Der Maler Gottlieb Schick wurde heute vor 245 Jahren in Stuttgart geboren, der Internet Lexikon Wikipedia gönnt ihm einen fünfzeiligen Artikel. Das ist ein bisschen wenig für einen Maler des Klassizismus, der dieses schöne Portrait gemalt hat, das berühmteste Frauenportrait des deutschen Klassizismus. Schick hatte in Paris bei Jacques-Louis David studiert, er war nicht der einzige deutsche Schüler des Franzosen. Der Mainzer Johann Adam Ackermann war auch in Paris. Bevor Schick Paris verließ, konnte er sehen, wie David Madame Récamier portraitierte (Sie können an den fett markierten Links sehen, dass Ackermann und die Récamier hier schon einen Post haben, der zu Madame Récamier ist über fünftausend Mal angeklickt worden). Schick selbst hat die Julie Récamier in Paris in sein Skizzenbuch gezeichnet.
Sonntag, 15. August 2021
der grüne Sonnenschirm
Montag, 2. August 2021
die Malerin aus Lüdenscheid
Diese Verbindung zu Osthaus ist für beide wichtig, er kann sie fördern und bekanntmachen, und sie macht ihn mit französischen Künstlern bekannt. Osthaus setzt auf ihre diplomatischen Fähigkeiten, dank ihrer Vermittlung lernt er 1903 Auguste Rodin kennen. Und gibt gleich mehrere Bronzen und eine Marmorstatue in Auftrag. Die Malerin (hier auf dem Selbstportrait Nummer drei) vermittelt ihm auch Kontakte zu Aristide Maillol, Matisse und Maurice Denis, sie ist, wenn man so will, seine französische Kunstagentin geworden. Und im Jahr 1903 kauft er viel, sehr viel. Hauptsächlich französische Kunst. Osthaus stellt manchmal Bilder von Gerhardi in seinem Museum Folkwang aus, eine Gerhardi Ausstellung gibt es allerdings in Hagen nicht. Als er ihr 1912 schreibt, dass sie ihm natürlich Bilder schicken kann, schickt sie zu seinem Entsetzen 183 Bilder.
1903 ist auch das Jahr, in dem sie ihn malen wird, einen dynamischern neunundzwanziger Millionär, der dabei ist, die Moderne in sein Museum in Hagen zu bringen. Das Bild von Gerhardi hängt heute immer noch im Osthaus Museum Hagen. Aus Hagen kam Ida Gerhardi auch, die Arzttochter wurde da am 2. August 1862 geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters war ihre Mutter mit der Familie nach Detmold gezogen. Als die Malerin 1912 schwer krank wird, zieht sie zu ihrem Bruder, dem Dr Karl-August Gerhardi, der in Lüdenscheid Sanitätsrat ist. Nebenbei schreibt der Mediziner auch noch Gedichte und Theaterstücke. In Lüdenscheid hat es 2012 auch die Ausstellung Ida Gerhardi: Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900 gegeben, die danach in das Prinzenpalais Oldenburg wanderte, wo ich sie gesehen habe. Das Osthaus Museum in Hagen ist seit dem 27. Juli 2021 wieder geöffnet. Ich habe schöne Erinnerungen an Hagen, die weniger mit der Kunst als mit Bonschen zu tun haben: meine Mutter hatte nämlich eine Freundin in Hagen, die Erbin einer Bonbonfabrik war. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.
Bevor sich Ida Gerhardi in Paris an der Privatschule Académie Colarossi immatrikuliert, zieht es sie erst einmal für einige Wochen nach Concarneau in die Bretagne. Wenn die Sonne lächelt, lächelt sie bleich, u. man hat nicht das Gefühl, dass sie wirklich wärmend ins Herz dringt. [...] Meer und Himmel sind nicht mehr zu unterscheiden, u. das was Farbe hat in der Natur, schimmert als unerklärlicher, fast formloser Effekt - die graue Masse unendlich anziehend machend - durch den melancholischen, sich leise bewegenden Schleier hindurch, hat sie geschrieben. Und da hat sie 1891 diesen Bauernhof gemalt. Warum will sie überhaupt noch studieren? Sie kann doch schon alles. Bevor sie nach Paris zog, hatte sie in München an der Damenakademie von Tina Blau-Lang einige Monate studiert. Was eine paysage intime ist, das wusste sie schon. Im selben Jahr malt sie eine Dame auf dem Brückenbogen vom Pont de l’Alma, was allerdings ziemlicher Kitsch ist.
