiz das Lied La petite Gilberte de Courgenay kennt, das die Militärmusiker Robert Lustenberger und Oskar Portmann im Winter 1915/16 geschrieben haben:

Bi Prunterut im Jura, da het e Wirt es Huus. 
Da luegt es Meitschi alli Stund drymal zum Pfeister uus. 
Und fragscht du denn d'Soldate, wer echt das Meitschi sei, 
da lüpft es jedem Schwyzerbueb sys Herz und au sys Bei:
C'est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay. 
Elle connaît trois cent mille soldats et tous les officiers! 
C'est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay. 
On la connaît dans toute la Suisse et toute l'armée!

Das ist nur die erste Strophe des Liedes, den ganzen Text finden Sie hier. Die Schweiz ist im Ersten Weltkrieg zwar neutral, aber man fürchtet sich davor, dass die Franzosen einmarschieren. 700 Kilometer Grenze sind zu bewachen, die Milizsoldaten leisten Dienst für fünfhundert Tage, eine Verdienstausfallentschädigung gibt es nicht. Der Dienst ist schwer zu ertragen, mit Unterbringung und Verpflegung liegt vieles im Argen. Aber jetzt kommen die Schweizer Frauen. Wie zum Beispiel Else Spiller, die den Schweizer Verband Soldatenwohl organisiert. Die Mitarbeiterinnen in den alkoholfreien Soldatenstuben hießen Soldatenmütter, sie wurden angewiesen, dass sie wie ein Soldat treu und gewissenhaft zu Ihrer Pflicht zu stehen haben. Sie leisten gewissenhaft ihre Pflicht, aber das Recht zu wählen, das haben sie nicht. Weder Else Spiller noch eine von den vielen Soldatenmüttern.

Als der Krieg beginnt, ist Gilberte Montavon achtzehn Jahre alt, sie ist Kellnerin im Bahnhofshotel von Courgenay. Das Hotel gehört ihren Eltern, und die Schankstube ist jeden Abend voll, weil hier viele Soldaten stationiert sind. Und die Gilberte ist nett zu allen. Sie wird schnell zu einem Idol der Soldaten: Elle connaît trois cent mille soldats et tous les officiers! C'est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay. On la connaît dans toute la Suisse et toute l'armée!

Wenn der Krieg zuende ist, braucht man die Frau, die der Volkssänger Hanns in der Gand auf Schallplatten besingt, immer noch für die Geistige Landesverteidigung. Sie wird die Heldin eines Singspiels (vierhundert Aufführungen 1939) und eines sentimentalen Romans von Rudolph Bolo Mäglin, der 1941 als Gilberte de Courgenay verfilmt wird. Da spielt Anne-Marie Blanc die Gilberte, und die ist jetzt keine einfache Kellnerin mehr, jetzt ist sie zu einer Soldatenmutter geworden, das Ideal der Frau in der Schweizerischen Geistigen Landesverteidigung, eine patriotische Kultfigur. Ich habe hier eine kleine Szene aus dem Film, in dem die Soldaten das Lied C'est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay singen. Emotional, rührend (man könnte die Szene mit der Marseillaise Szene aus Casablanca vergleichen), aber es ist ein Propagandafilm. Nur da ist die Welt so heil. Als Gilberte Montavon 1957 in Zürich stirbt, haben die Schweizer Frauen immer noch kein Wahlrecht.