Für dieses Portrait hat sie kein Geld genommen. Das ist der Ehemann ihrer besten Freundin Jelka Rosen, die auch aus Detmold kam. Aus einer berühmten und reichen Familie. Die Familie von Ida Gerhardi kommt auch aus einer berühmten Familie, die in Westfalen seit dem Jahre 1577 nachweisbar ist. Die sind aber nicht reich, außer der Lüdenscheider Fabrikantenlinie; die Firma Gerhardi gibt es immer noch in Lüdenscheid, die stellen den Kühlergrill für Mercedes und BMW her. Jelka Rosen ist auch Malerin, sie hat ihren Ehemann auch gemalt, aber etwas anders als hier. Der Herr auf diesem Bild ist niemand anderer als der englische Komponist Frederick Delius.
Ida Gerhardi wird in Deutschland, wo man das Werk von Delius kaum kennt, alles tun, um den Komponisten bekannt zu machen. Sie wird auch zahlreiche Musiker malen: Arthur Nikisch (1899), Ferrucio Busoni (1900 und 1902) und die Geigerin Elli Bößneck (1910), eines ihrer schönsten Bilder. Zu dem Bild habe ich hier eine Interpretation von der Kunsthistorikerin Hella Nocke-Schrepper. Auf der Seite gibt es auch einen Link zu der Dissertation von Petra Stevens-Nepilly aus dem Jahre 1983, die Verfasserin hat aus ihrem Buch für den Lüdenscheider Geschichtsverein eine lange Zusammenfassung erstellt.
Das 1894 gemalte Bild dieses Herrn gehört nicht unbedingt zu den Höhepunkten ihrer Portraitmalerei, es wirkt wie eine Karikatur. Und das ist sehr passend, nicht nur, weil preußische Offiziere in dieser Zeit wie eine Karikatur aussehen. Es ist allerdings ein Bild von großer politischer Aktualität. Dies ist der Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen, der preußische Militärattaché in Paris. Er wird noch General werden, aber seine historische Rolle ist eine ganz andere, mit ihm beginnt die Dreyfus Affäre. Jetzt ist das Bild in unserem Kopf, wir werden es nicht mehr los.
National-Zeitung: Als Gast der Vereinigung erscheint die ausgezeichnete Ida Gerhardi, die sich bei ihren jüngsten Pariser Studien wieder um ein respektables Stück vorwärts gebracht hat. Die meisten dieser Künstlerinnen haben Talent, Fräulein Gerhardi hat Genie. Ihre Porträts sind jetzt von einer Kühnheit der Malerei und Treffsicherheit im Erfassen der Persönlichkeit, daß sie in die allererste Reihe der Bildnisse rücken, die wir seit Jahr und Tag hier gesehen haben. Das bedeutet schon etwas. 1913 erhält sie für dieses Bild den nach dem Großherzog von Hessen-Darmstadt benannten Ernst Ludwig Preis.
Donnerstag, 22. April 2021
un petit moment
Ein Graf trifft in einem Bordell eine hübsche Achtzehnjährige. Er hat gleich eine schmutzige Idee: die junge Frau soll seinen Bruder (der natürlich auch ein Graf ist) heiraten, soll durch diese Heirat an den Hof des Königs kommen und die Mätresse des Königs werden. Damit unser Graf einen noch größeren Einfluss am Hofe bekommt. Das Bordell, in dem unser Graf die junge Blondine kennenlernt, wurde übrigens auch von dem Marquis de Sade besucht. Es kommt alles, wie es kommen soll, die kleine Marie Jeanne Bécu heiratet einen Grafen und wird am 22. April 1769 dem König als die Comtesse Du Barry vorgestellt. Der alternde König (es ist Louis XV) verliebt sich, die Comtesse steigt auf zur maîtresse en titre, der Nachfolgerin der Pompadour. Vielleicht hat sie ihn sogar geliebt, nach vielen Erzählungen soll sie die einzige gewesen sein, die an seinem Sterbebett ausharrte. Ich hätte dafür eine kleine Literaturempfehlung: Etiquette: Eine Rococo-Arabeske von Ossip Schubin, einer Schriftstellerin, die zu Unrecht vergessen ist.
Quoi ! deux baisers sur la fin de ma vie !
Quel passeport vous daignez m’envoyer !
Deux ! c’est trop d’un, adorable Égérie :
Je serais mort de plaisir au premier.
Il m’a montré votre portrait ; ne vous fâchez pas, madame, si j’ai pris la liberté de lui rendre les deux baisers.
Vous ne pouvez empêcher cet hommage,
Faible tribut de quiconque a des yeux.
C’est aux mortels d’adorer votre image ;
L’original était fait pour les dieux.
J’ai entendu plusieurs morceaux de la Pandore de M. de La Borde ; ils m’ont paru bien dignes de votre protection. La faveur donnée aux véritables beaux-arts est la seule chose qui puisse augmenter l’éclat dont vous brillez. Daignez agréer, madame, le profond respect d’un vieux solitaire dont le cœur n’a presque plus d’autre sentiment que celui de la reconnaissance.
Samstag, 10. April 2021
Billabonne du so süß, Banjo
Von magischer, unwirklicher Schönheit war diese Delphine Seyrig, die Alain Resnais in einem Off-Broadway Theater in New York entdeckt hatte. Unvergesslich ihr erster Auftritt am Drehort von 'Letztes Jahr in Marienbad': in einen Burberry gehüllt, einen Schal über der dreißiger Jahre Frisur, tauchte sie hinter einer der Marmorsäulen in der Halle des Schlosses Schleißheim auf und begrüßte uns mit einem geistesabwesendem Lächeln. Ein Wesen von einem anderen Stern - auf der Leinwand wie im Leben. Das schreibt Volker Schlöndorff auf seiner Internetseite. Dem kann ich nur beipflichten, wegen Delphine Seyrig habe ich ✺Letztes Jahr in Marienbad damals zweimal gesehen.In Truffauts Film ✺Geraubte Küsse wird Antoine Doinel über sie sagen: Ce n’est pas une femme, c’est une apparition. Und das ist sie gewesen, zu einer apparition haben Resnais und Truffaut sie stilisiert. Sie war aber auch in ganz anderen Filmen zu sehen: in Joseph Loseys ✺Accident an der Seite von Dirk Bogarde oder in dem Spionagethriller ✺The Black Windmill mit Michael Caine, wo sie für eine Minute nackt zu sehen ist.
Du, die ich nirgendwo zu erreichen weiß und die du
dieses Buch
hier nicht lesen wirst,
die du stets ins Gericht gegangen bist mit den
Schriftstellern,
den kleinen, kleinlichen, unwahren, eitlen Gesellen,
du, der Henri Michaux zu einem Eigennamen
worden ist,
in allem vielleicht wie die, die man in den Vermischten Notizen
liest, mit Alters- und Berufsangabe daneben,
du, die du in andrer Gesellschaft lebst, auf andern Flächen und
Feldern, anders umhaucht und umweht,
derenthalben ich mich jedoch überworfen hatte mit einer ganzen
Stadt, der Hauptstadt eines dichtbesiedelten Landes.
Und die du mir auch nicht ein einziges Haar zurückgelassen hast
beim Weggehn, sondern bloß die Empfehlung, deine Briefe
auch ja zu verbrennen –: bist nicht auch du jetzt zwischen vier
Wänden und ganz in Gedanken?
Sag, machts dir noch immer soviel Spaß, dir die schüchternen
jungen Männer zu angeln mit deinem samtenen Krankenhausblick?
Ich, ich habe noch immer denselben starren, verrückten Blick,
der irgend etwas Persönliches sucht,
irgendwas mir inmitten dieser unendlichen unsichtbar-
kompakten Materie Hinzuzufügendes,
das den Zwischenraum bildet zwischen den Körpern der als solcher
bezeichneten Materie.
Unterdessen habe ich mich aber einem neuen „Wir“ überantwortet.
Sie hat Lampenlicht-Augen wie du, sehr sanft, nur größer als die
deinen; eine dichtere, tiefere Stimme; und ein Schicksal, so
ziemlich dem deinen ähnlich in seinem Beginn und seinem Verlauf.
Sie hat… Sie hat-te!
Hab sie morgen nicht mehr, meine Freundin Banjo;
Banjo,
Banjo,
Bibolabange du so bang,
Bilabonne du so süß, Banjo,
Banjo,
Banjo so allein-allein, Banjelein,
Banjeby,
so lauter Liebe, Lie-,
hab deine kleinen Brüste verloren,
-loren,
und deine unsägliche Nähe.
Sie haben alle gelogen, meine Briefe, Banjo … und jetzt, jetzt geh
ich.
Hab eine Fahrkarte in der Hand: 17.084.
Königlich-Niederländische Schiffahrtsgesellschaft.
Man braucht nur der Fahrkarte zu folgen und kommt nach
Ecuador.
Fahrkarte und ich, morgen machen wir zwei uns auf den Weg,
den Weg nach Quito – der Stadt mit dem Reim auf „couteau“.
Mir wird ganz eng, sobald ich daran denk.
Und doch wird man mir sagen:
„Schön, dann soll sie eben mitfahren mit Ihnen.“
Ja gewiß doch, wir wollten ja nur ein kleines Wunder von euch da
da droben: ihr Haufen Müßiggänger, Götter, Erzengel, Erwählte,
Feen, Philosophen, und ihr, meine genialen Kumpane, die ich
so geliebt habe:
du, Ruysbroek, und du, Lautréamont,
der du dich nicht für dreimal Null hieltst; ein ganz kleines
Wunder, ja das wars, was wir von euch haben wollten, für Banjo
und für mich
Mittwoch, 7. April 2021
Tiger im Regen
Wasser scheitelt mir das Fell
Tropfen tropfen in die Augen
Ich schlurfe langsam, schleudre die Pfoten
Die Friedrichstraße entlang
Und bin im Regen abgebrannt
Ich hau mich durch Autos bei Rot
Geh ins Café um Magenbitter
Freß die Kapelle und schaukle fort
Ich brülle am Alex den Regen scharf
Das Hochhaus wird nass, verliert seinen Gürtel
(ich knurre: man tut was man kann)
Aber es regnet den siebten Tag
Da bin ich bös bis in die Wimpern
Ich fauche mir die Straße leer
Und setz mich unter ehrliche Möwen
Die sehen alle nach links in die Spree
Und wenn ich gewaltiger Tiger heule
Verstehn sie: ich meine es müsste hier
Noch andere Tiger geben.
Dienstag, 30. März 2021
deux histoires d'amour
Samstag, 20. März 2021
Gilberte de Courgenay
Ich hätte den Post heute einfach nur Gilberte genannt, denn ich hatte über Prousts Gilberte geschrieben. Die Tochter von Charles Swann und Odette de Crécy, in die sich der kleine Marcel verliebt. Der Post war schon zu gut wie fertig, aber dann kam mir diese andere Gilberte dazwischen, diese Gilberte Montavon, die 20. März 1896 in Courgenay geboren wurde, und die jeder in der Schweiz als die Gilberte de Courgenay kennt. Weil jeder in der Schweiz das Lied ✺La petite Gilberte de Courgenay kennt, das die Militärmusiker Robert Lustenberger und Oskar Portmann im Winter 1915/16 geschrieben haben:
C'est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay.




































